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Liste der 140 Todesopfer An der Berliner Mauer 1961-1989
Erna Kelm: geboren am 21. Juli 1908 in Frankfurt (Oder), ertrunken am 11. Juni 1962 bei einem Fluchtversuch in der Havel zwischen Potsdam und Berlin-Wannsee (Aufnahme Mitte 1962)
Erna Kelm: Erinnerungsstele am Fähranleger in Sacrow

Erna Kelm

geboren am 21. Juli 1908 in Frankfurt (Oder)
ertrunken am 11. Juni 1962


in der Havel
am Außenring zwischen Sacrow (Kreis Potsdam-Stadt) und Berlin-Zehlendorf

In den frühen Morgenstunden des 11. Juni 1962 sieht ein Angler am West-Berliner Ufer der Havel die Leiche einer Frau im Wasser treiben. Er verständigt die Polizei, die die Tote kurze Zeit später mit einem Boot an Land bringt. Die Grenze zur DDR verläuft an dieser südlich von Nikolskoe gelegenen Stelle in der Mitte des Flusses. Auf der einen Seite liegt der West-Berliner Ortsteil Zehlendorf, auf der anderen der Ort Sacrow, der zum DDR-Bezirk Potsdam gehört.

Von dort stammt die Tote, wie sich bald herausstellt. Denn sie trägt, in einem Strumpf versteckt, einen DDR-Personalausweis bei sich. Daraus geht hervor, dass es sich um die 53-jährige Erna Kelm aus Sacrow handelt, die am 21. Juli 1908 in Frankfurt an der Oder geboren wurde. Alles deutet darauf hin, dass sie versucht hat, durch die Havel nach West-Berlin zu schwimmen. So trägt sie weitere Unterlagen in einem Plastikbeutel verpackt am Körper und hat überdies unter ihrer Kleidung einen Schwimmgürtel angelegt.[1]

Die West-Berliner Ermittlungen führen zu folgendem Ergebnis: „Da Frau Kelm unter ihren Kleidern einen Schwimmgürtel trug, dürfte feststehen, dass sie versucht hat, schwimmend nach West-Berlin zu flüchten. Laut Obduktionsbefund ist bei ihr der Tod durch Ertrinken eingetreten. Ihre Leiche ist auf Antrag ihrer in Potsdam lebenden Angehörigen nach dort überführt worden."[2]

Mit der Überführung der Leiche nach Potsdam verliert sich die Spur. Wer die Angehörigen von Erna Kelm waren und wo sie bestattet wurde, ist nicht überliefert. Auch die West-Berliner Akte, die ihre Bergung dokumentiert, wird alsbald geschlossen und schließlich an die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter übersandt. Als sie 30 Jahre später noch einmal geöffnet wird, bestätigt sich das damalige Ermittlungsergebnis.[3]

Erna Kelm, die zuletzt eine Position als Heimleiterin inne hatte, lebte in der Zeit vor dem Mauerbau schon einmal im Westen. Im August 1947 ging sie ohne behördliche Erlaubnis, die damals von den Besatzungsmächten erteilt wurde, von Potsdam nach Lübeck und arbeitete dort als Krankenschwester. Im März 1948 zog sie dann nach West-Berlin, wo sie eine Anstellung als Schwesternhelferin in einem Flüchtlingskinderheim fand. Da sie von West-Berlin aus mehrfach ihre in Potsdam wohnenden Kinder besuchte, geriet sie Polizeiangaben zufolge „in den Verdacht der nachrichtendienstlichen Tätigkeit", der sich jedoch nicht bestätigt habe.[4] Im November 1953 soll sie deshalb vernommen worden sein. Danach zog sie nach Potsdam zurück, wie sie selbst angab, aus Sehnsucht nach ihren Kindern.

Neben der Akte der Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter dokumentieren nur einige wenige Zeitungsmeldungen das Schicksal von Erna Kelm. Der West-Berliner „Tagesspiegel" berichtet am 13. Juni 1962 von zahlreichen Zwischenfällen, die sich während der Pfingstfeiertage 1962 an der Berliner Mauer abspielten. In diesem Zusammenhang erfahren die Leser auch, dass am Pfingstmontag die Leiche von Erna K. aus der Unterhavel geborgen wurde, die Tote vermutlich bei der Flucht ertrunken sei.[5] Im Mittelpunkt der Berichterstattung steht in jenen Tagen jedoch die allgemeine Sorge über die angespannte Lage in Berlin. Denn an diesem Pfingstwochenende haben die Warschauer-Pakt-Staaten eine Erklärung abgegeben, in der sie die Abschließung eines separaten Friedensvertrags mit der DDR ankündigen, wenn amerikanisch-sowjetische Gespräche nicht zu einer „Normalisierung" der Lage in West-Berlin und zur Beseitigung des „Besatzungsregimes" führen. Auch das Eingreifen der West-Berliner Polizei bei Grenzzwischenfällen an der Mauer hat die Sowjetunion in einer Protestnote an die drei westlichen Alliierten scharf kritisiert.[6] Der Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt weist den sowjetischen Protest jedoch entschieden zurück: „Wir werden die Mauer niemals als etwas menschliches oder gar gerechtes hinnehmen können", erklärt er und fügt hinzu: „So lange an der Mauer geschossen wird, solange Deutsche, die von einem Teil der Stadt zum anderen wollen, Verbrecher genannt und abgeknallt werden, kann es keine Erweiterung des Handels geben."[7]

Als das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen aus Anlass des ersten Jahrestages des Mauerbaus eine Broschüre herausgibt, in der es die Unrechtstaten an der Mauer bilanziert, bleibt auch der tödlich gescheiterte Fluchtversuch von Erna Kelm nicht unerwähnt.[8]

Ihr Name wird fortan in amtlichen Todesopfer-Listen genannt und auf diese Weise die Erinnerung an das Schicksal der 53-Jährigen, die an der Grenze zu West-Berlin ertrank, wach gehalten.[9]

Text: Christine Brecht

Fussnote Anzeigen
[1] Vgl. Bericht der West-Berliner Polizei [Abschrift des Tatbefundberichtes des KRef S-Bereitschaftsdienst], 11.6.1962, in: StA Berlin, Az. 27 AR 63/91, Bl. 10-11; Vermerk der West-Berliner Polizei, 13.6.1962, in: Ebd., Bl. 12; Vermerk der West-Berliner Polizei, 20.6.1962, in: Ebd., Bl. 13. [2] Schlussvermerk der West-Berliner Polizei, 20.6.1962, in: Ebd. [3] Vgl. Verfügung der Staatsanwaltschaft II bei dem Kammergericht Berlin [6 AR 63/91], 30.4.1991, in: Ebd., Bl. 15. [4] Vermerk der West-Berliner Polizei, 13.6.1962, in: Ebd., Bl. 12. [5] Vgl. Der Tagesspiegel, 13.6.1962. [6] Vgl. „USA sehen ermutigende Anzeichen. Washington nimmt Moskauer Berlin-Erklärung ‚nicht ungünstig’ auf", Frankfurter Rundschau, 13.6.1962; „Brandt: Berlin lässt sich nicht schrecken", Der Telegraf, 13.6.1962. [7] Der Tagesspiegel, 13.6.1962. [8] Vgl. Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen (Hg.), Verletzungen der Menschenrechte. Unrechtshandlungen und Zwischenfälle an der Berliner Sektorengrenze seit Errichtung der Mauer, Bonn/Berlin 1962, S. 25. [9] Vgl. z.B. „Aufstellung über die bei Fluchtversuchen an der DL getöteten u. verletzten Personen", undatiert (Juli 1962), in: BArch, B 137, Nr. 15650, o.P., sowie Liste „Opfer der Mauer" des Senators für Sicherheit und Ordnung vom 10.8.1964, in: LAB, B Rep 002, Nr. 3660, o.P.