Chronik

September 1989

Ein junges Paar aus der DDR kommt nach Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze im Flüchtlingslager Csilleborc bei Budapest an, 4.9.1989

Ohne um Erlaubnis in Moskau zu bitten, öffnet die ungarische Regierung in diesem Monat ihre Grenze zu Österreich für DDR-Bürger - und reißt damit das erste Loch in die Mauer.

4. September: Im Anschluss an das montägliche Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche findet eine Demonstration von etwa 1.200 Menschen statt. Ausreisewillige Demonstranten skandieren: "Wir wollen raus!" und fordern freie Fahrt nach Gießen. In Böhlen treffen sich Vertreter einer sozialistischen Opposition und verabschieden einen Appell "Für eine vereinigte Linke in der DDR", der für eine radikale sozialistische Erneuerung plädiert und dafür in der DDR und in der CSSR die besten wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen sieht.

DDR-Bürger warten am Abend des 10. September 1989 auf die Öffnung der Grenze zwischen Österreich und Ungarn

8. September: Aufgrund von Zusicherungen von DDR-Rechtsanwalt Vogel verlassen alle DDR-Bürger die Ständige Vertretung in Ost-Berlin. Sie wird anschließend für den Besucherverkehr geschlossen. – In Budapest gelingt es Stasi-Mitarbeitern nicht, Ausreisewillige zur Rückkehr in die DDR zu bewegen.

9. September: Wie die "Tagesschau" erfahren hat, soll die Ausreise der DDR-Flüchtlinge aus Ungarn unmittelbar bevorstehen.

10./11. September 1989: Ungarn öffnet die Grenze zu Österreich für DDR-Bürger

10. September: Die ungarische Regierung öffnet in der Nacht zum 11. September die Grenze zu Österreich für DDR-Bürger. Zehntausende von DDR-Bürgern reisen in den nächsten Tagen und Wochen über Österreich in die Bundesrepublik aus. KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow bestätigt später, dass die Ungarn für diesen Schritt nicht mehr in Moskau um Erlaubnis gebeten hatten.

DDR-Bürger passieren die ungarisch-österreichische Grenze, 11.9.1989

11. September: Erneutes Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche; die Volkspolizei sperrt den Nicolaikirchhof ab, um eine Demonstration zu verhindern. Zahlreiche Menschen werden verhaftet.

12. September: Als wichtigste Frage wird auf der dienstäglichen Politbüro-Sitzung von Günter Mittag, der den erkrankten Honecker vertritt, thematisiert, wie "das Loch Ungarn zuzumachen" sei, denn die Beantragung von Reisen nach Ungarn ist überall in der DDR sprunghaft angestiegen. Um "schwere Einbußen" an Bürgern zu vermeiden, schlägt Mittag vor, "die Ausreisen nicht mehr so global durchzuführen wie bisher. Wieso müssen die wackligen Kandidaten fahren? Diese interne Regelung darf allerdings nicht unsere Partei und die Masse der Bevölkerung betreffen. Wir würden sie verärgern. MfS und MdI sollen diese Maßnahmen durchführen."

Noch am gleichen Tag befiehlt Stasi-Minister Mielke einen "Maßnahmeplan zum rechtzeitigen Erkennen und zur vorbeugenden Verhinderung des Missbrauchs von Reisen nach der bzw. durch die Ungarische Volksrepublik". Er sieht vor, dass alle Reiseanträge nach Ungarn, Bulgarien und Rumänien zentral von der Stasi überprüft werden. Auf der Grundlage des über die Antragsteller gesammelten Materials "hat die erfassende Diensteinheit zu entscheiden, ob gegen die Genehmigung der Reise aus sicherheitspolitischen Gründen Einspruch zu erheben ist." Dieser Einspruch sei gegen die Volkspolizei als eigentlich zuständiger Behörde durchzusetzen.

12. September: Auf Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) trifft der FDGB-Vorsitzende Harry Tisch in der Bundesrepublik ein. Von Journalisten auf die Fluchtwelle aus der DDR angesprochen, fordert er verärgert unter anderem ein Ende der "Schlammschlacht".

14. September: In Bonn gibt der Erfurter Pfarrer Edelbert Richter die Gründung der DDR-Oppositionsgruppe "Demokratischer Aufbruch" bekannt, die sich für eine "sozialistische Gesellschaftsordnung auf demokratischer Basis" ausspricht und unter anderem für Menschenrechte, Reisefreiheit, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit und freie Wahlen in der DDR eintritt. – Der West-Berliner Senat berät über die zunehmende Zahl von DDR-Flüchtlingen und deren Unterbringung. Es soll alles unternommen werden, um Notquartiere bereitzustellen.

Leipzig, 18. September 1989: Volkspolizei sperrt die Zugangswege zum Nicolaikirchhof ab

18. September: Hunderte von Demonstranten gehen in Leipzig im Anschluss an das Friedensgebet in der Nikolaikirche auf die Straße. "Wir bleiben hier!", lauten die Sprechchöre, und nicht mehr, wie in den zurückliegenden Wochen: "Wir wollen raus!" Zahlreiche Demonstranten werden festgenommen. – Rockmusiker, Liedermacher und Unterhaltungskünstler fordern angesichts der Fluchtbewegung in einer öffentlichen Resolution Demokratisierung und Reformen, die den Sozialismus möglich machen; feiges Abwarten liefere "gesamtdeutschem Denken Argumente und Voraussetzungen".

Leipzig, 18. September 1989: Menschen vor der Kette der Volkspolizei

19. September: Das Neue Forum, das am 10. September mit einem Gründungsaufruf an die Öffentlichkeit getreten ist, beantragt als erste oppositionelle Gruppierung die Zulassung als Bürgervereinigung. Zwei Tage später lehnt das Innenministerium den Antrag mit der Begründung ab, das Neue Forum stelle eine "staatsfeindliche Plattform" dar. Den Aufruf des Neuen Forum haben bis zu diesem Zeitpunkt 3.000 Menschen unterschrieben.

Die Synode des Evangelischen Kirchenbundes verabschiedet in Eisenach einen Beschluss, in dem sie eine pluralistische Medienpolitik, demo­kratische Parteienvielfalt, Reisefreiheit für alle Bürger, wirtschaftliche Reformen und Demonstrationsfreiheit als "längst überfällige Reformen" einklagt.

20. September: Die Bonner Botschaft in Warschau muss wegen Überfüllung geschlossen werden. - Das ZK der KPdSU verabschiedet eine Erklärung zur Nationalitätenpolitik, in der den Republiken wirtschaftliche Selbstständigkeit versprochen wird.

22. September: Fest entschlossen, allen Demonstrationen und "Provokationen" ein schnelles Ende zu bereiten, weist Erich Honecker die Ersten Sekretäre der SED-Bezirksleitungen in einem Fernschreiben an, "dass diese feindlichen Aktionen im Keime erstickt werden müssen, dass keine Massenbasis dafür zugelassen wird." Zugleich sei Sorge dafür zu tragen, "dass die Organisatoren der konterrevolutionären Tätigkeit isoliert werden."

24. September: Die Botschaft der Bundesrepublik in Prag wird zum Sammelpunkt für DDR-Flüchtlinge, weil die CSSR die Kontrollen an der Grenze zu Ungarn verschärft.

25. September 1989: Menschen auf dem Hof der Nikolaikirche, kurz vor Beginn der Demonstration

25. September: Auf der Montagsdemonstration in Leipzig fordern 5.000 bis 8.000 Demonstranten demokratische Reformen und die Zulassung des Neuen Forum. Die Ausreisewilligen unter den Demonstranten sind jetzt zur Minderheit geworden.

26. September: Der stellvertretende Stasi-Minister Rudolf Mittig ruft die stellvertretenden Chefs der MfS-Bezirksverwaltungen zusammen und gibt als Parole aus, die "feindlich-oppositionellen Zusammenschlüsse" mit dem Ziel der Zerschlagung "operativ zu bearbeiten". Das MfS solle in diesen Gruppen - nicht zuletzt mit seinen darin vertretenen inoffiziellen Mitarbeitern - Grabenkämpfe forcieren, Misstrauen säen, die Mitglieder aufsplittern und versuchen, die Politisierung der Gruppen durch das Aufwerfen von Organisations- und Strukturfragen stoppen.

25. September 1989: Demonstrationszug dreht auf dem Tröndlinring um und läuft zurück zum Hauptbahnhof

Ebenfalls an diesem Tag befiehlt Honecker zur "Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung" und "zur Verhinderung von Provokationen unterschiedlicher Art" für den 40. Jahrestag der DDR die Herstellung der Führungsbereitschaft der Bezirkseinsatzleitung Berlin sowie der Kreiseinsatzleitungen der Berliner Stadtbezirke. Auf der Grundlage dieses Befehls bringt Verteidigungsminister Keßler am nächsten Tag vorsorglich die Nationale Volksarmee für die Zeit vom 6. bis zum 9. Oktober befehlsmäßig für einen Einsatz in Berlin in Stellung.

27. September: Die CSSR-Regierung erklärt, dass es für die mittlerweile mehr als 900 Prager Botschaftsbesetzer keine ungarische Lösung geben werde.

29. September: Gewerkschaftsmitglieder aus dem VEB Bergmann-Borsig, einem Berliner Großbetrieb, verleihen gegenüber dem FDGB-Vorsitzenden und Politbüromitglied Harry Tisch ihrer Empörung Ausdruck, "die Abkehr so vieler unserer Menschen ausschließlich als Machwerk des Klassengegners zu entlarven, bei dem diese DDR-Bürger nur Opfer oder Statisten sein sollen." Wie Rockmusiker und Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler und auch Vertreter der Blockparteien fordern sie die SED zum öffentlichen Dialog mit allen Kräften in der Gesellschaft auf.

30. September: Die DDR lenkt im Prager Botschaftskonflikt auf sowjetischen Druck hin ein: Außenminister Genscher und Kanzleramtsminister Seiters reisen nach Prag und verkünden die Ausreiseerlaubnis für die Botschaftsbesetzer. In verriegelten Sonderzügen werden einige tausend DDR-Flüchtlinge über das Territorium der DDR in die Bundesrepublik gebracht.