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MfS-Bericht über den Fluchtversuch und die Erschießung von Michael Bittner

24. November 1986


Bericht


über die Verhinderung eines Grenzdurchbruches DDR-Berlin (West) am 24.11.1986, 01.19 Uhr im Abschnitt des Grenzregimentes 30, Glienicke/Nordbahn Kreis Oranienburg mit Anwendung der Schußwaffe

Sachverhalt

Am 24. 11. 1986, gegen 01.30 Uhr informierte der OpD des Grenzregimentes 38, daß am 24. 11. 1986, 01.19 Uhr durch die eingesetzten Grenzposten im Grenzabschnitt des GR-38 auf Höhe Nohlstraße, Glienicke/Nordbahn, Kreis Oranienburg, Bezirk Potsdam, gegenüberliegender Verwaltungsbezirk Berlin (West) Frohnau, ein Grenzdurchbruch DDR-Berlin (West) mit Anwendung der Schußwaffe verhindert wurde.

Bisheriges Untersuchungsergebnis

Am 24. 11. 1986, 01.18 Uhr erfolgte die Auslösung des Grenzsignalzaunes auf Höhe der Nohlstraße in Glienicke/Nordbahn. Der Täter hatte mit Hilfe einer 3,70 m langen Holzleiter (Anstellleiter) die 3 m hohe Hinterlandsmauer mit Signalzaunteil überwunden.

Dabei wurde er durch den ca. 160 m nördlich eingesetzten Grenzposten erkannt.

(Dieser Grenzposteneinsatz resultiert aus unseren Schlußfolgerungen zum erfolgten Grenzdurchbruch vom 12. 11. 1986 im gleichen Sicherungsabschnitt und aus der von uns initiierten Neubeurteilung der Lage durch die Grenztruppen in jenen Abschnitten, welche aufgrund der extrem geringen Tiefe des Handlungsraumes Grenzverletzer in bezug auf die Weg/Zeitverhältnisse begünstigen.)

Bei den eingesetzten Grenzposten handelt es sich um
    Gefreiter (...) PKZ: (...) 66 (...) in Brandenburg wh.: 1801 (...) GT seit: II/85 – GWD Postenführer/3. GK/GR-38/GK-Mitte pol.org.: FDJ, DSF, GST Erfassungsverhältnis: nicht erfaßt

    Gefreiter der Reserve (...) PKZ: (...) 56 (...) in Berlin wh.: 1142 Berlin, (...) GT seit: 21.10.1986, Reservistendienst Posten/ 3. GK/GR-38/GK-Mitte pol.org.: FDGB, DTSB Erfassungsverhältnis: nicht erfaßt
Durch den Postenführer erfolgte der Anruf und die Abgabe mehrerer Warnschüsse. Der Täter reagierte darauf jedoch nicht und bewegte sich im Laufschritt über den Kolonnenweg und Kontrollstreifen in Richtung des vorderen Sperrelementes. Die Tiefe des Handlungsraumes beträgt 19,20 m. Mit Hilfe der mitgeführten Holzleiter versuchte der Täter das vordere Sperrelement (Grenzmauer-Plattenbauweise) zu überwinden. Er befand sich bei Abgabe der gezielten Schüsse bereits auf der 4. und 5. Sprosse der Leiter, von welcher er nach hinten abkippte.

Durch den Postenführer wurden insgesamt 26 Schüsse und den Posten 6 Schüsse (Warn- und Zielschüsse) abgegeben.

Die im Grenzabschnitt handelnden Angehörigen der Alarmgruppe führten die sofortige Bergung des Täters und den Transport mit Grenztrabant aus dem Handlungsraum der Grenztruppen durch. Die Bergung war 01.30 Uhr abgeschlossen.

Gegen 01.30 Uhr stellte der Regimentsarzt fest, daß der Täter verstorben war.

Bei dem Täter handelt es sich um (Angaben stammen aus dem mitgeführten Personalausweis)
    BITTNER, Michael PKZ: 310861 (...) in Berlin Erfassungsverhältnis: erfaßt für KD Berlin-Pankow Antragsteller
Die Schußwaffe wurde parallel zur Staatsgrenze angewandt. Es ist jedoch nicht auszuschließen, daß Geschosse das Gebiet von Berlin (West) erreichten.

Durch den Regimentsarzt des GR-38 wurde der Täter gegen 04.45 Uhr in die Militärmedizinische Akademie Bad Saarow überführt.

Spurenaufkommen

Während der bisherigen Untersuchung der Spezialkommission der Abteilung IX der BV Potsdam wurden folgende Spuren und Beweismittel gesichert:
    - Holzleiter (Anstelleiter), Länge 3,70 m, 13 Sprossen unmittelbar am vorderen Sperrelement; Leiter war aus zwei Teilen zusammengenagelt,

    - Schuheindruckspuren einer Person, geradlinig im rechten Winkel von der Überstiegstelle der Hinterlandsmauer bis zum vorderen Sperrelement verlaufend;

    - Seitenschneider, der unmittelbar am Standort der Holzleiter aufgefunden wurde;

    - Schleifspur vom Standort der Leiter bis zum Kolonnenweg, die von der Bergung des Täters stammt.
Handlungen auf Westberliner Vorfeld
    - Auf Westberliner Gebiet, dem Ereignisort gegenüberliegend, erschienen am 24. 11. 1986, 02.14 Uhr ca. 25 bis 30 Angehörige der Westberliner Polizei mit 3 VW-Bussen. Polizeiliches Kennzeichen: B(...),B(...) und B(...), sowie zwei PKW Typ Golf mit mehreren Zivilpersonen. Polizeiliches Kennzeichen: B(...) und B(...).

    Durch die Zivilpersonen wurden Foto- und Filmaufnahmen getätigt.

    - Zum Zeitpunkt des Ereignisses wurde auf Westberliner Gebiet - gegenüberliegender Bereich der Lindenstr, Glienicke/Nordbahn - eine weibliche Person festgestellt, welche aus einem Wohnhaus Beobachtungen führte.
Durchgeführte und weiterführende Maßnahmen
    1. Bildung einer Einsatzgruppe unter Führung des Leitern der Abteilung.

    (Bestand: Offizier Koordinierung Abt. Abw,, Leiter Referat A/I, UA Abwehr GR-38 im vollen Bestand)

    und Durchführung der Untersuchung in enger Zusammenarbeit mit der Spezialkommission der Abteilung IX/BV- Potsdam sowie im engen Zusammenwirken mit der Untersuchungsgruppe der Grenztruppen (Leitung: Generalmajor (...)).

    2. Gewährleistung der Geheimhaltung der Handlungsabläufe bei der Verhinderung des Grenzdurchbruches, insbesondere der eingetretenen personellen Folgen sowie fortlaufende Kontrolle der Einhaltung der befohlenen Nachrichtensperre.
Schwerpunkte:
    - Schriftliche Schweigeverpflichtung der beim verhinderten GDB handelnden Grenzsicherungskräfte, des zum Abtransport eingesetzten Med.-Personals des GR-38 und anderer Angehöriger der Grenztruppen, die in Ausübung ihres Dienstes zu Detailkenntnissen gelangten, (z.B. Nachrichtenzentrale SAS) in Verantwortung der Leiter der UA Abwehr GR-38 und Stab/GK-Mitte – sofort.

    verantwortl.: Major S(...) OSL B(...)

    - Sperrung des im Objekt des GR-38 vorhandenen öffentlichen Telefonanschlusses (Telefonzelle).

    verantwortl.: Major S(...)

    - Einleitung von M-Maßnahmen über das gesamte GR-38, insbesondere zu den Angehörigen des GR-38, welche beim verhinderten Grenzdurchbruch handelten bzw. durch die Dienstausübung definitive Detailkenntnisse zum Sachverhalt besitzen mit dem Ziel der Verhinderung des Informationsabflusses. verantwortl.: Oberst L(...) Major S(...) OSL F(...)

    3. Einsatz des IM/GMS-Systems zur Feststellung der Reaktionen im Personalbestand und der Wahrung der Geheimhaltung/Schutz sowie zur weiteren Aufklärung und Absicherung der beim Vorkommnis handelnden Grenzsicherungskräfte.

    verantwortl.: Major S(...)

    4. Durchführung des vorübergehenden Abzuges der beim Ereignis handelnden Angehörigen der Grenztruppen von dar Linie und Festlegung ihres Einsatzes in Abstimmung mit dam Kommandeur des GK-Mitte. Die Entscheidung einer Abversetzung wird in Abhängigkeit von der Lageentwicklung leitungsmäßig vorbereitet.

    verantwortl.: Oberst L(...)

    5. Differenzierte Auswertung des Ereignisses in der Abteilung Abw, GK-Mitte und mit den Kommandeuren der Grenzregimenter des GKM durch die Führung des GK-Mitte mit dem Ziel der Erhöhung der Wachsamkeit in besonders gefährdeten Abschnitten. 6. Fortlaufende Sicherung der vom Gegner zum Ereignis erfolgenden Informationen und Einleitung der dazu erforderlichen Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit.

    7. Ergänzung der Dokumentation nach Vorlage weiterer Untersuchungen und der eingeleiteten politisch-operativen Abwehrmaßnahmen.
Leiter der Abteilung

L(...) Oberst

Quelle: BStU, MfS, HA I Nr. 5795, Bl. 103-107