Chronik

Überblick 1963

Beobachtungsturm der Grenztruppen am Lohmühlenplatz an der Sektorengrenze zwischen Berlin-Mitte und Kreuzberg, Oktober 1963

14. Januar: Gemäß der Hallstein-Doktrin, die einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen der BRD zu Staaten vorschreibt, die die DDR anerkennen, bricht die Bundesrepublik ihre Beziehungen zu Kuba ab, nachdem Fidel Castro die DDR anerkannt und den Austausch von Botschaftern angekündigt hat.

17. Januar: Der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita S. Chruschtschow besichtigt zusammen mit Walter Ulbricht in der Friedrichstraße auf der östlichen Seite des Checkpoint Charlie die Mauer. Anlass seines Besuches ist der VI. SED-Parteitag. Weil Fritz in der DDR bisher noch weniger verdiene als Hans in der BRD, führt Chruschtschow auf dem SED-Parteitag aus, sei es die Aufgabe der SED, "die Produktion besser zu organisieren, die Arbeitsproduktivität auf ein höheres Niveau als in den kapitalistischen Ländern zu heben. (...) Wenn wir mehr verbrauchen als produzieren, werden wir nicht reicher, sondern ärmer werden, werden wir das Grundkapital verzehren und werden an den Bettelstab kommen, jawohl Genossen!"

7. Februar: Ein Autobus mit Schneepflug, als Werkstattwagen getarnt und mit Stahlplatten gesichert, durchbricht mit acht Flüchtlingen den Berliner Grenzkontrollpunkt Drewitz/Dreilinden - und kommt durch.

Ein Autobus als Fluchtfahrzeug, geparkt vor dem Notaufnahmelager Marienfelde (7. Februar 1963)

18. Februar: Die West-Berliner SPD gewinnt mit ihrem Spitzenkandidaten Willy Brandt die Wahlen zum Abgeordnetenhaus und baut mit 61,9 Prozent aller Stimmen (1958: 52,6 Prozent) ihre absolute Stimmenmehrheit weiter aus.

14. März: Durch einen selbstgebauten Tunnel gelingt 13 DDR-Bürgern die Flucht nach West-Berlin.

Der 16-jährige Wolf-Olaf Muszynski wird von West-Berliner Polizisten tot geborgen, 1. April 1963

1. April: Der 16-jährige Ost-Berliner Wolf-Olaf Muszynski, der bei einem Fluchtversuch in der Spree ertrunken ist, wird von West-Berliner Polizisten tot geborgen.

1. April: In der Bundesrepublik nimmt das Zweite Deutsche Fernsehen den Sendebetrieb auf.

17. April: Der 19-jährige Zivilangestellte der Nationalen Volksarmee, Wolfgang Engels, versucht, mit einem gestohlenen sowjetischen Schützenpanzerwagen die Berliner Grenze zwischen Treptow und Neukölln zu durchbrechen, bleibt jedoch in der Mauer stecken.

Beim Ausstieg wird er von mehreren Schüssen getroffen, schafft es aber, unter Feuerschutz eines West-Berliner Polizisten, von der Motorhaube des Panzers aus über die Mauer zu klettern. Schwerverletzt wird er in ein West-Berliner Krankenhaus transportiert.

12. Mai: Am Grenzübergang Invalidenstraße scheitert ein

Ende einer Flucht: beschossen und zerlöchert, 12. Mai 1963

spektakulärer Fluchtversuch: Ein Bus mit mehr als zehn Flüchtlingen an Bord versucht die Kontrollanlagen zu durchbrechen, wird von allen Seiten beschossen und kurz vor dem letzten Schlagbaum zum Stehen gebracht. Mehrere Menschen werden schwerverletzt. Ebenfalls im Mai gelingt die Flucht eines Österreichers, der mit einem Sportwagen am Grenzübergang Friedrichstraße unter dem Schlagbaum hindurch fährt. Seine Braut ist auf der Rückbank, seine Schwiegermutter im Kofferraum versteckt. - Die Schlagbäume werden nach dieser erfolgreichen Flucht mit senkrechten eisernen Hängestäben versehen.

Wiederaufbau der Mauer, 18. April 1963

21. Juni: Der DDR-Ministerrat erlässt eine Verordnung über "Maßnahmen zum Schutz der Staatsgrenze zwischen der DDR und Westberlin", die von Verteidigungsminister Heinz Hoffmann durch eine Anordnung über die "Einrichtung eines Grenzgebietes an der Staatsgrenze der DDR zu Westberlin" ergänzt wird.

Danach besteht das Grenzgebiet innerhalb Berlins aus einem 100 Meter und innerhalb des Bezirks Potsdams aus einem 500 Meter breiten "Schutzstreifen". Das Betreten des Grenzgebietes ist genehmigungspflichtig.

John F. Kennedy und Willy Brandt am Rathaus Schöneberg in Berlin, 26. Juni 1963

26. Juni: Während seiner Deutschlandreise vom 23. bis zum 26. Juni besucht US-Präsident John F. Kennedy am 26. Juni West-Berlin. Seine Worte auf einer Kundgebung am Rathaus Schöneberg: "Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins. Und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf, sagen zu können: Ich bin ein Berliner", lösen stürmische Begeisterung aus. - An der Freien Universität Berlin verleiht Kennedy seiner Überzeugung Ausdruck, dass die Wiedervereinigung eines Tages Realität werde. Für die Großmächte bestehe die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit "zur Rettung des Menschen als Gattung, da wir sonst vernichtet werden."

Juni/Juli: Beginn des eigentlichen Häftlingsfreikaufs: Nach einem weiteren Probelauf mit acht Häftlingen, bei dem beide Partner mit Erfolg testen, dass die jeweils andere Seite die Vertraulichkeit dieses Handels zu gewährleisten willens und imstande ist, zeigt sich die DDR bereit, zwischen 500 und 1.500 politische Gefangene jährlich an die Bundesrepublik zu verkaufen.

Während der Kennedy-Rede am Rathaus Schöneberg in Berlin, 26. Juni 1963

Der Kopfpreis wird zunächst individuell je nach beruflicher Ausbildung und der Höhe der verhängten Strafe vereinbart; Ende der achtziger Jahre gilt ein "Kopfgeld" von 95.847 DM pro Häftling. Für Gegenleistungen im Wert von über 3,5 Milliarden DM erreicht die Bundesregierung zwischen 1964 und 1989 die vorzeitige Freilassung von 33.755 Häftlingen, die Übersiedlung von 2.000 Kindern zu ihren Eltern und rund 250.000 Familienzusammenführungen.

4. Juli: Aus Anlass des 70. Geburtstages von Walter Ulbricht besucht der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita Chruschtschow erneut Ost-Berlin. "Die Zeit sei nicht mehr fern", ruft er aus, "da die DDR Westdeutschland in allen wichtigen ökonomischen Kennziffern überflügeln werde." Der beste Weg zur Lösung der Frage der Wiedervereinigung sei "die Beseitigung des Kapitalismus in Westdeutschland und die Schaffung eines einheitlichen deutschen Staates auf sozialistischer Grundlage".

Grenzsoldaten bewachen Maurer, die eine Sperrmauer zwischen den Berliner U-Bahnhöfen Heinrich-Heine-Straße und Moritzplatz errichten, 15. Februar 1963

13. Juli: Im Interzonenverkehr werden von DDR-Grenzern zum ersten Mal BRD-Reisepässe von West-Berlinern mit der Begründung beschlagnahmt, dass die Pässe illegal seien, da West-Berlin nicht zur BRD gehöre.

15. Juli: Der DDR-Staatsrat verabschiedet angesichts der ökonomischen Krise der DDR eine Richtlinie für ein "neues ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft" (NÖSPL). Selbstkosten, Preise, Umsatz und Gewinn sowie die persönliche materielle Interessiertheit sollen zukünftig als "ökonomische Hebel" benutzt werden.

Grenzsoldaten bewachen Maurer, die eine Sperrmauer zwischen den Berliner U-Bahnhöfen Heinrich-Heine-Straße und Moritzplatz errichten, 15. Februar 1963

15. Juli: Egon Bahr, Leiter des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin, schlägt in einer Rede in der Evangelischen Akademie Tutzing eine Strategie des "Wandels durch Annäherung" gegenüber dem Ostblock und insbesondere der DDR vor, weil jede Politik zum direkten Sturz des DDR-Regimes aussichtslos sei. Eine Politik der Erleichterungen für die Menschen in der DDR müsse so dosiert werden, "dass sich daraus nicht die Gefahr eines revolutionären Umschlags ergibt, die das sowjetische Eingreifen aus sowjetischem Interesse zwangsläufig auslösen würde". Bahrs Rede wird später als Beginn der SPD-Ostpolitik gelten.

Sprung von der Planierraupe in den Westen, Berlin, 9. September 1963

9. September: Zwei Grenzsoldaten, die mit einer Planierraupe Erdarbeiten an der Grenze zu Spandau durchführen sollen, gelingt die Flucht nach West-Berlin: Sie springen von der Raupe über den Stacheldrahtzaun.

30. September: Albert Norden, Mitglied des SED-Politbüros und -Zentralkomitees, agitiert die Grenzbrigade Berlin, Skrupel zur Tötung von Menschen abzubauen: "Ihr haut alle diejenigen auf die Finger, die ihre Schweineschnauze in unseren sozialistischen Garten stecken wollen. (...) Ihr schießt also nicht auf Bruder und Schwester, wenn ihr mit der Waffe den Grenzverletzer zu Halten bringt. Wie kann der ein Bruder sein, der die Republik verläßt, der die Macht des Volkes verrät, der die Macht des Volkes antastet. Verrätern gegenüber menschliche Gnade zu üben heißt, unmenschlich am ganzen Volk zu handeln."

15. Oktober: Konrad Adenauer tritt vom Amt des Bundeskanzlers zurück. Sein Nachfolger wird der bisherige Wirtschaftsminister Prof. Dr. Erhard Ludwig.

Warteschlangen für Passierscheine vor einer West-Berliner Schule, Dezember 1963

23. November: US-Präsident John F. Kennedy wird in Dallas/Texas ermordet. Ein RIAS-Reporter erinnert am Checkpoint Charlie an den nur fünf Monate zurückliegenden Besuch des US-Präsidenten.

6. Dezember: Der DDR-Staatsrat wählt Walter Ulbricht zum Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, über dessen Aufgaben und weitere Zusammensetzung keine Informationen gegeben werden.

17. Dezember: Das erste Passierscheinabkommen zwischen dem West-Berliner Senat und den Ost-Berliner Behörden ermöglicht West-Berlinern erstmals seit dem 13. August wieder den Besuch ihrer Ost-Berliner Verwandten über Weihnachten und Neujahr 1963/64.

Warteschlangen für Passierscheine vor einer West-Berliner Schule, Dezember 1963

730.000 Menschen nehmen lange Wartezeiten bei der Antragstellung in Kauf und nutzen das Abkommen zu rund 1,2 Millionen Besuchen in Ost-Berlin. Weitere Passierscheinabkommen für Zeiträume von jeweils zwei bis drei Wochen folgen in den Jahren 1964, 1965 und 1966.