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Erklärung von Bundeskanzler Helmut Kohl: Dank an Ungarn für Menschlichkeit und Solidarität, 10. September 1989


Erklärung von Bundeskanzler Helmut Kohl: Dank an Ungarn für Menschlichkeit und Solidarität, 10. September 1989

BULLETIN
Nr. 90/S. 785

Bonn, den 12. September 1989

Dank an Ungarn
für Menschlichkeit und Solidarität


Erklärung des Bundeskanzlers

Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl gab am Abend des 10. September 1989, unmittelbar nach Bekanntgabe der Entscheidung der ungarischen Regierung, die Deutschen aus der DDR in Ungarn ausreisen zu lassen, folgende Erklärung ab:

Vor wenigen Minuten hat der ungarische Außenminister die Entscheidung seiner Regierung bekanntgegeben, daß ab heute nacht null Uhr Deutsche aus der DDR in ein Land ihrer Wahl von Ungarn aus ausreisen können. Wir wissen sowenig wie die ungarischen Behörden, wie groß die Zahl unserer Landsleute aus der DDR ist, die gegenwärtig in Ungarn sind und die Chance wahrnehmen, Ungarn verlassen zu können.

Das erste, was ich sagen darf, ist ein Wort des herzlichen Dankes an die ungarische Regierung und an die ungarischen Behörden. Wir sind uns nicht zuletzt auf Grund unserer Gespräche in den vergangenen Wochen sehr wohl bewußt - auch ich selbst -, welche Entscheidung die ungarische Regierung getroffen hat.

Es ist eine Entscheidung der Menschlichkeit, es ist eine Entscheidung der europäischen Solidarität. Und ich bin für diese Entscheidung sehr, sehr dankbar.

Ich will gleichzeitig die Gelegenheit wahrnehmen, allen in Ungarn, aber auch allen in Österreich - das gilt auch für die österreichische Regierung und für viele Bürgerinnen und Bürger im Burgenland -, sehr herzlich zu danken. Danken dafür, daß sie sich um die Deutschen aus der DDR, die jetzt in Ungarn sind oder aus Ungarn kommend in den letzten Wochen die Grenze überschritten haben und nach Österreich kamen, in einer besonderen Weise bemüht haben.

Wir werden auch dieses Zeugnis der Menschlichkeit nicht vergessen.

Wer in die Gesichter der Betroffenen schaut, wer erlebt hat, welche Spannung bis hin zur Verzweiflung in diesen Tagen und Wochen herrscht, kann ermessen, was es heißt, daß diese Entscheidung ab heute nacht null Uhr in Kraft tritt.

Die Bundesregierung wird alles tun, um unsere Landsleute aus der DDR, die jetzt zu uns kommen, herzlich aufzunehmen, ihnen Startchancen zu verschaffen.

Meine Bitte geht an alle unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger in der Bundesrepublik Deutschland, den Deutschen aus der DDR, die jetzt kommen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen: bei der Unterbringung, der Wohnungssuche und nicht zuletzt beim Finden von Arbeitsstellen und Arbeitsplätzen.

In diesen Tagen ist uns wieder ganz deutlich geworden - entgegen allen Reden und Prophezeiungen, die wir oft genug, auch hier in der Bundesrepublik Deutschland, gehört haben -, daß wir Deutsche zusammengehören und daß der Wille zur Einheit der Nation eben nicht irgendein Wille ist, sondern eine tiefe, auch moralisch bewegende Kraft.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 90, 10.9.1989, S. 785.