13. Die DDR-Grenztruppen
Im ersten Jahr der Mauer unterstehen die Berliner Grenzbrigaden noch dem DDR-Innenministerium. Die mangelnde Disziplin der Grenzpolizisten ist der SED-Führung ein Ärgernis. Tag für Tag gelingen mehrere Fluchten. Allein 77 Grenzpolizisten setzen sich 1962 in den Westen ab. Nicht alle Grenzbewacher hätten erkannt, heißt es im Nationalen Verteidigungsrat der DDR, dass "Grenzverletzer in jedem Fall als Gegner gestellt, wenn notwendig vernichtet" werden müssten.
Im August 1962 werden die Berliner Grenzeinheiten dem Ministerium für Nationale Verteidigung unterstellt. Fortan werden die Grenzsoldaten auf Befehl und Gehorsamkeit getrimmt und militärisch ausgebildet. Die Zusammenarbeit der Grenztruppen mit Staatssicherheit und Volkspolizei wird verbessert, um Fluchtvorhaben schon im Planungsstadium erkennen und vereiteln zu können. Die Stasi schleust hauptamtliche Mitarbeiter in die Grenztruppen ein und gewinnt unter den Grenzsoldaten zahlreiche inoffizielle Mitarbeiter, die helfen sollen, Fahnenfluchten zu verhindern. Im Grenzgebiet werden Kollaborateure ("freiwillige Helfer") angeworben, die bei der Kontrolle und Überwachung der dort wohnenden Menschen behilflich sind – mehr als 600 solcher "Helfer" gibt es Mitte der 1980er Jahre.
Die Grenzeinheiten, denen die Sicherung der 156,4 Kilometer langen Berliner Mauer obliegt, unterstehen seit 1971 dem "Grenzkommando Mitte" mit Sitz in Berlin-Karlshorst. Das Grenzkommando Mitte zählt 1989 rd. 11.500 Mann: knapp 2.400 Berufsoffiziere – fast alle Mitglieder der SED -, 1.700 Unteroffiziere auf Zeit sowie 7.200 Wehrpflichtige. Drei seiner sieben Grenzregimenter liegen in Berlin, vier im Bezirk Potsdam. Zwei Ausbildungsregimenter - am Rand von Berlin in Oranienburg und Wilhelmshagen stationiert - bilden die Grenzsoldaten im Grundwehrdienst aus. Alle neun Regimenter sind je 1.000 bis 1.400 Mann stark.
Die Sicherung der Grenze erfolgt in einem sechs- bis zehnstündigem Dienst, in dem die fünf Kompanien eines Grenzregiments aufeinanderfolgend zum Einsatz kommen. Rund 100 Mann bewachen die zwischen 12,7 km (Grenzregiment-35) und 29,8 Kilometer (Grenzregiment-38) langen Grenzabschnitte. Der Abstand zwischen den Grenzposten beträgt in der Stadtmitte tagsüber durchschnittlich 320 Meter, nachts 260 Meter; bei verstärkter Grenzsicherung wird die Distanz zwischen den Posten am Tage auf 260 Meter und in der Nacht auf 150 Meter verringert. Im Bereich Potsdam stehen die Posten weiter auseinander: zwischen 560 und 950 Meter am Tag und 400 bis 650 Meter bei Nacht und bei verstärkter Grenzsicherung. Das Grenzkommando Mitte und seine Regimenter verfügen nicht nur über 2.295 Kraftfahrzeuge, 10.726 Maschinenpistolen, 600 leichte und schwere Maschinengewehre, 2.753 Pistolen, 29 Grenzsicherungsboote und 992 Fährten-, Schutz- und Wachhunde. Sie sind zugleich mit schwerer Bewaffnung und Technik ausgerüstet: 567 Schützenpanzerwagen, 48 Granatwerfern, 48 Panzerabwehrkanonen, 114 Flammenwerfern, 682 Panzerbüchsen, 156 gepanzerten Fahrzeugen und schwerer Pioniertechnik.
Denn neben der Fluchtabwehr hat das Grenzkommando Mitte eine weitere Aufgabe: Die Eroberung von West-Berlin im Kriegsfall, gemeinsam mit sowjetischen Streitkräften und Einheiten der Nationalen Volksarmee ("Berliner Gruppierung") – laut Plan innerhalb von 24 Stunden. In Kriegsspielen üben die Stäbe deshalb regelmäßig die Eroberung West-Berlins – und die Einheiten der Grenzregimenter werden für Kriegshandlungen ausgebildet.



