Chronik

Mai 1989

Ungarische Soldaten durchtrennen am 2. Mai 1989 den Grenzzaun - 354 Kilometer Stacheldraht zwischen Ungarn und Österreich werden abgebaut

2. Mai: Ungarische Grenzsoldaten beginnen mit dem Abbau des Stacheldrahtzaunes zu Österreich. DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler geht in einer Information an SED-Generalsekretär Erich Honecker vom 6. Mai über den Beginn der "planmäßigen Demontage des Grenzsignalzaunes an der Staatsgrenze der Ungarischen Volksrepublik zu Österreich" davon aus, dass es sich lediglich um eine grenzkosmetische Maßnahme handelt und die ungarische Regierung die weitere Sicherung der Grenze gewährleisten werde.

1. Mai-Demonstration in Görlitz, 1989

6. Mai: Die Zahl der DDR-Übersiedler hat in den Vortagen Rekordhöhe erreicht: am 4. Mai kamen im Aufnahmelager Gießen 345, am 5. Mai 250 Übersiedler an. Nach Angaben des hessischen Sozialministeriums sind die Aufnahmekapazitäten damit "restlos erschöpft". Normal seien Zugangszahlen von 50 bis 80 Personen pro Tag. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Übersiedlerzahl in den ersten vier Monaten des Jahres 1989 verdreifacht.

7. Mai: Unabhängige Bürgergruppen, die die Stimmenauszählung in den Wahllokalen überwachen, überführen die SED der Fälschung der Kommunalwahl-Ergebnisse: Sie können nachweisen, dass zwischen den von ihnen in den Wahllokalen mitgezählten und den später bekannt gegebenen Ergebnissen Differenzen bestehen. Fortan wird in Ost-Berlin und anderen Städten am 7. jeden Monats öffentlich gegen die Wahlfälschung demonstriert.

8. Mai: Das ZK der ungarischen Kommunisten enthebt den früheren Parteichef Janosz Kadar aller Ämter.

Gescheiterter Fluchtversuch am Grenzübergang Stolpe, 9. Mai 1989: Das Auto des 27-jährigen Flüchtlings erleidet beim Durchbrechen der Grenzanlagen einen Totalschaden

9. Mai: Ein Citroen soll einem 27-jähriger Schlosser bei der Flucht in den Westen helfen. Bei dem Versuch, die Sperren am Grenzübergang Stolpe zu überwinden, erleidet der Wagen Totalschaden. Der Fahrer wird verhaftet und schwerverletzt in das Kreiskrankenhaus Hennigsdorf eingeliefert.

Studentendemonstration für Demokratie und Menschenrechte auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, Mai 1989

15. Mai: In Peking findet das erste Gipfeltreffen der sowjetischen und chinesischen Führung seit dreißig Jahren statt. Der Besuch Gorbatschows ist von Massenprotesten überlagert, auf denen mehr als eine Million Menschen von der chinesischen Parteiführung fordern, dem Beispiel von Gorbatschow zu folgen und Freiheit und Demokratie zu gewähren. Tausende von Studenten sind auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking für diese Ziele in einen Hungerstreik getreten. Am 20. Mai wird über acht Pekinger Bezirke das Kriegsrecht verhängt.

16. Mai: Im internen Kreis von Wirtschaftsverantwortlichen des SED-Politbüros führt Planungschef Gerhard Schürer aus, dass die Westverschuldung der DDR gegenwärtig um über 500 Mio. DM im Monat zunehme. Er warnt davor, dass der DDR bei Fortsetzung dieser Entwicklung 1991 die Zahlungsunfähigkeit drohe.

23. Mai: Die Bundesversammlung wählt Richard von Weizäcker erneut zum Bundespräsidenten.

24. Mai: In Bonn wird der 40. Jahrestag des Inkrafttretens des Grundgesetzes mit einem Staatsakt gefeiert.

25. Mai: Vom neu geschaffenen Kongress der Volksdeputierten wird Michail Gorbatschow, KPdSU-Generalsekretär und zugleich Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjet, ohne Gegenkandidaten zum Staatspräsidenten gewählt.

25./26. Mai: Auf einer Beratung der stellvertretenden Finanzminister des RGW schlägt der Vertreter der Sowjetunion vor, wie es in einer DDR-Niederschrift dieses Treffens heißt, "im Zeitraum 1991-1995 zu Verrechnungen überzugehen, die auf der Anwendung verschiedener Währungen beruhen. Dabei wird insbesondere auf die Verrechnung in konvertierbaren Devisen orientiert. Der wesentliche Inhalt dieses Vorschlages besteht darin, zu einer maximalen Annäherung an die ökonomischen Bedingungen des kapitalistischen Weltmarktes, insbesondere durch Anwendung aktueller Weltmarktpreise zu kommen und für die Betriebe einheitliche Bedingungen sowohl auf dem kapitalistischen Weltmarkt als auch auf dem RGW-Markt zu schaffen. Dazu ist nach Meinung der sowjetischen Experten weder der transferable Rubel noch das zwischen einigen RGW-Ländern bilateral vereinbarte Prinzip der Verrechnung in nationalen Währungen in der Lage."

Nur die ungarische Delegation unterstützt diesen Vorschlag. Die DDR dagegen lehnt ihn entschieden ab, weil ihre Produktivität zu niedrig ist, um mit Weltmarktpreisen konkurrieren zu können.

29. Mai: Ein Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der NATO in Brüssel verabschiedet ein "Gesamtkonzept für Rüstungskontrolle und Abrüstung".

George Bush

30./31. Mai: Nach dem NATO-Gipfel besucht US-Präsident George Bush die Bundesrepublik. In einer Rede in Mainz bietet Bush der Bundesrepublik als Freund und Verbündeter eine Rolle als "partner in leadership" an. Er fordert "Europa muss einig werden und frei" und klagt für Osteuropa freie Wahlen und politischen Pluralismus ein. Unter Verweis auf den Abbau des Stacheldrahts an der ungarisch-österreichischen Grenze ruft der US-Präsident aus: "Let Berlin be next!" Die Mauer stehe als Monument für das Scheitern des Kommunismus. Sie müsse fallen.