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Lehmann, Hans Georg: DDR: Vom Mauerbau bis zum Sturz Ulbrichs 1961 – 1971


(Auszug)

16.3. DDR: Vom Mauerbau bis zum Sturz Ulbrichs 1961 – 1971, S. 170ff

13. August 1961: Die DDR beginnt mit Rückendeckung des Warschauer Pakts eine Mauer entlang der Westsektoren Berlins aufzubauen und die Grenze zur BRD zu befestigen. Diese Sperr- und Kontrollmaßnahmen werden damit begründet, dass man dem Treiben der westdeutschen Revanchisten und Militaristen einen Riegel vorschieben, die „systematische Bürgerkriegsvorbereitung durch die Adenauer-Regierung", „feindliche Hetze", „Abwerbung", „Menschenhandel" und „Diversionstätigkeit" durchzukreuzen müssen.

Die spektakuläre Aktion war im Auftrag Ulbrichs streng geheim von Erich Honecker als zuständigem Sekretär für Sicherheitsfragen im ZK der SED vorbereitet worden. Noch auf einer Pressekonferenz am 15.6.1961 hatte Ulbrich versichert: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Am 13.8. – einem Sonntag – löst Honecker um Mitternacht „Alarm" aus: das Signal für Abriegelungsmaßnahmen an der Sektorengrenze West-Berlins unter den Schutz bewaffneter Einheiten der NVA, der Volkspolizei und von Betriebskampfgruppen. Damit wird die Millionenstadt hermetisch in zwei Teile abgesperrt.

Der Mauerbau wirkt wie ein Schock. Er löst zunächst Angst, Schrecken und Erregung aus, schließlich Ratlosigkeit, Ohnmacht, Empörung und Wut. „Die Mauer muss weg", „Nieder mit Ulbricht", „Was machen die Amerikaner?", „Wo bleiben Sie?" – so lauten die Reaktionen.

Die Gegenmaßnahmen der westlichen Alliierten und Schutzmächte beschränken sich auf verbale Proteste und demonstrative Akte wie die Entsendung des US-Vizepräsidenten Johnson und des beliebten General Clay („Held der Blockade") nach Berlin am 19.8.1961. Der Tod des angeschossenen Flüchtlings Peter Fechter, der am 17.8.1962 hilflos an der Mauer verblutet, lässt endgültig keinen Zweifel mehr daran, dass sich der Westen mit dem neuen Status quo minus in Berlin abgefunden hat. Zwar bekräftigen die USA ihre Sicherheitsgarantien für West-Berlin, dich stellen sie im Rahmen der „Friedensstrategie" Kennedys den Besitzstand der Sowjetunion nicht mehr infrage.

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34.1. DDR: „Wir wollen raus": Massenflucht und politischer Wandel als Vorläufer der „Wende" 1989, S. 359

19. Januar 1989: Partei- und Staatschef Honecker versichert, die Mauer werde „so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird in 50 Jahren und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind."

34.2. DDR: „Wir bleiben hier": Massendemonstrationen und Reformbestrebungen bis zum Fall der Mauer 1989, S. 376f

9. November 1989: Öffnung der Mauer: Auf einer vom Fernsehen direkt übertragenen zunächst langweiligen Pressekonferenz verliest SED-Politikbüromitglied Schabowski um 18.57 Uhr auf eine Frage zur neuen Ausreiseregelung beiläufig den Entwurf für eine Presseerklärung über einen Beschluss, den ihm ein Bote des SED-Chefs Krenz kurz vorher zugesteckt hatte: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." Visa für ständige Ausreisen, die über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen könnten, seien unverzüglich zu erteilen. – Auf eine Nachfrage erklärt Schabwoski in Unkenntnis über die Tragweite seiner Antwort, das trete nach seiner Kenntnis „sofort, unverzüglich" in Kraft. – Geplant gewesen ist dies tatsächlich erst später und nur auf Antrag.

Die sensationelle Meldung löst eine Kettenreaktion aus: In Windeseile verbreiten sich Gerüchte, die Grenzübergänge seien geöffnet, obwohl davon keine Rede gewesen ist. An den abends üblicherweise menschenleeren Kontrollstellen entlang der Mauer wimmelt es binnen kurzer Zeit von Ost-Berlinern. Sie wollen eine Probe aufs Exempel machen. Der Bundestag in Bonn unterbricht seine laufende Beratung über das Vereinsförderungsgesetz und stimmt die Nationalhymne an. Die Grenzwachen sind überrascht, ratlos und überfordert. Weisungsgemäß lassen sich zunächst nur DDR-Bürger mit Ausweisen passieren, die sie abstempeln und entwerten, damit sie nicht wieder auf Formalitäten und zuletzt auf jede Kontrolle verzichten. Um 23.14 Uhr öffnen sich die Schlagbäume, zunächst am Übergang Bornholmer Straße. Nach 28 Jahren ist damit die Mauer faktisch gefallen.

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10. November: Nachdem die DDR am Vortrag die Grenzübergänge zur BRD und zu West-Berlin gegen Mitternacht geöffnet hatte, drängen Hunderttausende an die Grenze. In die Mauer werden Breschen geschlagen, um den Übergang zu beschleunigen. Es kommt zu überschwänglichen Freudenkundgebungen – viele singen, tanzen, jubeln. Fremde Menschen umarmen sich, manche weinen. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper (SPD), der seine Antrittsrede als Bundesratspräsident in Bonn am 10.11. hält, trifft die Stimmungslage: „Gestern Nacht war das deutsche Volk das glücklichste Volk auf der Welt."

Quelle: Deutschland-Chronik 1945 bis 2000, Bonn 2002.