Chronik

Überblick 1962

Das Brandenburger Tor in Berlin, März 1962

24. Januar: 28 Männer, Frauen und Kinder fliehen durch einen unter der Mauer gegrabenen Tunnel nach West-Berlin. Ein nach West-Berlin geflüchteter DDR-Grenzsoldat berichtet über die Situation der Grenze und in der DDR.

22. Februar: Der amerikanische Justizminister Robert Kennedy, Bruder von US-Präsident John F. Kennedy, besucht West-Berlin und fährt mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt an die Mauer zum Potsdamer Platz und zum Brandenburger Tor.

Das Brandenburger Tor in Berlin: Blick aus dem Reichstagsgebäude (März 1962)

22. März: Die DDR-Regierung führt Reisevisa für Bundesbürger ein, die in die DDR einreisen wollen.

3. April: Nach der Verabschiedung des Wehrpflichtgesetzes durch die Volkskammer treten die ersten Wehrpflichtigen der DDR ihren Dienst bei den Grenztruppen an.

5. Mai: Zwölf Senioren graben sich im Mai 1962 ihren Weg nach West-Berlin: Von einem Hühnerstall in der Oranienburger Chaussee in Glienicke/Nordbahn führt sie der 32 Meter lange Tunnel nach Frohnau.

„Bequem und ungebeugt in die Freiheit gehen“: Gelungene Senioren-Tunnelflucht von Glienicke/Nordbahn nach Berlin-Frohnau, 5. Mai 1962


23. Mai: Der 15jährige Schüler Wilfried Tews aus Erfurt versucht am Ost-Berliner Invalidenfriedhof durch den Spandauer Schifffahrtskanal zu fliehen. Er wird von Grenzpolisten unter Beschuss genommen und erreicht schwer verletzt das West-Berliner Ufer.

US-Justizminister Robert Kennedy und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, an der Mauer/Sektorengrenze am Potsdamer Platz, 22. Februar 1962

West-Berliner Polizisten erwidern das Feuer, nachdem Kugeln von DDR-Grenzsoldaten auf ihrer Seite eingeschlagen sind. Bei dem Versuch, sich in eine bessere Schussposition zur Tötung des Jungen zu bringen, wird der DDR-Unteroffizier Peter Göring von einem Querschläger getroffen und tödlich verletzt.

26. Mai: Eine Gruppe junger West-Berliner, die auch aktiv Fluchthilfe leistet, unternimmt in der Nacht den bis dahin größten Sprengstoffanschlag auf die Mauer: An der Bernauer/Ecke Schwedter Straße reißt die Explosion ein mehrere Quadratmeter großes Loch in das Betonwerk.

US-Justizminister Robert Kennedy und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, an der Mauer/Sektorengrenze am Brandenburger Tor, 22. Februar 1962

27. Mai: Der 24-jährige Maurer Lutz Haberlandt wird bei dem Versuch, in der Nähe der Ost-Berliner Charité die Mauer zu überwinden und nach West-Berlin zu flüchten, von Transportpolizisten erschossen.

5. Juni: Der 17-jährige Axel Hannemann versucht, durch die Spree nach West-Berlin zu entkommen und wird dabei von Grenzpolizisten erschossen. "Wenn Ihr diesen Brief lest, habe ich unseren Staat verlassen oder .....", schreibt er in einem Abschiedsbrief. "Bitte verzeiht mir, wenn Ihr es könnt. Ich habe keinen anderen Ausweg. Den Grund schreibe ich Euch, wenn ich es geschafft habe. (...) Grüße und Küsse."

Bernauer-/Ecke Schwedter Straße in Berlin: Nach einem Sprengstoffanschlag wird die Mauer wieder instand gesetzt, 26. Mai 1962


8. Juni: Mehr als zehn Ost-Berliner kapern einen Ausflugsdampfer der Weißen Flotte, überqueren im Kugelhagel von DDR-Grenzern die Spree und erreichen unverletzt das West-Berliner Ufer. Die West-Berliner Polizei, die dabei ebenfalls beschossen wird, erwidert das Feuer.

10. Juni: Der 13-jährige Schüler Wolfgang Glöde wird bei dem Versuch erschossen, von Berlin-Treptow nach West-Berlin zu fliehen.

Hinter der Osthafen-Mole dreht das Schiff abrupt bei und steuert mit voller Kraft auf das West-Berliner Ufer zu – alle Flüchtlinge springen unverletzt von Bord. Gelungene Flucht mit dem Fahrgastschiff „Friedrich Wolf“, 8. Juni 1962


12. Juni: Durch einen Tunnel gelangen 34 Ost-Berliner nach West-Berlin.

18. Juni: Der DDR-Grenzsoldat Reinhold Huhn wird von dem westdeutschen Fluchthelfer Rudolf Müller erschossen, als er sich 22 Ost-Berlinern, die durch einen Tunnel nach West-Berlin flüchten wollen, entgegenstellt. Nur vier Personen gelingt die Flucht. Die westliche Seite behauptet unmittelbar nach der Flucht, dass Reinhold Huhn aus Versehen von einem Kameraden erschossen worden sei. Nach dem Fall der Mauer 1989 muss sich Müller wegen der Tötung eines DDR-Grenzsoldaten vor Gericht verantworten; im Jahr 2000 wird er wegen Mord zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

13. August: Erster Jahrestag der Errichtung der Mauer.

14. August: Bei einem bis heute ungeklärten Grenzzwischenfall auf dem Gebiet der DDR in Wiesenthal bei Bad Salzungen wird der Hauptmann der DDR-Grenztruppen, Rudi Arnstädt, vermutlich von Beamten des Bundesgrenzschutzes erschossen.

Peter Fechter, hilflos im Todesstreifen verblutend, 17. August 1962

17. August: Der 18jährige Bauarbeiter Peter Fechter wird bei einem Fluchtversuch an der Mauer angeschossen und verblutet im Grenzstreifen, da ihm weder von östlicher noch von westlicher Seite Hilfe geleistet wird. Während der Nacht und in den folgenden Tagen kommt es zu Protestkundgebungen und Krawallen empörter West-Berliner gegen die Mauer und gegen die Untätigkeit der amerikanischen Schutzmacht.

Der amerikanische Stadtkommandant, Generalmajor Albert E. Watson, bezeichnet den Vorgang am 18. August als "einen Akt barbarischer Unmenschlichkeit". Ab dem 21. August wird am Checkpoint Charlie ein Ambulanzwagen der Alliierten stationiert.

Demonstration der Berliner Bevölkerung gegen den Mord an Peter Fechter - und gegen die Untätigkeit der westlichen Alliierten, 18. August 1962

23. August: Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS gibt bekannt, dass die Kommandantur der Garnison der sowjetischen Truppen in Berlin auf Beschluss der sowjetischen Regierung aufgelöst wird. Anstelle des sowjetischen werde ein deutscher Stadtkommandant (Generalmajor Helmut Poppe) mit Sitz in Berlin-Karlshorst für Ost-Berlin eingesetzt. Alle Grenztruppenverbände sind von nun an dem Ministerium für Nationale Verteidigung unterstellt.

Das Verteidigungsministerium der UdSSR bezeichnet den Vier-Mächte-Status von Berlin als nicht mehr existent. - Am gleichen Tag wird der 19-jährige Transportpolizist Hans-Dieter Wesa bei dem Versuch, vom Ost-Berliner S-Bahnhof Bornholmer Straße in den Westen zu fliehen, von eigenen Kameraden erschossen.

8. September: In einer Rede auf der XVI. "Deutschen Arbeiterkonferenz" verteidigt Walter Ulbricht die Mauer als "antifaschistischen Schutzwall": "Es soll niemand denken, dass wir etwa in die Mauer verliebt sind, das ist keineswegs der Fall. (...) Der antifaschistische Schutzwall war notwendig, um den militaristischen Abenteurern ein Paroli zu bieten."

Der „Tunnel 29

14./15. September: Insgesamt 29 DDR-Bürger fliehen durch einen 120 Meter langen Tunnel, den rund 30 Helfer in West-Berlin von der Bernauer Straße 78/79 aus in die Schönholzer Straße 7 nach Ost-Berlin gegraben haben.

24. September: Erstmals werden 20 Häftlinge und 20 Kinder aus der DDR von der Bundesregierung freigekauft. Gegenleistung der Bundesregierung sind drei Eisenbahnwaggon-Ladungen Düngemittel.

Der Gitterzaun ist die Grenze: Hans-Dieter Wesa befand sich bereits auf West-Berliner Gebiet, 23. August 1962


14.-27. Oktober: Kuba-Krise. US-Präsident John F. Kennedy setzt unter Androhung des Einsatzes atomarer Waffen den Abbruch der Vorbereitung der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba durch.

Bahngelände des S-Bahnhofs Bornholmer Straße in Berlin: An dieser Stelle wurde der 19jährige Transportpolizist Hans-Dieter Wesa aufgefunden, 23. August 1962

24. Oktober: Bei einer Besichtigung der Mauer in Ost-Berlin erklärt der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko: "Ich möchte mit aller Deutlichkeit unterstreichen, dass der Schutzwall den Interessen der DDR und des Friedens ganz ausgezeichnet dient. Ich sage nicht, dass das den Imperialisten gefällt, aber sie achten ihn bereits. Sie wissen, dass dies eine ernste Angelegenheit ist und dass die DDR, die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Staaten ernsthaft gewillt sind, ihre Interessen zu schützen, dass sie keine Verletzung der souveränen Rechte der DDR zulassen werden."

Gedenkkreuz für Hans-Dieter Wesa an der Bornholmer Brücke in West-Berlin, 6. November 1964

26./27. Oktober: Mit der Durchsuchung der Räume des Hamburger Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" beginnt die "Spiegel-Affäre". Der "Spiegel" hatte in Heft 41/62 vom 10. Oktober 1962 über das Nato-Manöver "Fallex 62" berichtet; der Herausgeber Rudolf Augstein und beteiligte Redakteure werden wegen Landesverratsverdacht vorübergehend festgenommen.

23. November: Der DDR-Verteidigungsminister fordert in seinem Befehl Nr. 101/62 die Verbesserung der Schießausbildung bei den Grenztruppen. Die Schießausbildung sei so zu organisieren und durchzuführen, dass die Ausbildung jedes Grenzsoldaten zu einem ausgezeichneten Schützen gewährleistet und dieser in der Lage ist, jedes unbewegliche und sich bewegende Ziel mit dem ersten Schuss (Feuerstoß) bei Tag und Nacht zu vernichten."

10.-12. Dezember: Auf einer Tagung des Obersten Sowjet bezeichnet der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita Chruschtschow Bundeskanzler Konrad Adenauer als "Kanzler des Kalten Krieges" und droht der Bundesrepublik mit sowjetischen Atomraketen. Adenauers Freude über die Härte des Westens, die angeblich die Sowjetunion genötigt hätte, ihre Raketen von Kuba abzuziehen, sei vergeblich: "Ich wage es Ihnen, Herr Kanzler, zu versichern, dass wir, als wir den Beschluss fassten, vier Dutzend Raketen nach Kuba zu schaffen, sozusagen Ihre Ration unangetastet ließen für den Fall, dass Sie eine Aggression in Europa aushecken sollten. Nun aber, da unsere Raketen zu Ihrer "Genugtuung" von Kuba zurückgekehrt sind, fügen wir sie den Verteidigungsmitteln bei, die unsere westlichen Grenzen decken."

24. Dezember: Viele West-Berliner folgen dem Aufruf des Kuratoriums Unteilbares Deutschland und stellen am Heiligen Abend Kerzen in die Fenster, um ihren ungebrochenen Willen zur Wiedervereinigung zu demonstrieren.

26. Dezember: Am zweiten Weihnachtsfeiertag gelingt eine Flucht mit einem gepanzerten Bus.