Chronik

Oktober 1989

Montagsdemonstration und Diskussion von Bürgerrechtlern in der Gethsemane-Kirche, 9.10.1989

1. Oktober: Die Gründungsmitglieder des Neuen Forum geben bekannt, dass sie gegen die Nichtzulassung als Vereinigung beim Ministerium des Innern Beschwerde einlegen werden. Sie zeigen sich von dem riesigen Interesse am Neuen Forum überrascht; man wolle kein Reformkonzept vorgeben, sondern dieses "in einem übergreifenden Diskussionsprozess erst entwickeln". Die Wiedervereinigung sei kein Thema, "da wir von der Zweistaatlichkeit Deutschlands ausgehen und kein kapitalistisches Gesellschaftssystem anstreben. Wir wollen Veränderungen hier in der DDR."

2. Oktober: Montagsdemonstration in Leipzig mit bis zu 20.000 Teilnehmern. Die Losungen lauten unter anderem: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", "Wir bleiben hier", Gorbi, Gorbi", "Neues Forum zulassen" und "Freiheit für die Gefangenen". Am Ende greift eine Kompanie der Volkspolizei mit Sonderausrüstung ein; es gibt Verletzte und 20 "Zuführungen". Zum ersten Mal, erinnerte sich Martin Jankowski, einer der Demonstrationsteilnehmer später, wurde bei dieser Demonstration "Wir sind das Volk" gerufen: "Als die Polizisten den Lautsprecher einschalteten und sagten: ‚Hier spricht die Volkspolizei’, antwortete die Menge: ‚Wir sind das Volk’. Sie kamen gar nicht dazu, den Spruch zu vollenden. Es gab wirklich so eine Art Wechselgesang, was uns eine Zeitlang sehr amüsierte. (...) Das war der Tag, an dem zum ersten Mal in Leipzig dieser Spruch ‚Wir sind das Volk’, und zwar gerichtet an die Volkspolizei, gerufen wurde."

Ankunft von DDR-Flüchtlingen in Ahlsfeld, Oktober 1989

2. Oktober: In Peking ist am Vortag der 40. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China feierlich begangen worden; Egon Krenz nimmt für das SED-Politbüro teil. "In den Kämpfen unserer Zeit stehen DDR und China Seite an Seite" – diese Schlagzeile des "Neuen Deutschland" weckt Befürchtungen, dass auch die SED bereit sein könnte, Demonstrationen gewaltsam niederzuschlagen.

In einem ADN zugeschriebenen Kommentar wird den über Prag ausgereisten DDR-Bürgern hinterher gerufen: "Wir weinen ihnen keine Träne nach."

3. Oktober: Die DDR schließt faktisch ihre Grenzen, indem sie den visafreien Reiseverkehr in die CSSR "aussetzt"; ab dem nächsten Tag wird diese Maßnahme auch auf den Transitverkehr nach Bulgarien und Rumänien ausgedehnt. Proteste bis hin zu Streikandrohungen aus den grenznahen Gebieten zur CSSR sind die Folge.

Ankunft von DDR-Flüchtlingen in Ahlsfeld, Oktober 1989

4. Oktober: Noch einmal dürfen etwa 7.000 DDR-Bürger, die erneut die Prager Botschaft besetzt haben, in verriegelten Sonderzügen in die Bundesrepublik ausreisen. Am Dresdener Hauptbahnhof kommt es in der Nacht zum 5. Oktober zu einer Straßenschlacht zwischen Ordnungskräften und etwa 10.000 Demonstranten, die auf die Flüchtlingszüge aufspringen wollen.

6. Oktober: In der "Leipziger Volkszeitung" wird unter dem Namen des Kommandeurs der Kampfgruppenhundertschaft "Hans Geiffert", Günter Lutz, und der Überschrift "Staatsfeindlichkeit nicht länger dulden" bekannt gegeben, dass die Kampfgrüppler im Hinblick auf die bevorstehende Montagsdemonstration bereit und willens seien, "das von uns mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen, um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand."

Michail Gorbatschow trifft am 6. November 1989 zur Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR in Berlin ein

6./7. Oktober: Staatsfeierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR in Anwesenheit von Michail Gorbatschow, der mit "Gorbi, hilf uns"-Rufen begrüßt wird. "Tagesschau" und "Tagesthemen" berichten darüber.

Gorbatschow

In einem Vieraugengespräch der beiden Generalsekretäre prahlt Honecker mit den Erfolgen der DDR, lobt besonders das Wohnungsbauprogramm der SED und die angebliche Weltspitzenposition auf dem Gebiet der Mikroelektronik. Gorbatschow, der im Bilde ist, dass die DDR in Wirklichkeit vor der Zahlungsunfähigkeit steht, fühlt sich für dumm verkauft:

"Ich war ent­setzt. Drei Stunden unterhielt ich mich mit ihm. ... Und er fuhr fort, mich von den mächtigen Errungenschaften der DDR überzeugen zu wollen."

40. Jahrestag der DDR: Militärparade der NVA, 7. Oktober 1989

In einem spontanen Interview an der Ost-Berliner Neuen Wache äußert Michail Gorbatschow den Satz: "Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren!" Vor dem SED-Politbüro variiert er diesen Satz: "Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort."

40. Jahrestag der DDR: Gorbatschow neben Honecker auf der Ehrentribüne, 7. Oktober 1989

Nicht Gorbatschow, sondern sein Pressesprecher Gennadi Gerassimow, macht daraus am Abend den Ausspruch "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!"

Am Abend des 7. Oktober demonstrieren Jugendliche vor dem Palast der Republik. An diesem wie am folgenden Abend kommt es in Ost-Berlin und anderen Städten zu schweren Übergriffen der Volkspolizei und Massenfestnahmen.

8. Oktober: Erich Honecker teilt den Ersten Sekretären der SED-Bezirksleitungen telegrafisch mit, dass die Demonstrationen des Vortages "gegen die verfassungsmäßigen Grundlagen unseres sozialistischen Staates gerichtet waren." Es sei damit zu rechnen, dass es zu weiteren "Krawallen" käme. Für diesen Fall erteilt er den Befehl: "Sie sind von vornherein zu unterbinden." Die Bezirkseinsatzleitungen, so Honeckers Anweisungen weiter, sollten unverzüglich zusammenkommen und "Maßnahmen" beraten; die Ersten Sekretäre hatten fortan der Abteilung Parteiorgane des ZK täglich über die Lageentwicklung zu berichten.

Tausende demonstrieren am Abend des 40. Jahrestages der Gründung der DDR in der Ost-Berliner Innenstadt für politische Veränderungen, 7. Oktober 1989

Entsprechend beurteilt Stasi-Chef Mielke die Lage im Innern "als erheblich verschärft". Zur wirksamen Zurückdrängung bzw. Unterbindung aller "Zusammenrottungen" befiehlt der Stasi-Chef am gleichen Tag "volle Dienstbereitschaft" für alle Angehörigen des MfS und die Bereithaltung ausreichender Reservekräfte, "deren kurzfristiger Einsatz auch zu offensiven Maßnahmen zur Unterbindung und Auflösung von Zusammenrottungen zu gewährleisten ist." Stasi-Mitarbeiter haben bis auf Widerruf ihre Dienstwaffe ständig bei sich zu führen. Die Berichterstattung westlicher Journalisten über Demonstrationen soll konsequent verhindert werden. – Ungeachtet dessen beginnt in Dresden der Dialog zwischen Opposition ("Gruppe der 20") und der bezirklichen SED-Führung.

Die DDR-Regierung setzt uniformierte und zivile Ordnungshüter ein, um gegen Demonstranten vorzugehen, 7. Oktober 1989.

9. Oktober: "Tag der Entscheidung" in Leipzig: 70.000 Menschen demonstrieren in Leipzig friedlich für Reformen. Obwohl die DDR-Sicherheitsbehörden die Verhinderung der Demonstration geplant und, falls dies nicht möglich ist, ihre Zerschlagung und die Verhaftung der "Rädelsführer" stabsmäßig geübt haben, greift die Staatsmacht nicht ein. Die unerwartet große Zahl der Demonstranten bricht den Handlungswillen der Sicherheitsorgane. – Auch in Halle und in Magdeburg beteiligen sich mehrere tausend Menschen an Demonstrationen.

10. Oktober: Gespräche zwischen den Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer und der Opposition wecken Hoffnungen auf den Beginn eines Dialogs.

10./11. Oktober: Am Ende einer ungewöhnlich kontrovers verlaufenden zweitägigen Krisensitzung erklärt das SED-Politbüro die Bereitschaft der Partei zu einem Dialog mit der Bevölkerung. Erstmals gesteht das Politbüro ein, dass Ursachen für die Fluchtbewegung auch in der DDR selbst zu suchen seien. Zum anderen unterbreitet es das von vielen geforderte Dialogangebot: "Gemeinsam wollen wir über alle grundlegenden Fragen unserer Gesellschaft beraten, die heute und morgen zu lösen sind. (...) Es geht um die Weiterführung der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Es geht um wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und ihren Nutzen für alle, um demokratisches Miteinander und engagierte Mitarbeit, um gute Warenangebote und leistungsgerechte Bezahlung, um lebensverbundene Medien, um Reisemöglichkeiten und gesunde Umwelt". Egon Krenz hat diese Erklärung gegen den erbitterten Widerstand von Honecker im Politbüro durchgesetzt.

16. Oktober: Mehr als 100.000 Menschen demonstrieren in Leipzig. Sie fordern die Zulassung des Neuen Forum, freie Wahlen sowie Reise-, Presse- und Meinungsfreiheit. Auch parallele Demonstrationen mit rund 10.000 Teilnehmern in Dresden und Magdeburg, 5.000 in Halle und 3.000 in Berlin verlaufen friedlich.

17./18. Oktober: Ein erbitterter Machtkampf im SED-Politbüro endet mit dem Sturz Erich Honeckers, der gezwungen wird, seinen Abgang im SED-Zentralkommitee mit gesundheitlichen Gründen zu erklären. Egon Krenz wird neuer SED-Generalsekretär. Als politisches Credo seiner Politik der "Wende" verkündet Krenz: "Wir lassen uns von der festen Überzeugung leiten, dass alle Probleme in unserer Gesellschaft politisch lösbar sind." In seiner Antrittsrede verspricht Egon Krenz zudem, "einen Gesetzentwurf über Reisen von DDR-Bürgern ins Ausland vorzubereiten. Wir gehen davon aus, dass dieser Entwurf nach öffentlicher Aussprache in der Volkskammer behandelt und beschlossen werden sollte. Im Zusammenhang damit könnten ebenfalls die zeitweilig getroffenen einschränkenden Maßnahmen zum Reiseverkehr in sozialistische Bruderländer aufgehoben beziehungsweise modifiziert werden."

Vor dem Roten Rathaus und in der Kongresshalle beginnen im Stadtzentrum

21. Oktober: Auf einer Dienstbesprechung des erweiterten Führungskreises des MfS lässt Stasi-Chef Mielke wenig Zweifel daran, dass die Linie der Partei, politische Probleme mit politischen Mitteln zu lösen, gegen seine tschekistische Grundüberzeugung verstößt. Sie bedeute, läßt Mielke wissen, auf die "antisozialistischen Sammlungsbewegungen" nicht so zu reagieren, wie es "diese Kräfte eigentlich verdienen." Um so entscheidender wirkt sich auf das Verhalten des MfS bis zum Fall der Mauer und auch danach aus, dass Mielke trotz seines Unverständnisses jede eigenständige Politik des MfS an der Partei vorbei kategorisch ausschließt.. "Bei allem, was wir tun," schärft er seinen Leitungskadern ein, "ist bis zur letzten Konsequenz davon auszugehen: Alle Maßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit, jeder Diensteinheit, haben sich in die Generallinie, in die Beschlüsse des Zentralkomitees und seines Politbüros einzuordnen, müssen auf ihre strikte Durchsetzung gerichtet sein." Gewaltsame Mittel dürften nur eingesetzt werden, "wenn eine unmittelbare Gefährdung von Personen, Objekten und Sachen vorliegt und anders nicht abzuwenden ist". In den nächsten Tagen, kündigt Mielke an, würden zentrale Entscheidungen getroffen, wie künftig gegen die oppositionellen Bewegungen vorgegangen werde.

23. Oktober: 300.000 Menschen demonstrieren in Leipzig, Zehntausende in Magdeburg, Dresden, Schwerin, Zwickau, Halle, Stralsund und Berlin sowie bereits an den Vortagen in Plauen und Rostock.

24. Oktober: Das SED-Politbüro fasst einen Beschluss zu "Reisen von Bürgern der DDR in das Ausland": "1. Der Entwurf des Gesetzes zu Reisen von Bürgern der DDR in das Ausland und Varianten für die Finanzierung der Reisen sind dem Politbüro kurzfristig vorzulegen. (...) 2. Zur breiten Diskussion des Gesetzentwurfes ist eine Argumentation auszuarbeiten."

26. Oktober: Das MfS zählt allein an diesem Tag 160.000 Bürger, die auf Demonstrationen in den Bezirken Rostock, Erfurt, Gera, Schwerin, Chemnitz, Neubrandenburg, Dresden und Halle vor allem freie Wahlen, die Zulassung der Oppositionsgruppen und Reisefreiheit fordern. Hat das MfS in der Woche vom 16. bis 22. Oktober insgesamt 140.000 Teilnehmer auf 24 Demonstrationen registriert, so beteiligen sich vom 23. bis 30. Oktober 540.000 Teilnehmer an 145 Demonstrationen. Die Verhängung eines Ausnahmezustandes wird von führenden SED-Funktionären nicht länger ausgeschlossen. – In einem zwanzigminütigen Telefongespräch mit Bundeskanzler Kohl bekundet SED-Generalsekretär Egon Krenz sein Interesse, die Beziehungen zur Bundesrepublik "auf eine - ich darf das wohl so sagen - auf eine neue Stufe" zu heben. Kanzleramtsminister Seiters und Staatssekretär Schalck-Golodkowski werden als Vertraute benannt.

27. Oktober: Der DDR-Staatsrat verkündet eine Amnestie für alle Flüchtlinge und Demonstrationsteilnehmer. – Der DDR-Ministerrat beschließt, die am 3. Oktober verhängte "zeitweilige Aussetzung des paß- und visafreien Reiseverkehrs" nach der CSSR ab 1. November 1989 aufzuheben. Ab diesem Zeitpunkt sollen DDR-Bürger die Grenze zur CSSR wieder mit ihrem Personalausweis überqueren können.

31. Oktober: Die USA und die Sowjetunion vereinbaren für den 2./3. Dezember ein Gipfeltreffen auf Malta.

31. Oktober: Das SED-Politbüro erörtert eine Vorlage von fünf führenden Ökonomen zur "Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlussfolgerungen". Um der erforderlichen Absenkung des Lebensstandards um 25 bis 30 Prozent und der drohenden Zahlungsunfähigkeit der DDR zu entgehen, empfehlen sie, der Bundesregierung für die Gewährung dringend erforderlicher neuer Kredite und eine erweiterte wirtschaftliche Kooperation als Tauschmittel die Mauer anzubieten.