Chronik

Überblick 1966

Willi Block, bei einem Fluchtversuch an der Berliner Grenze am 7. Februar 1966 kaltblütig erschossen

2. Februar: Die "Neue Zürcher Zeitung" und die "Times" berichten, dass die Bundesrepublik seit Ende 1963 rund 2.600 politische Häftlinge von der DDR für einen Gegenwert von 100 Mio. DM in Form wirtschaftlicher Gegenleistungen (Kaffee, Zitrusfrüchte und anderes mehr) freigekauft habe.

7. Februar: Willi Block, dessen Name zunächst unbekannt bleibt, versucht am Außenring um Berlin, bei Staaken, auf West-Berliner Gebiet zu flüchten. Beim Durchkriechen der Drahthindernisse wird er entdeckt. Der Aufforderung von Grenzsoldaten, zurückzukehren, kann er nicht folgen, da er im Stacheldraht festhängt.

Willi Block, bei einem Fluchtversuch an der Berliner Grenze am 7. 2.1966 kaltblütig erschossen

72 Schüsse werden auf den Wehrlosen abgefeuert, danach schneiden ihn Soldaten aus dem Stacheldraht und transportieren den blutüberströmten Körper ab. Die Bergung der Leiche wird von West-Berliner Polizeibeamten beobachtet und dokumentiert.

10. Februar: In der DDR fabuliert der Gesandte Gerhard Kegel, dass jeder der beiden deutschen Staaten sowie West-Berlin ein eigenes Staatsvolk besitze. Die einheitliche deutsche Nation - die eingestandenermaßen in der Vorstellung vieler Deutscher noch lebe - soll damit zu einer Fata Morgana erklärt werden.

Willi Block, bei einem Fluchtversuch an der Berliner Grenze am 7. 2.1966 kaltblütig erschossen

7. März: Das vierte Passierscheinabkommen zwischen dem West-Berliner Senat und der DDR für Ostern und Pfingsten 1966 wird unterzeichnet. Es bleibt für längere Zeit das letzte. Im Dezember 1966 scheitern die Verhandlungen für ein Weihnachtsbesuchs-Abkommen, weil die DDR nunmehr formelle Verhandlungen mit dem Senat wünscht. Bis 1972 gibt es keine Besuchsmöglichkeiten für West-Berliner in Ost-Berlin.

1. April: Professor Robert Havemann wird offiziell aus der DDR-Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen, weil er durch seine Publikationen die dem Staat DDR gebotene Loyalität verletzt und "gegen die Pflichten des Bürgers eines sozialistischen Staates" verstoßen habe.

1. April: Durch eine Verfügung des DDR-Ministerrates wird im Ministerium für Außenhandel und Innerdeutschen Handel der Bereich "Kommerzielle Koordinierung" gegründet, dessen einzige Aufgabe die maximale Erwirtschaftung von Devisen außerhalb des Staatsplanes ist. Leiter des Bereichs wird der Staatssekretär und MfS-Offizier Alexander Schalck-Golodkowski.

Wachturm der DDR-Grenztruppen auf dem Friedhof an der Liesenstraße, Berlin-Wedding, Mai 1966

8. April: Der bayerische CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß fordert in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit", die deutsche Frage zu europäisieren: "Ich sehe, so utopisch es heute klingt, nur eine einzige Möglichkeit, das bestehende Kräfteverhältnis so zu verschieben, dass die deutsche Frage keine Quelle der Unruhe mehr für die Nachbarn ist, weder im Westen noch im Osten: Sie führt über Europa."

29. April: Der 31-jährige West-Berliner Paul Stretz wird beim Baden im Spandauer Schifffahrtskanal von Grenzsoldaten erschossen.

26. Mai: SED und SPD einigen sich nach langwierigen Gesprächen auf einen Redneraustausch im Juli, bei dem auf zwei Versammlungen der jeweils anderen Seite Kernfragen der deutschen Politik erörtert werden sollen. Das Vorhaben scheitert wenige Wochen später.

22. Juni: In Oslo beginnt eine Tagung der Studiengruppe "Fernsehen" der internationalen beratenden Kommission für das Funkwesen. Auf der Tagesordnung steht die Empfehlung für ein einheitliches Farbfernsehsystem für Europa. Eine Einigung auf eines der zur Verfügung stehenden Systeme - das amerikanische NTSC, das deutsche PAL und das französische SECAM - kommt nicht zustande.

23. Juni: Zum Beginn ihrer Deutschland-Tournee treffen die Beatles auf dem Flughafen München-Riem ein.

14. Juli: Das BRD-Verteidungsministerium gibt den 60. Absturz eines Starfighters seit 1961 bekannt; 34 Piloten verloren dabei ihr Leben.

29. Juli: In Berlin scheitern die Verhandlungen über das 5. Passierscheinabkommen für Verwandtenbesuche in Ost-Berlin, da die DDR die neuerliche Aufnahme der sogenannten salvatorischen Klausel - beide Seiten stellen fest, dass keine Einigung über die Orts-, Behörden- und Amtsbezeichnungen erzielt werden konnte - verweigert. Aus dem gleichen Grund kommt im Herbst 1966 keine Vereinbarung über Verwandtenbesuche zustande. Bis 1972 werden West-Berliner Ost-Berlin deshalb nicht mehr besuchen können.

13. August: Anlässlich des 5. Jahrestages der Errichtung der Berliner Mauer wird in Ost-Berlin eine große Truppenparade abgehalten. Walter Ulbricht tut kund, dass die DDR vor fünf Jahren im Bund mit der Sowjetunion durch den Mauerbau den Frieden gerettet habe. Die West-Alliierten bezeichnen die Militärparade als Verstoß gegen die Vier-Mächte-Vereinbarungen und protestieren dagegen. Willy Brandt erklärt in West-Berlin unter anderem: "Die Mauer wird nicht von allein, nicht allein durch Proteste, nicht als ein isolierter Vorgang wieder verschwinden. Sie wird fallen, aber nur im Rahmen größerer Veränderungen."

Durch eine Stahlplatte mit kleinen Sehlöchern ist das Führerhaus geschützt: Flucht mit einer Planierraupe von Staaken nach Spandau, 11. September 1966


11. September: Zwei Ehepaare durchbrechen mit einer 18 Tonnen schweren Planierraupe die Grenze in Staaken, walzen die Zäune nieder und gelangen nach Berlin-Spandau.

7. Oktober: Eine dauerhafte Friedensordnung in Europa sei auf der Grundlage der bestehenden Verhältnisse nicht zu erreichen, erklärt Bundeskanzler Ludwig Erhard nach seinem Besuch in den Vereinigten Staaten. Darüber bestehe im westlichen Bündnis Einigkeit: "Die Hoffnung, durch Vorleistungen, das heißt durch Opfer größten Ausmaßes, ohne Verbindung mit der Wiederherstellung der deutschen Einheit zu einem dauerhaften Frieden in Europa kommen zu können, ist gefährlich und trügerisch." Dass die Wiedervereinigung bisher nicht erreicht werden konnte, liege nicht an "fehlenden Anstrengungen, an zu geringer Phantasie oder an nicht genutzten Möglichkeiten, sondern an der Haltung der Sowjetunion."

9. Oktober: Als Reaktion auf die Todesschüsse der vergangenen Tage und Wochen verstärken die West-Alliierten ihren Streifendienst an der Mauer.

19. Oktober: In einem Interview mit Günter Gaus bringt der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner die Idee einer Deutschen Wirtschaftsgemeinschaft und eines Deutschen Bundes ins Gespräch. Eine Anerkennung der DDR lehnt er als endgültige Besiegelung der deutschen Teilung ab; unterhalb der Anerkennung könnten jedoch Schritte eingeleitet werden, die den Weg für innerdeutsche Regelungen frei machten.

27. Oktober: In Bonn zerbricht die CDU/FDP-Regierungskoalition; die FDP lehnt Steuererhöhungen zum Ausgleich des Bundeshaushaltes 1967 ab, ihre vier Minister im Bundeskabinett treten zurück. Am 8. November spricht der Bundestag Kanzler Erhard indirekt das Misstrauen aus, am 10. November nominiert die CDU/CSU-Bundestagsfraktion Kurt Georg Kiesinger als Kanzlerkandidaten.

1. Dezember: Ludwig Erhard tritt nach dem Bruch der Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP am 30. November zurück. Es kommt zur Bildung der Großen Koalition, Kurt Georg Kiesinger (CDU) wird Bundeskanzler, Vizekanzler und Außenminister der SPD-Vorsitzende Willy Brandt, Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU) und Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD). Angesichts der schwachen Opposition im Bundestag entsteht eine in erster Linie von Studenten getragene, außerparlamentarische Opposition (APO), die sich unter anderem gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze wendet.

Der Schriftsteller Günter Grass teilt Willy Brandt in einem Brief seine Bedenken gegen den Eintritt der SPD in eine Große Koalition mit; Willy Brandt versichert in seiner Antwort, es werde "keinen faden politischen Eintopf" geben.

Gedenkkreuz für Karl-Heinz Kube in der Berlepschstraße in Berlin-Düppel (Aufnahme: Dezember 2004)

16. Dezember: Der 17-jährige Karl-Heinz Kube und der 18-jährige Detlef Schadow versuchen in Kleinmachnow südlich von Berlin die Grenzanlagen in Richtung Berlin-Zehlendorf (Düppel) zu überwinden. Sie werden von Grenzposten bemerkt und gezielt beschossen. Karl-Heinz Kube wird dabei getötet, Detlef Schadow bleibt unverletzt. Die Todesschützen und beteiligten Grenzsoldaten werden mit der "Medaille für vorbildlichen Grenzdienst" bzw. mit dem "Leistungsabzeichen der Grenztruppen" ausgezeichnet und belobigt. Auf West-Berliner Seite erinnert ein Mahnkreuz an den Getöteten.

19. Dezember: Die Saale-Autobahnbrücke, das erste und bislang einzige gemeinsame Bauprojekt der beiden deutschen Staaten seit der Spaltung Deutschlands, wird für den Verkehr freigegeben. Die alte Brücke war 1945 gesprengt worden.