Chronik

Überblick 1971

Erich Honecker – hier bei Enttrümmerungsarbeiten Anfang der 50-er Jahre - wird im Mai 1971 SED-Generalsekretär

21. Januar: Während der "Grünen Woche", der traditionellen Landwirtschaftsausstellung in West-Berlin, die auch vom Bundespräsidenten besucht wird, behindert die DDR wiederum den Transitverkehr in die geteilte Stadt.

10. Januar: DDR-Verteidigungsminister Hoffmann gibt bekannt, dass an der innerdeutschen Grenze Splitterminen (SM-70) installiert werden sollen. Die Wirksamkeit der SM-70 hatte sich im Erprobungszeitraum dadurch erwiesen, dass das von der Splittermine beschossene Wild zu 75 Prozent tödliche Verletzungen erhielt.

21. Januar: Unter Führung von Erich Honecker wenden sich 13 der 20 Mitglieder und Kandidaten des SED-Politbüros mit der Bitte an KPdSU-Generalsekretär Breschnew, Walter Ulbricht in einem klärenden Gespräch auf die Linie seines freiwilligen Rücktritts zu verpflichten.

31. Januar: Nach 19jähriger Unterbrechung erfolgt eine begrenzte Wiederaufnahme des Telefonverkehrs zwischen beiden Teilen Berlins.

25. Februar: Am Tage vor seiner Fertigstellung wird ein von West-Berliner Seite gegrabener, bereits 120 Meter langer Tunnel in der Bernauer-/Ecke Brunnenstraße von den Grenztruppen entdeckt.

24. März: Bundeskanzler Willy Brandt gibt im Bundestag eine Erklärung zur Reformpolitik der sozialliberalen Koalition ab.

3. Mai: Mit dem Einverständnis Moskaus wird in Ost-Berlin Walter Ulbricht gestürzt; offiziell erfolgt die Ablösung auf eigenen Wunsch Ulbrichts aus Altersgründen. Erich Honecker wird sein Nachfolger als SED-Generalsekretär und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates. Am 18. Mai erstattet Honecker in Moskau Bericht. Er versichert Breschnew, "dass wir fest auf der Position der völligen Klassenabgrenzung gegenüber der imperialistischen BRD stehen, so wie wir dies vereinbart haben." Wirtschaftlich werde die SED die Linie der Unabhängigkeit von der BRD fortsetzen, um nicht in politische Abhängigkeit zu geraten.

15.-19. Juni: VIII. SED-Parteitag: Nach dem Sturz Ulbrichts wird die von ihm propagierte "sozialistische Menschengemeinschaft" ad acta gelegt. Erich Honecker eine neue pragmatische Linie vor: Als neue "Hauptaufgabe" der SED-Politik verkündet er die weitere "Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes auf der Grundlage eines hohen Entwicklungstempos der sozialistischen Produktion, der Erhöhung der Effektivität des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und des Wachstums der Arbeitsproduktivität." Die Anhebung des Lebensniveaus, später als "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" bezeichnet, soll weiteren Arbeitsniederlegungen entgegenwirken und für innere Stabilität sorgen. Die Hinwendung zu einem Konsumsozialismus folgt einem entsprechenden Beschluss des XXIV. KPdSU-Parteitages vom April 1971. - Erich Mielke rückt ins SED-Politbüro auf. Der Ausbau der Staatssicherheit führt in den folgenden Jahren zu einer flächendeckenden Bespitzelung.

15. Juli: US-Präsident Richard Nixon kündigt an, in Kürze in die Volksrepublik China zu reisen. Der Besuchsankündigung sind längere Geheimverhandlungen beider Weltmächte zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen vorangegangen.

24. Juli: Der Rostocker Urologe Peter Dobler durchschwimmt nach zweijährigem Training die Ostsee von Kühlungsborn nach Fehmarn; er legt die 48 Kilometer lange Strecke in 24 Stunden zurück.

10 Jahre Mauerbau - Aufmarsch der Kampfgruppen in Ost-Berlin (1971)

5. August: Treffen der Parteiführer der Warschauer-Pakt-Staaten auf der Krim. Behandelt werden die Folgen der Annäherung zwischen China und den USA für die Sicherheit der Sowjetunion.

13. August: Zum 10. Jahrestag des Mauerbaus marschieren die "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" in Ost-Berlin auf. Die SED gibt ihren Funktionären eine rechtfertigende Argumentation in die Hand.

3. September: Die USA und die UdSSR, Großbritannien und Frankreich unterzeichnen das Viermächte-Abkommen über Berlin. Die Sowjetunion gewährleistet, dass der zivile Verkehr zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik künftig ohne Behinderungen sein wird. Auf der Grundlage des Viermächte-Abkommens werden von der Bundesregierung bzw. vom West-Berliner Senat mit der DDR Vereinbarungen getroffen, die zu Erleichterungen im Besucher- und Reiseverkehr zwischen West-Berlin und der DDR (Vereinbarung vom 20. Dezember 1971) bzw. zwischen der Bundesrepublik und der DDR (Transitabkommen vom 17. Dezember 1971) führen.

16.-18. September: Bundeskanzler Willy Brandt reist zu einem Staatsbesuch in die Sowjetunion; er wird von KPdSU-Generalsekretär Breschnew in Oreanda auf der Krim empfangen.

29. September: Mit einem Umweltprogramm reagiert die Bundesregierung auf das zunehmende Problem der Umweltverschmutzung.

4. Dezember: Bei der Entscheidung über die Einführung von Splitterminen an der innerdeutschen Grenze (SM-70) werden im Führungsgremium des DDR-Verteidigungsministeriums Bedenken geäußert, ob die zu erwartende Auslösung von Minen nicht eine politisch ungünstige Reaktion des Westens hervorrufen könne und ob es unter diesem Gesichtspunkt nicht vorteilhafter sei, Minen mit einer verringerten Wirkung zu entwickeln und einzusetzen. Verteidigungsminister Hoffmann schlägt vor, diese Frage Erich Honecker als Generalsekretär entscheiden zu lassen. - Am 10. Januar 1972 teilt Hoffmann dem Führungskreis mit, dass die Splittermine eingeführt werde.

20. Dezember: In Ost-Berlin werden die "Vereinbarung zwischen dem Senat und der Regierung der DDR über Erleichterungen und Verbesserungen des Reise- und Besucherverkehrs" und die "Vereinbarung zwischen dem Senat und der Regierung der DDR über die Regelung der Frage von Enklaven durch Gebietsaustausch" unterzeichnet. West-Berlinern wird es künftig gestattet, ein oder mehrmals bis zu dreißig Tage im Jahr "aus humanitären, familiären, religiösen, kulturellen und touristischen Gründen" die DDR zu besuchen. Dafür müssen in "Büros für Besuchs- und Reiseangelegenheiten" Berechtigungsscheine beantragt werden. Im Zuge des Gebietsaustausches wird für die West-Berliner Exklave Steinstücken der Bau einer ein Kiliometer langen Verbindungsstraße vereinbart.