Chronik

Überblick 1988

39. Jahrestag der DDR: Es geht bergab

4. Januar: In der sowjetischen Zeitschrift "Ogonjok" wird erstmals ausführlich über eine ökologische Katastrophe in der Sowjetunion berichtet: Durch überdimensionierte Wasserbauprojekte ist im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte der Wasserspiegel des Aralsees so dramatisch gesunken, dass weite Landstriche inzwischen verödet und versalzt sind. In Ungarn werden seit Jahresbeginn Reisepässe ausgestellt, mit denen ungarische Bürger ohne Visum in den Westen reisen dürfen.

12. Januar: Im Rahmen eines Staatsbesuches in Polen trifft Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher mit dem Führer der verbotenen polnischen Gewerkschaft Solidarität, Lech Walesa, zusammen. Er sichert der polnischen Oppositionsbewegung die Unterstützung der Bundesregierung zu.

15. Januar: Als erste unabhängige Institution in der Sowjetunion wird in Moskau die "Stiftung für das Überleben und die Entwicklung der Menschheit" gegründet.

17. Januar: Bei der alljährlich stattfindenden Demonstration zum Gedenken an die beiden im Jahre 1919 ermordeten Sozialistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Ost-Berlin werden mehr als 150 Oppositionelle und Ausreiseantragsteller, die sich dem Demonstrationszug mit eigenen Plakaten (mit dem Luxemburg-Zitat: "Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden") anschlossen, vom MfS festgenommen. In den folgenden Tagen werden eine Reihe prominenter Mitglieder oppositioneller Gruppen verhaftet und einige von ihnen in den Westen abgeschoben.

4. Februar: Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher fordert in einer Rede vor der in Genf tagenden UN-Abrüstungskonferenz ein weltweites Verbot chemischer Waffen.

11. Februar: Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen verabredet mit Erich Honecker Reiseerleichterungen: u. a. dürfen West-Berliner bei Tagesbesuchen in Ost-Berlin einmal übernachten.

19. Februar: Mehr als 100.000 Menschen demonstrieren in der Hauptstadt der Sowjetrepublik Litauen, Vilnius, für politische Reformen und die Unabhängigkeit ihres Landes. Am 24. Februar kommt es in Tallin, der Hauptstadt der Sowjetrepublik Estland, zu einer Demonstration von 3.000 Menschen, die trotz eines offiziellen Verbots für die Unabhängigkeit eintreten.

23. Februar: Das SED-Politbüro beschließt, die Reiseregelungen wieder restriktiver zu handhaben. Zwar haben 1987 nur 3.009 Reisende, umgerechnet 0,23 Prozent, ihren Westaufenthalt zur Flucht genutzt, doch handelt es sich bei ihnen zumeist um Träger hoher fachlicher Qualifikationen. Ab sofort sollen deshalb "gemeinsame Reisen von Ehepaaren, Eltern bzw. Elternteilen mit ihren erwachsenen Kindern, Bürgern, die in Lebensgemeinschaft leben, nicht mehr" zugelassen, die für die Antragstellung erforderlichen Verwandtschaftsverhältnisse eingeengt, die Antragsgründe verringert und bei Anträgen von Hoch- und Fachschulkadern sowie Spezialisten "gründliche Überprüfungen zur vorbeugenden Verhinderung eines möglichen Missbrauchs dieser Reisen" durchgeführt werden.

25. Februar: Die Sowjetunion beginnt mit dem Abzug atomarer Mittelstreckenraketen aus der DDR.

1. März: "Tagesreisen" nach Ost-Berlin dürfen für West-Berliner fortan 48 Stunden dauern.

3. März: Treffen zwischen Staats- und Parteichef Erich Honecker und dem Vorsitzenden der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen, Bischof Werner Leich.

Motorraum aufgerissen, Vorderachse demoliert, Reifen platt – aber alle Sperranlagen durchschlagen: Erste erfolgreiche Flucht über die Glienicker Brücke, 10. März 1988


10. März: „Nur fünf Prozent Überlebenschance" rechnen sich drei junge Männer bei ihrem Fluchtversuch über die Glienicker Brücke aus. Mit einem 7,5-Tonnen-Laster gelingt ihnen das Vorhaben: Sie durchbrechen die vier Hindernisse der Grenzsperre, die Grenzsoldaten geben keine Schüsse ab.

31. März: Vereinbarung über einen Gebietsaustausch zwischen West-Berlin und der DDR. Betroffen ist unter anderem das etwa vier Hektar große "Lenné-Dreieck" in Berlin-Mitte, ein Grundstück, das zwar auf der westlichen Seite der Mauer liegt, jedoch bis dahin zu Ost-Berlin gehörte.

13. April: Die restriktivere Genehmigung von Reiseanträgen wird nach kurzer Zeit spürbar. Deshalb spricht Bonns Ständiger Vertreter in der DDR, Hans Otto Bräutigam, bei Egon Krenz vor. Er gibt Krenz zu verstehen, "dass es aus der Sicht der Bundesregierung keinen auffälligen Rückschlag im Reiseverkehr geben dürfe". Krenz entgegnet, dass "die Zahl der Reisen keine für alle Zeiten gültige Größe" sei. Alles hinge von den "Gesamtbeziehungen" ab. Zudem seien "ökonomische Fragen und die politische Atmosphäre" zu beachten. "Die Auffassung, dass der Reiseverkehr eine unveränderliche Tatsache ist", so Krenz, "sei also nicht zutreffend". Im übrigen seien die Regelungen zu Reisefragen allein eine "Angelegenheit der DDR selbst".

14. April: Nach langjährigen Verhandlungen kommt es in Genf zur Unterzeichnung eines Abkommens zur Lösung des Afghanistankonfliktes durch die Außenminister der USA, der UdSSR, von Pakistan und Afghanistan. Darin wird unter anderem der vollständige Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus dem Land sowie die Rückkehr von mehr als fünf Millionen Flüchtlingen vereinbart.

19. April: Die Zahl der Ausreise-Genehmigungen ist nach 1985 stark zurückgegangen (1985: 20.147; 1986: 16.902; 1987: 10.420). Ende 1987 liegen den DDR-Behörden 112.000 Ausreise-Anträge vor. Der Druck der Antragsteller und ihre Bereitschaft zu organisiertem und offenem Protest steigt. In einer Analyse, die ZK-Sicherheitssekretär Egon Krenz an Erich Honecker weiterleitet, heißt es: "In verstärktem Maße führen in letzter Zeit Übersiedlungsersuchende Aktionen gegen den sozialistischen Staat durch. Insbesondere werden Zusammenrottungen, illegale Zusammenkünfte, Provokationen oder Schweigedemonstrationen und -spaziergänge durchgeführt. (...) In Berlin erschienen zum Beispiel an einem Tag (09.02.1988) 1.344 Bürger bei den Räten der Stadtbezirke. Eine sachliche Gesprächsführung mit diesen ist in der Regel nicht möglich. Ihr Auftreten ist extrem aggressiv, höhnisch und arrogant."

Um den Druck abzubauen, weist SED-Chef Honecker an, die Zahl der monatlichen Genehmigungen von bisher 1.000 auf 2.000 bis 3.000 Ausreisen zu erhöhen.

18 Schüsse feuern die Grenzsoldaten auf den 31-Jährigen ab, trotzdem gelingt ihm mithilfe einer Leiter die Flucht von Berlin-Treptow nach Berlin-Neukölln, 19. April 1988


19. April: Mit einer Leiter übersteigt ein 31-jähriger Gebäudereiniger die Grenzanlagen in der Nähe der Treptower Kleingartenkolonie „Sorgenfrei" nach Berlin-Neukölln. Zwei Grenzsoldaten geben insgesamt 18 Schüsse auf den Flüchtling ab, ohne ihn zu treffen.

26. April: Im größten polnischen Stahlwerk Nova Huta bei Krakau tritt die Belegschaft in den Ausstand und fordert neben einer Lohnerhöhung auch die Wiedereinstellung von Beschäftigten, denen aufgrund ihrer Mitarbeit in der verbotenen Gewerkschaft "Solidarnosc" gekündigt wurde.

5. Mai: Während eines Besuches in China unterzeichnet SED-Politbüromitglied Günter Schabowski einen Partnerschaftsvertrag zwischen Peking und Ost-Berlin.

5. Mai: Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble und SED-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski führen ein Gespräch über die Neufestsetzung der Transitpauschale und Regelungen zur Elbgrenze. Dabei wird deutlich, dass die SED einen deutlichen Anstieg des Reise-, Besucher- und Transitverkehrs in den kommenden Jahren erwartet. Schäuble drängt darauf, dass die DDR durch "gesetzliche Bestimmungen" sicherstelle, "dass der Reise- und Besucherverkehr von Bürgern in das nichtsozialistische Ausland weiter in dieser dargelegten positiven Richtung" verlaufe. Entscheidend sei, "dass jeder DDR-Bürger weiß, unter welchen Bedingungen er einen Reisepass und ein Reisevisum für das nichtsozialistische Ausland beantragen und entsprechende Reisen durchführen kann". Die Bundesregierung habe kein Interesse daran, "dass DDR-Bürger, mit Ausnahme dringender Familienangelegenheiten und anderer Sonderfälle, in die BRD und nach Berlin (West) übersiedeln".

10. Mai: Im SED-Politbüro bricht eine Kontroverse über die weitere Wirtschaftspolitik aus. Während Honecker die DDR nach außen als Hort wirtschaftlicher Stabilität preist, beunruhigt den Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission, Gerhard Schürer, die hohe Westverschuldung der DDR und die drohende Zahlungsunfähigkeit so sehr, dass er einen einschneidenden Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik vorschlägt. Schürer empfiehlt einen Investitionsstop für die ineffektive Mikroelektronikindustrie der DDR und die Umlenkung der dadurch freiwerdenden Mittel vor allem auf den Verarbeitungsmaschinenbau, ein Einfrieren der Mittel für alle bewaffneten Organe und eine Änderung der Subventionspolitik. Seine Vorschläge werden im Politbüro von Honecker und Günter Mittag, dem verantwortlichen ZK-Wirtschaftssekretär, zurückgewiesen.

15. Mai: Die Sowjetunion beginnt mit ihrem Truppenabzug aus Afghanistan.

22. Mai: In Ungarn wird Ministerpräsident Karoly Grosz als Verfechter politischer und wirtschaftlicher Reformen als Nachfolger von Janos Kadar zum Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei gewählt. Auf ihrem Sonderparteitag beschließt das ZK Veränderungen in der Parteispitze, die mit Reformern besetzt werden soll. Auch die Trennung von Staat und Partei soll forciert werden.

26. Mai: Gemeinsames Wort des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938.

29. Mai-2. Juni: Gipfeltreffen von US-Präsident Ronald Reagan und dem sowjetischen Partei- und Staatschef Michael Gorbatschow in Moskau. Dabei werden die Ratifizierungsurkunden zum INF-Vertrag, der den vollständigen Abbau aller atomaren Mittelstreckenraketen vorsieht, ausgetauscht.

9. Juni: Die westdeutsche Tageszeitung "Die Welt" veröffentlicht Äußerungen des sowjetischen Außenpolitik-Experten Wjatscheslaw Daschitschew. Dieser habe vor deutschen Journalisten in der sowjetischen Botschaft in Bonn Mauer und Stacheldraht an den Grenzen der DDR als "Überreste und Überlieferungen des Kalten Krieges", die "mit der Zeit verschwinden müssten", bezeichnet.

Gegenüber dem sowjetischen Botschafter in der DDR, Wjatscheslaw Kotschemassow, verurteilt ZK-Sekretär Hermann Axen die Äußerungen Daschitschews. Diese würden sich "unmittelbar gegen die Souveränität und Sicherheitsinteressen der DDR, gegen die Sicherheitsinteressen der Warschauer Vertragsstaaten, gegen unser gemeinsames politisches Verteidigungsbündnis richten". Solche Äußerungen seien "Wasser auf die Mühlen der imperialistischen Propaganda". Kotschemassow bezeichnet die Äußerungen Jewtuschenkos als "verantwortungslos". Gorbatschow, versucht er Axen zu beschwichtigen, habe doch kürzlich klar gesagt, dass die Frage der Grenze eine souveräne Angelegenheit der DDR sei und diese allein zu entscheiden habe, "wie sie ihre Grenzen sichert".

14. Juni: Das SED-Politbüro beschäftigt sich mit der Nichterfüllung des Planes 1987. ZK-Wirtschaftssekretär Günter Mittag macht dafür die Generaldirektoren der Kombinate und die Minister verantwortlich; Ministerratsvorsitzender Willi Stoph wehrt sich gegen die plötzliche Verlagerung der Verantwortung vom Politbüro auf den Ministerrat. Erich Honecker appelliert an alle: "Wir müssen den Zusammenbruch verhindern!"

17. Juni: Das MfS berichtet in einer geheimen Information an Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph, dass "unter breitesten Kreisen der Bevölkerung die Diskussionen zu innenpolitischen Fragen, insbesondere zu Problemen der Um- und Durchsetzung der Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie zu Problemen des Handels und der Versorgung, weiter zugenommen" hätten. Immer öfter werde die Frage aufgeworfen, "ob die Partei- und Staatsführung überhaupt die reale Lage in der Volkswirtschaft und auf dem Gebiet der Versorgung kenne".

19. Juni: Während eines Konzertes von Popstar Michael Jackson vor dem Reichstagsgebäude unweit der Mauer kommt es in Ost-Berlin zu Auseinandersetzungen zwischen der Volkspolizei und Jugendlichen, die das Konzert im Ostteil hören wollen und sich in Mauernähe aufhalten.

21. Juni: Horst Neugebauer wird neuer Ständiger Vertreter der DDR in der Bundesrepublik.

26. Juni/Juli: Vertreter aus 20 KSZE-Signatarstaaten beobachten eine gemeinsame Truppenübung sowjetischer und ostdeutscher Streitkräfte in Potsdam.

29. Juni: Auf einer vom sowjetischen Partei- und Staatschef veranstalteten Pressekonferenz fordern namhafte sowjetische Politiker und Wirtschaftsfachleute tiefgreifende Reformen, um den Demokratisierungsprozess in der Sowjetunion weiter voranzubringen.

3. Juli: Erstmals seit 47 Jahren findet in Moskau wieder eine Allunionstagung der KPdSU statt, auf der grundlegende Schritte zur Reform der politischen Institutionen gebilligt werden.
Polen verhängt ein Badeverbot für die Danziger Bucht. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte das Gebiet zuvor als "ökologisch tot" bezeichnet.

7. Juli: Auf der 44. Jahrestagung der RGW-Staaten in Prag werden die vom sowjetischen Partei- und Staatschef Gorbatschow eingeleiteten Reformen diskutiert. Gorbatschows Vorschlag einer Intensivierung der Beziehungen zur EG werden mit Ausnahme der DDR und Rumänien von allen Staaten begrüßt.

18. Juli: Nach den Unruhen in der Enklave Berg-Karabach beschließt der Oberste Sowjet den Verbleib der Region bei der Sowjetrepublik Aserbaidschan. Allerdings sollen dabei die Autonomierechte des armenischen Gebietes stärker beachtet werden. Die Unruhen dauern nach diesem Beschluss jedoch an, woraufhin Moskau am 24. November Militär einsetzt.

3. August: Der westdeutsche Sportflieger Matthias Rust wird vom Obersten Sowjet begnadigt und aus der Sowjetunion ausgewiesen. Rust landete 1987 in einer spektakulären Aktion mit einer Cessna auf dem Roten Platz in Moskau und war daraufhin zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt worden.

12. August: Ein Offizier der DDR-Grenztruppen flüchtet in die Bundesrepublik. In einem Interview mit dem RIAS bestätigt er die Existenz des Schießbefehls für die DDR-Grenztruppen, der während des Honecker-Besuches 1987 in der Bundesrepublik ausgesetzt wurde.

15. August: Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der EG-Kommission und der DDR.

21. August: In der Nähe des Berliner Reichstages fliehen vier DDR-Bürger vor zahlreichen West-Berliner Zuschauern durch die Spree. Die Besatzung des sie verfolgenden Wachbootes macht von ihren Schusswaffen keinen Gebrauch; alle erreichen unverletzt den Westteil der Stadt.

26. August: Der Chef der Staatlichen Plankommission, Gerhard Schürer, stellt in einem internen Material ("Zur ökonomischen Situation der DDR") fest, dass "die DDR unter den konkreten Bedingungen, besonders den hohen außenwirtschaftlichen Belastungen, über einen langen Zeitraum mehr verbraucht als sie produziert und vor der Notwendigkeit steht, umfangreiche Maßnahmen zur Umkehrung dieser Entwicklung einzuleiten". Wenn der Exportüberschuss von einer Mrd. VM 1989 im Jahre 1990 nicht auf drei Mrd. VM erhöht werde, wobei Verbesserungen schon 1989 erreicht werden müssten, sei "die DDR im Verlauf des Jahres 1990 nicht mehr zahlungsfähig."

28. August: Dramatisches Unglück in der Pfalz: Bei einer Flugschau auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt in Rammstein stürzen drei Flugzeuge einer italienischen Kunstflugstaffel in die Zuschauermenge. 70 Menschen kommen dabei ums Leben, mehr als 300 werden zum Teil schwer verletzt. Die Katastrophe löst grundsätzliche Debatten über derartige Veranstaltungen aus.

1. September: Wie mit der Sowjetunion vereinbart, beginnen die USA mit dem Abzug der in der Bundesrepublik stationierten Pershing-II-Raketen.

5. September: Im SED-Führungszirkel steigt die Nervosität wegen der ständig schwieriger werdenden wirtschaftlichen Lage der DDR. "Wir sind an einem Punkt, wo die Sache umkippen kann", orakelt nun auch ZK-Wirtschaftssekretär Günter Mittag.

14. September: Die beiden deutschen Staaten vereinbaren zahlreiche Verbesserungen im Transitverkehr; die Bundesregierung erhöht die Transitpauschale für die Jahre 1990 bis 1999 von bisher 525 auf 860 Millionen DM.

15.-16. September: Bundeskanzler Helmut Kohl besucht die Sowjetunion. In einem Vier-Augen-Gespräch mit Parteichef Michail Gorbatschow betont er, dass eine neue Qualität in den Beziehungen zur Sowjetunion erreicht werden soll. Gorbatschow begrüßt dies und spricht davon, dass die Zeit gekommen sei, um an einem gemeinsamen europäischen Haus zu bauen.
Am 30. Oktober informiert der Leiter der 3. Europäischen Abteilung im sowjetischen Außenministerium, Alexander Bondarenko, SED-Chef Erich Honecker über den Besuch. Die sowjetische Führung, so Bondarenko, schätze den Besuch Kohls insgesamt als "nützlich, vielschichtig und inhaltsreich" ein. Die sowjetische Seite, so Bondarenko beruhigend, werde sich auch beim Gegenbesuch Gorbatschows in Bonn im Jahr 1989 an die mit SED-Chef Honecker vereinbarte Linie halten, dass alle sozialistischen Länder "fest auf dem Boden der Existenz zweier selbstständiger, voneinander unabhängiger Staaten bleiben" müssten, und "in der Westberlin-Frage feste einheitliche Positionen beziehen". In der sowjetischen Führung verstehe man gut, "dass die BRD zugleich Gegner und Partner sei".

Sonderbriefmarke zum 35. Jahrestag der DDR-Kampfgruppen

24. September: Zum 35. Jahrestag der DDR-Kampfgruppen nimmt die SED-Führung in Ost-Berlin eine Parade ab.

30. September: In einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" nimmt DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler Stellung zum Schießbefehl: "Es hat nie – nie! - einen Schießbefehl gegeben. Den gibt es auch jetzt nicht [...]. Das Schießen war nur erlaubt beim gewaltsamen Überwinden der Grenze von beiden Seiten und beim Angriff auf denjenigen, der von der DDR den Auftrag hat, die Grenze zu schützen, auf seine eigene Person."

1. Oktober: Michail Gorbatschow, Generalsekretär der KPdSU, wird zum Vorsitzenden des Obersten Sowjets gewählt. Als sowjetisches Staatsoberhaupt kann er die personellen Umstrukturierungen in der Parteispitze stärker voranbringen und damit die personelle Basis für seine Reformpolitik festigen.

10. Oktober: Sicherheitskräfte lösen in Ost-Berlin einen Protestmarsch von etwa 200 Demonstranten auf, die gegen die Zensur kirchlicher Zeitungen protestierten.

12. Oktober: Mit großem Propagandaaufwand wird die "dreimillionste Wohnung" von Erich Honecker übergeben und der erfolgreiche Abschluss des Wohnungsbauprogramms behauptet. Die Zahl entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Nicht nur, dass modernisierte Wohnungen dazugezählt wurden, gar Plätze in Altenheimen und in Arbeiterwohnheimen wurden als "Neubauwohnung" verbucht. Im internen Kreis hat Honecker als Kommentar zu einer Statistik der Staatlichen Zentralverwaltung, die besagte, dass in 17 Jahren der effektive Zuwachs nur eine Million neuer Wohnungen betragen habe, verlauten lassen: "Wir haben sehr viel neu gebaut. Das andere haben wir verkommen lassen. Auf diesem Gebiet gibt es große Schlamperei."

3. Oktober Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß erliegt in München einem Herzversagen.

16.-18. Oktober: Der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, besucht die DDR. Die DDR erklärt sich zu einer symbolischen Entschädigungszahlung an noch lebende NS-Opfer bereit.

28.-29. Oktober: Außenministertreffen der Warschauer Pakt-Staaten in Budapest, bei dem über weitere Abrüstungsmaßnahmen beraten wird.

2. November: Die DDR plant eine Verschärfung des politischen Strafrechts. "Die Aufnahme der Strafbarkeit des Versuchs bei der Anfertigung und Verbreitung von staatsverleumderischen Schriften, Symbolen usw.", so Egon Krenz in einer Mitteilung an Erich Honecker, erlaube es, "in einem möglichst frühen Stadium gegen die Straftäter vorzugehen. Dem flexiblen Vorgehen dient auch eine Änderung des Tatbestandes der Zusammenrottung." Man müsse jedoch "in Betracht ziehen, dass westliche Medien diese Strafrechtserneuerungen böswillig gegen uns kommentieren werden".

8. November: Wahl des bisherigen US-Vizepräsidenten George Bush zum 41. Präsidenten der USA.

9./10. November: Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble führt in Ost-Berlin Gespräche mit SED-Generalsekretär Erich Honecker über die deutsch-deutschen Beziehungen.

11. November: Rücktritt des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger (CDU) nach seiner umstrittenen Rede zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938. Seine Nachfolgerin wird Rita Süssmuth (CDU).

17./18. November: Der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu wird in Ost-Berlin für seine Verdienste mit dem Karl-Marx-Orden ausgezeichnet. Während eines Vieraugengesprächs kritisiert Honecker die sowjetische Führungsmacht, insbesondere ihre Medienpolitik: "Wenn man der Auffassung ist, dass die Geschichte der kommunistischen Weltbewegung, insbesondere in den sozialistischen Ländern, eine Geschichte von Verbrechen ist", so Honecker, "ist man damit nicht nur auf dem falschen Wege, sondern arbeitet sogar jenen in die Hand, die das Gesicht des Sozialismus entstellen, den Sozialismus beseitigen, die einen Schatten auf den Sozialismus werfen wollen. (...) Wir sind überhaupt nicht der Auffassung, dass das Ausgraben von negativen Erscheinungen der Geschichte eine sehr große Hilfe ist für die kommunistischen und Arbeiterparteien in den kapitalistischen Ländern, sondern wir sind der Meinung, dass man von der Gegenwart ausgehen muss."

19. November: Die in der DDR erscheinende sowjetische Zeitschrift "Sputnik" wird von der Liste des Postzeitungsvertriebes in der DDR gestrichen. Bereits die Oktoberausgabe, in der ein Beitrag zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939 erschien, wurde nicht mehr ausgeliefert. Damit wird erstmals in der DDR eine sowjetische Zeitschrift verboten, zudem werden fünf sowjetische Kinofilme aus dem Programm genommen.

23. November: Im kleinen Kreise von DDR-Wirtschaftsverantwortlichen prognostiziert ZK-Wirtschaftssekretär Günter Mittag: "So, wie es jetzt ist, geht es an den Baum, Totalschaden!"

Die offizielle Parole lautet:


20.-24. November: Eine offizielle Delegation des Europäischen Parlamentes besucht zum ersten Mal die DDR-Volkskammer.

30. November: Der DDR-Ministerrat erlässt die erste Reiseverordnung, die nicht geheim ist, sondern im DDR-Gesetzblatt abgedruckt wird. Politische Vorgabe der Verordnung seitens des Politbüros ist es, keine über die bisherige Praxis hinausgehenden Reisemöglichkeiten zu schaffen und auch die ständigen Ausreisen nicht zunehmen zu lassen. Die Reiseverordnung stellt einerseits einen Rechtsfortschritt dar, da sie die Möglichkeit bietet, Ablehnungen gerichtlich überprüfen zu lassen; andererseits löst sie wegen ihrer im Vergleich zur vorherigen Handhabung restriktiveren Genehmigungspraxis eine solche Welle von Kritik in der DDR aus, dass sie im März 1989 liberalisiert werden muss.

2. Dezember: Auf einer Tagung des SED-Zentralkomitees in Ost-Berlin betont Parteichef Erich Honecker seine ablehnende Haltung gegenüber der sowjetischen Reformpolitik.

7. Dezember: Bei einem verheerenden Erdbeben in Armenien kommen ca. 25.000 Menschen ums Leben. Die Sowjetunion nimmt erstmals das Angebot ausländischer Hilfe in Anspruch.
Der sowjetische Partei- und Staatschef Michael Gorbatschow kündigt in einer Rede vor der UNO-Vollversammlung in New York einseitige Abrüstungsschritte seines Landes an.

19. Dezember: SED-Generalsekretär Erich Honecker weist Hans Otto Bräutigam bei dessen Abschiedsbesuch als Ständiger Vertreter der Bundesrepublik darauf hin, dass DDR-Verteidigungsminister Keßler kürzlich erklärt habe, es gebe keinen Schießbefehl mehr. Dies, so Honecker, "sei keine einfache Frage. Schließlich handle es sich um militärisches Sperrgebiet. Es gehe auch um Gegenseitigkeit, zum Beispiel dadurch, dass man keine Wallfahrten von BRD-Seite aus an die Grenze mehr durchführen würde. Wenn jetzt noch Schüsse fallen, dann seien es Warnschüsse."