Chronik

Überblick 1976

Wolf Biermann auf einer Pressekonferenz in Köln nach seiner Ausbürgerung aus der DDR, 19. November 1976.

Februar: XXV. KPdSU-Parteitag in Moskau. SED-Generalsekretär Erich Honecker, der die Delegation der SED anführt, besucht am 27. Februar das "Sternenstädtchen", Wohnort und Arbeitsstätte der sowjetischen Kosmonauten. Im Kosmonautenausbildungszentrum "Juri Gagarin" treffen die ostdeutschen Gäste mit sowjetischen Raumfahrern zusammen.

23. März: In der DDR tritt der "Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte vom 16.12.1966" in Kraft. In Art. 12, Abs. 1 des Abkommens heißt es: "Es steht jedem frei, jedes Land, auch sein eigenes, zu verlassen."

Erich Honecker besucht das


30. März: In Bonn wird ein Abkommen zwischen der DDR und der Bundesrepublik zu Verbesserungen im Post- und Fernmeldewesen zwischen beiden deutschen Staaten unterzeichnet.

April: Nach einer Erprobungsphase im Jahr 1975 beginnt die Errichtung der 4. Generation der Berliner Mauer (Grenzmauer-75). Sie besteht aus industriell gefertigten, senkrechten Stützwandelementen, auf deren oberes Ende ein aufgeschlitztes Asbestrohr gesetzt wird.

14. April: Der Regimekritiker und Physiker Andrej D. Sacharow und seine Frau Jelena Bonner werden in der westsibirischen Stadt Omsk verhaftet. Sacharow ist der führende Kopf der Bürger- und Menschenrechtsbewegung in der UdSSR. Für seinen Einsatz für politisch und religiös Verfolgte wurde er 1975 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

23. April: Auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Stadtschlosses am Marx-Engels-Platz in Ost-Berlin wird der "Palast der Republik" eingeweiht. Das Gebäude ist unter anderem als Sitz der DDR-Volkskammer vorgesehen.

DDR-Selbstschussanlage (SM-70) mit Halterung

1. Mai: Michael Gartenschläger, politisch Inhaftierter in der DDR und vom Westen freigekauft, bekämpft die DDR durch den Abbau von Selbstschussanlagen (SM-70). Nachdem ihm am 30. März und 24. April 1976 die Demontage von Todesautomaten gelungen ist, wird er beim dritten Versuch von einer Stasi-Spezialeinheit aus dem Hinterhalt erschossen.

9. Mai: Die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof wird erhängt in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim aufgefunden. Nach Angaben der Gefängnisleitung hat sie Selbstmord begangen. Ihr Tod führt im In- und Ausland zu Protestkundgebungen und gewalttätigen Demonstrationen, weil der Verdacht kursiert, es handele sich um Mord.

Für

18. - 22. Mai: Auf dem IX. SED-Parteitag wird der Bevölkerung eine erfolgreiche Bilanz der Umsetzung der "Hauptaufgabe" vorgespiegelt: Die Mindestlöhne und Renten sind erhöht und die Zusatzrentenversicherung verbessert worden, vollbeschäftigte berufstätige Mütter in den Genuss einer Reihe von Vergünstigungen gekommen, die von der Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich über die Erhöhung des Mindesturlaubs und eine Verlängerung des bezahlten Mutterschaftsurlaubs bis hin zu Geburtenprämien reichen. Als "Herzstück der Hauptaufgabe" ist das Wohnungsbauprogramm mit dem Ziel angelaufen, bis 1990 drei Millionen Wohnungen zu errichten; gleichzeitig sind die Mieten niedrig geblieben. Die Verwirklichung der "Hauptaufgabe", so beschließt es der IX. SED-Parteitag, soll auch künftig im Zentrum der Politik der SED stehen.

28. Mai: In Moskau schließen Vertreter der USA und UdSSR ein Abkommen über zivile unterirdische Atomversuche, das auch eine gegenseitige Kontrolle vorsieht.

1. Juli: In der Bundesrepublik tritt das Mitbestimmungsgesetz in Kraft. Es gilt für Unternehmen mit eigener Rechtspersönlichkeit (zum Beispiel AGs, KGs, GmbH), die mehr als 2.000 Beschäftigte haben. Die Aufsichtsräte in diesen Unternehmen sind paritätisch mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern besetzt; bei Stimmengleichheit entscheidet der in der Regel der Anteilseigner zugehörende Aufsichtsratsvorsitzende.

5. August: Der italienische Lastwagenfahrer Benito Corghi, der auf der Westseite des Grenzübergangs Rudolphstein/Hirschberg bemerkt, dass er seine Papiere auf der DDR-Seite vergessen hat und zu Fuß zurückgehen will, um sie abzuholen, wird von DDR-Grenzern erschossen.

Urkunde für die Teilnahme am Vorbeimarsch der Kampfgruppen der Arbeiterklasse, 13. August 1976

13. August: Die SED-Führung begeht den 15. Jahrestag des Mauerbaus mit einem Kampfappell und einer Militärparade der "Kampfgruppen der Arbeiterklasse".

18. August: Der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz setzt sich auf dem Marktplatz im thüringischen Zeitz aus Protest gegen die Unterdrückung der Kirchen in der DDR selbst in Brand. Vier Tage später erliegt er seinen schweren Verletzungen.

19. August: Treffen von KPdSU-Chef Leonid Breschnew und SED-Generalsekretär Erich Honecker auf der Krim: "Erich, ich habe Dir einmal gesagt", wiederholt Breschnew seine Besorgnis über die Erweiterung des innerdeutschen Reiseverkehrs, "die DDR hat 17 Millionen Einwohner. Es kommen eine Menge Leute in die DDR. Die treiben Agitation für den Kapitalismus. Der Kreissekretär der Partei kann nicht alles wissen, was da gesagt wird, auch Genosse Mielke nicht." Die wachsende Verschuldung der sozialistischen Staaten im Westen veranlasst Breschnew zu der Mahnung, in dieser Hinsicht maßzuhalten. Honecker verspricht, die DDR-Verpflichtungen im Westen Schritt für Schritt abzubauen. Dies setze allerdings voraus, dass die sowjetischen Getreidelieferungen in der vereinbarten Höhe eingehalten würden.

23. September: Gründung des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) - einer oppositionellen Organisation der Intellektuellen und Aktivisten in Polen.

6. Oktober: Der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission der DDR, Gerhard Schürer, warnt intern vor der zunehmenden, nicht geplanten Verschuldung der DDR im Westen. Zusätzliche Importe an Getreide und Futtermitteln, Rohstoff-Preiserhöhungen und Konsumgüter-Importe aus dem Westen hätten in den zurückliegenden Jahren zu einem Handelsbilanzdefizit von knapp 9 Mrd. Westmark geführt, für das Westkredite in entsprechender Höhe aufgenommen werden mussten. Schürer mahnt an, die Exporte in das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet zu erhöhen und gleichzeitig die Importe aus dem Westen zu verringern.

Berlin-Mitte: Die Mauer am Potsdamer Platz (Aufnahme: August 1976)

11. Oktober: Im Befehl Nr. 101/76 des DDR-Verteidigungsministers und allen nachfolgenden "101er-Befehlen" ist nicht mehr davon die Rede, dass "Grenzverletzer" zu vernichten seien. Es wird angeordnet, dass sie festzunehmen seien. Dennoch wird bis 1989 bei der Verhinderung von Fluchten weiterhin von der Schusswaffe Gebrauch gemacht.

3. November: Der DDR-Schriftsteller Rainer Kunze wird nach der Veröffentlichung seines Romans "Die wunderbaren Jahre" in einem westdeutschen Verlag aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen.

2. November: Durch einen Beschluss des SED-Politbüros wird der von Alexander Schalck-Golodkowski geleitete Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) Günter Mittag und damit Erich Honecker weisungsmäßig unterstellt. Unter strengster Geheimhaltung und Abschirmung gegenüber allen anderen ZK-Abteilungen, der Plankommission sowie dem SED-Politbüro ist der Bereich KoKo fortan ausschließlich Honecker und Mittag rechenschaftspflichtig.

Wolf Biermann auf einer Pressekonferenz in Köln nach seiner Ausbürgerung aus der DDR, 19. November 1976.

16. November: Der Liedermacher Wolf Biermann wird während einer Konzertreise durch die Bundesrepublik aus der DDR ausgebürgert. 13 namhafte DDR-Künstler und Intellektuelle solidarisieren sich mit Biermann und veröffentlichen am 17. November eine Protesterklärung. In den folgenden Tagen kommt es zu Verhaftungen, unter anderem von Jürgen Fuchs. Nach der Biermann-Ausbürgerung verlassen prominente Schriftsteller, Künstler und Schauspieler die DDR, so etwa Rainer Kunze, Manfred Krug und Armin Müller-Stahl.

26. November: Der DDR-Regimekritiker Professor Robert Havemann wird unter Hausarrest gestellt. Er darf sein Haus in Berlin-Grünheide fortan nicht mehr verlassen. Ihm gelingt es dennoch immer wieder, Kontakt zur Außenwelt herzustellen und Schriften in den Westen zu schleusen.

22. Dezember: Der ARD-Fernsehkorrespondent Lothar Loewe wird "wegen schweren Verstoßes gegen die Rechtsordnung" aus der DDR ausgewiesen. Loewe hatte in einer Reportage für die "Tagesschau" gesagt, an der innerdeutschen Grenze werde "auf Menschen wie auf Hasen" geschossen.