Chronik

Überblick 1973

Weltfestspiele der Jugend in Berlin, 4. August 1973.

1. Januar: Nach dem Beitritt Großbritanniens, Dänemarks und Irlands besteht die Europäische Gemeinschaft (EG) aus neun Staaten.

1. Januar: Im Hinblick auf die im Oktober 1973 in Wien beginnenden Verhandlungen zwischen NATO und Warschauer Pakt über eine "gegenseitige Verminderung von Streitkräften und Rüstungen und damit zusammenhängenden Maßnahmen in Europa" (MBFR-Verhandlungen) löst die SED die DDR-Grenztruppen aus der NVA heraus, um einen größeren Verhandlungsspielraum zu erlangen.

Januar/Februar: Als Folge der Ost- und Entspannungspolitik erreicht die DDR internationale Anerkennung: Mehr als zehn Staaten, darunter Italien, Spanien, die Niederlande, Frankreich und Großbritannien nehmen diplomatische Beziehungen zu ihr auf.

26. Januar: Auf einer gemeinsamen Tagung des DDR-Kulturbundes und der Präsidenten der Künstlerverbände sowie der Akademie der Künste verwirft SED-Chefideologe Kurt Hager die These von einer einheitlichen deutschen Kulturnation und begründet die Idee einer eigenständigen Kulturtradition der DDR.

27. Januar: Unterzeichnung des Pariser Abkommens über die Beendigung des Vietnamkrieges; der Abzug der US-Soldaten erfolgt bis Ende März 1973.

17. Februar: Die Bundesregierung verabschiedet ein "Stabilitätsprogramm", mit dem vor allem die Inflation bekämpft werden soll. In dessen Mittelpunkt steht eine zurückhaltendere Haushaltspolitik. Ein zweites Stabilitätsprogramm folgt am 9. Mai.

20. Februar: Vereinbarung zwischen der DDR und der Sowjetunion über zeitlich unbefristete Erdöllieferungen an die DDR.

1. März: Der DDR-Ministerrat erlässt eine Verordnung über die Tätigkeit von West-Pressekorrespondenten in der DDR. ARD und ZDF sowie Presseagenturen, Tageszeitungen und Zeitschriften aus der Bundesrepublik entsenden Korrespondenten nach Ost-Berlin.
Für den innerdeutschen "kleinen Grenzverkehr" ist die Einrichtung von vier neuen Übergangsstellen an der innerdeutschen Grenze vereinbart.

8. März: Die DDR lehnt jegliche Wiedergutmachungszahlungen an Israel ab.

13. März: Frühjahrsmesse in Leipzig: Mit über fünf Mrd. DM erreicht der innerdeutsche Handel 1972 einen neuen Höchststand.

15./16. März: SED-Chefideologe Kurt Hager spricht auf einer internationalen Konferenz des SED-Zentralkomitees vom "unüberbrückbaren Gegensatz" zwischen der "sozialistischen Nation in der DDR" und der "kapitalistischen Nation" in der BRD.

29. April: In der DDR läuft der DEFA-Film "Die Legende von Paul und Paula" von Regisseur Ulrich Plenzdorf an.

18.-22. Mai: Erster Besuch des sowjetischen Partei- und Staatschefs Leonid I. Breschnew in der Bundesrepublik.

30. Mai: Der im Grundlagenvertrag vereinbarte "kleine Grenzverkehr" wird vonseiten der DDR stark eingeschränkt: Von den 694 Grenzgemeinden bleiben 315 gesperrt und 274 teilweise ausgeschlossen.

Im Juni wird der 1952 geschlossene Grenzübergang Bergen/Salzwedel wieder eröffnet.

21. Juni: Der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag tritt in Kraft.

2. Juli: Eine Einigung der beiden deutschen Sportverbände DSB und DTSB über innerdeutsche Sportbeziehungen scheitert an der Frage der Einbeziehung West-Berlins.

3.-7./8. Juli: In Helsinki wird die "Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" von den Außenministern der 35 Teilnehmerstaaten aus Ost und West, darunter die USA und Kanada, eröffnet. Am Rande des Treffens begegnen sich auch die beiden deutschen Außenminister Otto Winzer und Walter Scheel.

19 Meter unter der Erde gegraben: Gelungene Tunnelflucht von Klein Glienicke nach Berlin-Zehlendorf, 26. Juli 1973

26. Juli: Mit Spaten und Kinderschaufel heben zwei Brüder mit ihren Familien einen 19 Meter langen Tunnel aus. Die Stasi ist über die Fluchtabsicht informiert, trotzdem glückt der Versuch: Am 26. Juli kommen sie in West-Berlin an.

Weltfestspiele der Jugend in Berlin, 4. August 1973.

28. Juli - 5. August: In Ost-Berlin finden die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten statt.

30./31. Juli: Dritte Krimkonferenz der Führer der Warschauer-Paktstaaten. Die Einhelligkeit der von Breschnew vorgegebenen Haltung zur Weltlage, insbesondere zur Politik der chinesischen KP, wird durch den rumänischen Führer Nicolae Ceausescu nachhaltig gestört. Während Breschnew den "prinzipienlosen Komplott" Pekings mit den bürgerlichen Staaten als "Rechtfertigung hegemonistischer Ansprüche der chinesischen Führung auf die Führerschaft in der ‚Dritten Welt’" geiselt, lobt Ceausecsu die Normalisierung der Beziehungen zwischen China und den USA als "Beitrag zur Minderung der Spannungen". Seine Vorschläge, in Richtung einer Auflösung des Warschauer Paktes zu wirken bei gleichzeitiger Auflösung der NATO, sowie damit aufzuhören, andere Parteien zu kritisieren oder zu verurteilen, weist Breschnew in seinem Schlusswort als "prinzipienlos" und "opportunistisch" entschieden zurück.

Treffen der Parteiführer der Warschauer-Paktstaaten auf der Insel Krim, 1. August 1973.

1. August: Der frühere DDR-Partei- und Staatschef Walter Ulbricht stirbt im Alter von 80 Jahren.

10. August: In einem Kommentar des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland" wird die Fluchthilfe auf Transitstrecken scharf verurteilt.

8. September: Auf einer improvisierten Pressekonferenz mit ausländischen Journalisten kritisiert der sowjetische Physiker Andrej D. Sacharow die politische Unterdrückung in der Sowjetunion und warnt den Westen vor Naivität in der Entspannungspolitik.

18. September: Die DDR und die BRD werden als 133. und 134. Mitgliedsland in die Vereinten Nationen (UN) aufgenommen.

21. September: Nach dem Militärputsch in Chile (11. September) bricht die DDR ihre diplomatischen Beziehungen zu Chile ab. In der Folge werden zahlreiche chilenische Flüchtlinge in der DDR aufgenommen. Die Tochter Erich Honeckers, Sonja, heiratet einen chilenischen Exilpolitiker.

1. Oktober: Beginn sowjetischer Erdgaslieferungen an die Bundesrepublik.

2. Oktober: Das SED-Zentralkomitee beschließt ein ehrgeiziges Wohnungsbauprogramm. Bis 1990 sollen 2,8 bis 3 Millionen Wohnungen neu gebaut bzw. modernisiert, die "Wohnungsfrage als soziales Problem" damit beseitigt werden.

3. Oktober: Willi Stoph wird Vorsitzender des DDR-Staatsrates, Horst Sindermann Vorsitzender des DDR-Ministerrates.

Der West-Berliner Kurfürstendamm während des Sonntagsfahrverbotes, 25. November 1973.

6. Oktober: Israel wird am Jom-Kippur-Tag (Versöhnungstag) von Ägypten und Syrien angegriffen. Eine Resolution des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen vom 22. Oktober führt zum Waffenstillstand.

Der Jom-Kippur-Krieg ist Auslöser für eine Ölpreiskrise. Die OPEC beschließt, ihre Erdölförderungen so lange zu drosseln, bis die von Israel besetzen Gebiete befreit sind. Die Ölpreise steigen dramatisch; die Bundesrepublik, die ihren Energiebedarf zu 55 Prozent mit importiertem Erdöl deckt und 75 Prozent ihrer Rohöleinfuhren aus arabischen Ländern bezieht, ist besonders betroffen. Am 9. November verabschiedet der Bundestag ein Energiesicherungsgesetz, das unter anderem ein Fahrverbot für vier Sonntage im November und Dezember 1973 verordnet.

Sonntagsfahrverbot auf der Autobahn Köln/Bonn, 2. Dezember 1973.

30. Oktober: Aufnahme der MBFR-Verhandlungen zwischen zwölf NATO- und sieben Warschauer Pakt-Staaten in Wien.

15. November: Die DDR verdoppelt den Mindestumtausch pro Person und Tag für Besuche in Ost-Berlin auf 10 DM und für Besuche in der DDR auf 20 DM.

19. Dezember: DDR-Bürger dürfen mit Devisen in "Intershops" einkaufen.