Chronik
März 1989
Anfang März: Der innerdeutsche Handel erreichte 1988 einen Umsatz von 14,3 Milliarden Verrechnungseinheiten und ist damit nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums im dritten Jahr hintereinander zurückgegangen.
3. März: Der im November 1988 als Reformer neu ins Amt gekommene ungarische Ministerpräsident Miklós Németh stattet Michail Gorbatschow in Moskau einen Antrittsbesuch ab. Er informiert den KPdSU-Generalsekretär über die Pläne seiner Regierung, die ungarischen Grenzanlagen zu Österreich nicht zu erneuern und in Ungarn eine Mehrparteiendemokratie einzuführen.
Der ungarische Ministerpräsident verlangt den Abzug der sowjetischen Truppen aus seinem Land, insbesondere die Entfernung der gegen Westeuropa gerichteten sowjetischen atomaren Mittelstreckenraketen. Gorbatschow verspricht Németh, dass es gegen den ungarischen Reformkurs zu keiner Wiederholung einer sowjetischen Intervention in Ungarn kommen wird, solange er KPdSU-Generalsekretär ist.
8. März: Bei einem Versuch, mit einem selbstgebastelten Heißluftballon aus der DDR zu flüchten, stürzt der 32-jährige Winfried Freudenberg über West-Berlin ab und kommt dabei zu Tode.
13. März: Mehrere hundert Menschen demonstrieren während der Leipziger Frühjahrsmesse im Anschluss an ein Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche mit den Rufen "Wir wollen raus! Wir wollen raus!" für ihre Ausreise in den Westen. Volkspolizei schreitet ein; es kommt zu Verhaftungen.
16. März: Eine rot-grüne Koalition löst in West-Berlin den CDU-geführten Senat unter Eberhard Diepgen ab; Walter Momper wird Regierender Bürgermeister von Berlin. Bei der Wahl am 29. Januar 1989 hatten CDU und FDP unerwartet große Verluste hinnehmen müssen, während SPD und Alternative Liste Stimmengewinne verzeichneten und die rechtsradikalen "Republikaner" aus dem Stand Sitze im Abgeordnetenhaus erringen konnten: CDU 37,8 Prozent (1985: 46,4), SPD 37,3 (32,4), AL 11,8 (10,6), Republikaner 7,5 (-), FDP 3,9 (8,5).
Als mit ausschlaggebend für das schwache Abschneiden der CDU und den Erfolg der "Republikaner" wertet Bundeskanzler Helmut Kohl die Angst vor der wachsenden Zahl von Aussiedlern und Asylbewerbern.
26. März: Dem Bundesnachrichtendienst (BND) liegen der "Welt am Sonntag" zufolge Informationen vor, denen zufolge die DDR-Führung davon ausgeht, dass bis zu 1,5 Millionen DDR-Bürger in die Bundesrepublik übersiedeln wollen. – Konsistorialpräsident Manfred Stolpe teilt am Rande einer Tagung der Synode von Berlin-Brandenburg Anfang April dagegen als Einschätzung der evangelischen Kirche der DDR mit, dass rund 60.000 Anträge für etwa 150.000 Personen vorlägen und die Zahl des BND "eine Null zuviel" enthalte.


