Chronik

Überblick 1974

Erich Honecker am 3. Mai 1974:

1. Januar: Auf Anordnung des DDR-Innenministeriums muss das Kennzeichen "D" auf DDR-Kraftfahrzeugen durch ein Schild "DDR" ersetzt werden.

12./13. Februar: Der Literaturnobelpreisträger Alexander I. Solschenizyn wird aus der Sowjetunion ausgebürgert. Er verbringt einige Tage bei Heinrich Böll in Köln.

14. März: Beide deutsche Staaten unterzeichnen das Protokoll über die Errichtung von Ständigen Vertretungen in Bonn und Ost-Berlin, die am 2. Mai ihre Arbeit aufnehmen. Günter Gaus wird Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, Michael Kohl Ständiger Vertreter der DDR in der Bundesrepublik.

Kalaschnikow (

März: Besucher der Leipziger Frühjahrsmesse berichten über eine spürbare Verbesserung der Versorgungslage in der DDR. Die tatsächliche Lage außerhalb der "Schaufenster" Berlin und Leipzig entspricht dem nicht unbedingt, zumal immer mehr Waren aus dem normalen Sortiment in die "Exquisit"-Läden wandern, womit auch versteckte Preissteigerungen verbunden sind.

Der Spion in seinem Rücken: Willy Brandt und Günter Guillaume auf einer Wahlkampfveranstaltung in einem Braunschweiger Kohlebergwerk, 8. April 1974

24. April: Günter Guillaume, DDR-Spion im Bundeskanzleramt und persönlicher Referent von Bundeskanzler Brandt, wird verhaftet. Willy Brandt tritt daraufhin am 6. Mai zurück, zu seinem Nachfolger wird zehn Tage später Helmut Schmidt gewählt. Im Dezember 1975 wird Guillaume wegen Spionage für die DDR zu 13 Jahren, seine Ehefrau zu acht Jahren Haft verurteilt.

Der Spion an seiner Seite: Willy Brandt und Günter Guillaume während einer Informationsreise in Niedersachsen, 8. April 1974

24. April: Die Bundesrepublik und die DDR schließen ein Abkommen über den nichtkommerziellen Verrechnungs- und Zahlungsverkehr sowie über das Gesundheitswesen, wobei unter anderem die kostenlose Behandlung bei Reisen im jeweils anderen Staat vereinbart wird.

3. Mai: Erich Honecker bekräftigt auf einer Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates angesichts der hohen Zahl von 3.004 Fluchtversuchen im Jahr 1973 (1972: 2.699) und 242 erfolgreichen "Grenzdurchbrüchen" den Schießbefehl: "Überall muß ein einwandfreies Schussfeld gewährleistet werden (...); nach wie vor muss bei Grenzdurchbruchsversuchen von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch gemacht werden, und es sind die Genossen, die die Schusswaffe erfolgreich angewandt haben, zu belobigen." Der Gebrauch der Schusswaffe, so heißt es in der neuen "DV 018/0/008" der DDR-Grenztruppen sei grundsätzlich mit "Halt! Grenzposten! Hände hoch!" anzukündigen. Doch häufig wird aus 100 bis 300 Meter Entfernung geschossen.

8. Mai: Deutsch-deutsches Sportabkommen zwischen dem "Deutschen Sportbund" (DSB) und dem "Deutschen Turn- und Sportbund" (DTSB). Darin sind 33 gemeinsame Veranstaltungen vereinbart.

15./16. Mai: Der FDP-Politiker und bisherige Außenminister Walter Scheel wird zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Helmut Schmidt wird am folgenden Tag vom Deutschen Bundestag zum Bundeskanzler gewählt.

13. Juni-6. Juli: In der Bundesrepublik findet die X. Fußballweltmeisterschaft statt. In der ersten Finalrunde treffen die Mannschaften der beiden deutschen Staaten aufeinander. Durch ein Tor von Jürgen Sparwasser besiegt die Elf der DDR überraschend die DFB-Auswahl. Mit einem 2:1 Sieg über die Niederlande wird die Bundesrepublik dennoch Weltmeister.

18. Juni: SED-Generalsekretär Erich Honecker trifft im Moskauer Kreml zu einem Gespräch mit KPdSU-Chef Leonid Breschnew zusammen. Unverblümt lässt der sowjetische Parteichef seinem Ärger über den rumänischen KP-Chef Nicolae Ceausescu, der einen Erfolg der europäischen Sicherheitskonferenz hintertreibe, freien Lauf: "Unter uns gesagt", vertraut er Honecker an, "es wird die Zeit kommen, da wir Ceausescu die Wahrheit ins Gesicht sagen müssen. Wir werden ihn fragen: Wohin gehst Du? Entweder mit uns oder Du treibst ein gefährliches Spiel." - Honecker ist bemüht, Bedenken Breschnews über ein zu weitgehendes Entgegenkommen der DDR gegenüber der Bundesrepublik auszuräumen. Fragen der Familienzusammenführung würden restriktiv behandelt, über Genehmigungen zur Ausreise entscheide allein er. Außerdem schiebe die DDR unter dem Deckmantel der Familienzusammenführung so "manche kriminelle Elemente" in die BRD ab. Schritt für Schritt werde die DDR zudem ihre Zahlungsverpflichtungen gegenüber der BRD abbauen.

19. Juni: Der Bundestag beschließt, dass das Umweltbundesamt seinen Sitz in West-Berlin erhalten soll. Die DDR protestiert, da sie dies als Verstoß gegen das Viermächteabkommen betrachtet.

16. Juli: Im Berliner Grenzgebiet ist auf einer Länge von 120 Kilometern ein Grenzsignalzaun errichtet. Eine Analyse der DDR-Grenztruppen beklagt jedoch dessen "Störanfälligkeit", die auf die "geringe Korrosionsfestigkeit" des Materials zurückgeführt wird. Werde künftig kein Material mit einer höheren Korrosionsfestigkeit verwendet, seien die zur Verfügung stehenden Kräfte nicht in der Lage, die Unterhaltung des 120 Kilometer langen Grenzsignalzauns zu gewährleisten.

9. August: US-Präsident Richard M. Nixon tritt aufgrund der "Watergate-Affäre" zurück. Sein Nachfolger wird Gerald R. Ford.

4. September: Die USA und die DDR nehmen diplomatische Beziehungen auf.

5. September: Vertragsabschluss über sowjetische Erdgaslieferungen an die Bundesrepublik bis zum Jahr 2000.

14. September: Die Staatsbank der DDR gibt neue Banknoten aus, die statt bisher "Mark der Deutschen Notenbank" nun die Währungsbezeichnung "Mark der DDR" tragen.

DDR-Banknote mit neuer Bezeichnung: Mark der DDR

7. Oktober: Am 25. Jahrestag der DDR streicht die SED die Begriffe "Deutschland" und "deutsche Nation" in der DDR-Verfassung. Eingefügt wird, dass die DDR "für immer und unwiderruflich" mit der Sowjetunion verbunden sei.

17. November: "Hirtenbrief" der katholischen Bischöfe der DDR, in dem sie sich gegen das staatliche Erziehungsmonopol aussprechen.

29. November: Die beiden RAF-Terroristen Ulrike Meinhof und Horst Mahler werden wegen eines Mordversuchs zur Befreiung von Andreas Baader zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.

8. Dezember: Das Osloer Nobelpreis-Komitee verleiht dem sowjetischen Schriftsteller Alexander Solschenizyn nachträglich den Literaturpreis für 1970. Die Sowjetunion und weitere Ostblockstaaten kündigen den Boykott der Preisverleihung an.

12. Dezember: Die "Swing-Regelung" für den Handel zwischen beiden deutschen Staaten wird verlängert; der zinslose Überziehungskreditrahmen, den die Bundesregierung der DDR gewährt, auf 850 Millionen DM jährlich erhöht. Als Gegenleistung senkt die SED den Zwangsumtausch für Besuche in der DDR von 20 DM auf 13 DM, für Besuche in Ost-Berlin von 13 DM auf 6,50 DM (seit 15. November 1974). West-Rentner, die in die DDR oder nach Ost-Berlin reisen, werden zudem ab 20. Dezember vom Mindestumtausch befreit.