Siekmann, Ida

Ida Siekmann, tödlich verunglückt an der Berliner Mauer: Gedenkkreuz am Checkpoint Charlie (Aufnahme 2005)

geboren am 23. August 1902
tödlich verunglückt am 22. August 1961
beim Sprung aus ihrer Wohnung in der Bernauer Straße 48
an der Sektorengrenze zwischen Berlin-Mitte und Berlin-Wedding


Ida Siekmann wird am 23. August 1902 in Gorken geboren, einem kleinen Dorf im damals westpreußischen Landkreis Marienwerder, der heute zu Polen gehört. Wann sie die ostelbische Provinz verlässt und nach Berlin kommt, ist nicht bekannt. 1961, im Jahr des Mauerbaus, lebt sie in der Bernauer Straße 48 in Berlin-Mitte. Wie alle Gebäude und Grundstücke auf der südlichen Straßenseite liegt ihr Wohnhaus im Verwaltungsbezirk Mitte, während die Straße vom Gehsteig vor der Haustür an zum Stadtbezirk Wedding gehört. Seit 1945 bildet diese Bezirksgrenze zugleich die Trennlinie zwischen dem sowjetischen und dem französischen Sektor von Berlin. Doch solange die Sektorengrenze offen ist, bleiben in dem dicht besiedelten Wohngebiet viele familiäre und nachbarschaftliche Kontakte bestehen.

Ida Siekmann, tödlich verunglückt an der Berliner Mauer: Mahnmal, im September 1961 vom Bezirksamt Wedding errichtet (Aufnahme 1961)

Auch für Ida Siekmann gehört die Überschreitung der Sektorengrenze zum Alltag. Denn aufgrund seiner Grenzlage kann das Haus, in dem sie wohnt, nur von West-Berlin aus betreten werden. Außerdem dürften Besuche bei ihrer Schwester, die nur wenige Häuserblocks entfernt im Westteil der Stadt lebt, vor dem Mauerbau an der Tagesordnung gewesen sein. Als die SED-Führung die Sektorengrenze am 13. August 1961 vollständig abriegeln lässt, ändert sich die Situation der allein stehenden Frau jedoch grundlegend. Wie Hunderttausende von Berlinern ist sie von einem Tag auf den anderen von Verwandten und Bekannten im anderen Teil der Stadt abgeschnitten. Darüber hinaus ist die 58-Jährige als Bewohnerin eines Ost-Berliner Grenzhauses massiv von den nun einsetzenden Sperr- und Kontrollmaßnahmen betroffen.

Den Opfern der Mauer: Gedenkstein an der Bernauer Straße

In den ersten Tagen und Wochen nach dem Mauerbau ergreifen in der Bernauer Straße viele Bewohner von Grenzhäusern die Flucht, weil sie die Trennung von Angehörigen und die Schikanen der DDR-Behörden nicht hinnehmen wollen. Am Anfang ist das noch durch einen Gang aus der Haustür möglich. Doch seit dem 18. August werden Eingangstüren, die auf den West-Berliner Gehweg führen, zugenagelt oder vermauert und stattdessen neue Zugänge über die Höfe geschaffen. In Hausfluren und auf Treppenabsätzen kontrollieren Angehörige von Betriebskampfgruppen und Polizeieinheiten jeden, der ein Haus oder eine Wohnung betreten will.

Unter den Bewohnern lösen diese Maßnahmen große Ängste aus. In ihrer Not springen viele von ihnen aus dem Fenster oder seilen sich ab, um in den Westen zu entkommen. Unten auf dem Gehweg versucht die West-Berliner Feuerwehr die Flüchtlinge mit Sprungtüchern aufzufangen und so vor Verletzungen zu bewahren. Am 21. August muss auch Ida Siekmann erleben, wie die Tür ihres Hauses verbarrikadiert wird. Am nächsten Morgen wirft sie in aller Frühe Bettzeug und andere Habseligkeiten aus dem Fenster ihrer Wohnung im dritten Stock. Dann springt sie, möglicherweise aus Angst entdeckt zu werden, hinterher, bevor die West-Berliner Feuerwehr mit einem Sprungtuch zu Hilfe kommen kann. Beim Aufprall zieht sie sich schwere Verletzungen zu, so dass sie noch auf dem Weg in das nahe gelegene Lazarus-Krankenhaus verstirbt – einen Tag vor ihrem 59. Geburtstag.[1]

In Ost-Berlin werden die Umstände ihres Todes akribisch vermerkt. So heißt es in einem Tagesrapport der Volkspolizei: "Am 22.08.1961, gegen 6.50 Uhr, stürzte sich die allein stehende (…) Ida Siekmann (…) aus dem Fenster ihrer im Vorderhaus, 3. Stock, gelegenen Wohnung auf die Straße. (…) Die S. wurde durch die Westfeuerwehr abtransportiert. Die Blutlache wurde mit Sand abgedeckt."[2]

Im Westteil der Stadt löst der erste Todesfall an der Berliner Mauer eine Welle der Empörung aus. Anwohner und Passanten sind erschüttert, wie sich ein West-Berliner Polizeibeamter, der Ida Siekmanns Sturz mit eigenen Augen gesehen hat, noch Jahrzehnte später erinnert.[3]

Die Presse berichtet ausführlich über den "tödlichen Sprung in die Freiheit" und lässt keinen Zweifel daran, dass die Verantwortung für das tragische Geschehen bei der DDR-Führung liegt: "Ein Menschenleben haben gestern Ulbrichts brutale Maßnahmen gegen unsere Landsleute im Ostsektor Berlins gefordert", heißt es in der "Berliner Morgenpost", während die Bild-Zeitung den Tod der Ost-Berlinerin als "Anklage gegen das SED-Regime" bezeichnet.[4] Zugleich dokumentieren die Presseberichte die Unzufriedenheit darüber, dass westliche Alliierte und Bundesregierung den Ost-Berliner Sperrmaßnahmen mit Zurückhaltung begegnen. Auch Bundeskanzler Konrad Adenauer, der am Todestag von Ida Siekmann zum ersten Mal seit dem Mauerbau West-Berlin besucht, steht aus diesem Grund in der Kritik.[5]

Am 29. August findet auf dem Städtischen Friedhof an der Weddinger Seestraße unter großer Anteilnahme der West-Berliner Bevölkerung eine offizielle Trauerfeier für Ida Siekmann statt. Der Sarg ist in den Farben West-Berlins mit roten Rosen und weißen Nelken geschmückt. Vertreter von Bezirk, Senat und Bundesregierung sprechen der Schwester der Toten ihr Beileid aus. Nach der Beisetzung legen der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, und der Weddinger Bezirksbürgermeister Helmut Mattis vor dem Haus Bernauer Straße 48 einen Kranz mit der Aufschrift "Dem Opfer der Unfreiheit" nieder. Auch Anwohner und Passanten erweisen der Toten an der Unglücksstelle ihre Ehrerbietung, so dass auf dem Gehsteig, wie ein zeitgenössischer Autor notiert, stets Kränze und frische Blumen liegen.[6]

Im September errichtet das Bezirksamt Wedding an dieser Stelle ein Denkmal für Ida Siekmann. Es besteht aus drei Rundhölzern, die mit Stacheldraht umspannt sind.[7] In den kommenden Jahrzehnten finden dort regelmäßig Gedenkveranstaltungen statt. Auch Besuche in- und ausländischer Staatsgäste gehören zu den Formen des öffentlichen Totengedenkens auf der West-Berliner Seite der Mauer. Am Denkmal für Ida Siekmann machen unter anderen der amerikanische Justizminister Robert Kennedy und Bundeskanzler Konrad Adenauer Station. Wie andere Politiker vor und nach ihnen legen sie Kränze nieder und halten einen Augenblick inne, um der Toten in Stille zu gedenken und auf diese Weise ihrer Ablehnung des von der DDR errichteten Grenzregimes Ausdruck zu verleihen.

Text: Christine Brecht
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[1] Vgl. z.B. "Sprung in den Tod um frei zu sein", in: Berliner Morgenpost, 23.8.1961, sowie "Flucht-Sprung in den Tod", in: Bild-Zeitung, 23.8.1961.
[2] PdVP-Rapport Nr. 234, 23.8.1961, in: PHS, Bestand PdVP-Rapporte, Archiv-Nr. 8037, Bl. 8.
[3] Vgl. Doris Liebermann, "Die Gewalt der anderen Seite hat mich sehr getroffen". Ein Gespräch mit Hans-Joachim Lazai †, in: Deutschland Archiv 39 (2006), S. 596-607.
[4] Vgl. Berliner Morgenpost, 23.8.1961 und Bild-Zeitung, 23.8.1961.
[5] Vgl. z.B. "Kanzler sagt schwere Zeiten voraus", in: Frankfurter Rundschau, 23.8.1961.
[6] Vgl. Eckart Kroneberg, Beschreibung einer Mauer, in: Hans Werner Richter (Hg.), Die Mauer oder der 13. August, Reinbek 1961, S. 90-101, hier S. 100.
[7] Vgl. Berliner Morgenpost, 16.9.1961.