Brief von Nikita Chruschtschow an Walter Ulbricht, 30. Januar 1961

Abschrift

Geheim

AN DEN
ERSTEN SEKRETÄR DES ZK DER SED
Genossen Walter ULBRICHT

Werter Genosse Ulbricht!

Das ZK der KPSU hat Ihren Brief vom 19. Januar d. J. sorgfältig erörtert und spricht sein Einverständnis mit den Erwägungen betreffs der Maßnahmen aus, die in Zusammenhang mit der Beseitigung der Überreste des Krieges und der Normalisierung der Lage in West-Berlin durchgeführt werden sollen. Bei dem Meinungsaustausch mit Ihnen im November des vorigen Jahres in Moskau haben wir unsere weiteren Maßnahmen in dieser Richtung festgelegt; wir unternehmen zur Zeit die Ihnen bekannte Schritte durch diplomatische Kanäle.

Wir wissen, daß auch Sie der Meinung sind, daß es in der heutigen Lage nach dem Amtsantritt des neuen amerikanischen Präsidenten notwendig und wichtig ist zu versuchen, die Frage eines Friedensvertrages mit Deutschland und der Normalisierung der Lage in West-Berlin auf Grund einer Verständigung mit den USA sowie mit den anderen Westmächten zu regeln. Zur Zeit beginnen wir eine sachliche Erörterung dieser Fragen mit Kennedy einzuleiten. Die vorgenommene Abtastung zeigt, daß es einiger Zeit bedarf, bis Kennedy seine Position in der Deutschlandfrage deutlicher absteckt und es klar wird, ob die Regierung der USA gewillt sein wird, gegenseitig annehmbare Beschlüsse zu erzielen.

Wir sind natürlich mit Ihnen einer Meinung darüber, daß die Fragen der Beseitigung der Überreste des Krieges und des Besatzungsregimes in West-Berlin auf der Basis eines Friedensvertrages mit beiden deutschen Staaten, und falls sich das nicht erreichen läßt, auf der Basis eines Friedensvertrages mit der Deutschen Demokratischen Republik gelöst werden müssen. In einem solchen Falle wird es den Völkern der ganzen Welt, darunter auch dem deutschen Volke, verständlich sein, daß die Sowjetunion, die DDR sowie andere sozialistische Länder die Festigung des Friedens und eine friedliche Lösung der Deutschlandfrage anstreben, indem sie den Vorschlag über den Abschluß eines Friedensvertrages mit Deutschland vorlegen. Die Sowjetunion, die DDR und die anderen sozialistischen Länder sind danach bestrebt, den Frieden zu sichern und die Deutschlandfrage friedlich zu lösen. Darum ist es wünschenswert, die in Ihrem Brief behandelten Maßnahmen, die sich unter gewissen Umständen als notwendig erweisen werden, mit dem Abschluß eines Friedensvertrages zu koppeln. Wenn es nicht gelingen wird, mit Kennedy zu einer Verständigung zu kommen, werden wir, wie vereinbart, gemeinsam mit Ihnen den Zeitpunkt ihrer Durchführung bestimmen.

Natürlich teilen wir vollkommen die von Ihnen vorgebrachten Ansichten über Maßnahmen auf dem Gebiete der ökonomischen Stabilisierung der DDR und der Erweiterung der ökonomischen Zusammenarbeit zwischen der DDR und der UdSSR. Konkrete Vorschläge zu diesen Fragen werden zur Zeit gemeinsam mit der Delegation der DDR mit dem Genossen Leuschner an der Spitze erörtert. Wir haben unserer Delegation den Auftrag gegeben, sich während dieser Verhandlungen von der prinzipiellen Vereinbarung zwischen uns im November des vorigen Jahres leiten zu lassen.

Wir unterstützen Ihren Vorschlag über eine Zusammenkunft der Partei- und Regierungsdelegationen der UdSSR und der DDR und würden uns freuen, eine Delegation der Deutschen Demokratischen Republik zur Erörterung der beide Seiten interessierenden Fragen zu empfangen. Der Zeitpunkt der Zusammenkunft könnte später festgelegt werden. Die Ergebnisse unseres Meinungsaustausches könnten in Form einer gemeinsamen Erklärung zusammengefaßt werden. Wir sind damit einverstanden, während dieser Zusammenkunft Ihren Vorschlag über die Einberufung des Politischen Konsultativ-Komitees des Warschauer Vertrages zur Erörterung der Frage des Abschlusses eines Friedensvertrages mit Deutschland zu besprechen.

Mit kommunistischem Gruß
N. CHRUSCHTSCHOW
Den 30. Januar 1961


Quelle: SAPMO-BArch, DY 30/3508, Bl. 114-116.