Chronik

Überblick 1975

16. Januar: Als erster bundesdeutscher Politiker wird der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß in China von Mao Tse-tung empfangen.

27. Februar: Entführung des West-Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz durch Terroristen der "Bewegung 2. Juni". Nachdem die Bundesregierung auf die Forderung der Entführer eingegangen ist und Gesinnungsgenossen aus der Haft entlässt, wird Peter Lorenz am 5. März freigelassen. Fünf inhaftierte Mitglieder der "Bewegung 2. Juni" werden in die Volksrepublik Jemen ausgeflogen.

Teltowkanal bei Dreilinden in West-Berlin: An dieser Stelle gelang Hartmut Richter (Foto) im August 1966 die Flucht in den Westen (Aufnahme: Oktober 1980)

4. März: Hartmut Richter schwimmt Ende August 1966 durch den Teltowkanal nach West-Berlin. Der Fluchtversuch des 18-Jährigen glückt. Er hilft insgesamt 33 Menschen, ebenfalls aus der DDR zu fliehen. Im März 1975 wird das Versteck in seinem Kofferraum entdeckt und Hartmut Richter zusammen mit den Flüchtlingen verhaftet.

25. März: Österreich und die DDR unterzeichnen in Ost-Berlin einen Konsularvertrag, in dem Österreich als erstes westliches Land die DDR-Staatsbürgerschaft anerkennt.

14. April: Aufnahme des vollautomatischen Fernsprechverkehrs von West-Berlin nach Ost-Berlin über 240 neu geschaltete Fernsprechleitungen.

24. April: In Stockholm wird die Botschaft der Bundesrepublik von Terroristen eines "Kommandos Holger Meins" gestürmt. Sie wollen damit die Freilassung von 26 Häftlingen der "Rote Armee Fraktion" erreichen. Nachdem die Bundesregierung die Forderungen abgelehnt hat, werden zwei Geiseln erschossen, bevor die Polizei die übrigen Geiseln befreien und die Terroristen festnehmen kann.

11. Mai: DDR-Grenzorgane verbieten Passanten und der West-Berliner Feuerwehr Rettungsmaßnahmen für Cetin Mert, einen fünfjährigen türkischen Jungen. Er ist an einem Steilufer in Berlin-Kreuzberg in die Spree gefallen, die an dieser Stelle in voller Breite zu Ost-Berlin gehört. Es ist der vierte Todesfall an dieser Stelle, was in der Öffentlichkeit eine heftige Kontroverse auslöst und schließlich am 29. Oktober 1975 zu einem Abkommen über Rettungsmaßnahmen in den Berliner Grenzgewässern führt.

21. Mai: In Stuttgart-Stammheim beginnt der Prozess gegen die führenden Köpfe der "Baader-Meinhof-Bande": Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Jan Carl Raspe und Gudrun Ensslin.

11. Juni: Vereinbarung zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion über die Eröffnung von Touristikbüros.

8.-12. Juli: Als erster israelischer Ministerpräsident besucht Yitzhak Rabin die Bundesrepublik und auch West-Berlin.

17. Juli: Amerikanisch-sowjetisches "Rendezvous im All": Erfolgreicher Kopplungsversuch der sowjetischen Raumkapsel Sojus 19 und der US-amerikanischen Apollo 18 im All.

Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki am 1. August 1975. (v.l.n.r.: Helmut Schmidt, Erich Honecker, Gerald Ford, Bruno Kreisky).

1. August: Gipfeltreffen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki, an der 35 Staaten, darunter auch die BRD und die DDR, teilnehmen. Dem Abschlussdokument zufolge sollen sich die Teilnehmerstaaten unter anderem von den Prinzipien des Gewaltverzichts, der Unverletzlichkeit der Grenzen, der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten und der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten leiten lassen. Vereinbart wird des Weiteren auch die Förderung menschlicher Kontakte über die Grenzen hinweg. Vor allem der Menschenrechts-"Korb 3", in dem unter anderem das Recht auf die freie Wahl des Wohnsitzes deklariert ist, trägt der DDR Probleme ein. In den folgenden Jahren berufen sich immer mehr Ausreisewillige und Oppositionelle auf das KSZE-Schlussdokument. Sie ist jedoch eine zwischenstaatliche Abmachung und Absichtserklärung, kein völkerrechtlich bindender Vertrag. Am Rande des Gipfels treffen Helmut Schmidt und Erich Honecker erstmals zusammen.

Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl mit seiner Familie in Leipzig, 19. August 1975.

19. August: Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl reist mit seiner Familie zu einem Privatbesuch nach Leipzig.

6. Oktober: Der sowjetische Partei- und Staatschef Leonid I. Breschnew und SED-Generalsekretär Erich Honecker unterzeichnen in Moskau einen Vertrag über "Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand" mit einer Laufzeit von 25 Jahren. Der Vertrag enthält keinerlei gesamtdeutsche Bezüge. Breschnew lässt Honecker wissen, dass er im Hinblick auf die Ausweitung der innerdeutschen Wirtschaftsbeziehungen und den zunehmenden Reise- und Besucherverkehr zwischen beiden deutschen Staaten die Grenze, "die aus der Kontrolle des Politbüros gerät", überschritten sieht. Wenn innerhalb eines Jahres 40.000 Pkws mit westdeutschen Insassen ein DDR-Städtchen mit 12.000 Einwohnern besuchten, wie es ihm berichtet worden sei, so Breschnew vorwurfsvoll, komme die Ideologie mit hinein. Und, so fragt er Honecker, "woher soll der Sekretär der Parteiorganisation der SED wissen, wer da kommt, wenn es 40.000 PKWs sind?"

7. Oktober: Der 26. Jahrestag der DDR-Gründung wird erstmals als "National"-Feiertag begangen.

9. Oktober: Die Außenminister der Bundesrepublik und Polens unterzeichnen in Warschau eine Vereinbarung, derzufolge 125.000 Deutschstämmige in die Bundesrepublik übersiedeln dürfen.

14. Oktober: In einem Befehl für das bevorstehende Ausbildungsjahr 1975/76 fordert der Chef der DDR-Grenztruppen: "Durch zielgerichtete Erziehung und Ausbildung der Angehörigen der Grenztruppen ist zu sichern, dass zur Verhinderung von Grenzdurchbrüchen, Provokationen und Diversionsakten des Gegners die Schusswaffe entsprechend der Schusswaffengebrauchsbestimmung mit hohem politischen Verantwortungsbewusstsein entschlossen und treffsicher angewandt wird."

Held der DDR

29. Oktober: Für "Heldentaten bei der allseitigen Stärkung der DDR, der Erhöhung ihrer internationalen Autorität und ihrem sicheren militärischen Schutz" wird auf Beschluss des SED-Politbüros die Auszeichnung "Held der Deutschen Demokratischen Republik" eingeführt.

28. Oktober - 2. November: Als erster Bundeskanzler besucht Helmut Schmidt China und trifft dort mit Mao Tse-Tung zusammen.

Held der DDR

10.-15. November: Als erster Bundespräsident besucht Walter Scheel die Sowjetunion.

10. Dezember: Der sowjetische Dissident Andrej Sacharow erhält in Abwesenheit den Friedensnobelpreis; die sowjetische Führung verweigert ihm die Ausreise nach Oslo.

16. Dezember: Spiegel-Korrespondent Jörg Mettke wird wegen "grober Verleumdung" aus der DDR ausgewiesen. Er hat über die Zwangsadoption von Kindern berichtet, deren Eltern in den Westen geflüchtet sind oder einen Fluchtversuch unternommen haben.

31. Dezember:Die Gesamtzahl der Reisen aus dem Bundesgebiet und West-Berlin in die DDR und nach Ost-Berlin beträgt 1975 rund 7,7 Millionen (gegenüber 2,7 Millionen 1971). In die umgekehrte Richtung, aus der DDR in die Bundesrepublik, sind 1975 1,33 Millionen Rentner (1971: 1 Mio.) und 40.000 (1971: keine) jüngere Reisende in dringenden Familienangelegenheiten gereist.