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Tätigkeitsbericht der West-Berliner Schutzpolizei für den Monat Februar 1962


Tätigkeitsbericht der West-Berliner Schutzpolizei für den Monat Februar 1962

S 1 – 1/62
Berlin, den 6. März 1962

Vertraulich!
Verschlossen!

An den
Herrn Polizeipräsidenten in Berlin


Betr.: Tätigkeitsbericht des S für den Monat F e b r u a r 1962

I. Sicherheits- und Ordnungsdienst der Schutzpolizei

1. Zusammenfassung der hauptsächlichsten Ereignisse an Sektor- und Zonengrenze

Der Ausbau der östlichen Grenzsperren entlang der Sektor- und Zonengrenze wurde durch Errichtung zusätzlicher Sperrmauern, Anlegen neuer Draht-, T-Träger- und Holzhindernisse sowie Aufstellen von z.T. fahrbaren Sichtblenden fortgesetzt. In die Hindernisse wurden vereinzelt Alarmanlagen und in einem Fall Leuchtraketenständer eingebaut.

Die Sichtblende am Gleimtunnel geriet in der Berichtszeit zweimal in Brand. In einem Fall hatten unbekannte Täter Behälter mit brennbarer Flüssigkeit gegen die Wand geworfen.

Im Laufe des Monats errichtete Vopo bzw. Grepo in Treptow, Heidekampgraben Ecke Kiefholzstr., einen weiteren Beobachtungsturm und nördlich des Flugplatzgeländes Gatow einen getarnten Beobachtungsstand. (Gesamtzahl der Beobachtungstürme z.Zt. 102).

Das Zumauern von Fenstern geräumter Häuser wurde – besonders in Treptow, Harzer Str., – intensiv fortgesetzt.

Am 17.2.1962 baute ein Arbeitskommando der Ostberliner BVG in unmittelbarer Nähe des U-Bhf. Walter-Ulbricht-Stadion – Gleis in Richtung Reinickendorfer Str. – eine Fahrsperre und ein Schienentrennstück ein. Hierdurch kann die Weiterfahrt eines Zuges in Richtung West-Berlin unterbrochen werden.

Die gleichen Einbauten erfolgten am 22.2.1962 südlich des U-Bhf. Heinrich-Heine-Straße.

An mehreren Tagen des Monats wurden von östlicher Seite entlang der Sektor- und Zonengrenze durch stationäre Lautsprecher und Laukw Musik- und Hetzsendungen in Richtung West-Berlin ausgestrahlt.

Am 16.2.1962 waren an verschiedenen Punkten bis zu 70 auf mehreren Lkw und Pkw montierte Lautsprecher gleichzeitig eingesetzt.

Die Sendungen richteten sich u.a. gegen den Kommandeur der Schutzpolizei.

Außerdem wurden die Beamten der West-Berliner Schutzpolizei aufgefordert, den Gehorsam zu verweigern.

Die Anzahl der durch Vopo an der Sektor- und Zonengrenze festmontierten Lautsprecher beträgt z.Zt. 209.

b) Am 26.2.1962 begannen unter Aufsicht starker Grepo-Einheiten an der gesamten Zonengrenze umfangreiche Zwangsräumungen von Häusern. Die Maßnahmen konzentrierten sich vornehmlich auf Groß-Ziethen und Staaken. Die Räumungen dauern an.

c) In mehreren Fällen haben östliche Organe Bewohnern der Städte Düsseldorf, Dortmund, Hamburg, Bonn und Kassel das Betreten des Sowjetsektors wegen der in der Bundesrepublik aufgetretenen Pockenerkrankungen verweigert. Impfbescheinigungen wurden nur teilweise anerkannt. Bürger der Bundesrepublik teilten am 3.2.1962 mit, daß Besucher des SBS, die nach West-Berlin zurückkehren wollten, auf dem S-Bhf. Friedrichstr. von Vopo besonders genau durchsucht wurden, wobei z.T. die Oberbekleidung abgelegt werden mußte.

d) In der Berichtszeit eröffneten Grepo bzw. Vopo in 3 Fällen (am 10.2.62 am Gleimtunnel, am 13.2.62 Schwedter/Gleimstr. und am 19.2.62 nahe Bhf. Schönholz) das Feuer auf West-Berliner Polizeibeamte, die zur Sicherung der Sektorgrenze eingesetzt waren. In Anbetracht der Tatsache, daß es bisher nur im Norden Berlins zu derartigen Übergriffen gekommen ist, muß angenommen werden, daß hier besonders linientreue und fanatische Angehörige bewaffneter Verbände des Sowjetzonen-Regimes eingesetzt sind.

Der Senator für Inneres nahm diese Vorfälle zum Anlaß, eine "Verlautbarung des Kommandos der Schutzpolizei" durch den Senats-Laukw "Studio am Stacheldraht" an der Weddinger Sektorgrenze ausstrahlen zu lassen. In diesem Aufruf wurden alle Angehörigen der bewaffneten Kräfte der sog. DDR zur Besonnenheit ermahnt. Die Folgen weiterer unbesonnener Handlungen würden eindeutig in die Verantwortung der zuständigen sowjetzonalen Dienststellen fallen. West-Berliner Polizeibe¬amte würden auch in Zukunft abgegebene gezielte Schüsse von Angehörigen der bewaffneten Organe der Sowjetzone erwidern.

e) Am 6.2.1962, 18.50 Uhr, gelang 2 männlichen Personen in Neukölln, ca. 250 m nordostwärts Grenzübergang Sonnenallee, die Flucht nach West-Berlin. 9 MP-Feuerstöße der Grepo verfehlten ihr Ziel.

Am 7.2.1962, 00.05 Uhr, erreichten 2 männliche Personen – nach Durchschneiden von Stacheldrahtzäunen in Treptow – West-Berlin. 3 MP-Feuerstöße der Grepo blieben ohne Wirkung.

Am 11.2.1962, 11.45 Uhr, gab ein Grepo in N 58, Bernauer/Schwedter Str., 3 Schüsse aus einer MP ab, die die Sperrmauer trafen. Schutzpolizeibeamte drängten ca. 30 Personen, die sich in der Nähe der Sektorgrenze aufhielten, in Richtung Wolliner Str. ab und warfen 20 Tränengaswurfkörper in den SBS. Daraufhin zog sich der Grepo hinter die Sichtblende zurück.

Am 16.2.1962, 16.50 Uhr, gelang einer 25-jährigen weiblichen Person mit ihrem 5-jährigen Sohn durch einen Sprung vom Balkon eines Hauses in der Nähe des Friedhofes Am Böttcherberg (Wannsee) die Flucht nach West-Berlin. Zwei Doppelstreifen der Grepo hatten hierbei das Feuer aus MP eröffnet. Schutzpolizeibeamte zwangen durch Warnschüsse die Grepo in Deckung zu gehen, so daß die Flüchtlinge unverletzt West-Berliner Gebiet erreichen konnten.

Von der Grepo wurden insgesamt ca. 60, von den Schutzpolizeibeamten 39 Schuß abgegeben.

Am 21.2.1962, 16.17 Uhr, gaben Grepo in N 65, Bernauer / Swinemünder Str., 2 Feuerstöße mit MP in die Luft ab, als sich anläßlich einer Lautsprecherpropaganda aus dem SBS ca. 100 West-Berliner in der Nähe der Sektorgrenze angesammelt hatten und mehrere Kfz-Führer aus Protest ihre akustischen Warnvorrichtungen betätigten.

Personenschaden trat nicht ein.

f) In 16 Fällen warfen Grepo bzw. Vopo gegen Schutzpolizei- und Zollbeamte sowie gegen winkende West-Berliner 90 Tränengaswurfkörper (TW) auf West-Berliner Gebiet. Schutzpolizeibeamte warfen daraufhin etwa die gleiche Anzahl TW in den SBS zurück.

Außerdem warfen Vopo in 4 Fällen Steine, Sand und Rauchkörper auf West-Berliner Gebiet. Personen- oder Sachschaden trat nicht ein.

g) Der Interzonenverkehr verlief unbehindert.

2. Berlin-Besuch des Justizministers der USA vom 22. – 24.2.1962

Das Besuchsprogramm ist ohne Zwischenfälle abgelaufen. Höhepunkt des Besuches war eine Kundgebung auf dem Rudolph-Wilde-Platz, an der ca. 150.000 West-Berliner teilnahmen.

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Quelle: Polizeihistorische Sammlung des Polizeipräsidenten in Berlin