Chronik

Überblick 1982

Ronald Reagan, Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker am Checkpoint Charlie, 1982.

25. Januar: Im Auftrag von Minister Erich Mielke legt die für Volkswirtschaft zuständige Stasi-Hauptabteilung XVIII eine streng geheime Analyse zur Lage der DDR-Wirtschaft vor. Das Fazit der Studie, für die auch führende DDR-Wirtschaftsfunktionäre abgeschöpft werden, lautet, dass die DDR "aus eigener Kraft nicht mehr in der Lage ist, mit ökonomischen Mitteln eine grundlegende Veränderung der eingetretenen Situation herbeizuführen und die Probleme der Zahlungsbilanz mit dem NSW dauerhaft zu lösen".

Die Stasi-Wirtschaftsexperten unterbreiten deshalb den Vorschlag, die Sowjetunion um die Übernahme von zwei Dritteln der Westschulden der DDR zu bitten (ca. 20 Mrd. DM). Im Gegenzug sollen die DDR-Handelsbeziehungen mit dem Westen weitgehend eingestellt und die bis dahin in den Westen exportierten Waren in die Sowjetunion geliefert werden, die aus den dadurch eingesparten West-Importen die DDR-Schulden begleichen könne.

Untergrundstempel der

9. Februar: Beginn des KSZE-Folgetreffens in Madrid, das aufgrund der angespannten Ost-West-Lage am 12. März auf den 9. November vertagt wird. Vertreter westlicher Staaten üben massive Kritik am Vorgehen des polnischen Militärregimes.

15. Februar: Gemäß einer "Anordnung über Regelungen zum Reiseverkehr von Bürgern der DDR" werden die Reiseanlässe von West-Besuchen auf Jugendweihen, Konfirmationen, Kommunionen sowie den 60., 65., 70., 75. und jeden weiteren Geburtstag ausgedehnt. Die Zahl der Genehmigungen steigt von bisher etwa 40.000 auf rund 60.000 pro Jahr an.

Die DDR gibt für West-Berliner neue "Hinweise über zoll- und devisenrechtliche Bestimmungen" heraus.

15. März: Die EG reagiert mit Importbeschränkungen für Waren aus der Sowjetunion auf die Verhängung des Kriegsrechts in Polen.

25. März: Die DDR-Volkskammer verabschiedet ein "Grenzgesetz". Erstmals gibt die SED-Führung Todesschüssen an der Grenze eine gesetzliche Fassade. Der formalen Anlehnung an entsprechende westliche Gesetze über Zwangsausübungen steht die praktische Anwendung gegen harmlose, in der Regel unbewaffnete Flüchtlinge gegenüber.

"Wenn notwendig, dann treffen mit dem ersten Schuss", heißt es in einem Redemanuskript von Klaus-Dieter Baumgarten, Chef der DDR-Grenztruppen, zur Durchsetzung des Grenzgesetzes in der Truppe. Im gleichen Atemzug kritisiert der oberste Befehlshaber der DDR-Grenztruppen die Unterlassung und die zu leichtfertige Anwendung der Schusswaffe im Grenzdienst - und delegiert damit die Verantwortung für Todesschüsse nach unten.

Einsatzübung der DDR-Grenztruppen im Kreis Mühlhausen, 27. März 1982.

Die Politische Verwaltung der DDR-Grenztruppen erteilt Hinweise zur "Klärung politisch-ideologischer Probleme des Schusswaffengebrauchs". In dem als Vertrauliche Verschlusssache gehaltenen Schreiben heißt es, der "richtige und wirksame Einsatz der Schusswaffe im Grenzgebiet ist nicht nur eine gesetzliche Pflicht, sondern das zutiefst moralische und humanistische Recht eines jeden Angehörigen der Grenztruppen". Noch nie zuvor "in der Geschichte unseres Volkes" seien "Waffen für eine edlere Sache getragen" und "bewaffnete Gewalt im Interesse humanerer Ziele angewendet" worden als im "ersten sozialistischen deutschen Staat, der DDR".

29. März: Ein Landwirt aus einem nahe bei Bad Soden-Allendorf gelegenen thüringischen Grenzort fährt mit einem Schaufelbagger bis zum äußersten Grenzzaun und springt vom Bagger auf die Westseite des Zaunes. DDR-Grenzsoldaten geben Warnschüsse ab, dann töten sie den Flüchtenden mit gezielten Schüssen. Die nur wenige Meter entfernten BGS-Beamten können nicht eingreifen, da sich der Flüchtende noch auf DDR-Gebiet befindet.

1. April: Wie das Deutsche Rote Kreuz mitteilt, sind seit dem 1. April 1981 Hilfsgüter im Wert von 17 Mio. DM aus der Bundesrepublik nach Polen geliefert worden. Mit der Aktion "Ihr Paket nach Polen" konnten auch Privatpersonen Päckchen über das DRK Hilfsbedürftigen in Polen zu kommen lassen.

9. April: In Grünheide bei Ost-Berlin stirbt der Regimekritiker Robert Havemann.

22. April: Der Versuch eines Ehepaares, einen Tunnel nach West-Berlin zu graben, scheitert. Der 29-jährige Lokführer und seine Ehefrau entwickeln die Idee, stattdessen mit einem Heißluftballon zu fliehen. Zu der für Mai 1982 geplanten Flucht kommt es nicht, ein Verwandter verrät das Vorhaben.

Blick in den Tunnel: Gescheiterte Tunnel- und Ballonflucht von Sigridshorst (Teltow) nach West-Berlin, 22. April 1982


24. Mai: Hans Otto Bräutigam wird neuer Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR.

3. Juni: Die wirtschaftliche Lage der DDR spitzt sich dramatisch zu. Seit dem 13. Dezember 1981, dem Tag, an dem in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde, verweigert der Westen den Ostblockstaaten die Aufnahme neuer Kredite. Während eines Gesprächs mit dem Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR, Hans Otto Bräutigam, beschwert sich Alexander Schalck-Golodkowski: "Wir spüren einen totalen Kreditboykott gegenüber der DDR, an dem sich auch Banken der BRD nicht unwesentlich beteiligen, die vorher bei Warenlieferungen und Finanzkrediten zu normalen Bedingungen an der Kreditvergabe internationaler Konsortien beteiligt waren."

Ronald Reagan, Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker am Checkpoint Charlie, 1982. Ronald Reagan, Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker am Checkpoint Charlie, 1982.

9.-11. Juni: US-Präsident Ronald Reagan ist zu Besuch in der Bundesrepublik und West-Berlin, wo er das Schloss Charlottenburg und den Checkpoint Charlie besichtigt. In West-Berlin finden friedliche, aber auch gewalttätige Demonstrationen gegen die NATO-Nachrüstungspolitik statt.

18. Juni: Zwischen der Bundesrepublik und der DDR wird eine Verlängerung des zinslosen Überziehungskredits ("Swing") vereinbart. Im Gegenzug erhöht die DDR ihren Jahresbetrag für den nichtkommerziellen Zahlungsverkehr. Die SED-Führung erkennt zudem allen DDR-Flüchtlingen, die bis zum 31. Dezember 1980 das Land illegal verlassen haben, im Nachhinein die DDR-Staatsbürgerschaft ab. Damit ist dieser Personenkreis nach DDR-Recht straffrei gestellt und kann besuchsweise in die DDR einreisen.

Ronald Reagan begrüßt einen Wachsoldaten der US-Army am Checkpoint Charlie, 1982.

Ab 1. Juli dürfen West-Berliner ihre Tagesbesuche in der DDR und Ost-Berlin bis 2.00 Uhr nachts ausdehnen.

29. Juni: In Genf beginnen die Verhandlungen über die Reduzierung und Begrenzung strategischer Waffen ("START") zwischen den USA und der Sowjetunion.

11. August: Auf der Krim treffen der sowjetische Partei- und Staatschef Leonid I. Breschnew und SED-Generalsekretär Erich Honecker zusammen. Breschnew greift den "besorgniserregenden Charakter" der finanziellen Abhängigkeit der DDR vom Westen auf und fordert von Honecker, dass die DDR und die CSSR gemeinsam mit der Sowjetunion eine "Schrittmacherfunktion" bei der Reduzierung der Abhängigkeit von westlicher Technologie übernehmen sollten.

26. August: In einem Gespräch mit dem Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR, Hans Otto Bräutigam, teilt Alexander Schalck-Golodkowski mit, dass die Bundesregierung in den Sog des "praktizierten Wirtschaftskrieges" und der weiteren internationalen Zuspitzung einbezogen werde, "wenn nicht deutliche Signale zur Wiederherstellung der über Jahrzehnte hinweg praktizierten Kreditbeziehungen zwischen der DDR und internationalen Großbanken, darunter auch zu Banken der BRD" gegeben würden.

28. September: Abkommen zwischen Bonn und Ost-Berlin über den Gewässerschutz in Berlin.

Pro-Kanzler-Button dem rechten Flügel zugeordneter Sozialdemokraten, Oktober 1982

1. Oktober: Durch ein konstruktives Misstrauensvotum stürzt die CDU/CSU-FDP-Mehrheit im Deutschen Bundestag Helmut Schmidt und wählt den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl zum neuen Bundeskanzler.

11. Oktober: Auf einer zentralen MfS-Dienstkonferenz im Oktober 1982 führt Stasi-Minister Erich Mielke aus: "Der Gegner will durch ökonomische Maßnahmen ‚politische Zwänge’ für die Partei- und Staatsführungen der sozialistischen Länder schaffen, die zu Veränderungen im Innern, zu sogenannten Reformen, zur ‚Liberalisierung’ der Innenpolitik, also zur Untergrabung und Schwächung der sozialistischen Machtverhältnisse führen sollen, verbunden mit der Schaffung von ‚Freiräumen’ für alle möglichen feindlich-negativen, antisozialistischen, oppositionellen, revisionistischen, liberalistischen, nationalistischen und antisowjetischen Kräfte." Die Wirtschaft, schlussfolgerte Mielke daraus, "ist das entscheidende Kampffeld für das revolutionäre Handeln der Partei". Deshalb sei es notwendig, den Beitrag des MfS "zur Durchsetzung der Beschlüsse der Partei- und Staatsführung auf wirtschafts- und sozialpolitischem Gebiet" zu erhöhen.

13. Oktober: Bundeskanzler Helmut Kohl versichert im Deutschen Bundestag, dass seine Regierung zu den Verträgen mit dem Osten und den darin übernommenen Verpflichtungen stehen wird.

Beisetzung von Leonid I. Breschnew in Moskau, 15. November 1982.

12. November: Der sowjetische Partei- und Staatschef Leonid I. Breschnew stirbt, seine Nachfolge als Generalsekretär der KPdSU tritt Juri W. Andropow, der bisherige KGB-Chef, an.

20. November: Die innerdeutsche Transitautobahn zwischen Hamburg und Berlin wird eröffnet.

2. Dezember: In einem Gespräch mit ZK-Wirtschaftssekretär Günter Mittag hebt Philipp Jenninger, Staatsminister im Bundeskanzleramt, hervor, "dass Bundeskanzler Kohl daran interessiert ist, dass die Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten weiter entwickelt, fortentwickelt werden. Der Bundeskanzler habe bekräftigt, dass die Politik der BRD in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten berechenbar bleibt, zuverlässig ist und das, was an Vereinbarungen und Verträgen besteht, eingehalten wird. Es soll vonseiten der neuen Bundesregierung keinen Wortbruch geben, und dies betrachte man als ein Stück Arbeit für den Frieden. (...) Generell gehe es darum, in den Beziehungen zwischen der BRD und der DDR die Kontakte fortzusetzen und Kontinuität zu wahren. Das solle sich auch nach den Wahlen fortsetzen, gleich, wer diese Wahl gewinnt, denn es gibt dafür eine breite Basis im Bundestag. Erich Honecker sei für dieses Jahr zum Gegenbesuch in die BRD eingeladen. (...) Über Termin und Vorbereitung müsse man noch sprechen. Auf jeden Fall würde ein solcher Besuch ein wichtiger Markstein in den gemeinsamen Bemühungen zur Lösung derjenigen Fragen sein, dort, wo sie lösbar sind."

16. Dezember: In Warschau und Danzig gedenken tausende Polen der getöteten Danziger Werftarbeiter im Jahre 1970. Die Gottesdienste werden von einem massiven Aufgebot staatlicher Einsatzkräfte begleitet, eine Eskalation bleibt jedoch aus.

Dezember: Die "NSDD-75", bis heute streng geheim und das best gehütetste Geheimnis der Reagan-Administration, entworfen von dem Harvard-Historiker Richard Pipes und Mitarbeitern des National Security Council, löst die legendäre "Eindämmungs"-NSC-68 (unterzeichnet von US-Präsident Truman, entworfen von Paul Nitze) ab. Ihr Ziel ist nicht mehr die Koexistenz mit der Sowjetunion, sondern ein Wechsel des sowjetischen Systems. Grundlage ist die Überzeugung, das die USA über die Macht verfügen, das sowjetische System durch Druck von außen zu verändern. Die innere Schwäche der Sowjetunion soll ausgenutzt werden, um sie zu unterminieren. John Poindexter zufolge definiert die "NSDD-75" eine integrierte Politik, die Aktionen überall auf der Welt verbindet: eine weltumspannende Roll-Back-Strategie, in deren Mittelpunkt die sowjetische Wirtschaft steht.