8. Östliche Reaktionen auf den Mauerbau
Die Mauer grenzt die Einflussbereiche der Weltmächte in Europa ab. Eine weitere Eskalation - wie die Sperrung der Verbindungswege nach Berlin – bleibt aus. Das entstehende nukleare Gleichgewicht zwischen der Sowjetunion und den USA schränkt die Handlungs- und Risikobereitschaft beider Seiten ein. Mit dem Bau der Mauer und der Unterbindung des Flüchtlingsstroms ist für die Sowjetunion der Konfliktherd Berlin eingedämmt und die Existenz der DDR machtpolitisch gesichert. Sehr zur Enttäuschung Ulbrichts verzichtet Chruschtschow auf seine Maximalziele.
Der Hauptschauplatz des Kalten Krieges verlagert sich in den 1960er Jahren nach Asien, Afrika und Lateinamerika. Wegen ideologischer und militärischer Spannungen mit der Volksrepublik China bemüht sich die Sowjetunion seit Mitte der 1960er Jahre, die europäische Front zu beruhigen und dem Westen eine Anerkennung des Status quo, insbesondere der bestehenden Grenzen, abzuringen.
Neben Empörung, Resignation und Verzeiflung gibt es in Teilen der DDR-Bevölkerung auch Zustimmung zum Mauerbau. Die Fluchtbewegung in den Westen und die Einkäufe von West-Berlinern im Ostteil der Stadt - bei einem Schwarzmarktkurs der D-Mark zur Ostmark von eins zu sechs - haben das Gefühl entstehen lassen, dass „etwas passieren muss“. In dieser Sicht kann die Grenzschließung die Chance eröffnen, in eine neue Phase ungestörten wirtschaftlichen Aufschwungs und sozialistischen Aufbaus eintreten zu können. Ist die innere Stabilisierung erreicht, so die Hoffnung, verschwindet die Mauer eines Tages von ganz alleine.
Doch die SED-Führung verschwendet in den kommenden Jahrzehnten keinen Gedanken daran, ein politisches System einzuführen, dass die Mauer überflüssig gemacht hätte. im Gegenteil: Wegen der vielen Fluchtversuche konzentriert sich die SED-Spitze darauf, die Abriegelung beständig zu perfektionieren. Die Mauer ist - und bleibt bis 1989 - eine Existenzbedingung der DDR.



