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Kowalczuk, Ilko-Sascha: Das bewegte Jahrzehnt


Kapitel 1: 1949 bis 1961
Von der Gründung der DDR bis zum Mauerbau


(Auszug)


Kowalczuk, Ilko-Sascha: Das bewegte Jahrzehnt
Um 0 Uhr am 13. August 1961 gingen an der Sektorengrenze die Lichter aus, Posten zogen auf, die Grenze wurde geschlossen. Anderthalb Stunden später wurde der S- und U-Bahn-Verkehr eingestellt. Gegen 6 Uhr morgens war die Sektorengrenze dicht. Verschiedene NVA-Einheiten und Einheiten der Bereitschaftspolizei waren ab Mitternacht in Berlin eingerückt. Bei der NVA wurde ebenso wie bei den sowjetischen Truppen in der DDR Gefechtsalarm ausgelöst. Im Gegensatz zur NVA blieb die GSSD in den Kasernen. Die eigentlichen Absperrmaßnahmen führten die Schutzpolizei und Formationen der "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" durch. Damit versuchte die SED-Führung zu suggerieren, es seien die Arbeiter, die ihren Staat gegen die westdeutschen "Revanchisten" schützten.

[...]

Am 24. August 1961 wurde der 20-jährige Schneider Günter Litfin beim Versuch, den Humboldt-Hafen zu durchschwimmen, erschossen. Es war das erste Todesopfer seit dem 13. August. Ihm sollten Hunderte folgen. Traurige Berühmtheit erlangte der Tod des 18-jährigen Peter Fechter, der beim Versuch, die Sperren in Richtung Westen zu durchbrechen, am 17. August 1962 angeschossen wurde. Er verblutete im Niemandsland zwischen Ost und West. Weder die Westberliner Polizei noch die Alliierten griffen ein: Sie hatten Angst, die Russen zu provozieren, lag Fechter doch auf deren Gebiet. Erst als der junge Mann qualvoll vor den Augen der Weltöffentlichkeit gestorben war, bargen DDR-Grenzer seinen leblosen Körper aus dem Stacheldrahtverhau.

[...]

Mit dem Mauerbau vom 13. August 1961 fiel das Ansehen des SED-Regimes auf einen neuen Tiefpunkt. Alle Schutzbehauptungen, man sei einer Aggression der Bundesrepublik zuvorgekommen, konnten nicht die offensichtliche Tatsache verschleiern, dass die DDR diese Mauer brauchte, um das Weglaufen der eigenen Bürgerinnen und Bürger zu unterbinden. Dennoch resultierte gerade aus der offenbaren Brutalität der Mauer bei westlichen Politikern die Erkenntnis, dass die Spaltung Deutschland nicht durch eine Politik der Konfrontation zu beseitigen, sondern ihre Folgen nur durch allmählichen Wandel zu mildern seien. Die DDR wurde durch den Mauerbau zu jener geschlossenen Gesellschaft, die sie bis 1989 blieb. Sie kam gewissermaßen zu sich selbst. Angesichts der scheinbaren Endgültigkeit des Mauerbaus und der Untätigkeit des Westens begannen viele Menschen, sich mit ihren Gegebenheiten zu arrangieren. Die oft beschriebene Pseudo-Idylle in der DDR wurde erst möglich durch die Mauer. Sie war insofern nicht allein ein Bauwerk, sondern Voraussetzung für eine Lebensform. Im Laufe der Jahre wurden die Sperranlagen technisch immer perfekter, politisch aber zunehmen brüchiger. Insgesamt kamen an der innerdeutschen Grenze und an der Berliner Mauer bis zum November 1989 nach jüngsten Ermittlungen 994 Menschen ums Leben, weitere 757 wurden schwer oder dauerhaft verletzt.

Quelle: Kowalczuk, Ilko-Sascha: Das bewegte Jahrzehnt. Geschichte der DDR von 1949 bis 1961, Bonn 2003.