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Informationen zur politischen Bildung: Berlin. Deutschlands Hauptstadt


(Auszug)

Informationen zur politischen Bildung: Berlin. Deutschlands Hauptstadt
Wenige Orte unserer Erde stehen derart im Mittelpunkt eines weltpolitischen Interesses wie Berlin, die Hauptstadt Deutschlands. Das Schicksal dieser Stadt ist seit 1945 zum Angelpunkt der politischen Auseinandersetzungen der Weltmächte geworden, und wir spüren es gerade jetzt seit dem 13.8.1961 wieder mit aller Deutlichkeit, daß Berlin in jedem Augenblick Ausgangspunkt unübersehbarer Verwicklungen werden kann.

Hier liegt, als Insel gleichsam, weit vorgeschoben im Meer der bolschewistischen Diktatur die letzte Bastion demokratischer Freiheit, ein "Brocken im Halse" des kommunistischen Diktators Chruschtschow. [...]

Um eine Vorstellung von der Ausdehnung Berlins zu gewinnen, ist der Vergleich mit dem Ruhrgebiet am eindruckvollsten [...]. Berlin würde fast das ganze Ruhrgebiet bedecken, von Düsseldorf bis Bochum, von Hamborn bis Velbert. Bei einer Gesamtfläche von 884 qkm beträgt die Ost-West-Ausdehnung 45 km, die Nord-Süd-Ausdehnung 38 km. (Im Vergleich dazu Hamburg 747 qkm, München 542 qkm.) West-Berlin umfaßt davon 481 qkm. Das sind 54,4 qkm der Gesamtfläche. Infolge der politischen Abschnürung Berlins bedeutet dies 110 km Zonengrenze und 45 km Sektorengrenze. Die etwa 150 Straßen und Wege, die über diese Grenzen hinweggeführt haben, sind heute durch Mauern, Barrieren, Erdwälle, Gräben und Schlagbäume abgesperrt. Die übrige Grenze ist durch Stacheldraht und einen kahlen "Todesstreifen" markiert.

Die Einwohnerzahl Gesamt-Berlins hat zwar nicht mehr die imponierende Größe von 4,3 Mio vor dem Kriege erreicht, ist aber im letzten Jahrzehnt mit 3,3 Mio ziemlich konstant geblieben. Davon leben 2,2 Mio, d. h. 2/3 der Bevölkerung, in West-Berlin. Die Bevölkerungsdichte in West-Berlin beträgt heute 4600 Einwohner pro qkm. (Bundesdurchschnitt: 204 Einwohner pro qkm.) [...] Der Bundestag beschloß am 6. 2. 1957: "Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands." Der amerikanische Außenminister Dulles, der im Mai 1958 Berlin besuchte, bestätigte in einer Rede vor dem Berliner Abgeordnetenhaus feierlich die Garantie der Vereinigten Staaten für die Stadt. Als Auftakt zu den nächsten Berliner Wahlen hielt Chruschtschow im November 1958 jene Rede in Moskau, in der er eine Revision des Potsdamer Abkommens forderte, "um für die Hauptstadt der DDR eine normale Lage zu schaffen." Wenige Tage später, am 27.11.1958, wurde in ultimativer Form die Forderung erneuert, innerhalb einer Frist von sechs Monaten West-Berlin zu einer "Freien Stadt" zu erklären, die Stadt von den westlichen Besatzungstruppen zu räumen und die Kontrolle aller Zufahrtswege an die Organe der Zonenregierung zu übergeben. Die Berliner Bevölkerung und die ganze freie Welt erkannte dieses Chruschtschow-Ultimatum als einen neuen Anschlag auf die Freiheit Berlins. [...]

Das Jahr 1961 solltedie Berlin-Krise wieder auf einen Höhepunkt treiben. Der neue amerikanische Präsident Kennedy besucht de Gaulle Ende Mai/Anfang Juni in Paris und trifft sich zu einem informatorischen, Gespräch mit Chruschtschow in Wien.Dort wird das "Deutschland-Memorandum" überreicht. Es enthält die Forderung nach Einberufung einer Friedenskonferenz mit "beiden deutschen Staaten", West-Berlin soll zur "freien Stadt" erklärt werden mit einer symbolischen Besetzung durch alle vier Mächte. Der 10. Deutsche Evangelische Kirchentag vom 19. bis 23.7. vereinigte trotz Verbot im Sowjetsektor zum letzten Male viele Deutscheaus Ost und West im freien Berlin. In den Antwortnoten der Westmächte und der Bundesregierung werden die sowjetischen Forderungen zurückgewiesen. Die immer wiederkehrende Behauptung, daß Berlin auf dem Territorium der sog. DDR liege, wird widerlegt und die Verantwortung der Sowjetunion für die Verbindungswege auch nach Abschluß eines Friedensvertrages mit der sog. DDR festgestellt. Das Anschwellen des Flüchtlingsstromes (allein im Juli 30415) war die Folge dieser von Chruschtschow entfachten Krisenstimmung [...].Dann überstürzten sich die Ereignisse. In der Nacht zum Sonntag, dem 13. August, wird der Sowjetsektor der Stadt durch Stacheldraht, später durch Betonpfeiler und Ziegelmauern, hermetisch abgeriegelt. Von 80 Übergangsstellen bleiben nur vier geöffnet. Zonenbewohner dürfen nur mit besonderer Genehmigung West-Berlin betreten. 53 000 Grenzgänger, die in West-Berlin ihren Arbeitsplatz haben, werden im Sowjetsektor festgehalten. Die West-Berliner, mit Ausnahme der im Sowjetsektor beschäftigten, dürfen den Sektor nicht mehr betretein. Für Westdeutsche und Ausländer sind an besonderen Übergängen Aufenthaltsgenehmigungen erhältlich. Verzweifelte Menschen versuchen trotz Absperrungen durch schwerbewaffnete Volkspolizei, "Betriebskampfgruppen" und Volksarmee immer wieder durchzubrechen oder auf abenteuerliche Weise, z. B. indem sie die Havel oder den Teltowkanal durchschwimmen, aus Ulbrichts KZ zu entrinnen. Und vielen gelingt diese Flucht bis zum heutigen Tag. Der bisher durchgehende S-Bahn-Verkehr wird unterbrochen. Die U-Bahn durchfährt ohne Halt den Sowjetsektor. Unbeschreibliche Szenen spielen sich täglich an der "Schandmauer" ab. Die Volkspolizei setzt Wasserwerfer und Tränengasbomben ein, um Ansammlungen auf der West-Berliner Seite zu zerstreuen. Flüchtende werden von den Grenzwächtern erschossen.

Senat und Bundesregierung, später auch die Westmädite, erheben schärfsten Protest gegen diese Willkürmaßnahmen, die als klare Verletzungen des Viermächtestatus gebrandmarkt werden. Auf einer von mehreren 100.000 Berlinern spontan besuchten Protestkundgebung vor dem Rathaus Schöneberg am 17.8. spricht Willy Brandt zu den Berlinern: "Die Sowjetunion hat ihrem Kettenhund Ulbricht ein Stück Leine gelassen, das Ergebnis eines schreienden Unrechts kann kein papierner Protest sein." Präsident Kennedy schickt seinen Vertreter, Vizepräsident Johnson, nach Berlin und verstärkt die amerikanischen Streitkräfte in Berlin durch eine 1500 Mann starke Kampfgruppe. Begeisterter Jubel der Berliner, die in dichten Reihen die Straßen säumen, begrüßt Johnson und die amerikanischen Soldaten. Bundeskanzler Adenauer und Bundespräsident Lübke informieren sich wenige Tage später an Ort und Stelle und sprechen zu den Berlinern. Die Konferenz der blockfreien Staaten in Belgrad und die neuen Atombombenversuche der Sowjetunion, die verwirrende Zahl von Noten, Briefen und Reden haben bisher keine Beruhigung der Lage gebracht. Kennedy schickt Clay wieder als Sonderbotschafter nach Berlin. Alles deutet auf neue Berlin-Verhandlungen der Großmächte hin. Was wird die Zukunft bringen? [...]

6. Berlin zwischen Ost und West

Das Tor zur Freiheit für die bedrängten Menschen Mitteldeutschlands wurde am 13. August brutal zugeschlagen. Über 1,5 Millionen Menschen, d. h. die Bevölkerung von Frankfurt, Mannheim und Nürnberg zusammen, haben sich seit 1949 in West-Berlin als Flüchtlinge gemeldet. Auf Grund des Bundesnotaufnahmegesetzes wmrden sie auf die einzelnen Bundesländer verteilt. In Berlin blieben nur 6,5 %, zuletzt 8 %. Darüber hinaus war West-Berlin eine "Stätte der Begegnung". Hier konnte die Bevölkerung Mitteldeutschlands ihren Hunger nach Büchern, Theatern und Filmen befriedigen und Tagungen, Ausstellungen und Messen besuchen. West-Berlin war das "Schaufenster der freien Welt". Solange der Verkehr zwischen den Sektoren ungehindert lief, kamen täglich mehr als 100.000 Menschen in den freien Teil dieser Stadt. Schließlich war hier der Treffpunkt mit Angehörigen und Freunden, denen der Besuch West-Deutschlands verwehrt war. Auch die Möglichkeit, wenn auch mit dem ungünstigen Kurse 1 Westmark = 4 Ostmark, viele der im Osten nicht erhältlichen Waren einzukaufen, darf nicht unterschätzt werden. Alles dies gehört heute der Vergangenheit an. Es erhebt sich die Frage: "Hat Berlin auch heute noch eine besondere Aufgabe zwischen Ost und West?" Die Antwort ist: "Ja." Abgesehen von den Rundfunk- und Fernsehsendungen, die trotz aller Verbote, Antennendemontagen und Störsender hinüberdringen, auch abgesehen von den sehr beschränkten Fluchtmöglichkeiten, bedeutet die Existenz einer mächtigen, vom Kommunismus nicht beherrschten, freien Stadt inmitten der sowjetischen Zone für alle Menschen hinter dem "Eisernen Vorhang" das Symbol westlicher Stärke und die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung in Freiheit.

Was bedeutet Berlin heute für die Bundesrepublik und die westliche Welt? Abgesehen davon, daß Westdeutsche und Ausländer auch heute noch mit einer besonderen Aufenthaltsgenehmigung den Sowjetsektor betreten und einen Blick hinter die Betonmauer werfen können, ist Berlin der Probefall der Standhaftigkeit und Verteidigungsbereitschaft der freien Welt und die ständige Gewissensmahnung zur Mobilisierung aller geistigen und materiellen Kräfte für die Wiedervereinigung unseres Volkes. Für uns Deutsche aber ist und bleibt Berlin die Hauptstadt Deutschlands.

Quelle: Informationen zur politischen Bildung: Berlin. Deutschlands Hauptstadt, Folge 97, Jan. bis Febr. 1962.