Chronik

Überblick 1977

Berlin-Mitte: Sperrmauer am Brandenburger Tor (Aufnahme: 1977).

1. Januar: Gründung der Menschenrechtsgruppe "Charta 77" in der Tschechoslowakei. Künstler und Intellektuelle - unter ihnen etwa Václav Havel, Jirí Hájek und Jirí Dienstbier - sowie Politiker des Prager Frühlings schließen sich zusammen, um auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, die im Widerspruch zu der auch von der CSSR unterschriebenen Schlussakte von Helsinki stehen.

11. Januar: Die Volkspolizei schränkt die Zugangsmöglichkeiten zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin ein, vor allem um ausreisewillige DDR-Bürger zurückzuhalten.

16. Februar: Das ZK-Sekretariat der SED weist die staatlichen Instanzen der DDR darauf hin, dass in den Rechtsvorschriften der DDR "ein Recht zur Übersiedlung nach nichtsozialistischen Staaten nicht vorgesehen" sei. Die Berufung auf die Schlussakte von Helsinki oder andere völkerrechtliche Dokumente wird unter Strafandrohung gestellt. Nur in Ausnahmefällen, so das ZK-Sekretariat, könnten Übersiedlungs-Genehmigungen aus "humanitären Gründen" arbeitsunfähigen Bürgern - Rentnern und Pflegebedürftigen - erteilt werden sowie Ehepartnern zum Zwecke ihrer Zusammenführung, wenn ein Ehegatte mit staatlicher Genehmigung bereits übergesiedelt sei. Der geheime Beschluss des ZK-Sekretariats bildet die Grundlage für die Ausarbeitung entsprechender interner Verwaltungsregeln des DDR-Ministerrates.

17. Februar: In einem Interview mit der "Saarbrücker Zeitung" bestätigt Erich Honecker die Zahl von etwa 10.000 Ausreiseanträgen von DDR-Bürgern. Gleichzeitig fordert er die Anerkennung der Staatsbürgerschaft der DDR durch die Bundesregierung, nur so könne es Erleichterungen im Reiseverkehr und in Ausreisefragen geben.

24. Februar: Der DDR-Komiker Eberhard Cohrs erklärt bei Dreharbeiten in West-Berlin, dass er nicht mehr in die DDR zurückkehren will.

14. März: In einem gemeinsam an SED-Generalsekretär Erich Honecker verfassten Brief schlagen DDR-Planungschef Gerhard Schürer und ZK-Wirtschaftssekretär Günter Mittag Alarm wegen der Westverschuldung der DDR. "Erstmals sind wir in akuten Zahlungsschwierigkeiten", heißt es darin. Die Geringfügigkeit des Anlasses - der Anstieg der Kaffee- und Kakaopreise - unterstreicht die prekäre wirtschaftliche Lage, in die die DDR vor allem durch umfangreiche Getreideimporte aus dem Westen geraten ist.

Als Honecker die Kritik seiner beiden Wirtschaftsfachleute scharf zurückweist, mahnt auch die Staatssicherheit im November 1977 eine Änderung des Kurses an: "Seit einigen Jahren verbrauchen wir mehr als wir jetzt effektiv produzieren und ziehen Nationaleinkommen der kommenden Jahre vor. (...) Verantwortliche Funktionäre der Staatlichen Plankommission und der Fachabteilungen des ZK vertreten einhellig die Auffassung, dass sich Genosse [E. Honecker] in einem für die Volkswirtschaft der DDR schwerwiegenden Irrtum befindet."

29. Juni-2. Oktober: Auf der Kasseler "documenta 6" wird erstmals Kunst aus der DDR gezeigt.

12. Juli: Wie in den KSZE-Beschlüssen von Helsinki vereinbart, nehmen erstmals westliche Beobachter an einem Manöver des Warschauer Paktes teil.

19. Juli: Treffen von KPdSU-Chef Leonid Breschnew und SED-Generalsekretär Erich Honecker auf der Krim: Die Parteichefs sind sich darin einig, Maßnahmen zu ergreifen, die die SPD/FDP-Regierung unter Bundeskanzler Schmidt bei den Bundestagswahlen 1978 vor einer Ablösung durch die CDU bewahren. Erneut verleiht der sowjetische Parteichef seinem Unbehagen Ausdruck, dass der Reisestrom aus der Bundesrepublik in die DDR nicht eingedämmt wurde; die Bundesregierung singe "das alte Liedchen" einer Annäherung zwischen der DDR und der BRD. Unter der Flagge des Eurokommunismus werde zudem versucht, "unsere klare Position zu verfälschen".

Rudolf Bahro

23. August: Rudolf Bahro, Autor des in der Bundesrepublik erschienenen Buches "Die Alternative. Zur Kritik des real-existierenden Sozialismus" wird in Ost-Berlin verhaftet und ein knappes Jahr später, am 30. Juni 1978, unter anderem wegen "Geheimnisverrat" zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Am 18. Dezember 1979 wird Bahro amnestiert und reist in die Bundesrepublik aus.

26. August: Der Schriftsteller Jürgen Fuchs sowie die Musiker Christian Kunert und Gerulf Pannach, die Ende 1976 von der Staatssicherheit wegen Protesten gegen die Ausbürgerung Biermanns verhaftet worden waren, werden entlassen und nach West-Berlin abgeschoben.

5. September: "Deutscher Herbst": RAF-Terroristen entführen den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer; dessen Fahrer und drei seiner Begleiter werden dabei ermordet. Die Entführer fordern die Freilassung ihrer in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Gesinnungsgenossen.

Am 13. Oktober kapern vier Terrorristen die Lufthansa-Maschine "Landshut" und entführen sie nach Mogadischu. Bei einer Zwischenlandung in Aden wird der Pilot Jürgen Schumann ermordet. Am 18. Oktober befreit ein "GSG 9"-Kommando die Geiseln, drei der Entführer kommen ums Leben. Am selben Tag werden Andreas Baader und Gudrun Ensslin tot, Irmgard Möller und Jan-Carl Raspe schwer verletzt in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim aufgefunden; Raspe stirbt wenige Tage später. Schleyer wird nach Bekanntwerden der Selbstmorde in Stammheim von seinen Entführern ermordet.

22./23. September: Die USA und die Sowjetunion vereinbaren eine Verlängerung des SALT-I-Vertrages (Strategic Arms Limitation Talks). Allerdings sind davon nur die strategischen Trägersysteme und ihre Gefechtsköpfe betroffen, taktische Nuklearwaffen werden von dem Vertragswerk nicht berührt. Die Sowjetunion nutzt diese Lücke und entwickelt die SS 20-Mittelstreckenraketen, auf die die USA mit der Entwicklung der Pershing-II antworten.

12. September: Nachdem das SED-Politbüro den Kaffeeimport aufgrund der gestiegenen Weltmarktpreise im Sommer reduziert und den Kaffeeverbrauch in Kantinen und Gaststätten eingeschränkt hat, warnt das MfS intern vor einen Proteststurm der Bevölkerung. "Für den Arbeiter in der DDR ginge der Wohlstand ‚langsam aber sicher zu Ende’", geben Mielkes Lauscher in einer eilends verfassten Information Volkes Stimme wieder. Insbesondere unter Arbeitern sei die Meinung verbreitet, "dass der ‚linientreue’ Werktätige ohne Westkontakte, der zur Politik unserer Regierung stehe, das Nachsehen habe, dagegen weniger Bewusste, Schwankende und negative Elemente Vorzugswaren im ‚Intershop’ erhalten.“ - Die Intershop-Läden seien "selbstverständlich kein ständiger Begleiter des Sozialismus", gibt Honecker daraufhin in einer öffentlichen Ansprache kund, bekräftigt aber zugleich, dass sie als Deviseneinnahmequelle für die DDR vorläufig unverzichtbar seien.

30. September: Dem Nationalen Verteidigungsrat der DDR liegt eine geheime Untersuchung des SED-Zentralkomitees über die Wirksamkeit der Grenzsicherung vor. Sie informiert darüber, dass am Grenzzaun zur Bundesrepublik auf 271 km Länge die Mine SM-70 montiert sei und auf weiteren 271 km Erdminensperren des Typs 66, die nur noch eine Wirksamkeit von 20 Prozent hätten. Die Selbstschussanlage SM-70 habe sich dagegen als das "wirksamste Sperrelement" erwiesen und solle deshalb soweit ausgebaut werden, dass sie 1981 "das Hauptelement der Grenzsicherungsanlagen darstelle".

4. Oktober: Beginn der 1. KSZE-Folgekonferenz in Belgrad, bei dem weitere Abrüstungsfragen sowie das Thema Menschenrechte verhandelt werden. Allerdings dient das Treffen in erster Linie der Bestätigung und Fortsetzung des Konferenzgedankens; substanzielle Fortschritte werden erst auf dem 2. KSZE-Folgetreffen in Madrid (1980-1983) und dem 3. KSZE-Folgetreffen in Wien (1986-1989) erzielt.

7. Oktober: Auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin kommt es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Volkspolizei, wobei von der Menge immer wieder auch der Ruf "Die Mauer muss weg!" skandiert wird.

28. Oktober: Bundeskanzler Helmut Schmidt wirft der Sowjetunion in einer Rede in London vor, dass sie seit 1974/75 allen entspannungspolitischen Bekundungen zum Trotz vor allem mit atomaren Mittelstreckenraketen (SS-20) "vorrüste". Das Ungleichgewicht bei nukleartaktischen und konventionellen Waffen in Mitteleuropa nehme dadurch zu - im Sinne eines militärpolitischen Übergewichts des Warschauer Paktes gegenüber der NATO.

Verdienstmedaille der DDR-Grenztruppen (1977)

Oktober: Für "hervorragende Verdienste und persönliche Einsatzbereitschaft" bei der Sicherung der DDR-Staatsgrenze wird die "Verdienstmedaille der Grenztruppen der DDR" in den Stufen Bronze, Silber und Gold gestiftet.