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Liste der 140 Todesopfer An der Berliner Mauer 1961-1989
Wolfgang Glöde, erschossen an der Berliner Mauer: Grab auf dem Friedhof Baumschulenweg in Berlin-Treptow; Aufnahmedatum unbekannt

Wolfgang Glöde

geboren am 1. Februar 1949 erschossen am 11. Juni 1962

in der Kleingartenkolonie "Sorgenfrei"
an der Sektorengrenze zwischen Berlin-Treptow und Berlin-Neukölln

Als zwei Grenzpolizisten an diesem Tag einigen Kindern, die in der Kolonie spielen, ihre Maschinenpistolen zeigen, löst sich ein Schuss. Tödlich getroffen bricht der 13-jährige Wolfgang Glöde zusammen.

Am 11. Juni 1962 ereignet sich in einer Kleingartenkolonie in Berlin-Treptow ein Unfall, bei dem ein Ost-Berliner Schüler zu Tode kommt. Die Kolonie „Sorgenfrei" liegt unmittelbar an der Grenze zum West-Berliner Bezirk Neukölln. Seit der Abriegelung der innerstädtischen Sektorengrenze am 13. August 1961 wird das Gelände streng bewacht. Um Fluchtversuche schon im grenznahen Hinterland zu vermeiden, patrouillieren rund um die Uhr bewaffnete Posten auf den Wegen zwischen den Kleingärten. So auch am Pfingstmontag des Jahres 1962. Als zwei Grenzpolizisten an diesem Tag einigen Kindern, die in der Kolonie spielen, ihre Maschinenpistolen zeigen, löst sich ein Schuss. Tödlich getroffen bricht der 13-jährige Wolfgang Glöde zusammen.[1]

Am 1. Februar 1949 in Ost-Berlin geboren, ist Wolfgang Glöde in der Kolonie „Sorgenfrei" an der Treptower Kiefholzstraße aufgewachsen. Schon seit 1930 ist seine Familie dort ansässig. Er hat zwei ältere Geschwister. Sein Vater arbeitet als Schlosser bei den Berliner Maschinenausbesserungswerken. Die Mutter ist Hausfrau. Als die Wohnungsnot in der Nachkriegszeit anhält, bleiben die Glödes wie viele Nachbarsfamilien dauerhaft auf dem gepachteten Gartengrundstück wohnen.[2] Durch den Mauerbau verändert sich der Alltag der Anwohner grundlegend. Führten vor dem 13. August 1961 noch viele Wege ins angrenzende Neukölln, sind sie seither vom Nachbarbezirk abgeschnitten. Nach und nach entsteht um sie herum ein militärisches Grenzregime mit Wachposten, Kettenhunden, Stacheldraht, Sperrelementen und Beobachtungstürmen. „Unbefugten" wird der Zutritt zum Laubengelände verwehrt. Die „Grenzbevölkerung" soll sich mit diesen Belastungen arrangieren. Daher wird sie vom SED-Regime propagandistisch umworben und vereinnahmt. Gleichzeitig ist sie den Gängeleien und dem Misstrauen der Obrigkeit in besonderem Maße ausgesetzt.[3] Dass die ständige Anwesenheit bewaffneter Grenzpolizisten für die Anwohner ein Sicherheitsrisiko darstellt, nimmt die politische und militärische Führung stillschweigend in Kauf.

Am 11. Juni 1962 ist Wolfgang Glöde den ganzen Tag mit den gleichaltrigen Nachbarskindern Horst und Peter W. in der Laubenkolonie unterwegs. Nachmittags gehen sie zum Fußballspielen auf den Vereinsplatz. Gegen 18.00 Uhr kommen dort zwei Grenzpolizisten vorbei, die an diesem Pfingstmontag zum Streifengang im grenznahen Gebiet eingeteilt sind. Entgegen den Vorschriften lassen sich die beiden 19-jährigen Gefreiten von den Kindern in ein Gespräch verwickeln. Wolfgang Glöde und seine Freunde wollen wissen, wie die Maschinenpistolen funktionieren, die die Grenzposten um die Schultern gehängt haben. Die Männer geben dem Drängen nach und führen den Jungen ihre Waffen vor. Ohne das Magazin herauszunehmen, entsichert der Gefreite K. seine Kalaschnikow. Dann nimmt das Unglück seinen Lauf: Beim Durchladen gerät K. an den Abzug, ein Schuss löst sich und trifft Wolfgang Glöde aus nächster Nähe in die linke Brust. Er erleidet einen Lungendurchschuss und ist wenig später tot.[4]

Vom Schuss aufgeschreckt, eilen die Eltern von Wolfgang Glöde an den Unglücksort. Welche Tragödie sich abgespielt haben muss, als sie ihren Sohn sterbend am Boden liegen sehen, lässt sich nur erahnen. Auch Reaktionen von Anwohnern finden in den Akten der Grenzpolizei und des Ministeriums für Staatssicherheit keinen Niederschlag. Dokumentiert sind allerdings die Versuche der DDR-Behörden, Unmut und Kritik schon im Keim zu ersticken. So legt die Führung der Grenzpolizei in Zusammenarbeit mit der Treptower Kreisleitung der SED eine Reihe von Maßnahmen „zur Verhinderung falscher Darlegungen des Vorkommnisses in der Bevölkerung" fest.[5] Dazu gehört neben dem Einsatz zusätzlicher Grenzposten auch die so genannte Verbindungsaufnahme mit Eltern und Lehrern des Todesopfers.

Die Verantwortung für den Tod von Wolfgang Glöde liegt aus Sicht der militärischen Führung bei dem Gefreiten K. Der Kommandeur der 5. Grenzabteilung hebt in seinem Untersuchungsbericht hervor, die beiden Grenzposten seien vor ihrem Streifendienst von Vorgesetzten vorschriftsmäßig über Umgang und Anwendung der Schusswaffe belehrt worden. Daraus zieht er den Schluss, „dass es sich bei dem Vorkommnis um eine grobe Fahrlässigkeit durch den Gefr. K. handelt."[6] An anderer Stelle heißt es, der Unfall beweise, dass einzelne Posten unverantwortlich mit der Waffe umgingen. Dagegen müsse "von der disziplinaren und strafrechtlichen Seite hart durchgegriffen werden".[7]

Tatsächlich wird der Gefreite K. noch an Ort und Stelle festgenommen und von einem Militärstaatsanwalt verhört, der umgehend Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung einleitet.[8] Ob K. vor ein Militärgericht gestellt und welche Strafe gegen ihn verhängt wurde, ist nicht überliefert.[9]

In West-Berlin verbreitet sich die Nachricht vom Tod Wolfgang Glödes innerhalb kürzester Zeit. Die dortigen Behörden gehen zunächst von falschen Informationen aus, wonach der Junge bei einem Fluchtversuch erschossen worden sei.[10] Am 15. Juni 1962 gibt der Senat eine entsprechende Pressemitteilung heraus.[11] Tags darauf erscheinen die Zeitungen mit Schlagzeilen wie: „Pankower Grenzposten erschoss (…) Ost-Berliner Schüler" und „Wolfgang rang eine Stunde mit dem Tod".[12] Selbst Bundeskanzler Adenauer und der Regierende Bürgermeister Brandt erwähnen den Namen Wolfgang Glöde, als sie am 17. Juni 1962 in ihren Reden zum Tag der Deutschen Einheit Schüsse auf Mauerflüchtlinge mit scharfen Worten verurteilen.[13]

Im Laufe des folgenden Jahres finden die westlichen Strafverfolgungsbehörden jedoch heraus, dass der Junge durch einen Schusswaffenunfall ums Leben gekommen ist. Daraufhin wird sein Name aus amtlichen Listen der Maueropfer gestrichen.[14] Die Beisetzung findet im Kreis der Familie auf dem Treptower Friedhof Baumschulenweg in aller Stille statt. Der Grabstein trägt die Inschrift „Hier schläft unser lieber Sohn, Bruder und Schwager Wolfgang Glöde, * 1.2.1949, getötet am 11.6.1962. Unsere Herzen sind immer bei Dir bis an unser Ende."

Text: Christine Brecht

Fussnote Anzeigen
[1] Vgl. Bericht des MdI/Bepo/1.GB/V. Grenzabteilung über den fahrlässigen Schußwaffengebrauch mit tödlichem Ausgang, 11.6.1962, in: BArch, DY 30/IV 2/12/76, Bd. 3, Bl. 90-93. [2] Vgl. Gespräch von Christine Brecht mit Gisela K., der Schwester von Wolfgang Glöde, 20.6.2007. [3] Vgl. Dirk Keil, Nichts blieb, wie es war. Vierundsiebzig Tage im Jahr 1961, in: Falk Blask (Hg.), Geteilte Nachbarschaft. Erkundungen im ehemaligen Grenzgebiet Treptow und Neukölln, Berlin 1999, S. 61-74. [4] Vgl. Bericht des MdI/Bepo/1.GB/V. Grenzabteilung über den fahrlässigen Schußwaffengebrauch mit tödlichem Ausgang, 11.6.1962, in: BArch, DY 30/IV 2/12/76, Bd. 3, Bl. 90-93, sowie Informationsbericht [des MfS]/HA IX/Mord- und Branduntersuchungskommission, 12.6.1962, in: BStU, MfS, AS Nr. 185/66, Bl. 101-104. [5] Bericht des MdI/Bepo/1.GB/V. Grenzabteilung über den fahrlässigen Schußwaffengebrauch mit tödlichem Ausgang, 11.6.1962, in: BArch, DY 30/IV 2/12/76, Bd. 3, Bl. 93. [6] Ebd., Bl. 92. [7] Grenzrapport des MdI/Bepo/1.GB (B)/OpD, 12.6.1962, in: BArch, VA-07/4752, Bd., Bl. 116. [8] Vgl. Informationsbericht des [MfS]/HA IX/Mord- und Branduntersuchungskommission, 12.6.1962, in: BStU, MfS, AS Nr. 185/66, Bl. 101-104. [9] Entsprechende Unterlagen konnten weder im Militärarchiv Freiburg/Bundesarchiv noch im Archiv der BStU aufgefunden werden. [10] Vgl. Der Tagesspiegel, 16.6.1962; Berliner Morgenpost, 16.6.1962; Die Welt, 16.6.1962. [11] Vgl. Mitteilung der Pressestelle des Innensenators, 15.6.1962, in: LAB, B Rep 002, Nr. 7059, o. P. [12] Vgl. Der Tagesspiegel, 16.6.1962; Kurier, 16.6.1962. [13] Vgl. 17. Juni – Reden zum Tag der Deutschen Einheit. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1964. [14] Vgl. Schreiben des Senators für Sicherheit und Ordnung an das Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen betr. Kommunistische Unrechtstaten an der Demarkationslinie, 20.8.1963, in: BArch, B 137, Nr. 15650, o.P., sowie Liste der Maueropfer, 21.2.1963, in: Ebd.