Chronik

Überblick 1985

Michail Sergejewitsch Gorbatschow wird KPdSU-Generalsekretär, März 1985

1. Januar: Mit Verweis auf eine geltende US-Seerechtskonvention erweitert die DDR ihre Territorialgewässer von drei auf zwölf Seemeilen.

10. Januar: Die beiden westdeutschen Kabarettisten Dieter Hildebrandt und Werner Schneyder dürfen in Leipzig gastieren.

9.-12. Januar: Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau besucht die DDR und trifft unter anderem mit Erich Honecker zusammen.

Stoffaufnäher


15. Januar: Nachdem ihnen Straffreiheit und die Bearbeitung ihrer Ausreiseanträge zugesagt wurde, kehren die letzten sechs Botschaftsbesetzer aus der bundesdeutschen Botschaft in Prag in die DDR zurück.

22. Januar: Das Kirchenschiff der Versöhnungskirche, die seit dem August 1961 unzugänglich im Todesstreifen an der Bernauer Straße steht, wird gesprengt; am 28. Januar folgt die Sprengung des Kirchenturmes.

Das Turmkreuz der Versöhnungskirche überlebte – bei der Sprengung 1985 wurde es verkrümmt (Aufnahme: 2005)


13. Februar: Nach aufwendiger Restaurierung wird die im Krieg stark beschädigte Semperoper in Dresden in Anwesenheit von SED-Chef Erich Honecker und Altkanzler Helmut Schmidt wiedereröffnet. Es ist eines der Prestigeprojekte der Honecker-Ära.

10. März: Nach nur einjähriger Amtszeit stirbt der sowjetische Partei- und Staatschef Konstantin Tschernenko – innerhalb von drei Jahren wird der dritte KPdSU-Generalsekretär zu Grabe getragen. Sein Nachfolger wird der erst 54jährige Michail S. Gorbatschow, bisher ZK-Landwirtschaftssekretär. Stagnation und sinkende Wachstumsraten kennzeichnen die Lage in der sowjetischen Wirtschaft; von der wirtschaftlichen Krise geht für die Weltmacht die größte Bedrohung ihrer Politikfähigkeit nach innen und außen aus.

Beisetzung von Konstantin Tschernenko in Moskau, 13. März 1985

Nicht Glasnost oder Perestroika, sondern "Uskorenije" - Beschleunigung der sozialökonomischen Entwicklung - heißt dementsprechend das Zauberwort, das am Beginn des Reformprozesses im Jahre 1985 steht. Es ist die Erfolglosigkeit der Politik der "Uskorenije", die zur allmählichen Erweiterung der Reformpolitik führt und mit den Begriffen "Glasnost" und "Perestroika" weltweit Beachtung erregt.

12. März: Die USA und die Sowjetunion beginnen in Genf Gespräche über eine Begrenzung atomarer Waffen.

13. März: Mit dem Ministerratsbeschluss über "Grundsätze und Regelungen im Reiseverkehr zwischen der DDR und nichtsozialistischen Staaten sowie Westberlin" und einer "zentralen Weisung" (eine Art "Führerbefehl") Erich Honeckers, die im Dezember 1985 ergeht, wird sowohl der Kreis der Anspruchsberechtigten als auch der Umfang der Reiseanlässe wesentlich erweitert. Reisen in dringenden Familienangelegenheiten können jetzt auch bei Vorliegen sogenannter "besonderer humanitärer Anliegen" beantragt werden, ohne dass jedoch konkrete Hinweise auf anspruchbegründende Verwandtschaftsverhältnisse und Anlässe bekannt gegeben wurden. Da die Weisung "großzügig" ausgelegt wird, steigt die Zahl der Reisen in den Westen sprunghaft von 139.000 im Jahre 1985 auf 573.000 im Jahre 1986 an. 1987 sind es 1.297.399 Reisen, wobei rund 300.000 weitere Anträge in diesem Jahr entweder abgelehnt oder gar nicht erst angenommen werden.

18. März: Zum 40. Jahrestag des Kriegsendes veröffentlichen der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ein gemeinsames "Wort zum Frieden".

24. März: Während einer Inspektion in der DDR wird Major Arthur D. Nicholson Jr., ein Angehöriger der US-Militärmission in Potsdam, getötet. Der Vorfall überschattet die freundlicher werdenden sowjetisch-amerikanischen Beziehungen.

16. April:Das Büro des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" in Ost-Berlin darf nach neun Jahren wieder besetzt werden.

23./24. April: SED-Generalsekretär Erich Honecker ist zu Gast in Italien. Dort trifft er auch Papst Johannes Paul II. Es ist sein erster Staatsbesuch in einem NATO-Land.

1. Mai: Staatsbesuch von US-Präsident Ronald Reagan in der Bundesrepublik.

8. Mai: In einer vielbeachteten Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges bezeichnet Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 als einen "Tag der Befreiung": "Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft."

10. Juni: In einem Vermerk über ein Gespräch mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß hält SED-Devisenbeschaffer Alexander Schalk-Golodkoswki als Äußerungen von Strauß fest, dass Helmut Kohl, der mit einer "schlechten Mannschaft" ausgestattet sei "ernste Führungsschwächen als Bundeskanzler" zeige. Strauß, so Schalck weiter, sei davon überzeugt, "dass weder er noch seine Kinder und Enkelkinder eine Veränderung der jetzigen politischen Grenzen in Europa erleben werden. Das trifft auch für die Existenz der DDR und der BRD zu. Eine Wiedervereinigung ist nur denkbar, wenn sich in ganz Europa eine neue Situation herausgebildet hat." Strauß sei schließlich "froh darüber, dass Erich Honecker als Staatsratsvorsitzender und Generalsekretär die Geschicke der DDR leitet. Wir hoffen, dass das noch viele Jahre der Fall ist."

10./11. Juni: Als erster Regierungschef der drei Westmächte trifft der französische Premierminister Laurent Fabius zu einem Staatsbesuch in der DDR ein.

11. Juni: Bei dem größten Agentenaustausch des Kalten Krieges werden auf der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und West-Berlin 25 West- gegen vier Ost-Agenten ausgetauscht.

2. Juli: Eduard Schewardnadse wird Nachfolger von Andrej Gromyko als Außenminister der Sowjetunion; Gromyko wird Vorsitzender des Obersten Sowjet.

5. Juli: Vereinbarung über eine Erhöhung des zinslosen Überziehungskredits für die DDR ("Swing") von 600 Mio. auf 800 Mio. DM.

Zurückgelassenes „Tatwerkzeug“: Gelungene Flucht mit Hilfe einer Leiter von Kleinmachnow nach Berlin-Zehlendorf, 14. Juli 1985

14. Juli: Ein 18-Jähriger klettert am Erlenweg in Kleinmachnow mithilfe einer Leiter in den Todesstreifen. Die Schüsse der DDR-Grenzsoldaten können ihn nicht stoppen: Mit einer Leiter gelingt ihm die Flucht nach West-Berlin.

31. Juli: Die Minenräumaktion an der innerdeutschen Grenze ist abgeschlossen. An die Stelle der Minen tritt mit dem "Grenz- und Signalzaun II" bzw. "Grenzzaun I/83" eine verstärkte elektronische Grenzsicherung.

Beim "Grenzsignal- und Sperrzaun II" handelt es sich im Gegensatz zu dem bisher montierten "Grenzsignalzaun 74", der in erster Linie für die Fluchtanzeige konzipiert ist, um die Verbindung eines sperrfähigen Grenzzaunes mit einem Signalzaun. Der Zaun besteht aus Streckmetallgitterplatten, die an den Betonpfählen miteinander verbunden sind. Darüber befinden sich sogenannte Y-Abweiser mit vier Signaldrähten an jeder Gabel, die ein Übersteigen des Zaunes melden sollen. Als weitere Komponente sind auf der DDR-Seite (und nicht auf der Westseite!) 16 Signaldrähte angebracht; ein deutliches Indiz dafür, gegen wen sich die Anlage richtet. Wie bei Signalzäunen älteren Datums wird bei der Zerstörung eines Drahtes oder der Berührung zweier Signaldrähte ein Alarmsignal ausgelöst.

Schema des Grenzsignal- und Sperrzaunes II

Dies aber kann nun im Gegensatz zu den älteren Geräten nicht mehr akustisch am Ort der Auslösung wahrgenommen werden, sondern nur noch an einer Anzeige in der Führungsstelle der DDR-Grenztruppen. Der akustische Alarm ermöglichte es dem Flüchtenden zumindest theoretisch, sich zurückzuziehen und den eingeleiteten Suchmaßnahmen von Grenztruppen und Volkspolizei zu entkommen. Das neue Prinzip hingegen erlaubt es den Grenzsoldaten, den angezeigten Abschnitt abriegeln, ohne dass der Flüchtende überhaupt bemerkt, dass er Alarm ausgelöst hat.

16. August: Die Sowjetunion unterbreitet den Vorschlag eines internationalen Abkommens über die Nichtmilitarisierung des Weltraumes und zugleich einer stärkeren Zusammenarbeit bei seiner Erforschung.

22. August: Das Bundesamt für Verfassungsschutz teilt mit, dass Hansjoachim Tiedge, verantwortlich für die Spionageabwehr gegen die DDR, verschwunden sei. Am Tag darauf meldet ADN, dass Tiedge in die DDR übergelaufen sei.

1. September: Am Rande der Leipziger Herbstmesse treffen sich SED-Generalsekretär Erich Honecker und der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß.

13. September/2. Oktober: Briefwechsel zwischen SED-Generalsekretär Erich Honecker und Bundeskanzler Helmut Kohl, in dem sich beide für die Abschaffung chemischer Waffen aussprechen.

18. - 20. September: Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt ist auf Einladung Erich Honeckers zu Gast in der DDR.

4. November: Die sowjetische Zeitung "Iswestija" veröffentlicht ein Interview mit US-Präsident Ronald Reagan. Seit 1961 hatte es kein Interview einer sowjetischen Zeitung mit einem US-Präsidenten gegeben.

19. - 21. November: Erstes Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Ronald Reagan und dem neuen Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, in Genf. Beide erklären, dass ein Atomkrieg "niemals" geführt werden dürfe, und bekennen sich zum militärischen Gleichgewicht. Außerdem bekunden beide Seiten ihr Interesse an einer ernsthaften Fortsetzung ihres Kontakts und vereinbaren Staatsbesuche in Washington und Moskau.