Chronik

Überblick 1978

Das

1. Januar: In der DDR tritt ein neues Arbeitsgesetzbuch in Kraft. Es geht von der Übereinstimmung der Interessen von Partei, Betrieben und Beschäftigten aus.

10. Januar: Nach der Veröffentlichung des "Manifestes" eines "Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschlands", einer angeblichen oppositionellen Gruppe innerhalb der SED, wird das Büro des "Spiegel" in Ost-Berlin wegen "fortgesetzter und böswilliger Verleumdung der DDR und ihrer Bürger" geschlossen. Das "Manifest" fordert einen "theoretisch und politisch total reformierten Kommunismus". Die SPD bezeichnet das "Manifest" als "Neujahrscocktail" und "Schuss gegen die Entspannungspolitik"; für die SED ist es ein "miserables Machwerk", dessen Autorenschaft dem Bundesnachrichtendienst und dem "Spiegel" zugeschrieben wird. Der DDR-Geheimdiplomat und Dissident Professor Hermann von Berg, so wird in den 90er Jahren bekannt, ist der Autor des "Manifestes". Die DDR bürgert von Berg 1986 in die Bundesrepublik aus. Ein "Bund Demokratischer Kommunisten Deutschlands" dagegen hat in der DDR nicht existiert.

1. Februar: DDR-Volksbildungsministerin Margot Honecker erlässt eine Direktive, derzufolge an den Schulen am 1. September für Jungen und Mädchen ein Wehrunterricht mit Waffenausbildung eingeführt werden soll.

6. März: Gespräch zwischen SED-Generalsekretär Erich Honecker und dem Vorstand des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (Bischof Albrecht Schönherr, Bischof Werner Krusche sowie Oberkonsistorialrat Manfred Stolpe als Leiter des BEK-Sekretariats). Dabei geht es u.a. um kirchliche Bauvorhaben, die Vorbereitung des Lutherjubiläums 1983, um die Seelsorge im Strafvollzug, kirchliche Literatur und Medien. Grundsätzlich zielt das Treffen jedoch auf eine Positionsbestimmung des schwierigen Verhältnisses zwischen Evangelischer Kirche und SED auf der Basis der Formel "Kirche im Sozialismus". Beide Seiten bewerten das Gespräch - in jeweils eigener Interpretation - als Erfolg. Die Ergebnisse des Gesprächs werden als offizielle Erklärung im "Neuen Deutschland" veröffentlicht.

April: US-Präsident Jimmy Carter rückt vom Bau der Neutronenbombe ab.

4.-7. Mai: Zweiter Besuch des KPdSU-Generalsekretärs Leonid Breschnew in der Bundesrepublik.

19. Juni: Bei einem Zwischenfall an der Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden in Ost-Berlin liefert sich ein offensichtlich desertionswilliger Angehöriger der sowjetischen Streitkräfte einen Schusswechsel mit der Volkspolizei. Mehrere Passanten, darunter ein Mitarbeiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, werden verletzt. Der sowjetische Soldat wird getötet.

30. Juni: Der Regimekritiker und SED-Wirtschaftsfunktionär Rudolf Bahro wird wegen "Geheimnisverrats" und "nachrichtendienstlicher Tätigkeit" zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt.

Kampfgruppen-Propaganda, 1978

7. Juli: Der Ost-Berliner Wehrdienstverweigerer Nico Hübner wird zu fünf Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Er hatte sich auf den entmilitarisierten Status von Berlin berufen.

13.-15. Juli: Besuch des US-Präsidenten Jimmy Carter in der Bundesrepublik.

Parade zum Jahrestag der

25. Juli: Treffen von KPdSU-Chef Leonid Breschnew und SED-Generalsekretär Erich Honecker auf der Krim. Die Politik der chinesischen Führung werde immer aggressiver, teilt Breschnew Honecker mit, sie unterstütze die Einheit Deutschlands, was faktisch "die Einverleibung der DDR" bedeute.

Hinsichtlich der Entwicklung der Beziehungen der DDR mit der Bundesrepublik sei es zweckmäßig, "alle Kanäle zu kontrollieren bzw. einzuengen, durch die die BRD versucht, Einfluss auf die Entwicklung in der DDR auszuüben." Die Erfüllung von Honeckers Wunsch nach sowjetischen Getreidelieferungen an die DDR, die in den Jahren zwischen 1976 und 1978 ausgeblieben waren, hingen, so Breschnew, von der Ernte in der Sowjetunion ab; Zusagen seien hier ebenso wenig möglich wie bei der Lieferung von Rohstoffen allgemein und insbesondere von Rohöl.

Kosmonaut Sigmund Jähn zu Besuch in Dresden, 25. September 1978.

24./25. August: Das SED-Zentralkomitee beschließt die Forcierung der Bildung von zentral geleiteten Kombinaten.

26. August-3. September: Der Kosmonaut Sigmund Jähn nimmt als erster Deutscher an Bord des sowjetischen Raumschiffes Sojus 31 an einem Weltraumflug teil.

1. September: In den 9. und 10. Klassen der DDR-Schulen wird ein Wehrkundeunterricht eingeführt.

Ehrentribüne während der Truppenparade zum 25. Jahrestag der

19. September: Mit einer militärischen Parade begeht die SED-Führung den 25. Jahrestag der "Kampfgruppen der Arbeiterklasse". Die paramilitärischen "Kampfgruppen" waren 1953 nach dem Juni-Volksaufstand gegründet worden, um gegenüber künftigen Erhebungen besser gewappnet zu sein. Im Vorfeld des Jahrestages hat sich Verteidigungsminister Heinz Hoffmann erstmals zum militärischen Auftrag der über 300.000 Mann starken "Kampfgruppen" bekannt.

28. September: Zum neuen Ständigen Vertreter der DDR in Bonn wird Ewald Moldt ernannt.

Urkunde zum 25. Jahrestag der

16. Oktober: Der Erzbischof von Krakau, Karol Kardinal Wojtyla, wird zum Papst gewählt. Er nimmt den Namen Johannes Paul II. an.

16. November: Unterzeichnung eines Verkehrsabkommens zwischen Bonn und Ost-Berlin, in dem der Bau einer Transitautobahn zwischen Berlin und Hamburg, die Wiedereröffnung des Teltowkanals für die Binnenschifffahrt sowie die Neuregelung der Transitpauschale an die DDR vereinbart wird.

17. Dezember: Die OPEC erhöht den Erdölpreis um durchschnittlich 10 Prozent und löst bei ihren westlichen Abnehmern damit die zweite Ölpreiskrise aus.

Papst Johannes Paul II: Wie kein Stellvertreter Christi vor ihm wird der neue Papst vermarktet (Abbildung von Papst Johannes Paul II. auf einem Aschenbecher)

Dezember: In einem neuen Verfahren wird der DDR-Flüchtling Werner Weinhold wegen Totschlags an zwei DDR-Grenzsoldaten bei seiner Flucht am 19. Dezember 1975 zu fünfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil wird am 23. August 1979 vom Bundesgerichtshof bestätigt. In erster Instanz war Weinhold am 2. Dezember 1976 von der Anklage des Totschlags freigesprochen worden.