Chronik
März 1961
Im März 1961 flüchten 16.094 Menschen aus der DDR. Davon sind 50,6 Prozent Jugendliche unter 25 Jahren.
1. März: In Ost-Berlin findet die 14. Tagung des Rates für Gegenseitige Wirtschafthilfe (RGW) der Ostblock-Staaten statt. SED-Chef Ulbricht betont bei einem Empfang, dass sich die DDR "unter sehr komplizierten wirtschaftlichen Bedingungen bei offener Grenze" behaupten müsse. Die DDR benötige für die "Störfreimachung" der Wirtschaft, das heißt ihre Unabhängigkeit von westlichen Lieferungen, uneingeschränkte Unterstützung der sozialistischen Länder, insbesondere der Sowjetunion. Ungeachtet der schwierigen wirtschaftlichen Lage der DDR erklärt Ulbricht, dass die DDR zu den zehn führenden Industrienationen der Welt gehöre.
Bereits im Januar hat Ulbricht der Sowjetunion die Aufgabe der "ökonomischen Eigenexistenz" der DDR angeboten; zur Beendigung der Westabhängigkeit solle die DDR-Wirtschaft vollständig in die sowjetische Wirtschaftsplanung einbezogen werden. Doch das geht den Moskauer Wirtschaftsexperten zu weit; sie befürchten, die DDR könne sich für die Sowjetunion ökonomisch zu einem Fass ohne Boden entwickeln.
7. März: Auf einer internationalen Pressekonferenz anlässlich der Leipziger Messe kündigt DDR-Außenhandelsminister Heinrich Rau an, dass sich die DDR künftig am sowjetischen System der technischen Normen orientieren wolle, um so Störungen im innerdeutschen Handel wirksamer durch sowjetische Lieferungen auszugleichen.
8. März: Bundeskanzler Adenauer bezeichnet das sowjetische Memorandum vom 17. Februar im Deutschen Bundestag als "freundlicher im Ton", aber "im Effekt" – nämlich der juristischen Untermauerung der Nachkriegsgrenzen als "sehr hart". Während die Sowjetunion das Selbstbestimmungsrecht anderer Völker anerkenne, verweigere sie es den "Einwohnern der Sowjetzone". Die Bundesregierung werde das Memorandum zusammen mit den Alliierten "sehr gewissenhaft und nach allen Seiten hin" prüfen.
9. März: Der amerikanische Botschafter Llewellyn Thompson übergibt in Moskau eine Mitteilung von US-Präsident Kennedy an Nikita Chruschtschow. Darin schlägt der US-Präsident ein baldiges Treffen beider Staatschefs an einem neutralen Ort vor. Chruschtschow stimmt zu und nutzt den Botschafterbesuch zu einem Meinungsaustausch. Thompson berichtet am 10. März nach Washington, dass der Kreml-Chef im Hinblick auf Berlin die bekannten Forderungen aufgestellt habe: Freistadtstatus und Verzicht auf Einmischung in die inneren Angelegenheiten. Aus seinem Gespräch zieht Thompson die Schlussfolgerung, dass es in Berlin zur Abriegelung der Sektorengrenze kommen könne. Am 16. März meldet er nach Washington: "Falls wir davon ausgehen, dass die Sowjets die Berlinkrise nicht weiter verschärfen, dann müssen wir zumindest damit rechnen, dass die Ostdeutschen die Sektorengrenze abriegeln, um den für sie unerträglichen Flüchtlingsstrom durch Berlin zu stoppen."
12. März: Bei den Eishockey-Weltmeisterschaften in der Schweiz treffen die beiden deutschen Mannschaften aufeinander. Die Mannschaft der Bundesrepublik tritt jedoch nicht an, da das Hissen der DDR-Flagge und das Spielen der DDR-Hymne einer faktischen Anerkennung gleichkomme. Am Tag darauf erscheint "Neues Deutschland" mit den Schlagzeilen: "Hallstein-Doktrin bringt Niederlage. Adenauer verbietet Spiel westdeutscher Eishockeymannschaft gegen DDR-Auswahl / Furcht vor möglicher Niederlage / Bonn kommandiert westdeutschen Sport / Beifall für DDR-Mannschaft."
13. März: Nach Bundesaußenminister Heinrich von Brentano besucht auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, die USA. Kennedy versichert, dass die Freiheit West-Berlins um jeden Preis erhalten bleiben solle, bis Deutschland in Frieden und Freiheit wiedervereinigt sei. In einem Fernsehinterview schließt Willy Brandt nicht aus, dass in der Berlin-Frage im Verlauf des Jahres 1961 erneuter sowjetischer Druck ausgeübt werden könnte.
16.-19. März: Das SED-Zentralkomitee beschäftigt sich mit den Ursachen der wirtschaftlichen Krise. Die Lebensmittelversorgung wird immer schlechter, die Industrieproduktion hinkt hinterher, die Lage im Gesundheitswesen ist katastrophal. Hauptursache ist die anhaltende Massenflucht aus der DDR und verantwortlich dafür, so Ulbricht hinter verschlossenen Türen, sei überwiegend die SED selbst: "Genossen, es handelt sich darum, die Festigung der Arbeiter- und Bauernmacht zu gewährleisten, zu verhindern, daß Leute, insbesondere Jugendliche, nach dem Westen getrieben werden oder nach dem Westen laufen. 60 Prozent der Republikflüchtigen sind Leute, die durch Fehler bei uns weggetrieben werden, 60 Prozent! Wenn nicht noch mehr!"
In seiner im "Neuen Deutschland" veröffentlichten Abschlussrede fordert Ulbricht, einen entschiedenen Kampf gegen die Abwanderung aus der DDR und ihre Ursachen zu führen. Es sei "Pflicht aller Partei- und Staatsorgane, jeden einzelnen Fall der Republikflucht genauestens zu untersuchen, festzustellen, wie weit bürokratisches, seelenloses Verhalten unserer eigenen Stellen die Ursache waren, und sofort die notwendigen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen". Die "Abwerbungskanäle" seien aufzudecken und den "gewissenlosen Menschenhändlern im Auftrage der Strauß und Schröder und Lemmer" das Handwerk zu legen.
18. März: Verteidigungsminister Franz Josef Strauß wird auf einem außerordentlichen Parteitag zum neuen CSU-Vorsitzenden gewählt. Er tritt damit die Nachfolge des erkrankten Hanns Seidel an und wird dieses Amt bis zu seinem Tod im Jahre 1988 ausüben.
18. März: Der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, fordert in einer RIAS-Rundfunksprache, in beiden Teilen Deutschlands eine Volksabstimmung als Voraussetzung für einen Friedensvertrag durchzuführen. Eine solche Abstimmung, so Lemmer, wäre "die klarste und unmissverständlichste Entscheidung aller Deutschen über eine eigene Zukunft. Auf diese Weise könne geklärt werden, ob die Bevölkerung eine gesamtdeutsche Regierung durch freie Wahlen für den richtigen Weg hält."
20. März: Bei einem Treffen mit dem sowjetischen Botschafter in Ost-Berlin, Michail Perwuchin, erklärt SED-Chef Ulbricht, dass bald Maßnahmen gegen diejenigen DDR-Bürger ergriffen würden, die in West-Berlin arbeiteten, die sogenannten Grenzgänger: "Das werde großen Lärm im Westen hervorrufen", so sinngemäß Ulbricht, "aber dass mache ihm nichts aus. Wenn Leute weggingen, die ihre Kraft nicht für die DDR einsetzen, verliere man nichts."
SED-Politbüromitglied Erich Honecker erklärt am 25. März in der DDR-Volkskammer: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel – oder richtiger gesagt – hält weder Brandt noch Strauß auf."
23. März: In einem Memorandum zur Berlin-Frage entwirft der amerikanische Geheimdienst CIA das Szenario, dass die Sowjetunion anstrebe, den Westen durch eine Verschärfung der Lage zum Abzug aus West-Berlin zu zwingen. Das Papier stellt unter anderem die Anzettelung eines Aufstandes in der DDR zur Diskussion, kommt aber zu dem Ergebnis, ein Aufstand sei "keine machbare Geheimaktion, es sei denn, ein offener militärischer Konflikt zwischen der Sowjetunion und dem Westen stünde unmittelbar bevor". Der damalige Leiter der CIA-Operationsbasis in Berlin, David E. Murphy, sieht später in der eindeutigen Ablehnung eines inszenierten Aufstandes ein Signal dafür, "daß sich die CIA zumindest in Mitteleuropa nicht der Illusion hingab, ein von den Sowjets gestütztes kommunistisches Regime lasse sich von außen durch verdeckte Operationen stürzen".
24. März: In einem RIAS-Interview bezeichnet der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, das Fiasko der DDR-Wirtschaft, das die 12. Tagung des SED-Zentralkomitees offenbart habe, als "Folge einer falschen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, das die Unschuldigen an diesem Missstand am meisten treffe". Mit dem "Blick auf ganz Deutschland" bittet er die Landsleute in der "Zone", ihren Entschluss, "sich nach dem Westen abzusetzen", sehr gründlich zu überlegen. Sie sollten prüfen, "ob sie nicht unserem Land und unserem Volk einen größeren Dienst leisten, wenn sie bleiben".
27. März: Trotz des Zustroms von Flüchtlingen aus der DDR herrscht in der Bundesrepublik aufgrund der hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten Arbeitskräftemangel. Die Bundesregierung startet Initiativen zur Anwerbung von Gastarbeitern, zunächst vor allem aus Italien.
28.-29. März: In Moskau tagt der Politisch Beratende Ausschuss der Warschauer Vertrags-Staaten. SED-Chef Ulbricht beklagt, dass West-Berlin ein "großes Loch inmitten unserer Republik" darstelle, "das uns jährlich mehr als eine Milliarde Mark kostet". Die Zeit sei gekommen, "daß der Friedensvertrag, der auch die Umwandlung West-Berlins in eine Freie Stadt bringt, von der Sowjetunion und den Staaten, die dazu bereit sind, abgeschlossen wird". Danach werde die DDR in Verhandlungen mit den Westmächten "eine schrittweise Verminderung der Besatzungstruppen in Westberlin" und die Auflösung der dortigen "Spionage- und Sabotageorganisationen" und des USA-Senders RIAS fordern.
Jede Boykott- und Blockademaßnahme des Westens gegen die DDR, so Ulbricht drohend, werde dann "auch den ungehinderten Verkehr nach und von West-Berlin" stören.


