Chronik

Überblick 1965

Freies Schussfeld auf dem Friedhof an der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße: Gräber werden eingeebnet, Gebeine umgebettet, 12. Oktober 1965

16. Januar: Das Bundesverfassungsgericht bewertet den Interzonenhandel zwischen der Bundesrepublik und der DDR "als auf der Rechtsgrundlage alliierter Gesetze basierenden Binnenhandel besonderer Art". Die Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR sei dementsprechend nicht als Zollgrenze zu betrachten.

25. Januar: Der SPD-Parteivorstand veröffentlicht ein Memorandum von Willy Brandt über die Möglichkeiten einer neuen Ostpolitik. Es schlägt vor, "die osteuropäischen Staaten in möglichst zahlreiche Kommunikationen zu verweben". Gemeint ist der Ausbau handelspolitischer, technologischer und kultureller Beziehungen.

Fluchtweg über die Mauer, 3. März 1965


Gegenüber der DDR müsse die westliche Politik darauf abzielen, dem Ulbricht-Regime "Erleichterungen für die durch die Spaltung betroffenen Menschen und für die Bevölkerung in der Zone abzuringen".

3. März: In den frühen Morgenstunden seilt sich ein Ost-Berliner aus seiner im vierten Stock gelegenen Wohnung ab, pendelt in Höhe des ersten Stockwerks über die Mauer und springt auf West-Berliner Gebiet.

31. März: Auf dem 13. CDU-Bundesparteitag stellt Bundeskanzler Ludwig Erhard sein Konzept einer "formierten Gesellschaft" vor. "Formierte Gesellschaft" heiße, so Erhard, "dass diese Gesellschaft nicht mehr aus Klassen und Gruppen besteht, die einander ausschließende Ziele durchsetzen wollen, sondern dass sie, fernab aller ständestaatlichen Vorstellungen, ihrem Wesen nach kooperativ ist, das heißt, dass sie auf dem Zusammenwirken aller Gruppen und Interessen beruht."

7. April: Sowjetische Tiefflieger stören eine Sitzung des Deutschen Bundestages in Berlin. Die DDR verbietet den Bundestagsabgeordneten die Durchreise und sperrt vorübergehend wegen angeblicher Truppenmanöver den gesamten Transitverkehr. Die West-Alliierten erheben bei der Bundesregierung Einspruch gegen weitere Sitzungen des Bundestages in West-Berlin.

7. Mai: Zwei Dachdecker sind für Arbeiten am Pfarrhaus von Klein Glienicke eingesetzt. Dabei werden sie ständig von zwei Grenzsoldaten bewacht. Als sich am 7. Mai ein Posten unerlaubt entfernt, erkennen die Dachdecker ihre Chance. Sie entwaffnen den Grenzposten und fliehen nach West-Berlin.

Fluchtskizze der Stasi: Dachdecker-Flucht von Klein Glienicke in den West-Berliner Bezirk Zehlendorf, 7. Mai 1965


15. Juni: Mit einem Sportboot geraten der West-Berliner Kaufmann Hermann Döbler und die Serviererin Elke Märtens auf dem Teltowkanal, ostwärts des Kontrollpunktes Dreilinden, während eines Bootsausfluges an einem sommerlich schönen Tag auf sowjetzonales Gebiet. Nach Abgabe mehrerer Warnschüsse eröffnen die Grenzposten gezieltes Feuer. Hermann Döbler wird getötet, Elke Märtens erleidet einen lebensgefährlichen Kopfschuss.

28./29. Juli: Das Leipziger Ehepaar Holzapfel überquert zusammen mit ihrem neunjährigen Sohn in der Nacht die Berliner Mauer mithilfe einer selbstgebauten Seilbahn vom Ost-Berliner Haus der Ministerien. Sowjetische Soldaten der Luftraumraumüberwachung, die die Flucht beobachten, greifen nicht ein, da sie vermuten, dass die Staatssicherheit auf diesem Weg Agenten nach West-Berlin einschleusen will.

15. September: Die Rolling Stones treten in der Berliner "Waldbühne" auf. Das Konzert ist ausverkauft. Fans provozieren heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei und zerstören das Freilichttheater.

8. Oktober: Das Internationale Olympische Komitee billigt die Auffassung des ostdeutschen Olympischen Komitees, dass es fortan bei Olympischen Spielen keine gemeinsame deutsche Mannschaft mehr geben könne. Bei den Olympischen Winterspielen in Grenoble und den Sommerspielen in Mexiko-Stadt 1968 werden erstmals zwei deutsche Mannschaften antreten.

25. November: In Berlin versucht Heinz Sokolowski, die Grenzanlagen im Bereich zwischen Brandenburger Tor und Clara-Zetkin-Straße zu überwinden. Als er nach Abgabe eines Warnschusses seine Flucht fortsetzt, wird er mit gezielten Schüssen getötet.

25. November: Das dritte Passierscheinabkommen wird unterzeichnet. In der Zeit vom 18. Dezember 1965 bis 2. Januar 1966 besuchen etwa 820.000 West-Berliner Verwandte im Ostsektor der Stadt.

3. Dezember: Der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission der DDR und stellvertretende Vorsitzende des Ministerrates, Dr. Erich Apel, begeht am 3. Dezember in seinem Büro Selbstmord. Zeitgenössischen westlichen Quellen zufolge hatte sich Apel zuvor dem Abschluss eines neuen Handelsabkommens der DDR mit der Sowjetunion widersetzt, da dieses die Möglichkeiten der DDR-Wirtschaft auf dem Weltmarkt beeinträchtige. Nachfolger Apels wird Gerhard Schürer.

15.-18. Dezember: Die 11. Tagung des SED-Zentralkomitees beschließt eine Reform des DDR-Wirtschaftssystems (NÖSPL - Neues ökonomisches System der Planung und Leitung). Zugleich erfolgt eine Abrechnung mit kritischen DDR-Kulturschaffenden wie Heiner Müller, Stefan Heym und Wolf Biermann, die Fehler, Mängel und Schwächen des Systems hervorkehrten, "um gegenüber der Politik der DDR Zweifel zu erwecken und die Ideologie des Skeptizismus zu verbreiten." Die SED-Parteizeitung "Neues Deutschland eröffnet im Anschluss an die ZK-Tagung eine Schmutzkampagne gegen den Liedermacher Wolf Biermann; zahlreiche Künstler, Filmschaffende und Schriftsteller werden kaltgestellt.

20. Dezember: Ein Interview mit Robert Havemann im Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" führt zu dessen Entlassung aus der Akademie der Wissenschaften.

26. Dezember: Der 27-jährige Heinz Schöneberger wird bei dem Versuch, mit einem PKW die Grenze am Übergang Heinrich-Heine-Straße zu durchbrechen, durch Schüsse von DDR-Grenzposten getötet; drei Begleitpersonen werden verhaftet.