Startseite > Material > Dokumente > 1989 > März > Interview mit Miklos Nemeth, ungarischer Ministerpräsident a.D., 10. September 2004

Interview mit Miklos Nemeth, ungarischer Ministerpräsident a.D., 10. September 2004

Von Lars-Broder Keil und Hans-Hermann Hertle


Interview mit Miklos Nemeth, ungarischer Ministerpräsident a.D., 10. September 2004

Abschrift

„Gorbatschow hat nur gelächelt"


Am 10. September 1989 öffnete Ungarn die Grenzen zum Westen. Zehntausende DDR-Flüchtlinge nutzten das zur Flucht. Damit fiel nach Auffassung von Politikern und Historikern ein erster Stein aus der Mauer. Ministerpräsident war damals Miklos Nemeth. Mit ihm sprachen Lars-Broder Keil und Hans-Hermann Hertle.

DIE WELT: Herr Nemeth, war die Grenzöffnung am 10. September mit Moskau abgestimmt?

Miklos Nemeth: Wir haben die Sowjetunion nicht gesondert informiert, sondern sie wenige Stunden vor der Verkündung unterrichtet.

DIE WELT: Was wussten Bonn und Ost-Berlin?

Miklos Nemeth: Mit der Bundesregierung hatte ich schon Ende August bei meinem Besuch über derartige Pläne geredet, ohne ein Datum zu nennen. Davon wussten Anfang September nur wenige Verantwortliche in der ungarischen Regierung. Zu dieser Zeit war eine SPD-Delegation mit Karsten Voigt bei uns zu Besuch. Voigt bekam Wind davon und deutete bei seiner Rückkehr in Deutschland vage „große Veränderungen" in Ungarn an. Vor der Grenzöffnung wollte ich auch nach Ost-Berlin fahren und mit der Regierung sprechen. Aber sowohl Staats- und Parteichef Erich Honecker als auch Ministerpräsident Willi Stoph waren krank, so dass ich keinen Verhandlungspartner hatte. Wir haben dann Außenminister Oskar Fischer informiert - ebenfalls ohne das Datum zu nennen.

DIE WELT: Wie reagierte die DDR auf die Grenzöffnung?

Miklos Nemeth: Nach der Grenzöffnung schickte die DDR-Führung einen Brief an den ungarischen Parteichef, weil sie hoffte, dass die Partei auf mich Einfluss nehmen würde. Die Antwort lautete: In Ungarn schreibt die Partei der Regierung nicht mehr vor, was sie zu tun hat.

DIE WELT: Im März 1989 hatten Sie sich vier Monate nach Ihrer Amtsübernahme zum ersten Mal mit Michail Gorbatschow getroffen. Vom Antrittsbesuch in Moskau ist Ihr Satz überliefert: „Wir müssen zur äußeren Welt nicht nur die Fenster, sondern auch die Türen öffnen". Meinten Sie die Grenze?

Miklos Nemeth: Zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber ich habe ihn darüber informiert, dass wir die Stacheldrahtsperren zur österreichischen Grenze nicht mehr erneuern werden. Gorbatschow fragte warum. Ich sagte, wir haben verschiedene Gründe, einer ist, dass wir kein Geld haben. Ich befürchtete, er sagt: Wir bezahlen das. Dann hätte ich politische Gründe nennen müssen. Aber Gorbatschow hat gelächelt und von sich aus gesagt, dass die Breschnew-Doktrin, das heißt die Einmischung Moskaus in die Belange der anderen Staaten, beendet sei. Allerdings war er nicht einverstanden damit, dass wir kurz zuvor ein Mehrparteiensystem eingeführt hatten und freie Wahlen wollten. Aber Gorbatschow sagte: So lange ich auf diesem Stuhl sitze, wird sich 1956 (Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes, d. Red.) nicht wiederholen.

DIE WELT: Im Juni 1989 schnitten Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Kollege Alois Mock symbolisch den Stacheldraht an der Grenze durch. Danach schwoll er Flüchtlingsstrom aus der DDR nach Ungarn an.

Miklos Nemeth: Möglicherweise löste unsere Aktion eine Signalwirkung aus. Zuvor war Ungarn der Genfer Flüchtlingskonvention beigetreten. Das hatte zur Folge, dass wir Rumänen, die vor Ceausescus Politik zu uns geflüchtet waren, nicht mehr zurückschickten. Auch das wurde in der DDR registriert.

DIE WELT: Bereits 1989 war Ihr Ziel eine Anbindung an die EU. 15 Jahre später ist Ungarn Vollmitglied. Welche Rolle kann es spielen?

Miklos Nemeth: Ungarn kann auf Grund seiner Lage und der historischen Kontakte zur Annäherung Südosteuropas an die EU beitragen. Meiner Meinung nach war der Zweite Weltkrieg erst mit der deutschen Wiedervereinigung beendet. Wenn die Länder aus Südosteuropa und vom Balkan EU-Mitglieder sind, ist sozusagen auch der Erste Weltkrieg zu Ende.

Quelle: Die Welt, 11.9.2004