Eine unglaubliche Geschichte

[aus: Werner Filmer/Heribert Schwan, Opfer der Mauer. Die geheimen Protokolle des Todes, C. Bertelsmann: München 1991, S. 50-57.]

Über das Schicksal meines Sohnes Michael will ich hier berichten, so wie ich mich nach viereinhalb Jahren an alles erinnern kann: Michael, geboren am 31. August 1961, war - wie man später sagte - ein Mauerkind. Er war ein ganz normales aufgewecktes Kind, der Zweitgeborene von vier Geschwistern. Seiner acht Jahre jüngeren Schwester war er sehr zugetan. In der Schule gab es Ärger wegen seiner geringen Leistungen und Aufmerksamkeit. Dumm war er zwar nicht, aber fleißig zu lernen war ihm ein Greuel. Das brachte ihm nicht gerade die Sympathie der Lehrer ein.

In der Maurerlehre zeigte sich Michael pünktlich, fleißig und ausdauernd, was ihm beim Um- und Ausbau unseres Einfamilienhauses sehr von Nutzen war. Hier schaffte er mit viel Ehrgeiz und Können bis zum Umfallen. Seinen Einberufungsbefehl konnte ich gerade noch in der Schürzentasche verschwinden lassen, als Michael mit seinem »Facharbeiter« nach Hause kam. Er sollte dies unbeschwert feiern. Wußte ich doch, wie verhaßt ihm die Armee war. Und richtig, er entwickelte mit seiner Liebe zur Gerechtigkeit sehr viel Eigensinn. Besonders gegenüber seinen Vorgesetzten, die Michael dies sehr übelnahmen und ihn schikanierten, wo sie mir konnten. Bei geringfügigen Anlässen wanderte Michael gleich in den Bau. Was aber nicht seinen Willen brechen konnte. Es war eine Kraftprobe, bei der er, wie konnte es auch anders sein, den kürzeren zog. Ausgangsverbot und Urlaubssperre waren die Folgen. Michael war trotz allem ein sehr sensibler Mensch, was er aber vor anderen sorgfältig verbarg. So entging es mir nicht in seinen Briefen (auch wenn es zwischen den Zeilen stand), wie ihm zumute war. Ich schrieb Michael so oft wie möglich und versuchte, so gut es ging, ihn zu unterstützen, ihn aufzumuntern, ihn zum Durchhalten zu bewegen, immer nach der Devise: Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei. Wir hakten gemeinsam die Tage ab, die ihm bis zur Entlassung verblieben. So oft es ging, schickte ich Kuchen und Süßigkeiten, die Michael so gerne aß. Als es endlich soweit war, und Michael wieder zu Hause sein konnte, dachte ich glücklich, er habe alles gut überstanden. Leider lag ich da ganz schief. Michael hatte sich in den eineinhalb Jahren sehr verändert, still und in sich gekehrt, irgendwie geduckt und immer auf dem Sprung vor einer Reserve-Einberufung, die dann auch nach der vorgeschriebenen Zeit prompt kam. Michael ignorierte den »Wisch« und steckte alles in den Ofen. Zu dieser Zeit war er sehr mit dem Hausbau beschäftigt. Um die Bauerlaubnis zu bekommen, mußten wir tüchtig »Männchen machen«.

Man schnitt uns wie unmündige Kinder. Die Herren von der Partei hatten ja das Sagen. Michael reagierte darauf mit einem Ausreiseantrag, zumal gerade wieder eine Reserve-Einberufung ins Haus geflattert war. Wir sprachen zu dieser Zeit noch offen über seine Entscheidung auszureisen. Damals versuchte ich alles, um ihn von diesem Schritt abzuhalten. Mit Vernunft, mit Liebe. Ich machte Michael klar, wie einsam er dort wäre, ohne Familie und Freunde.

Wochenlang diskutierten wir im Kreise der Familie, ohne Ergebnis. Michael schaltete auf stur und blieb dabei. Er fühlte sich eingeengt, entmündigt, überwacht und immer wieder von den Behörden gegängelt und schikaniert. Nicht zuletzt das Gespenst, die Armee, im Rücken. Da ich meinen Sohn Michael kannte, wußte ich, was er sich vorgenommen hatte, wurde auch ausgeführt. Mein Betteln und Bitten halfen nicht. Sein Wahlspruch war: »Ein Indianer kennt keinen Schmerz.« Insgeheim hoffte ich, man würde einen fleißigen jungen Menschen nie ausreisen lassen. Die Lunte war also gelegt. Ich saß mit meinen Gefühlen auf einem Pulverfaß. Es war nur eine Frage der Zeit.

Was alles wird an Mühe und Liebe für ein Kind aufgewandt? Was hatte ich nicht alles für Michael getan? Jetzt wollte er alles wie ein paar alte Schuhe wegwerfen. Das ging mir nicht in den Kopf, zumal Michael das Haus inzwischen fertig gemauert hatte. Wir hätten alle darin Platz gehabt. Es war ja nun, dank Michaels Leistungen, ein Zweifamilienhaus. Bitterkeit wegen seiner Entscheidung befiel mich. All das war ihm seine Freiheit wert. Nichts hatte er sich gegönnt. Jeden Pfennig umgedreht, jede Entbehrung auf sich genommen. Alles für dieses Haus. Seit seiner Rückkehr aus der Armee hatte mir Micha alle Entscheidungen um das Haus und somit auch die Sorgen genommen. Ich war nicht mehr für alles verantwortlich seit dem Tode seines Vaters, der mit dreißig Jahren starb. Michael war damals gerade sechs Jahre alt gewesen. Nun würde wieder alles an mir hängenbleiben.

Michaels Ausreiseantrag lief schon zwei Jahre. Man verschaukelte ihn von Monat zu Monat mit leerem Gewäsch. Aus der Bibliothek holte sich Michael einschlägige Literatur über seine Rechte zur Ausreise. Er argumentierte mit den Leuten im Pankower Rathaus, meines Wissens Stasi-Leute. Als diese keine Argumente mehr zur Hand hatten, ließen sie sich andere »linke Dinger« einfallen, so Michaels Rede. Man bestellte ihn zum Termin, der längst verfallen war. Es kamen Briefe mit unvollständigen Adressen, also mit dem Vermerk, nicht zustellbar.

Etwa zu dieser Zeit hatte es Michael verstanden, sich stetig und gezielt mir gegenüber zurückzuziehen. Ich sehe das heute so, daß bei ihm der Plan gereift war: Wenn nicht legal, dann illegal raus! Er sagte, er hätte sich lange genug von den »Roten Socken« verschaukeln lassen. Mit »Rote Socken« meinte Michael die Stasi. Um nicht mit mir, seiner Mutter, sprechen zu müssen, igelte er sich ein, wurde stiller, schweigsamer, ging mir aus dem Weg. Vertraute Gespräche fanden nicht mehr statt. Obwohl wir unter einem Dach lebten, entfernten wir uns voneinander. Michael entwickelte jetzt (inzwischen war es Oktober 1986 geworden) rege Aktivitäten, die ich zwar wahrnahm, aber mit denen ich nichts anfangen konnte. Er lieh sich von seinem Bruder Gerd das Fernglas und war dann stundenlang mit seinem Moped unterwegs. Wohin, erfuhr ich erst viel zu spät, als Michael diesen, seinen letzten Schritt getan hatte. Er fuhr die Grenzen zwischen Rosenthal und Glienicke ab, um eine geeignete, günstige Stelle zu finden, die seinen Plänen entsprach. Von all seinen Aktivitäten wußte sein Klassenkamerad Andreas, der fleißig mit von der Partie war, aber nicht die Absicht hatte, Michael auf diesem Weg zu begleiten. Andreas wurde zum 1. November einberufen. Bis dahin hatten sie manch fröhliches Gelage gehalten, um seinen Abschied zu feiern. Nicht ahnend, daß es Michaels Abschied für immer war. Spärlich wurde ich über Gerd oder Mario informiert, wie Michas Chancen standen, ausreisen zu können. Ich freute mich, dumm wie ich war, wenn er wieder eine Absage erhielt. Zu seinen Brüdern sagte er: »Kein Wort zu Mutter, wenn es soweit ist. Die ist imstande und hält mich noch fest!« In der Tat, ich wäre ihm nachgerannt, meinem Micha, und hätte ihn nicht mehr losgelassen.

Nun war mittlerweile der 21. November 1986. Ich hatte einen Termin mit dem Kühlmonteur. Es war Freitag. Ich hatte Nachtschicht und wollte gerade aufstehen, da klopfte Michael an meine Zimmertür. Er sagte, der Monteur wäre da. Das waren seine letzten Worte an mich. Ich sah ihn dann noch ein letztes Mal. Er ging feingemacht und gut duftend an mir vorbei. Er sah mich an, als wollte er mir noch etwas sagen, was er sich dann doch noch in letzter Minute überlegt hat. Seinen Blick werde ich zeit meines Lebens nie vergessen. Es war ein stummes Lebewohl für immer.

22. November 1986. Michael fuhr zu seinem Bruder Mario und bestellte ihn unter einem läppischen Vorwand nach Rosenthal, ins Elternhaus. 23. November 1986. Mario kam am Sonntag, wo sein Bruder ihm die Hiobsbotschaft von seiner angeblichen offiziellen Ausreise mitteilte. Auf Marios Frage, wann?, eierte Micha herum, redete von Papierkram erledigen, was ihm Mario, der ein Jahr Jüngere, alles bedingungslos glaubte und schluckte. Auch mußte er wie immer versichern, Mutter nichts zu sagen. Irgendwie, so dachte Mario im Laufe seiner Nachtschicht, sei Micha merkwürdig gewesen. Da ich auch Nachtschicht hatte, wollte mich Mario in der Druckerei anrufen. An das Versprechen denkend, das er Michael gegeben hatte, unterließ er es dann doch.

Meine Schicht endete um 4 Uhr. Ich traf gegen 5.30 Uhr in Rosenthal ein. Gegen 6.30 Uhr legte ich mich zu Bett. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, nicht eher einzuschlafen, bis Michas Wecker klingelte. Darüber bin ich dann aber doch eingeschlafen. Dieses letzte Mal noch friedlich! Gegen 15 Uhr stand ich auf. Nichtsahnend ging ich in die obere Etage, um meine Blumentöpfe zu gießen. Dies tat ich immer, bevor Micha nach Hause kam. Ich trat ins Zimmer und erstarrte zur Säule. Auf einen Blick erfaßte ich die Situation. Da lag fein säuberlich ein kleiner Schlüssel auf einem Zettel, mit dem Vermerk »Briefkastenschlüssel«. Dies war immer Michaels Aufgabe gewesen, die Post aus dem Kasten zu holen. Die Bilder an den Wänden, die Michaels Lieblingsmotive zeigten (Herbstlandschaft), waren ebenfalls mit Zetteln versehen worden, mit Vornamen der Familienmitglieder. Mir hatte er das Bild zugedacht, das ich immer so schön fand. Auf dem Zettel stand »Mutter«. Dieses alles erfassend, überschlugen sich meine Gedanken. Mein erster vernünftiger Gedanke galt Michaels Kaninchenzucht. Ich rannte runter in den Stall. Die Tiere hatten ihre Näpfe noch voll. Er konnte noch nicht allzulange fort sein.

Wieder in Michaels Räumen, suchte ich verzweifelt nach Anhaltspunkten. Ich fand nichts, keinen Brief mit Aufklärung oder einem Lebewohl. Wenn mein armer Micha geahnt hätte, daß er geradewegs seinen Mördern in die Hände laufen würde, er hätte dieses Haus, das ihm vor allen Unbilden Schutz geboten hat, nie verlassen, um in die Freiheit zu gehen.
Ab dieser Stunde fing für mich ein Martyrium an zwischen Hoffnung und Resignation. Selbstmordgedanken waren an der Tagesordnung.

Jeden Tag, den Gott werden ließ, ist mein Sohn Michael für mich ein bißchen gestorben. Und das dreieinhalb Jahre lang. Meine Hoffnung war ein Wettlauf mit der Zeit. Sie bröckelte beständig. Es war ein Nervenkrieg. Dazu die Belastung der Schichtarbeit, die ich fast fünfundzwanzig Jahre verrichtete. Dazwischen meine Angstträume. Immer und immer wieder die Vorstellungen, wie Michael blutüberströmt, getroffen von Schüssen, sein Leben aushaucht. Die quälenden Gedanken um das Nichtwissen seiner letzten Stunde. Und daß ich, seine Mutter, die ihn ein Leben lang behütet hatte, nichts mehr für ihn tun konnte.

Mit unendlicher Geduld und Mühe habe ich dann mit Unterstützung von vielen Helfern Steinchen um Steinchen zusammengetragen, um Michaels Schicksal nachzuvollziehen. Bis ich im April 1990 offiziell erfuhr, daß Michael am 24. November 1986 an der Mauer erschossen wurde. Geahnt hatte ich es immer. Ich konnte und wollte aber diese Ungeheuerlichkeit nicht glauben. Ich verdrängte immer wieder die Tatsache.

Wir haben jetzt März 1991. Obwohl ich mich mit dem Tod meines Sohnes und der ganzen grausamen Wahrheit fast ein Jahr auseinandersetzen konnte, ist sein Tod bei mir immer noch nicht angekommen. Für Michael gibt es kein Grab und keinen Totenschein. Ich habe auch nicht die Hoffnung auf einen Hinweis. Und doch gibt es Leute, die um seinen Verbleib wissen, die aber schweigen. Denn die Mörder sind unter uns! Ab dem 24. November 1986 bewegte sich das Räderwerk der Stasi, um sorgfältig alle Spuren zu verwischen. Am gleichen Tag wurde im Fernsehen von einem Grenzzwischenfall an der Frohnauer Mauer mit tödlichem Ausgang berichtet. Als ich das hörte, dachte ich, mir bleibt das Herz stehen. Sofort war mein Argwohn alarmiert, der mich bis zur offiziellen Gewißheit über Michas Tod nicht wieder losließ.

Nach der Entdeckung seines Weggangs war damals für mich klar, offiziell ist Micha nicht ausgereist. Irgend etwas mußten wir tun. Aber was? Wir warteten drei Tage. Mario meldete in der Keibelstraße am Alex seinen Bruder als vermißt. Von dort kam er mit dem Bescheid zurück, daß Michael in West-Berlin sei (so die Stasi). Zwischen der DDR und der BRD gäbe es ein Abkommen, nach Vermißten nicht weiter zu suchen. Das machte mich sofort stutzig. Soviel Kooperation zwischen den Staaten ließ mich argwöhnisch werden. Das war zuviel des Guten. Und der Verdacht, daß die unbekannte Person mein Micha war, verhärtete sich. Mein Mann und ich wurden zur Keibelstraße vorgeladen, wo sie uns getrennt sieben Stunden lang verhörten. Das Ergebnis, ein siebzehnseitiges Protokoll. Auf meine Frage, ob der unbekannte Tote in Frohnau mein Sohn sei, sagte man mir, es gäbe keinen Toten an der Mauer. Und überhaupt sei alles nur Westpropaganda. Auf mein wiederholtes Fragen verbot man mir den Mund. Doch die Tatsache, daß die Stasi einfach den Fall abstritt, löste Alarm und Mißtrauen in mir aus. Mit dem Instinkt der Mutter fühlte ich, da stimmt was nicht! Mein Mann wurde dann zum späteren Zeitpunkt noch einmal bestellt. Man attackierte ihn stundenlang wegen seiner Westverwandtschaft. Schwester und Bruder leben dort. Sie deuteten an, diese hätten Michael zur Flucht verholfen. Sie verboten ihm jeden weiteren Kontakt mit den Geschwistern.

Es wurde eine Hausdurchsuchung durchgeführt, wobei man folgende Sachen beschlagnahmte: Briefe, die Michael an mich gerichtet hatte, aus der Armeezeit; sein Sparbuch, Bilder von Michael, eine Handgranatenattrappe. Das Finanzamt wollte sich noch was unter den Nagel reißen aus Michaels Hinterlassenschaft. Seinen Lohn (Abrechnung ca. 500 Mark) mußte sein Arbeitgeber ans Ministerium des Inneren abführen. Auf dem Schreiben, wo das Geld quittiert wurde, frisierte man die Daten kräftig. Nach diesen hatte Michael erst am 17. Dezember 1986 das Territorium der DDR verlassen (so wörtlich). Klarer Fall, es wurde also bewußt vertuscht! Nun begann für mich die Zeit des geduldigen Wartens auf ein Zeichen von Micha. Es konnte ja nichts kommen.

Im Februar 1985 bat ich eine Bekannte, die Invalidenrentnerin war und somit berechtigt, West-Berlin zu besuchen, in meinem Auftrag über Michaels Verbleib Erkundigungen dort einzuziehen. Ohne Erfolg. Nur soviel, Michael war dort nie aufgetaucht. Sein Name fand sich in keiner Liste eines Auffanglagers. Das recherchierte meines Mannes Schwester mit viel Aufwand.

Nachdem zwei Jahre vergangen waren, entschloß ich mich am 16. November 1988, eine Eingabe an Honecker zu verfassen, nicht wissend, daß ich seinen Mörder um Hilfe bitten würde. Eine Antwort auf all meine Fragen blieb aus. Statt dessen ein Termin beim Staatsanwalt Koch im Justizministerium. Das war alles. Das Ganze wurde ein Schuß in den Ofen. Und nebenbei ergaben sich merkwürdige Dinge, woran wir merkten, daß wir bespitzelt wurden. Briefe wurden abgefangen, Telefonate abgehört, was man auch später zugab.

Im Urlaub in Bulgarien lernten wir eine Umsiedlerfamilie kennen, aus Karl-Marx-Stadt. Junge Leute, denen ich von meinem Sohn erzählte und meinen Vermutungen. Diese junge Frau bemühte sich dann sehr um Fakten. Ein Jahr später dann das Ergebnis, ein Schriftstück, in dem man mir mitteilte, daß auch dort nichts weiter rausgekommen sei. Als man mir riet, Rechtsanwalt Dr. Vogel aufzusuchen, ergriff ich auch diese Gelegenheit. Zweimal sprach ich dort vor. Auch Dr. Vogel hatte Nachforschungen angestellt, mit dem Ergebnis, daß Michael weder, so wörtlich, auf dem Territorium der DDR noch in der BRD sei. Meinen Einwand, ob Michael möglicherweise im Ausland sei, hielt er für Utopie. Also, fragte ich, hat sich ein Mensch in Luft aufgelöst. Ein Schulterzucken war die Antwort. Wir fanden das langsam mysteriös, zumal kein Lebenszeichen von Micha kam. Und immer wieder die quälende Frage: Wo, Micha, wo bist du? Meine Hoffnung hielt ich aufrecht. Was ich mir nicht alles einfallen ließ, weshalb er sich nicht melden konnte, war schon ziemlich bizarr. Ich wollte das alles glauben, es hielt mich aufrecht.

1988 mußte ich meinen Schichtdienst aufgeben, weil ich die nervliche Belastung einfach nicht mehr bewältigen konnte. Nachdem uns das Jahr 1990 die Öffnung der Mauer bescherte, gedachte ich unter Tränen, daß mein Micha dies alles nicht mehr erleben konnte, was er sich so sehr gewünscht hatte. Und jetzt noch gibt es mir jedesmal einen Stich, wenn ich über den ehemaligen Todesstreifen gehe. Das beschwört alles wieder herauf. Ich sehe im Geiste wieder und wieder Michas Flucht und erleide immer wieder neue Pein. Diese jahrelange seelische Belastung, fürchtete ich, muß doch mal zu einem Zusammenbruch führen. Aber der Mensch verträgt unendlich viel.

Jetzt, wo die Mauer gefallen war, gab es für uns, so dachten wir, unvorstellbare Möglichkeiten, nach Micha zu suchen. Das vierte Weihnachten ohne Michael war vorüber. Im neuen Jahr zogen Mario und ich los in Richtung Frohnau. Wo, wenn nicht hier, sollten wir unsere Suche beginnen. Wir wollten zum Polizeirevier, was es dort aber nicht gab. Kein Rathaus, was nun? Als wir noch unschlüssig überlegten, fiel mein Blick auf eine Kirche. Nichts wie hin! Wir bekamen den Hinweis von einem Kreuz für einen unbekannten Toten und die Adresse für das Heiligenseer Polizeirevier, was zuständig für Frohnau war. Man fuhr uns dann nach Tempelhof, wo die Akte vom unbekannten Toten lag. Die Beschreibung (von Zeugen) des Toten war für uns nicht eindeutig genug, um glauben zu können, es sei mein Sohn Michael. Außerdem war die Rede von zwei Flüchtlingen.

Was nun weiter? Auf nach Frohnau, zum Ort des Geschehens. In Worte läßt sich nicht fassen, was wir empfanden, als wir mit beklommenem Herzen an den Resten der Mauer standen, mit der Aufschrift: »Mörderturm«! Und wie wir von ungefähr auf ein großes schwarzes Kreuz stießen. Vom unbekannten Toten. Auf der Flucht erschossen, am 24. November 1986.

Dieses Kreuz geistert heute noch durch meine Träume. Es ist immer gegenwärtig, was ich auch tue. Ist es doch das einzige, das letzte, was von meinem Sohn geblieben ist. Hier, am Ort des Geschehens, konnten mein Sohn Mario und ich nachempfinden, wie es unserem Micha ergangen ist, als er durch den Todesstreifen hetzte, seine Mörder im Rücken. Und uns, die jetzt hier, ohne daß uns jemand auch nur ein Haar krümmte, gehen und stehen durften, war, als hätte uns jemand vom Galgen geschnitten. Ein Gefühl des Grauens beschlich uns. Wir dachten an die vielen Mauertoten, die keinem was zuleide taten und grausam den Tod erleiden mußten, ohne sich dagegen wehren zu können. Verblutet, verstümmelt, verbrannt, verscharrt und verweht, wie Blätter im Wind.
Wir hatten noch die Kraft, Anwohner zu fragen, die als Zeugen in den Akten standen. Unsere Hoffnung schrumpfte auch hier, aber es blieb ein kleiner Rest. Eindeutiges erfuhren wir nicht.

Inzwischen hatte ich eine Eingabe an den neuen Justizminister Wünsche gemacht. Von dort bekam ich am 17. Januar 1990 einen schwarzumrandeten Brief, so wie man ihn in Trauerfällen zu verschicken pflegt. Vom Ministerium der Justiz mit dem Hinweis, ich bekäme Bescheid vom Militärstaatsanwalt. Dann ein Brief am 15. Februar 1990 aus Salzgitter, mit dem Hinweis auf einen Ermittlungsvorgang der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin, Turmstraße, die allerdings nicht als sicher geltenden Erkenntnisse, meinen Sohn Michael betreffend.

Am 13. Februar 1990 dann das Schreiben vom Militärstaatsanwalt aus Königswusterhausen. Er hätte Maßnahmen eingeleitet, um in Besitz des damals angelegten Untersuchungsvorganges zu kommen. Persönlich erschien Herr Militärstaatsanwalt Hase bei uns in Rosenthal, um die Nachricht vom Tod meines Sohnes Michael zu überbringen. Das fiel mit dem Geburtstag meines ältesten Sohnes Gerd zusammen. Da ich zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause war und nur mein Sohn Mario diese Nachricht entgegennahm, wurde mir das einige Tage später nach der Geburtstagsfeier mitgeteilt. Nun war der letzte Faden meiner Hoffnung abgeschnitten, sollte man meinen. Oh, nein, ich gab immer noch nicht auf! Denn inzwischen waren wir auf das Schreiben aus Salzgitter bei der Staatsanwaltschaft in der Turmstraße gewesen, wo man der Sache schon sehr nahe war, aber der 1-Punkt eben noch fehlte. Somit hatte ich etwas Zeit, mich seelisch darauf vorzubereiten, was kommen mußte.
Letztlich hoffe ich, daß Michaels Mörder - und die der anderen Opfer - zur Rechenschaft gezogen werden. Ich schreibe mit Absicht »Mörder«, womit ich alle Beteiligten meine, auch die im Hintergrund, das ganze System. Jedem dieser machthungrigen SED-Bonzen, die ihr Süppchen im stillen gekocht haben, sollte man empfindlich auf die schmutzigen Finger klopfen. Wenn das geschehen ist, dann endlich werde ich Ruhe finden. Was irgend ging, habe ich für meinen Sohn getan. Leider waren meine Mittel in der DDR sehr begrenzt. Ich lief dort, im wahrsten Sinne des Wortes, gegen Mauern. Meine Hoffnung liegt jetzt in dem wiedervereinten Deutschland, wo ich besonders darauf hoffe, daß die Bonner Regierung was dazu tun werde und mein Vertrauen nicht noch einmal wie in der DDR mißbraucht wird.

Weil es mir verwehrt wurde, von meinem Sohn Michael Abschied zu nehmen, an seiner letzten Ruhestätte, und weil ich nie dort Blumen niederlegen konnte, so soll dieser Bericht sein Nachruf sein, geschrieben von seiner Mutter, die ihn unendlich liebte. In unseren Herzen wird Michael immer gegenwärtig sein.


Quelle: Werner Filmer/Heribert Schwan, Opfer der Mauer. Die geheimen Protokolle des Todes, C. Bertelsmann: München 1991, S. 50-57. - Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Dr. Heribert Schwan.