Tätigkeitsbericht der West-Berliner Schutzpolizei für den Monat November 1961

S 1-1/61
Berlin, den 7. Dezember 1961
App. 2922

Vertraulich!
Verschlossen!

An den
Herrn Polizeipräsidenten in Berlin



Betr.: Tätigkeitsbericht des S für den Monat N o v e m b e r 1961


I. Sicherheits- und Ordnungsdienst der Schutzpolizei

1. Zusammenfassung der Entwicklung an der Sektor- und Zonengrenze bzw. in West-Berlin

a) Der Ausbau der Grenzsperren und -befestigungen im Sowjetsektor von Berlin und in der SBZ wurde durch Errichtung zusätzlicher Sperrmauern, Anlegen neuer Drahthindernisse (auch auf Dächern von Grenzhäusern), Aufstellen von Sichtblenden sowie Ausheben von Gräben und Anbringen von Scheinwerfern fortgesetzt. Bis zum 30.11.61 wurden durch Vopo an der Sektor- und Zonengrenze insgesamt 212 Lautsprecher montiert.

Am 19. und 20.11.61 führten starke Vopo und NVA-Kräfte sowie größere zivile Arbeitskommandos unter Einsatz zahlreicher Spezialfahrzeuge verstärkte Sperrarbeiten (Errichten einer 2m starken Betonmauer sowie Bau von Panzersperren in Form zusammengeschweißter T-Träger und Straßenbahnschienen) an folgenden Abschnitten der Sektorgrenze durch:

Hindenburgplatz (Brandenburger Tor), Potsdamer Platz bis Lindenstr. und Bernauer/Schwedter Str.

b) Bei Fluchtversuchen kam es zu folgenden schweren Zwischenfällen:

Am 14.11.61, gegen 21.00 Uhr, durchfuhr ein sowjetsektoraler Pkw, Typ Opel P 4, besetzt mit 3 weiblichen und 2 männlichern Bewohnern des Sowjetsektors, in hoher Geschwindigkeit die Slalomsperre am Grenzübergang Chausseestr. von Ost nach West. Obwohl vier unmittelbar an der Grenze postierte Vopo aus 3 MP und einer Pistole insgesamt ca. 100 Schüsse in Richtung Sowjetsektor auf das ihnen entgegenkommende Kraftfahrzeug abgaben, konnte es West-Berliner Gebiet erreichen. Die Insassen des mit Stahlplatten abgesicherten Fahrzeuges blieben unverletzt; das Kraftfahrzeug wies an der Windschutzscheibe und am rechten Vorderrad mehrere Einschüsse auf.

Am 20.11.61, gegen 00.50 Uhr, gelang es 3 männlichen Personen, in Höhe der Schillingbrücke nach Durchschwimmen der Spree West-Berliner Gebiet zu erreichen. Eine Person hatte infolge Schußwaffengebrauchs durch Vopo (ca. 35-40 MP-Schüsse) Hoden-, Becken- und Oberschenkelverletzungen davongetragen. Die Flüchtlinge wurden durch die Feuerwehr dem Urban-Krankenhaus zugeführt.

c) In sechzig Fällen warfen Vopo gegen Schutzpolizeibeamte sowie gegen winkende West-Berliner, gegen Senats-Laukw und Besuchergruppen aus der Bundesrepublik bzw. aus dem Ausland Tränengaswurfkörper auf das Gebiet von West-Berlin. Schutzpolizeikräfte warfen hierauf insgesamt 792 Tränengaswurfkörper in den Sowjetsektor von Berlin. In diesem Zusammenhang sind folgende Ereignisse besonders erwähnenswert:

Am 6.11.61, in der Zeit von 08.15 bis 09.45 Uhr, wurde am S-Bahnhof Wilhelmsruh bis zur Firma Bergmann-Borsig der von der Vopo errichtete Maschendrahtzaun in ca. 300 m Länge von Arbeitern des Tiefbauamtes Reinickendorf entfernt. Der Zaun stand 1 Meter auf West-Berliner Gebiet. Die Vopo warf 72 Tränengaswurfkörper, die ca. 10 m auf West-Berliner Gebiet fielen. Die gleiche Anzahl wurde von Schutzpolizeikräften in den Sowjetsektor von Berlin geworfen.

Am 9.11.1961, gegen 17.50 Uhr, setzte in Frohnau, Oranienburger Chaussee 62 (ca. 5 m von der Zonengrenze entfernt), eine von Grepo abgeschossene Leuchtkugel das Dach eines unbewohnten Clubhauses eines privaten Tennisplatzes in Brand. Gegen 18.25 Uhr konnte das Feuer durch die Feuerwehr gelöscht werden. Der Sachschaden beträgt ca. 3.000,- DM.

Am 20.11.61, gegen 03.45 Uhr, wurde in N 65, Bernauer Str., zwischen Acker- und Bergstr., ein auf Streifenfahrt befindlicher Funkwagen von Vopo mit Flaschen beworfen. Die Funkwagenbesatzung warf daraufhin 4 Tränengaswurfkörper in den Sowjetsektor von Berlin. Kein Personen- oder Sachschaden.

Am 22.11.61, gegen 15.00 Uhr, wurde in N 58, Schwedter Str./Kopenhagener Str., ein 14-jähriger Schüler von Vopo beschossen, als er ein Lebensmittelpaket aufnehmen wollte, welches West-Berliner vom Nordhafen über die Mauer geworfen hatten. Der Schüler wurde, scheinbar unverletzt, festgenommen.

d) Am 13.11.61, gegen 22.00 Uhr, trieb ein Grenzsicherungsboot der Grepo mit 2 Besatzungsangehörigen infolge Maschinenschadens auf der Havel, Nähe Moorlake, in West-Berliner Gewässer. Die Besatzung wurde durch Angehörige der Wasserschutzpolizei in polizeiliche Verwahrung genommen und der amerik. MP übergeben; das Boot und die Waffen wurden auf dem WsR Schwanenwerder sichergestellt. Die beiden Grepo, das Boot und die Waffen wurden im Laufe des nächsten Tages den sowjetzonalen Behörden übergeben.

e) Am 16.10.61 war auf den ca. 150 m auf West-Berliner Gebiet (Bahngelände am Bahnhof Gesundbrunnen) stehenden Wasserturm mit schwarzer Farbe die Buchstabengruppe "DDR" gemalt worden.

Da auf dem Wasserturm und in seiner unmittelbaren Nähe außer mehreren Trapo verschiedentlich auch Vopo-Angehörige beobachtet worden waren, durchkämmte ein Kommando der französischen Gendarmerie am 8. und 9.11.61 das Gebiet um Wasserturm, Lokschuppen und Müllkippe und durchsuchte es nach "Volkspolizisten"; es wurden jedoch keine Vopo angetroffen.

Am 10.11.61 wurde festgestellt, daß aus der auf den Wasserturm aufgemalten Buchstabengruppe "DDR" das erste "D" mit weißer Farbe überstrichen worden war, so daß nur noch die Buchstaben "DR" (Deutsche Reichsbahn) stehenblieben.

Am 28.11.61, von 13.15 bis 14.20 Uhr, wurde auf Anweisung der britischen Schutzmacht durch Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei die am 30.10.61 am Hindenburgplatz im Verlaufe der Sektorengrenze auf West-Berliner Gebietaufgestellte Drahtsperre in Breite der Straße des 17. Juni wieder entfernt.

f) Der Interzonenverkehr verlief unbehindert.

[...]

5. Protestmarsch

Am 20.11.61, in der Zeit von 18.45 bis 20.25 Uhr, führte der Studentenverband Deutscher Ingenieurschulen unter dem Motto "Nieder mit Stacheldraht und Schandmauer" einen genehmigten Protestmarsch vom Wittenbergplatz zum Reichskanzlerplatz durch. An dem Protestmarsch nahmen anfangs ca. 20.000 Personen teil, jedoch erhöhte sich die Zahl der Teilnehmer durch Straßenpassanten schnell auf ca. 50.000 Personen. Im Anschluß an die Kundgebung auf dem Reichskanzlerplatz bewegten sich gegen 20.25 Uhr unter den Rufen "Auf zur Mauer" und "Auf zum Brandenburger Tor" mehrere Gruppen von Demonstranten in Richtung Ernst-Reuter-Platz und Bahnhof Zoo. Als die Polizei hiergegen einschritt, kam es an der Knobelsdorffbrücke, Charlottenburger Brücke und vor dem Bahnhof Zoo zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Demonstranten, in deren Verlauf verschiedentlich der Polizeiknüppel angewendet werden mußte.

Eine weitere Demonstrationsgruppe mit Fackeln und Transparenten bildete sich gegen 21.15 Uhr an der Sektorgrenze Wilhelm- Ecke Kochstr. in Kreuzberg. Als die Demonstranten in Sprechchören ihrer Empörung über die Mauer Ausdruck gaben, warfen Vopo 95 Tränengaswurfkörper auf West-Berliner Gebiet und setzten einen Wasserwerfer ein. Schutzpolizeibeamte warfen daraufhin 107 Tränengaswurfkörper in den Sowjetsektor von Berlin. Anschließend wurde die Ansammlung zerstreut und der Normalzustand wieder hergestellt.

6. Flugblattaktion

In den Abendstunden des 25. und 26.11.1961 wurden in den Bezirken Charlottenburg, Wedding und Steglitz von unbekannten Personen insgesamt 300 Flugzettel aus fahrenden Kfz mit folgendem Inhalt auf die Straße geworfen:

"Aufruf!

Deutsche, kämpft für die Freiheit, duldet nicht die KZ-Mauer des Verbrechers Ulbricht.
Der 17. Juni und Ungarn waren eine Warnung.

Während Menschen an der Mauer starben, feilschte man um Ministerposten, 16 Jahre Teilung sind beschämend.

Drum kämpft gemeinsam mit der Deutschen Befreiungsfront gegen den Kommunismus.
Deutsche Jugend, schließt Euch zusammen.

Wir fordern: Nicht Licht an der Mauer, besser fort mit der Mauer."

Abt. I. hat Bearbeitung übernommen.

[...]


Quelle: Polizeihistorische Sammlung des Polizeipräsidenten in Berlin