Chronik
September 1961
Im ersten Monat nach dem Mauerbau werden in West-Berlin und in der Bundesrepublik 14.821 Flüchtlinge aus der DDR registriert (August 1961: 47.433 Flüchtlinge).
1. September: In der Nacht zum 1. September verbirgt sich ein 17jähriger im Norden Berlins viele Stunden im Schilf der Havel, bevor er die Flucht nach West-Berlin wagt. Obwohl ihn die Grenzposten entdecken und bis auf West-Berliner Gebiet verfolgen, gelangt er unversehrt in den Westteil der Stadt. In einem RIAS-Interview berichtet er über den Druck auf junge Männer, in die Armee einzutreten, und über Maßnahmen gegen den Empfang des West-Fernsehens.
In Ost-Berlin wird der sowjetische Kosmonaut German Titow von SED-Chef Walter Ulbricht mit dem Karl-Marx-Orden ausgezeichnet. Auf einer Massenkundgebung wird sein Raumflug als erneuter Beweis der Überlegenheit der Sowjetunion und des Sozialismus in der Welt gefeiert.
Während die DDR-Medien noch die sowjetische Ankündigung über die Wiederaufnahme der Atomwaffentests verbreiten, zündet die Sowjetunion bereits oberirdisch eine Wasserstoffbombe. Die Vereinigten Staaten reagieren mit der Wiederaufnahme von unterirdischen Atomtests.
4. September: Einem Bericht der DDR-Volkspolizei zufolge sind in den ersten drei Wochen nach der Grenzabriegelung 6.041 Menschen wegen kritischer Äußerungen gegen den Mauerbau verhaftet worden.
Die FDJ ruft mit einer Aktion "Blitz kontra NATO-Sender" ("Aktion Ochsenkopf") zum Kampf gegen den Empfang des West-Fernsehens auf: "Seid ihr startklar zur großen Blitzaktion gegen Ochsenköpfe und geistiges Grenzgängertum?" Die Drehrichtung der Radio- und Fernsehantennen auf den Dächern lasse erkennen, wo "geistige Grenzgänger" wohnten. Vielen, die in den folgenden Wochen nicht freiwillig auf Westfernsehen verzichten, wird die Antenne abgesägt oder gewaltsam in "Richtung Sozialismus und Frieden" gedreht.
5. September: KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow übermittelt US-Präsident Kennedy auf informellem Weg sein Interesse, die Berlin-Krise beizulegen.
9. September: Viele West-Berliner Betriebe sind durch den Ausfall von rund 60.000 Beschäftigten aus Ost-Berlin und dem Berliner Umland, den sogenannten Grenzgängern, in eine schwierige wirtschaftliche Lage geraten. 1.700 West-Berliner verlassen zudem pro Woche die geteilte Stadt, weil sie weitere Schikanen der DDR und der Sowjetunion befürchten. Die Bundesregierung sagt West-Berlin umfassende Unterstützung zu: direkte finanzielle Hilfeleistungen zugunsten des Berliner Landeshaushalts, steuerliche Begünstigungen und Investitionsfördermaßnahmen. Zugleich sorgen viele Städte und Gemeinden der Bundesrepublik für schnelle und uneigennützige Hilfe. So schicken die Nahverkehrsbetriebe von Frankfurt, Hamburg, Stuttgart, München und Kiel Personal und Fahrzeuge nach West-Berlin, um die Folgen der Unterbrechung von Bus- und U-Bahnlinien sowie des S-Bahn-Boykotts zu bewältigen.
12. September: Die Volkspolizei-Inspektion Berlin-Mitte würdigt in einem Auswertungsbericht über ihren Einsatz am 13. August 1961 ausdrücklich die Unterstützung des Mauerbaus durch DDR-Schriftsteller und -Künstler: "Viele Künstler stellten sich zur Verfügung, um vor den Kämpfern aufzutreten. (...) Außerordentliche Bereitschaft bewies Mathilde Dannecker, die mehrmals in den Objekten rezitierte, ebenso Ludwig Thurek, Karl Mundstock, Peter Minetti, Bruno Apitz, Stefan Hermlin, Bodo Uhse, Wolfgang Neuhaus u.a. besuchten Kampfgruppen-Einheiten am Brandenburger-Tor, Potsdamer Platz, Köpenicker Str., Brunnenstr. und erhielten so wichtige Impulse für ihr eigenes Schaffen. Es wurde von ihnen bedauert, daß sie nicht schon am 13.8.1961 dabei gewesen sind."
12. September: Der FDGB-Bundesvorstand propagiert das sogenannte Produktionsaufgebot: Alle "Werktätigen" sollen sich verpflichten, "in der gleichen Zeit für das gleiche Geld mehr zu produzieren".
13. September: US-Präsident Kennedy gibt bekannt, dass der amerikanische Außenminister Dean Rusk im Rahmen der Ende September in New York stattfindenden 16. Tagung der Vollversammlung der Vereinten Nationen mit dem sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko über Deutschland, Berlin und andere Probleme sprechen wird.
Führende britische Politiker und Intellektuelle bekunden der Bevölkerung von West-Berlin aus "leidenschaftlicher Sorge um die Zukunft der Freiheit in Berlin", "daß wir ihre Bürgerrechte und demokratischen Einrichtungen unterstützen, ebenso wie ihr Bestreben, nicht das Opfer einer aggressiven Machtpolitik und freiheitsfeindlicher Neuordnungsversuche zu werden".
14. September: Zwei Jagdbomber der Bundeswehr geraten im Rahmen eines Übungsfluges in den Luftraum der DDR. Die Maschinen landen auf dem West-Berliner Flughafen Tegel. Als Grund werden menschliches und technisches Versagen angegeben. Der Vorfall verschärft die ohnehin angespannte Lage.
Der Oberkommandierende der Streitkräfte der sowjetischen Truppen in der DDR, Marschall Konjew, unterbreitet dem Minister für Nationale Verteidigung, Armeegeneral Hoffmann, Vorschläge zur Verstärkung der Grenzsicherung an der innerdeutschen Grenze. Zu den Vorschlägen gehören auch Pläne zur Verminung der Grenze. Der Befehl 85/61 des Verteidigungsministers vom 19. Oktober 1961 setzt die vorgeschlagenen Maßnahmen Konjews dann konkret um.
15. September: Die bisher dem DDR-Innenministerium unterstellten, etwa 40.000 Mann starken Einheiten der Deutschen Grenzpolizei werden als "Grenztruppen der DDR" in das DDR-Verteidigungsministerium eingegliedert. Damit sind die Grenztruppen de facto eine Teilstreitkraft der Nationalen Volksarmee (NVA). - Eine Ausnahme bilden die bisherige 5. Grenzbrigade (Groß Glienicke) sowie das Sicherungskommando des Präsidiums der Volkspolizei Berlin (Berlin-Karlshorst), die per Befehl des DDR-Innenministers vom 6. September 1961 zur 1. und 2. Grenzbrigade umgebildet worden sind und weiterhin dem Kommandeur der Bereitschaftspolizei des DDR-Innenministeriums unterstehen. Erst im August 1962 werden diese Ost-Berliner Grenzeinheiten ebenfalls in die Nationale Volksarmee eingegliedert.
16. September: SED-Chef Walter Ulbricht erstattet Nikita Chruschtschow Bericht über den Mauerbau: "Die Durchführung des Beschlusses über die Schließung der Grenze um Westberlin ist planmäßig erfolgt. Jetzt wird an der weiteren Befestigung der Grenze gebaut. Die Taktik, schrittweise die Maßnahmen durchzuführen hat es dem Gegner erschwert, sich über das Ausmaß unserer Maßnahmen zu orientieren." In seinem Antwortschreiben fordert der Kreml-Chef Ulbricht Ende September nachdrücklich dazu auf, keine weiteren Zuspitzungen an der Grenze, besonders in Berlin, herbeizuführen: "Unter den gegenwärtigen Bedingungen, da die Maßnahmen zur Sicherung und Kontrolle der Grenzen der DDR mit Westberlin erfolgreich durchgeführt wurden, da die Westmächte zu Verhandlungen neigen und in New York bereits Kontakte zwischen der UdSSR und den USA aufgenommen wurden, sollten Schritte vermieden werden, die die Situation verschärfen könnten, besonders in Berlin."
17. September: Die CDU verfehlt bei der Wahl zum 4. Deutschen Bundestag mit 45,3 Prozent die absolute Mehrheit. Die SPD verbessert sich um 4,4 Prozentpunkte auf 36,2 Prozent. Wahlsieger ist die FDP, die ihren Stimmenanteil von 5,1 Prozent auf 12,8 Prozent erhöht. CDU, CSU und FDP gehen nach mehrwöchigen, langwierigen Verhandlungen eine Regierungskoalition ein.
In der DDR findet die seit Wochen mit großem Propaganda-Aufwand als "Friedenswahl" vorbereitete Kommunalwahl statt. Die "Kandidaten der Nationalen Front" werden mit 99,96 Prozent gewählt.
19. September: Der Sonderbotschafter von US-Präsident Kennedy, General Lucius D. Clay, landet am späten Nachmittag auf dem West-Berliner Flughafen Tempelhof. Hunderttausend West-Berliner bejubeln seine Ankunft. Die US-Diplomaten und –Militärs hingegen betrachten seine Mission eher skeptisch, da sein Status quer zu den Regeln der diplomatischen und militärischen Hierarchien liegt.
20. September: Seit dem 13. August 1961 haben die DDR-Behörden 216 gewaltsame Grenzdurchbrüche mit insgesamt 417 Personen registriert. Während einer Besprechung des "Zentralen Stabes" für den Mauerbau erklärt dessen Leiter Erich Honecker, dass in den Straßen Ost-Berlins oder des Berliner Umlandes zu West-Berlin, in denen die Grenzlinie entlang der Hausgrundstücke verläuft und noch die Möglichkeit des Abseilens aus Wohnungen besteht, "eine vollständige Räumung oder schnellere Räumung unzuverlässiger Elemente" erfolgen müsse. Honecker weiter: "Gegen Verräter und Grenzverletzer ist die Schußwaffe anzuwenden. Es sind solche Maßnahmen zu treffen, daß Verbrecher in der 100-m-Sperrzone gestellt werden können. Beobachtungs- und Schußfeld ist in der Sperrzone zu schaffen. Mit den Vorständen der LPG ist festzulegen, daß in der 100 m Sperrzone nur niedrige Kulturen anzubauen sind. Zu beschleunigen ist die Aussiedlung feindlicher und schwankender Elemente."
20. September: Entlang der Berliner Sektorengrenze werden Häuser zwangsgeräumt, die in unmittelbarer Nähe der Grenze liegen und gute Fluchtmöglichkeiten bieten. So werden an diesem Tag allein in der Harzer Straße zwischen den Berliner Stadtbezirken Treptow und Neukölln zwanzig Mietshäuser mit rund 250 Familien zwangsweise geräumt.
Die DDR-Volkskammer verabschiedet ein "Gesetz zur Verteidigung der DDR" (Verteidigungsgesetz). Damit sichert sich die SED-Führung nahezu uneingeschränkte Notstandsrechte: "Der Staatsrat der Republik", heißt es in dem Verteidigungsgesetz, "kann in Wahrnehmung seiner Rechte aus dem Artikel 106 der Verfassung für die Dauer des Verteidigungszustandes die Rechte der Bürger und die Rechtspflege in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der Verteidigung der Republik abweichend von der Verfassung regeln."
22. September: Der Leipziger Philosoph Ernst Bloch, der sich schon vor dem Mauerbau in der Bundesrepublik aufhielt, kündigt an, in der Bundesrepublik bleiben zu wollen: "Nach den Ereignissen vom 13. August, die erwarten lassen, daß für selbständig Denkende überhaupt kein Lebens- und Wirkungsraum mehr bleibt, bin ich nicht mehr gewillt, meine Arbeit und mich selber unwürdigen Verhältnissen und der Bedrohung, die sie allein aufrechterhalten, auszusetzen. Mit meinen 76 Jahren habe ich mich entschieden, nicht nach Leipzig zurückzukehren."
25. September: Die seit Tagen laufenden Zwangsräumungen in der Bernauer Straße nehmen dramatische Formen an. Einige Bewohner retten sich mit einem Sprung aus dem Fenster ihrer Wohnungen auf West-Berliner Gebiet.
Die 77 Jahre alte Frieda Schulz wird von Mitgliedern der Betriebskampfgruppen festgehalten. West-Berliner klettern das Sims ihres Hauses hinauf und befreien sie, so dass sie sich in ein Sprungtuch der West-Berliner Feuerwehr fallen lassen kann.
Für die achtzigjährige Olga Segler aus der Bernauer Straße 34 endet der Sprung tödlich. Sie erliegt am folgenden Tag den inneren Verletzungen, die sie sich beim Sprung zugezogen hat. Fünfzehn Personen seien im Verlauf des Einsatzes "zugeführt" worden, heißt es in einem internen Bericht des Ersten Sekretärs der SED-Kreisleitung Berlin-Mitte, Kurt Thieme, der zudem vorschlägt: "Nach unserer Übersicht müssen wir darauf orientieren, alle Mieter der Bernauer Str., Luckauer Str. und Liesenstraße umzuziehen. Eher wird es in diesem Gebiet, was die Grenzdurchbrüche betrifft, keine Ruhe geben."
Unter der Überschrift "Ruhiges Wohnen nach Umzug" berichtet das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" zwei Tage darauf über die Zwangsräumungen: "140 Familien sind am vergangenen Sonntag aus der Bernauer Straße umgezogen. Die ständigen Provokationen aufgewiegelter Rowdys und bestellter Kameramänner unter dem Schutz gezogener Pistolen der Frontstadtpolizei hatten ihnen das Wohnen an dieser Stelle unserer Staatsgrenze unmöglich gemacht."
26. September: In seiner Rede vor den Vereinten Nationen lobt der sowjetische Außenminister Gromyko die DDR und verdammt die Bundesrepublik. Die Geschichte der DDR sei "eine Geschichte des Kampfes um den Sieg der Ideen der Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen den Staaten". Hinter der demokratischen Fassade der Bundesrepublik Deutschland dagegen wirkten die Kräfte, die "seinerzeit den Faschismus großgezogen" hätten, an der Entfesselung des zweiten Weltkrieges schuld waren und heute nur darauf warteten, "um Revanche für den verspielten Krieg zu nehmen". Der einzige Ausweg aus dieser Lage, um die Gefahr eines Kriegsausbruches im Zusammenhang mit der Lage in Deutschland zu vermeiden, sei der Abschluss eines deutschen Friedensvertrages. Die "Selbstbestimmung der Deutschen" dagegen sei ein "imperialistisches Gericht", was nichts mit den "echten nationalen Interessen des deutschen Volkes" zu tun habe. – Während seiner vertraulichen Gespräche mit US-Außenminister Dean Rusk lässt Gromyko dagegen erkennen, dass für Moskau das Thema Friedensvertrag mit der DDR nicht mehr im Mittelpunkt der sowjetischen Interessen steht.
28. September: In der Weddinger Bezirksverordnetenversammlung verliest Bürgermeister Matthes den an eine Klassenkameradin gerichteten Brief einer Ost-Berliner Schülerin, die bis zum 13. August 1961 eine West-Berliner Schule besucht hatte. Die Schülerin fordert ihre Klassenkameraden auf, die durch den Mauerbau entstandene Situation nicht einfach hinzunehmen.
Mehrere hundert Grenzpolizisten und Pioniere ebnen auf einem Laubengelände an der Berliner Sektorengrenze im Bezirk Johannisthal einen Streifen von 100 Meter Breite ein. Auch die winterfesten Lauben müssen dem Todesstreifen weichen und werden dem Erdboden gleich gemacht.
29. September: Wie an den Sektorengrenzen von West-Berlin werden auch an der innerdeutschen Grenze seit Tagen Häuser geräumt, um den Todesstreifen zu verbreitern. Die eigentliche Großaktion steht Tausenden von DDR-Bewohnern an der Grenze zur Bundesrepublik aber noch bevor; sie wird am 3. Oktober 1961 stattfinden. RIAS berichtet vom Abbruch der Häuser des Ortes Rottenbach der thüringischen Gemeinde Judenbach und spricht mit Augenzeugen.
Pressestimmen Ost
"An der Mauer hat ein ganzes Volk gebaut", schreibt Bernt F. Kügelken im Ost-Berliner "Sonntag" vom 17.9.1961. "Entlang der Bernauer Straße - um ein Beispiel zu nennen - ist sie das gemeinsame Werk von Historikern, Philologen, Ökonomen und Medizinern aus der Akademie der Wissenschaften, von Filmleuten der DEFA und Steinsetzern eines volkseigenen Straßenbaubetriebes, von Journalisten und Exportkaufleuten. Sie lernten als Mitglieder der Kampfgruppen in einer Art Blitzkursus mit Stein und Kalk umzugehen und schichteten die Quader aufeinander. Auch die Redakteure des ‚Sonntag’ bauten dort an dieser Mauer."
"Worin besteht die humanistische Aufgabe und Forderung der Gegenwart?", fragt Kurt Hager, für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur zuständiger ZK-Sekretär und Kandidat des SED-Politbüros, im Organ der SED-Bezirksleitung Berlin, der "Berliner Zeitung", am 17. September 1961 und fährt fort: "Heinrich Mann schrieb einmal: ‚Humanisten taugen erst dann etwas, wenn sie, anstatt nur zu reden, auch zuschlagen.’ Am 13. August handelte die Arbeiter-und-Bauern-Macht nach diesem Rat des großen Humanisten und machte einen dicken Strich durch die Rechnung der westdeutschen Kriegsbrandstifter. Der 13. August war ein reinigendes Gewitter. Er machte ein für allemal klar (...), daß keinerlei Möglichkeit besteht, weder heute noch morgen, noch in Zukunft in der DDR die Herrschaft des Kapitalismus wieder aufzurichten. Der Sozialismus ist stärker und unerschütterlich. Der 13. August zeigte, daß es ein neues Kräfteverhältnis in Deutschland gibt. (...) Natürlich erfordern die Maßnahmen, die zur Sicherung des Friedens getroffen wurden und werden, auch von der Intelligenz eine reale Einschätzung der Lage und ein Verständnis für die neue Situation. Sie erfordern die Überprüfung vieler Auffassungen, die sich als irreal erwiesen haben. Sie erfordern von manchem Wanderer zwischen zwei Welten oder Zaungast der Geschichte eine Umorientierung auf die ehrliche Mitarbeit am Aufbau des Sozialismus."
Der DDR-Schriftsteller Stefan Heym begrüßt in der Ost-Berliner "Wochenpost" vom 23. September 1961 unter der Überschrift "Verantwortung" die Wiederaufnahme der sowjetischen Atomwaffentests: "Die große Hoffnung der Menschheit, zu überleben – man soll das einmal offen sagen – liegt darin, daß die B-52-Bomber der US-Air-Force in die militärische Mülltonne gehören, daß ihre Raketen zu neunzig Prozent abschießbar sind und das die Amerikaner in den wichtigsten Sparten moderner Waffentechnik hinterherhinken. Wenn sie sich als an den Genfer Verhandlungstisch setzen, so in dem Gedanken, die Zeit des Hin- und Herredens zu nutzen, um die Raketenlücke zu schließen und mit Projekten wie der Neutronenbombe voranzukommen, die allerdings die Erfüllung der Wunschträume aller imperialistischen Strategen wäre, von den Stabschefs im Pentagon bis herab zu Herrn Franz Josef Strauß. (...) Die sowjetischen Tests, von Chruschtschow angekündigt, dienen dazu, solche Wunschträume zerflattern zu lassen. Sie erinnern Träumer dieser Art daran, daß es ihre Fabriken, ihre Maschinen, ihre schönen Villen sein würden, die der Vernichtung anheimfallen, und daß kein Bunker, keine Höhle, kein Tunnel tief genug wäre, ihre werte Person zu schützen. (...) Aber, so könnte einer einwenden, warum dieser Zeitpunkt! Konnte man nicht warten, bis die Amerikaner wieder mit den Tests begannen? Ihnen den schwarzen Peter zuschieben? Es ist anzunehmen, daß man sich auch in Moskau über den Zeitpunkt Gedanken gemacht hat. Vielleicht sehen wir die Dinge richtiger, wenn wir voraussetzen, daß es sich hier nicht um "schwarze Peter" handelt, und wenn wir die Erklärung der sowjetischen Regierung über die Wiederaufnahme von Kernwaffenversuchen betrachten im Zusammenhang mit der Mauer quer durch Berlin und mit den siebzehn Erdumkreisungen des Majors Titow. Dann wird die Botschaft klar: Bis hierher und nicht weiter."
Pressestimmen West
In der "New York Herald Tribune" vom 19. September 1961 fordert der amerikanische Kolumnist Walter Lippmann angesichts der physischen Teilung Deutschlands, die durch den Mauerbau - den die gesamte NATO-Allianz hingenommen habe - zur vollständigen Tatsache geworden sei, "neue Entscheidungen". Die Tatsache der Teilung, die der Westen bisher nicht zugegeben habe, sei anzuerkennen. "Die Entscheidung, der sich die Westdeutschen gegenübersehen, ist, ob sie sich völlig und mit ganzem Herzen zum Westen bekennen – zur NATO, zum Gemeinsamen Markt, zu den Vereinten Nationen und zu dem Gewebe politischer und kultureller Verbindungen, die die westliche Gesellschaft ausmachen. Oder ob sie beim Westen bleiben, aber mit geistigen Vorbehalten wie beispielsweise dem, die Wiedervereinigung von den Sowjets erhandeln zu wollen. Ich meine nicht, daß die Deutschen auf die Wiedervereinigung verzichten können oder sollen. Aber sie werden lange darauf warten müssen, und es wird vieles geschehen müssen, um sie endlich möglich zu machen."
In der "Christ und Welt" vom 22. September 1961 kommentiert Sebastian Haffner die Zäsur des 13. August 1961: "Was man in der Bewegtheit des täglichen Geschehens vielleicht gar nicht so bemerkt hätte, das stürzt einem nach einer Zäsur von vier Wochen mit voller Wucht ins Auge: die epochale Veränderung, welche die Katastrophe des 13. August bewirkt hat. Das Katastrophale, Weltverändernde war nicht Ulbrichts Aktion: Die lag in der Luft, wenn man sie auch eigentlich erst nach dem Friedensvertrag erwartet hatte. Das Katastrophale, immer noch hohl Nachhallende, war die absolute westliche Passivität, die vollkommene Ratlosigkeit, Hilflosigkeit und Verständnislosigkeit, mit der sich die Berliner Schutzmächte, darunter die immer noch materiell stärkste Macht der Erde, Amerika, wie ein überzahmer Pudel den Knochen aus dem Maul nehmen ließen. Das bis zur Geistesgestörtheit ahnungslose Kommuniqué, mit dem Mr. Rusk (den ich vor zehn Jahren als einen liebenswürdigen Ministerialbeamten gekannt habe) noch am selben Abend das Ungeheuerliche beruhigt quittierte, diese fast erleichterte, fast erfreute Feststellung, daß sich die Maßnahme ja nur gegen die Ost-Berliner und Ostdeutschen richtete, machte aller Welt klar, daß die gegenwärtigen Führer Amerikas sich wichtigste Rechte nicht nur widerstandslos wegnehmen lassen, daß sie es nicht einmal merken, wenn man sie ihnen wegnimmt. Seitdem ist nichts mehr dasselbe, was es vorher war: wir leben in einer veränderten, sehr zum Argen veränderten Welt. (...) Der Westen agiert nicht mehr in Berlin. Allenfalls reagiert er; oft nicht einmal das. Das ist außerordentlich verbitternd."
Unter der Frage "Warum der 13. August vermeidbar gewesen wäre?" behauptet Marion Gräfin Dönhoff in der "Zeit" vom 29. September 1961: Wenn die NATO-Außenministerkonferenz, die vom 5.-8. August 1961 in Paris tagte, einen festen Fahrplan für Ost-West-Besprechungen vorgelegt hätte, wie Amerikaner und Engländer dies ursprünglich beabsichtigt hätten, "so hätte Chruschtschow sicher nicht fünf Tage später das Risiko auf sich genommen, den Vier-Mächte-Status Berlins einseitig und mit Gewalt zu brechen - denn damals hielt er das noch für ein Risiko."


