Chronik

Überblick 1964

Montage eines Elektro-Stacheldrahtzaunes an der Berliner Sektorengrenze (Treptow/Neukölln), November 1964

2. Januar: In der DDR werden neue Personalausweise mit dem Vermerk "Bürger der Deutschen Demokratischen Republik" ausgegeben.

15. Januar: Erneut gelingt einer Gruppe von Flüchtlingen durch einen mühsam gegrabenen Tunnel die Flucht nach West-Berlin.

12./13. März: Robert Havemann wird aus seinem Lehramt als Professor an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität entfernt und aus der Partei ausgeschlossen. In seiner Vorlesungsreihe über naturwissenschaftliche Aspekte der Philosophie im Wintersemester

Montage eines Elektro-Stacheldrahtzaunes an der Berliner Sektorengrenze (Treptow/Neukölln), November 1964

1963/64 hat er sich kritisch zu Fragen des Stalinismus in der DDR geäußert. Es komme ihm darauf an, so Havemann in einem Interview mit dem "Hamburger Echo" am 11. März, "alle Entartungserscheinungen der stalinistischen Zeit dadurch zu überwinden, dass ich sie offenherzig kritisiere und schonungslos beim Namen nenne." Keine Gesellschaftsordnung könne es sich leisten, "Missstände, die als solche erkannt sind, auf die Dauer bestehen zu lassen."

Robert Havemann bei seiner letzten Vorlesung in der Ost-Berliner Humboldt-Universität, 17. Januar 1964

22. März: In einer Rede vor dem Kongress Ostdeutscher Landesvertretungen erklärt Bundeskanzler Ludwig Erhard, dass es keinen Verzicht auf die Gebiete jenseits der Oder-Neisse-Linie geben könne, die Bundesregierung sich jedoch bemühe, "einen Weg zur Verständigung auch mit unseren östlichen Nachbarn auf der Grundlage des Rechts, der friedlichen Verhandlung und der gegenseitigen Achtung zu finden."

23. April: Das DDR-Amtsblatt veröffentlicht eine Verordnung über den "Schutz der Staatsgrenze der DDR". Darin heißt es, dass für den Aufenthalt in der Schutzzone von 500 Meter und der verbotenen Zone von 5 Kilometern zur innerdeutschen Grenze Sondergenehmigungen erforderlich sind. Den Bewohnern beider Zonen ist es untersagt, ihre Wohnungen zwischen 23.00 Uhr und 5.00 Uhr zu verlassen. Unter Androhung von Freiheits- und Geldstrafen werden die Bewohner beider Zonen verpflichtet, den DDR-Sicherheitsorganen alle Personen anzuzeigen, die sich ohne Genehmigung in beiden Zonen aufhalten.

12. Juni: In Moskau unterzeichnen Nikita Chruschtschow und Walter Ulbricht einen auf 20 Jahre befristeten und sich dann automatisch verlängernden "Vertrag über Freundschaft, gegenseitigen Beistand und Zusammenarbeit" zwischen der Sowjetunion und der DDR.

13. August: Am 3. Jahrestag des Mauerbaus wird in West-Berlin mit einer Stunde des Schweigens zwischen 20.00 und 21.00 Uhr der Opfer der Mauer gedacht.

9. September: Rentner der DDR dürfen einem Beschluss des DDR-Ministerrats zufolge einmal pro Jahr bis zu vier Wochen in die BRD oder nach West-Berlin zu einem Verwandtenbesuch reisen.

10. September: Der Portugiese Armando Rodrigues de Sá trifft in Köln ein. Dort wird er als einmillionster "Gastarbeiter" gefeiert und erhält ein Moped als Willkommensgeschenk.

13. September: Am frühen Morgen versucht der 21-jährige Michael Meyer in der Stallschreiberstraße in Berlin-Mitte die Mauer in Richtung West-Berlin zu überwinden. Nach Warnschüssen eröffnen DDR-Grenzsoldaten gezieltes Feuer. Michael Meyer wird von mehreren Schüssen getroffen und bleibt in unmittelbarer Nähe der Mauer liegen. Amerikanische Soldaten und West-Berliner Polizeibeamte geben Feuerschutz und ziehen ihn mit Hilfe von Stricken und einer an die Mauer angelehnten Leiter nach West-Berlin.

Wachhund der DDR-Grenztruppen auf dem Friedhof an der Liesenstraße (Berlin-Wedding), November 1964

21. September: DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl, der 1946 die Zwangsvereinigung von SPD und KPD mitverantwortete, stirbt in Ost-Berlin an den Folgen eines Schlaganfalles. Als Nachfolger bestätigt die DDR-Volkskammer am 24. September Willi Stoph, der Grotewohl bereits seit zwei Jahren vertritt.

24. September: In Ost-Berlin wird das 2. Passierscheinabkommen unterzeichnet, das West-Berlinern den Besuch ihrer Ost-Berliner Verwandten vom 30.10. - 12.11.1964, über Weihnachten/Neujahr 1964/65 sowie zu Ostern und zu Pfingsten 1965 ermöglicht. In der ersten Besuchsperiode im Oktober/November werden rund 600.000, in der zweiten über Weihnachten/Neujahr 821.000 Passierscheine ausgegeben.

Transport von Flüchtlingen aus zwölf Meter Tiefe nach oben: Der „Tunnel 57“, 3./4. Oktober 1964

3./4. Oktober: 57 Menschen gelingt in der größten Tunnelaktion seit dem Mauerbau die Flucht nach West-Berlin. Kurz vor dem Ende der Aktion entdecken DDR-Grenzer den Tunneleingang. Es kommt zu einer Schießerei, bei der der Grenzsoldat Egon Schultz getötet wird.

6. Oktober: In Ost-Berlin finden Feierlichkeiten aus Anlass des 15. DDR-Jahrestages statt. Walter Ulbricht verkündet eine Amnestie für etwa 10.000 Häftlinge, darunter auch politische Strafgefangene. - Ein Bericht der "Neuen Zürcher Zeitung", dass die DDR seit geraumer Zeit politische Häftlinge gegen ökonomische Gegenleistungen in die Bundesrepublik ausreisen lasse, wird seitens der DDR dementiert.

Wachturm an der Berliner Sektorengrenze, November 1964

14. Oktober: Der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita S. Chruschtschow wird im KPdSU-Zentralkomitee gestürzt. Hauptkritikpunkte sind die gescheiterte Wirtschaftspolitik und die gestörten Beziehungen zur Volksrepublik China. Sein Nachfolger wird Leonid Iljitsch Breschnew.

1. Dezember: Alle Besucher der DDR und Ost-Berlins aus der Bundesrepublik und anderen westlichen Staaten, mit Ausnahme von Rentnern und Kindern, müssen ab sofort pro Tag und Person fünf DM-West im Verhältnis 1:1 in Ost-Mark umtauschen. Für West-Berliner beträgt der Zwangsumtausch drei DM pro Aufenthaltstag. - Im Gegenzug bricht die Bundesregierung Gespräche über Ost-Berliner Kreditwünsche ab.