Chronik

Überblick 1987

Trügerischer Bruderkuss – Die SED beginnt, sich vom sowjetischen Kurs zu distanzieren (Aufnahme: 27. Mai 1987).

1. Januar: Radio Moskau strahlt eine Ansprache des US-Präsidenten Ronald Reagan an das sowjetische Volk aus, worin er seinen Willen zu weiteren Abrüstungsschritten bekräftigt. In Peking ziehen etwa 1.000 Demonstranten von der Universität zum Platz des Himmlischen Friedens, um für Demokratie und Pressefreiheit einzutreten. Die Bundesrepublik nimmt einen Sitz im UN-Sicherheitsrat ein.

4. Januar: Bundeskanzler Helmut Kohl bezeichnet auf dem Deutschlandtreffen der CDU in Dortmund die DDR als ein "Regime, das politische Gefangene in Gefängnissen und Konzentrationslagern hält". Der Ständige Vertreter der DDR in der Bundesrepublik legt offiziellen Protest ein.

Die Mauer am Preußischen Landtag in Berlin-Mitte, Winter 1987

18. Januar: Zwischen ARD/ZDF und dem DDR-Fernsehen werden Produktions- und Kooperationsvereinbarungen getroffen.

25. Januar: Bei der Wahl zum 11. Deutschen Bundestag erhalten CDU/CSU 44,3 %, SPD 37 %, FDP 9,1 % und die Grünen 8,3 % der Stimmen.

28. Januar: Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" veröffentlicht nur Auszüge aus einer Rede des sowjetischen Partei- und Staatschefs Michail Gorbatschow über die "Umgestaltung und die Kaderpolitik der Partei". Ausgespart werden die Passagen, in der Gorbatschow in deutlichen Worten Kritik an seinen Amtsvorgängern übt.

Die Mauer am Potsdamer Platz in Berlin-Mitte, Winter 1987

3.-5. Februar: Der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse trifft in Ost-Berlin mit SED-Chef Erich Honecker zusammen.

5. Februar: Überraschend wird bekannt, dass der DDR-Auslandsspionage-Chef und Mielke-Stellvertreter Markus Wolf auf eigenen Wunsch aus dem Ministerium für Staatssicherheit ausscheidet.

12. Februar: Bei einem Fluchtversuch wird der 24-jährige Lutz Schmidt an der Berliner Sektorengrenze erschossen. Die DDR-Staatssicherheit verpflichtet seine Ehefrau, die wahren Todesumstände ihres Mannes zu verschweigen und seinen Tod als Folge eines Verkehrsunfalls auszugeben.

23. Februar: Im Zuge der kulturpolitischen Liberalisierung in der Sowjetunion wird der Literaturnobelpreisträger Boris Pasternak ("Doktor Schiwago") postum wieder in den Schriftstellerverband der UdSSR aufgenommen.

25. März: Zwei Offiziere der Bundeswehr nehmen erstmals an einem Manöver der Nationalen Volksarmee und der Roten Armee als Beobachter teil.

3. April: SED-Chef Honecker wiederholt seinen Vorschlag eines atomwaffenfreien Korridors in Mitteleuropa.

9. April: In einem Interview mit der Illustrierten "Stern" distanziert sich SED-Chefideologe Kurt Hager mit einer rhetorischen Frage von der Reformpolitik Gorbatschows. "Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?"

Button zur 750-Jahrfeier von Ost-Berlin.


13. April: SED-Chef Erich Honecker lehnt eine Einladung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Eberhard Diepgen, zur 750-Jahr-Feier in den Westteil der Stadt zu kommen, ab. Diepgen sagt daraufhin ein Treffen mit Oberbürgermeistern in Ost-Berlin ab.

30. April-4. Mai: Papst Johannes Paul II. ist zu Gast in der Bundesrepublik.

28. Mai: Spektakuläre Landung des westdeutschen Sportfliegers Matthias Rust mit einer Cessna auf dem Roten Platz in Moskau. Er konnte unbehelligt von Finnland aus 800 Kilometer sowjetischen Luftraum durchqueren. Verteidigungsminister Sergej Sokolow wird daraufhin pensioniert, Luftabwehrchef Alexander Koldunow seines Amtes enthoben. Rust wird am 4. September zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt, im August 1988 jedoch begnadigt.
Am 4. Juni sieht sich der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow genötigt, SED-Chef Erich Honecker über das Versagen der sowjetischen Luftabwehr zu informieren. Die Dienststellen der Luftverteidigung hätten "in dieser Situation elementare Sorglosigkeit, Unbeweglichkeit und Unorganisiertheit an den Tag gelegt". "Das Zusammenwirken der Truppen", so Gorbatschow zerknirscht weiter, "war nicht gewährleistet (...), mehr noch, die Führung des zentralen Gefechtsstandes hielt es nicht für notwendig, das leistungsstarke Luftverteidigungssystem für die unmittelbare Sicherung Moskaus zu alarmieren". Die "entscheidende Ursache für den Vorfall" sieht er im "Fehlen der gebührenden Wachsamkeit und Disziplin, in der Verletzung der entsprechenden Vorschriften der Truppenführung, im unzureichenden Verantwortungsbewusstsein einer Reihe Offiziere und Generale".

29.-30. Mai: Treffen der Parteichefs der Warschauer Pakt-Staaten in Ost-Berlin. Dabei wird erstmals eine Erklärung über die Militärdoktrin des Warschauer Paktes herausgegeben, um öffentlich zu bekunden, dass das Militärbündnis lediglich verteidigenden Charakter habe. Der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow will damit die Ernsthaftigkeit seiner Abrüstungspolitik unterstreichen.

4. Juni: In einer Regierungserklärung spricht sich Bundeskanzler Helmut Kohl für eine "doppelte Nulllösung" beim Abbau von Mittelstreckenraketen in Europa aus.

Ronald Reagan am Brandenburger Tor, 12.6.1987.


6.-8. Juni: Im Verlauf eines Rock-Konzerts vor dem Reichstag kommt es nahe der Grenzanlagen auf der Ost-Berliner Seite zu schweren Zusammenstößen zwischen mehreren tausend Jugendlichen und der Volkspolizei, wobei unter anderem "Gorbatschow"- und "Weg mit der Mauer"-Rufe laut werden.

8. Juni: Papst Johannes Paul II. reist in seine Heimat Polen und trifft dort neben Staatschef Wojciech Jaruzelski auch den Führer der verbotenen Gewerkschaft "Solidarnosc", Lech Walesa.

Helmut Kohl und Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor, 12.6.1987.


12. Juni: US-Präsident Ronald Reagan spricht anlässlich der 750-Jahr-Feier von Berlin am Brandenburger Tor: "Generalsekretär Gorbatschow, wenn Sie nach Frieden streben, wenn Sie Wohlstand für die Sowjetunion und für Osteuropa wünschen, wenn Sie die Liberalisierung wollen, dann kommen Sie hierher zu diesem Tor, Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!"

Helmut Kohl, Ronald Reagan und Eberhard Diepgen blicken nach Ost-Berlin, 12.6.1987.

13. Juni: Im Bonner Hofgarten demonstrieren mehr als 100.000 Menschen für Frieden und Abrüstung. Dabei fordern sie von der Bundesregierung die Zustimmung zur "Nulllösung", dem Abbau aller Mittelstreckenraketen in Europa.

13.- 16. Juni: UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar besucht die DDR.

19. Juni: Weil der Vorsatz des Vorjahres, die DDR-Schulden im Westen bis 1990 erheblich zu verringern, unerreichbar erscheint, beschließt das SED-Politbüro, die Halbierung der Westschulden auf fünf Jahre, nämlich bis zum Jahr 1995, zu strecken.

Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor, 12.6.1987.


24.-28. Juni: Erstmals seit 1961 findet in Ost-Berlin wieder ein Evangelischer Kirchentag statt.

1. Juli: Die DDR kürzt die DM-Beträge, die DDR-Bürger bei Westreisen umtauschen dürfen. Statt bisher 70 DM können sie nun nur noch maximal 15 DM tauschen. Bundesdeutsche Politiker protestieren dagegen und verweisen auf die Gewinne aus den Deviseneinnahmen der DDR.

6.-11. Juli: Staatsbesuch von Bundespräsident Richard von Weizsäcker in der Sowjetunion.

Rede Ronald Reagans vor dem Brandenburger Tor, 12.6.1987.


10.-12. Juli: Erster Katholikentag der DDR in Dresden mit etwa 100.000 Gläubigen.

14. Juli: Innerhalb einer Woche werden im Grenzdurchgangslager Friedland mehr als 1.400 deutsche Übersiedler aus Osteuropa registriert, die seit Jahren höchste Zahl.

17. Juli: Die DDR-Regierung beschließt die Abschaffung der Todesstrafe.

22. Juli: Der sowjetische Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow plädiert für eine globale "Doppel-Null-Lösung".

29. Juli: Gegen sechs Verantwortliche der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 werden Urteile verkündet, die auf zwei bis zehn Jahre Arbeitslager lauten.

Erich Honecker im Gespräch mit Richard von Weizsäcker im Park der Villa Hammerschmidt, 1987.


7. August: SED-Chef Erich Honecker führt mit dem KPdSU-Politbüromitglied Alexander Jakowlew ein Gespräch über die Lage in der Bundesrepublik nach den Bundestagswahlen, zu Fragen der Abrüstung und zu seinem bevorstehenden Besuch in der Bundesrepublik.

13. August: Am Jahrestag des Mauerbaus demonstrieren etwa 300 Personen auf der Ostseite des Brandenburger Tores gegen die Mauer. Zusammenstöße mit Sicherheitskräften bleiben aus, es kommt jedoch zu Festnahmen.

Erich Honecker zu Gast bei Richard von Weizsäcker, 1987.


17. August: In einem britischen Militärhospital in West-Berlin stirbt Rudolf Heß, der ehemalige Stellvertreter Adolf Hitlers, im Alter von 93 Jahren.

26. August: Nachdem die DDR am 1. Juli die Kürzung des gestaffelten Eintauschs von DM durch westreisende DDR-Bürger verfügt hat, beschließt die Bundesregierung zum Ausgleich die Erhöhung des Begrüßungsgeldes für Besucher aus der DDR von bisher zweimal jährlich 30 DM auf einmal 100 DM pro Besucher und Jahr.

Erich Honecker zu Gast bei Bernhard Vogel in Trier, 1987.


27. August: SED und SPD veröffentlichen gemeinsam eine Schrift "Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit". Vor dem Hintergrund der ideologischen Gegensätze zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten werden darin Vorstellungen für eine langfristige Zusammenarbeit entwickelt. Die SPD attestiert der SED Reformfähigkeit.

5. September: Unabhängige Friedensgruppen demonstrieren in Ost-Berlin gegen die atomare Rüstung in Ost und West. Die staatlichen Ordnungskräfte reagieren aufgrund des bevorstehenden Honecker-Besuches in der Bundesrepublik relativ zurückhaltend.

Erich Honecker zu Gast bei Johannes Rau auf Schloß Benrath, 1987.


7.-11. September: Partei- und Staatschef Erich Honecker besucht die Bundesrepublik und wird mit allen Ehren eines Staatsoberhauptes empfangen. Es ist der erste Besuch eines DDR-Staatsoberhauptes in der Bundesrepublik. Verschiedene Abkommen zum Umweltschutz, Strahlenschutz und zur wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit werden unterzeichnet. Honecker besucht anschließend noch die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Bayern.

Erich Honecker, Oskar Fischer und Günter Mittag zu Gast bei Berthold Beitz, Aufsichtsratsvorsitzender der Friedrich Krupp GmbH, 1987.

In einer Information der Staatssicherheit über die Stimmung der DDR-Bevölkerung nach dem Honecker-Besuch wird die Sorge von SED und Stasi deutlich, der Besuch könne zum unerwünschten "Aufweichen" fester ideologischer Standpunkte führen. Von vielen DDR-Bürgern, selbst von "progressiven Kräften" würden Erleichterungen in humanitären Fragen, vor allem in Reiseangelegenheiten erwartet.

In dem Papier drückt sich die wachsende Unsicherheit des Überwachungsapparates aus, wie man künftig mit der Reise- und Ausreiseproblematik umgehen soll.

Erich Honecker im Gespräch mit dem Präsidenten des DIHT, Otto Wolff von Amerongen, 1987.


27. September: US-Vizepräsident George Bush besucht Polen und trifft dort neben Staatschef Jaruzelski auch den Führer der verbotenen Gewerkschaft "Solidarnosc", Lech Walesa. Nach der Lockerung der Sanktionen sollen die bilateralen Beziehungen zwischen beiden Staaten verbessert werden.

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19. Oktober: Drastischer Kurssturz an den internationalen Wertpapierbörsen.

23. Oktober: Offizieller Staatsakt der DDR zur 750-Jahrfeier von Berlin.

30. Oktober: Die beiden deutschen Staaten tauschen mehr als 400 Kunstwerke aus, die während des Zweiten Weltkrieges ausgelagert wurden.

9. November: Im Rahmen des Kulturabkommens verständigen sich beide deutsche Staaten auf intensive kulturelle Zusammenarbeit bei etwa 100 Vorhaben für die Jahre 1988 und 1989.

Erich Honecker und Helmut Kohl in Bad Godesberg, 1987


17. November: Das SED-Politbüro berät eine Prognose der Plankommission, derzufolge die DDR-Westverschuldung entgegen aller Senkungspläne im Jahr 1988 um drei Milliarden steigen werde; diese Schuldenzunahme sei jedoch nicht mehr zu finanzieren. "So kann man nicht wirtschaften", schimpft Honecker. "Das ist doch unverantwortlich gegenüber unserer Republik und völlig unverständlich." Auch Verteidigungsminister Keßler versteht die eigenen Genossen nicht mehr: "Wenn es so wäre", dass die Sache für nicht mehr beherrschbar gehalten werde, wirft er am 17. November 1987 im Politbüro militärisch knapp ein, "müssten wir aufhören".

Erich Honecker wird in Neunkirchen (Saarland) von einer Schalmeienkapelle aus Wiebelskirchen, seinem Geburtsort, begrüßt, 1987.


25. November: Nachdem die DDR-Staatssicherheit Räume der Umweltbibliothek in der Berliner Zionskirchgemeinde durchsucht hat, werden mehrere Mitarbeiter der Umweltbibliothek festgenommen. In den folgenden Tagen werden Mahnwachen und Solidaritätsgottesdienste veranstaltet. Die Verhafteten kommen wieder frei.

11. Dezember: Treffen führender Repräsentanten der Warschauer-Pakt-Staaten in Ost-Berlin. Der sowjetische Partei- und Staatschef Gorbatschow berichtet über die INF-Verhandlungen in Wien.

8.-10. Dezember: Gipfeltreffen von US-Präsident Ronald Reagan und dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow in Washington, bei dem der Vertrag zur Beseitigung der Mittelstreckenraketen (INF) abgeschlossen wird. Danach müssen alle atomwaffenfähigen Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite zwischen 500 und 5.500 Kilometern innerhalb der nächsten drei Jahre (nach Inkrafttreten des Vertrages am 1. Juni 1988) abgebaut werden.

Michail Gorbatschow trifft Ronald Reagan in Washington, Dezember 1987


Betroffen sind davon unter anderem die amerikanischen Pershing-II- sowie die sowjetischen SS-20-Raketen. Weitere ernsthafte Abrüstungsschritte vor allem im Bereich weitreichender Offensivwaffen sollen unternommen werden. Gorbatschow bekundet zudem seine Bereitschaft zu einer Lösung des Afghanistan-Konfliktes; die USA stellen eine schnelle Ratifizierung des INF-Vertrages in Aussicht, sollten die sowjetischen Truppen aus Afghanistan abziehen.

9. Dezember: Manfred Wörner (CDU) wird zum neuen NATO-Generalsekretär (ab 1. Juni 1988) ernannt.

12. Dezember: Im Rahmen einer Amnestie aus Anlass des 38. Jahrestages der DDR sind in diesem Jahr insgesamt 24.621 Gefangene aus dem Strafvollzug entlassen worden.