Chronik

November 1961

Im November 1961 werden in West-Berlin und in der Bundesrepublik 3.412 Flüchtlinge aus der DDR registriert.

1. November: Die im Oktober 1961 in der Bundesrepublik eingerichtete "Zentrale Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen zur Registrierung sowjetzonaler Gewaltakte" nimmt im Laufe des November ihre Arbeit auf. Ihre Aufgabe ist es, alles erreichbare Material über Gewaltakte und Unrechtstaten an der innerdeutschen Grenze, der Mauer und in der DDR zu sammeln und für eine spätere Anklageerhebung zu registrieren. Zur politischen und moralischen Bedeutung der Zentralen Erfassungsstelle hebt dessen erster Leiter, Staatsanwalt Friedrich Höse, hervor: "Jeder Volkspolizist soll wissen, daß ein Vergehen oder Verbrechen von uns nach rechtsstaatlichen Grundsätzen verfolgt wird, daß wir ihn zur Rechenschaft ziehen, sofern er einmal in das Gebiet der Bundesrepublik kommt, vielleicht selbst einmal als Flüchtender." Bis 1989 werden in der Zentralen Erfassungsstelle, die nicht wie ursprünglich geplant in Hannover, sondern in Salzgitter angesiedelt wird, rund 42.000 Vorermittlungsverfahren eingeleitet.

Letztmalige Vereidigung von Konrad Adenauer als Bundeskanzler im Deutschen Bundestag, 7. November 1961. CDU-Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (links im Bild) tritt 1964 seine Nachfolge an.

7. November: Konrad Adenauer wird im Deutschen Bundestag mit knapper Mehrheit erneut zum Bundeskanzler gewählt. Die FDP, die während des Wahlkampfs eine Koalition mit der CDU/CSU vom Rückzug Adenauers abhängig gemacht hatte, setzt jedoch durch, dass Adenauer noch während der Legislaturperiode das Amt an den Wunschkandidaten der FDP, Ludwig Erhard, übergibt.

9. November: In einem Gespräch mit dem Botschafter der Bundesrepublik in Moskau, Hans Kroll, bekennt sich der sowjetische Ministerpräsident und KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow zu seiner Verantwortung für den Bau der Berliner Mauer: "Die Mauer ist auf dringenden Wunsch Ulbrichts von mir angeordnet worden. Sie ist eine häßliche Sache. Aber Sie kennen die Gründe, weswegen ich sie für notwendig hielt. Ich brauche mich darüber jetzt nicht näher auszulassen. Sorgen Sie dafür, daß es zu einer allgemeinen deutsch-sowjetischen Verständigung und zu einem besseren Einvernehmen zwischen der Bundesrepublik und der DDR kommt. Dann wird die Mauer wieder verschwinden."

11. November: Im RIAS berichtet ein geflüchteter Transportpolizist über die Existenz einer Grenzsondereinheit bei der dem DDR-Innenministerium unterstellten Transportpolizei der Deutschen Reichsbahn. Die Schießbestimmungen in dieser Einheit seien verschärft und es sei angewiesen worden, dass kein Flüchtling lebend nach West-Berlin entkommen dürfe.

13. November: Auf Anweisung des SED-Politbüros beschließt der Ost-Berliner Magistrat die Umbenennung der Stalinallee, des VEB Elektroapparatewerke J.W. Stalin und die Entfernung des Stalin-Denkmals. Die Städte Stalinstadt und Fürstenberg (Oder) werden vereinigt und in Eisenhüttenstadt umbenannt. Damit folgt die SED-Führung Beschlüssen des XXII. KPdSU-Parteitages zur Beseitigung des Stalin-Personenkults.

Die Windschutzscheibe des Flucht-Opels ist mit Stahlplatten gesichert, 14. November 1961

14. November: Fünf Ost-Berlinern gelingt mit einem gepanzerten Vorkriegs-Opel die Flucht über den Grenzübergang Chausseestraße nach West-Berlin. Grenzpolizisten geben auf das Fahrzeug, dessen Windschutzscheiben mit Stahlplatten gesichert und dessen Seiten- und Rückwände mit Beton ausgegossen sind, rund 100 Schüsse ab, ohne den Durchbruch stoppen zu können.

14. November: Nach Pressemeldungen, denen zufolge der Bonner Botschafter in Moskau, Hans Kroll, ohne Absprache mit der Bundesregierung und den Westmächten in einem Gespräch mit Chruschtschow Überlegungen zur Deutschland- und Berlin-Frage entwickelt haben soll, die auf eine Akzeptierung der sowjetischen Forderungen hinauslaufen, wird der Botschafter zur Berichterstattung nach Bonn zurückgerufen.

18. November: Nach Ansicht von General Lucius Clay, dem Sonderbeauftragten von US-Präsident Kennedy in West-Berlin, wäre kein Krieg ausgebrochen, wenn am 13. August 1961 alliierte Panzer in Berlin aufgefahren wären und Pioniere die Stacheldrahtverhaue an der Sektorengrenze beseitigt hätten. In einem Interview mit der französischen Tageszeitung "Le Figaro" erklärt Clay, die Sowjets wären in diesem Fall unmittelbar vor ihre Verantwortlichkeit gestellt worden. Er appelliert an den Westen: "Hört auf, Euch zu fürchten. Wir bleiben fest. Die Mauer durch Berlin hat uns aufgeweckt und vielleicht ein neues München verhindert."

Verstärkung der Sperranlagen am Brandenburger Tor, 20. November 1961

19. November: In Ost-Berlin wird eine durch den Mauerbau erforderliche Nord-Süd-S-Bahnstrecke eingeweiht, die Oranienburg mit dem Ost-Berliner Zentrum verbindet. Tage zuvor sendet RIAS eine Reportage zur Geschichte und zu den Hintergründen des S-Bahn-Rings um Berlin.

Verstärkung der Sperranlagen am Brandenburger Tor: Grenzpolizisten sichern die Bauarbeiten - und bewachen die Maurer, 20. November 1961

19.-21. November: Am Brandenburger Tor wird innerhalb von drei Tagen eine halbrunde, zwei Meter starke und etwa zwei Meter hohe, panzersichere Mauer errichtet, in der Bernauer Straße und vom Potsdamer Platz bis zur Lindenstraße die schon bestehende Mauer durch das Anlegen von Panzersperren aus alten Schienen verstärkt. Die neuen Absperrungen sollen einen Panzerdurchbruch der westlichen Alliierten nach Ost-Berlin erschweren.

19.-22. November: In Begleitung von Außenminister Gerhard Schröder und Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß trifft Bundeskanzler Konrad Adenauer in Washington mit US-Präsident John F. Kennedy zusammen. Das Abschlusskommuniqué des Treffens betont, dass Berlin ein "Gegenstand ernsthafter Beratungen" war und dass "die Berliner Bevölkerung auch in Zukunft ein freies und gedeihliches Leben führen kann." Beide Seiten bekräftigten, "daß es das Endziel ihrer beiden Regierungen ist, die Wiedervereinigung Deutschlands auf der Grundlage der Selbstbestimmung mit friedlichen Mitteln herbeizuführen."

Verstärkung der Sperranlagen am Brandenburger Tor: Aus Betonplatten wird eine zwei Meter starke und zwei Meter hohe Mauer errichtet, 20. November 1961

20. November: Nach einem Schweigemarsch tausender West-Berliner Jugendlicher und Studenten anlässlich des hundersten Tages des Bestehens der Mauer kommt es am Abend zu Konfrontationen an der Sektorengrenze in der Wilhelmstraße. Die West-Berliner Polizei greift hart gegen Demonstranten durch, die immer wieder versuchen, gegen die Mauer anzurennen.

22. November: Während einer Aufführung von Beethovens Oper "Fidelio" in der Ost-Berliner Staatsoper applaudieren die Besucher spontan, als der Chor der Gefangenen ertönt, die aus dem Kerker ans Sonnenlicht geführt werden. Der Beifall wiederholt sich bei der Arie Florestans: "Wahrheit wagt’ ich kühn zu sagen, und die Ketten sind mein Lohn." Das Orchester muss angesichts der Beifallstürme mehrfach abbrechen und neu ansetzen. So berichtet im Bulletin des Presseamtes der Bundesregierung.

Verstärkung der Sperranlagen am Potsdamer Platz: Panzersperren, 20. November 1961

23. November: Hinter verschlossenen Türen kündigt Walter Ulbricht vor dem SED-Zentralkomitee die Verminung der innerdeutschen Grenze an: "Jawohl, an der Westgrenze der DDR werden Minen gelegt, ordentliche Minenfelder geschaffen. Wer das Bedürfnis hat, sich den Hals zu brechen, kann solche Versuche anstellen. Das ist seine Sache. Aber als höfliche Leute teilen wir ihnen mit, daß das Sperrgebiet ist, und wir raten keinem, in das Gebiet zu gehen. Dafür sind wir ein Staat. Wenn jemand von uns erwartet hat, daß wir es anders machen, dann hat er über uns Illusionen gehabt, das hätte man sich ersparen können." Stasi-Minister Erich Mielke fügt in seiner Rede hinzu: "Die Arbeiterklasse hat die Macht erobert, um sie nie wieder abzugeben."

Panzersperren und Sichtblenden in der Bernauer-/Ecke Schwedter Straße, 22. November 1961

24.-26. November: Der britische Premierminister Harold Macmillan hält über sein Treffen mit dem französischen Staatspräsidenten General Charles de Gaulle in Sussex fest, dass de Gaulle gegenwärtig keine Basis sehe, auf der der Westen befriedigende Verhandlungen mit der Sowjetunion führen könne. Die sowjetischen Minimalforderungen seien größer als die Maximalkonzessionen des Westens. De Gaulle habe Macmillan zufolge "nichts einzuwenden gegen weitere Sondierungen durch die britischen und amerikanischen Botschafter in Moskau, um die Basis zu verifizieren, auf der Verhandlungen möglich sein könnten; er hat auch nichts dagegen einzuwenden, daß die Sondierungen bis hin zu äußerst wichtigen Fragen geführt werden. Dem französischen Botschafter werde es jedoch nicht gestattet sein, sich zu beteiligen."

Panzersperren am Haus der Ministerien, Zimmer-/Nähe Wilhelmstraße, vermutlich Ende November 1961)

24. November: Der Chef der Berliner Senatskanzlei und spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, Heinrich Albertz, hält in einer Aktennotiz fest, dass ihm vor dem 13. August keine nachrichtendienstliche Erkenntnisse über den bevorstehenden Mauerbau bekanntgeworden seien. Nach seinen Erfahrungen sei es allerdings nicht auszuschließen, dass die Alliierten "zwar nicht über den Zeitpunkt, aber über das Vorhaben des 13. August informiert" waren.

SED-Politbüromitglied Erich Honecker überzeugt sich von der Stärke der Panzersperren an der Berliner Sektorengrenze, vermutlich Ende November 1961)

24. November: Mit Zustimmung der drei Westmächte unternimmt der Berliner Senat einen ersten Versuch, die Mauer durchlässig zu machen: Über das Rote Kreuz schlägt er der DDR-Seite vor, an fünf Stellen der Berliner Sektorengrenze gemeinsame Kontrollstationen für die Erteilung von Tagespassierscheinen einzurichten. Die DDR lehnt dies am 14. Dezember über den Ost-Berliner Polizeipräsidenten mit der Begründung ab, Reise- und Verkehrsfragen könnten nicht über das Rote Kreuz, sondern nur in offiziellen Verhandlungen des Senats mit der DDR-Regierung geregelt werden.

West-Berliner, die den St.-Hedwigs-Friedhof an der Liesenstraße nicht mehr betreten dürfen, legen ihren Grabschmuck am zugemauerten Friedhofseingang ab, 26. November 1961

26. November: Der 19-jährige Lothar Lehmann ist im Herbst 1961 wehrpflichtiger Angehöriger der Bereitschaftspolizei Groß Glienicke, zu deren Aufgabe die Sicherung der Grenze am Außenring zu West-Berlin gehört. Am Abend steigt er in der Nähe von Sacrow in das zu dieser Jahreszeit sehr kalte Wasser der Havel, um nach West-Berlin zu flüchten. Doch das West-Berliner Ufer erreicht er nicht. Laut Obduktionsbefund verstirbt er an mittelbarem Ertrinken, Kälteschock und Kreislaufkollaps.

26. November: Der Ausbau der Sperranlagen macht auch vor Friedhöfen nicht halt. Am schwersten trifft es den 1784 angelegten Invalidenfriedhof an der Scharnhorststraße. Der Friedhof wird rücksichtslos zerstört. Ganze Grabfelder werden eingeebnet. Von den rund 3.000 Gräbern existieren nach dem Fall der Mauer wenig mehr als 200.

Ost-Berliner, die den St.-Hedwigs-Friedhof an der Liesenstraße aufsuchen, werden von Grenzpolizisten kontrolliert und überwacht, 26. November 1961

Der Zugang zum St.-Hedwigs-Friedhof an der Sektorengrenze zwischen den Berliner Bezirken Mitte und Wedding ist für West-Berliner nicht mehr möglich. Sie legen ihren Grabschmuck am zugemauerten Friedhofseingang ab. Ost-Berliner, die diesen Friedhof aufsuchen, werden kontrolliert und überwacht.

27. November: Das Bundeskabinett beschließt für etwa 26.500 Wehrpflichtige, deren Wehrpflicht am 31. Dezember endet, eine dreimonatige Verlängerung der Dienstzeit. Zudem werden für Soldaten auf Zeit, deren Entlassungstermine zwischen dem 1. und 31. Januar 1962 liegen, die Dienstzeiten bis zum 31. März verlängert. - Die DDR-Regierung hat schon im Oktober angekündigt, dass die Dienstzeit für bestimmte Spezialdienste in der Armee für im Herbst 1961 zu entlassende Soldaten und Offiziere um bis zu sechs Monate verlängert wird. Als Begründung werden angebliche Kriegsvorbereitungen der Bundesrepublik genannt. Ähnliche Dienstzeitverlängerungen gibt es in dieser Zeit auch in Polen, in Rumänien und in der CSSR.

29. November: Im Deutschen Bundestag verliest Vizekanzler Ludwig Erhard anstelle des erkrankten Bundeskanzlers die Regierungserklärung des neugebildeten CDU/FDP-Kabinetts. Bei den bevorstehenden Verhandlungen über die Deutschland- und Berlin-Frage, heißt es darin, seien drei Grundsätze zu beachten, die nicht preisgegeben werden dürften: "die Sicherheit der Bundesrepublik, die Erhaltung der bestehenden politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Bindungen zwischen Berlin und der Bundesrepublik, freier Zugang der Zivilbevölkerung und die Aufrechterhaltung der gemeinsamen Deutschland-Politik, d. h. die Wiedervereinigung unseres Landes in Frieden und Freiheit, die Nichtanerkennung des sowjetisch besetzten Teils Deutschlands und des dort herrschenden Regimes, die Regelung der Grenzfragen in einem wirklichen Friedensvertrag, der mit einer gesamtdeutschen Regierung abzuschließen ist und für dessen Zustandekommen wir uns weiter mit aller Kraft einsetzen wollen."

29. November: Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates der DDR: An der innerdeutschen Grenze sind seit dem 25. Oktober 1961 entlang 74 der insgesamt 1.382 Kilometer mit Spanndrähten verbundene Minen sowjetischer Fertigung verlegt worden - insgesamt 4.526 Stück, zur Tarnung grün angestrichen. Ihr tödlicher Wirkungsradius beträgt acht bis zehn Meter.

Insgesamt 21.900 Infanterie-Minen (Splitterminen) sowie 20 bis 30 Tonnen Sprengstoff stellt der Nationale Verteidigungsrat der DDR für die weitere "pioniermäßige Verstärkung der Staatsgrenze der DDR zu Westdeutschland" bereit. In seinem Beschluß heißt es: "Zur weiteren Sicherung der DDR gegenüber den Kriegsvorbereitungen der westlichen Imperialisten ist eine pioniermäßige Verstärkung der Staatsgrenze der DDR zu Westdeutschland durchzuführen mit dem Ziel, die Unantastbarkeit ihrer Grenze gegenüber Störaktionen, Provokationen und Grenzverletzungen jeder Art zu gewährleisten."

Zu den Splitterminen, die durch Stolperdrähte ausgelöst werden, kommen offen und verdeckt verlegte Sprengminen hinzu, deren Detonation durch Druck ausgelöst wird und die unteren und mittleren Körperteile zerreißt. Die Schützenmine PMD-6, eine Holzkastenmine mit beweglichem Deckel und einem eingelegten 200 Gramm-TNT-Körper, wird durch Auftreten auf den Deckel zur Auslösung gebracht; sie sprengt oder zerreißt die untere und mittlere Körperhälfte. Gleichlaufend mit der Verminung soll entlang der Grenze ein "Sicht- und Schussfeld" geschaffen werden. Bis Ende 1963 werden 774 km der 1.382 km langen Grenze der DDR zur Bundesrepublik mit Minensperren, 407 km mit Drahtsperren und 153 km mit Stacheldrahtrollen gesperrt.
An der Berliner Mauer werden bis zu ihrem Abriss 1989/90 keine Minen verlegt.

Pressestimmen Ost:

Die DDR-Presse feiert die Verstärkung der Sperranlagen im Berliner Stadtzentrum als "beispiellose Leistung der Pioniere der bewaffneten Kräfte und der Bauarbeiter": Sie hätten an den drei Tagen eine Leistung vollbracht, "die der normalen Arbeit von 11.000 Bauarbeitern während einer ganzen Woche" entspreche. "Die segensreiche Wirkung, die der antifaschistische Schutzwall an unserer Staatsgrenze schon in den letzten Monaten hatte", heißt es im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland", "wird von jetzt an noch größer sein. Die Lage, die Unantastbarkeit der DDR und die Unüberwindlichkeit ihrer Friedensmauer ist nämlich jetzt noch klarer als zuvor."

Pressestimmen West:

In der "Welt" vom 14. November 1961 spricht sich Sebastian Haffner gegen den Abschluss eines Sonderfriedensvertrages mit der Sowjetunion aus: "Der Westen hat mit der Hinnahme des 13. August seine faktische Position in Berlin entscheidend verschlechtert. Mit der Hinnahme des Sonderfriedens würde er in ganz ähnlicher Weise auch seine rechtliche und politische Berlin-Position unterminieren."

Die "Frankfurter Allgemeine" kommentiert am 21. November 1961 unter der Überschrift "Festung Berlin" die Verstärkung der Sperranlagen: "Die Mauer quer durch unser Land, die sich in der deutschen Metropole unter dem Scheinwerferlicht der ganzen Welt preisgibt, verliert durch ihre Panzergräben den Charakter nicht. Sie ist eine Kerkermauer und bietet keinen Schutz. Sie ist im Zweck genauso verlogen, wie die Nationalsozialisten es waren, wenn sie jemand unter dem Vorwand festnahmen, man ließe ihm eine "Schutzhaft" angedeihen. Ihre neuerlichen Befestigungen enthüllen die Zone noch gnadenloser als den Zwangsaufenthalt, der sie seit je gewesen ist. (...) Andere Beobachter in Berlin wollen die fieberhafte Tätigkeit seit dem vergangenen Sonntag in ihrer Stadt als eine Demonstration gedeutet sehen, als Auftakt zu den Washingtoner Besprechungen. Die deutschen und die amerikanischen Staatsmänner sollten es vor Augen haben: In Berlin wird für lange Zeit gebaut, mit Zement, Eisen, Panzersperren; was da errichtet wird, wird so bald nicht eingerissen. Nun, wir haben schon einmal so disponieren hören, sogar auf tausend Jahre."

Seit dem 13. August, so der amerikanische Publizist Walter Lippmann in der West-Berliner Zeitung "Der Tag" vom 24. November 1961, sei die Bundesrepublik mit den Realitäten konfrontiert, die sie in den letzten zehn Jahren absichtlich und künstlich ignoriert habe. "Die offizielle Fiktion, daß Ostdeutschland eines Tages befreit und durch freie Wahlen in dem westdeutschen Staat aufgehen würde, ist dahin." Die wirkliche deutsche Frage bestehe heute darin, "eine praktikable deutsche Politik" zu finden, wozu die Notwendigkeit eines Übereinkommens mit Osteuropa und der Sowjetunion gehöre.