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Hans-Hermann Hertle, 10. November 1989: Reaktionen der SED-Führung auf den Fall der Mauer – Politische Maßnahmen und militärische Optionen

Hans-Hermann Hertle
Sofort, unverzüglich
Die Chronik des Mauerfalls

Ch. Links Verlag, Berlin 2019

Zutiefst darüber beunruhigt, dass der Massenansturm auf die Grenzübergänge ständig zunahm, hatte Wolfgang Herger noch in der Nacht zum 10. November den Diensthabenden seiner Abteilung Sicherheitsfragen angewiesen, alle Mitarbeiter zu alarmieren und in die Abteilung im ZK-Gebäude zu rufen. Gegen 1.00 Uhr morgens traf er selbst dort ein.

Unter den wenigen Anwesenden herrschte heillose Verwirrung. Die Trennlinie zwischen den feindlichen Armeen des Warschauer Paktes und der NATO war faktisch aufgehoben, die bewaffneten Organe überrumpelt und überrollt und das ausgeklügeltste Grenzregime der Welt ausgehebelt. Um das Durcheinander zu beseitigen, nahm sich Herger als dringendster Aufgabe der Wiederherstellung der zentralen, koordinierten Führungsstruktur und Befehlsgewalt an. In Abstimmung mit Krenz berief er für 8.00 Uhr früh einen Krisenstab in das Arbeitszimmer des Generalsekretärs ein. Einen großen Teil der Nacht verbrachte er mit seinem Stellvertreter, Peter Miethe, im Arbeitszimmer von Günter Schabowski, von wo aus sie die weitere Entwicklung beobachteten. Dort und in der Führungsstelle der Bezirkseinsatzleitung der SED liefen die aktuellen Lagemeldungen der Grenztruppen, der Staatssicherheit und der Volkspolizei ein. Für Eingriffe in die laufenden Ereignisse war es zu spät. Da die Offiziere an den Grenzübergängen »faktisch aus der Situation heraus eigenverantwortlich handeln mußten und gehandelt haben«, so Peter Miethe, sei es mit Erleichterung aufgenommen worden, dass nirgendwo zur Schusswaffe gegriffen wurde. Beruhigend hätten auch die Meldungen von den Übergängen gewirkt, dass die DDR-Bürger wieder zurückkamen und sich schließlich bis zum Morgen hinein relativ komplikationsloser Ausreise- und Wiedereinreise-Verkehr entwickelt habe. Damit konnte man alle Überlegungen darauf konzentrieren, wie die »normale« Ordnung an der Grenze wiederherzustellen war. [1]

Zur »Beherrschung der unter den gegenwärtigen Bedingungen bestehenden komplizierten sicherheitspolitischen Situation in der DDR und dem sich daraus ergebenden Erfordernis, auf jede weitere Zuspitzung der Lage kurzfristig und angemessen zu reagieren«, wurde am Morgen auf Befehl des Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates eine »operative Führungsgruppe« gebildet. [2] Misstrauisch registrierte Fritz Streletz, der den Befehl als Sekretär des NVR ausgearbeitet hatte, dass die in der Partei zuständige ZK-Abteilung Sicherheitsfragen der Führungsgruppe fernblieb. Was sollte das bedeuten? Warum nahm die SED in dieser kritischen Situation nicht ihre Zuständigkeit wahr? War die Partei im Begriff, sich aus der Verantwortung zu stehlen und sie allein den bewaffneten Organen zuzuschieben?

Neben dem Chef des Hauptstabes der Armee gehörten der Führungsgruppe sechs weitere Mitglieder an: der stellvertretende, für die bewaffneten Organe zuständige Staatssicherheitsminister, Gerhard Neiber, der stellvertretende Innenminister und Chef des Stabes, Karl-Heinz Wagner, der stellvertretende Außenminister, Kurt Nier, der stellvertretende Verteidigungsminister und Chef der Grenztruppen, Klaus-Dieter Baumgarten, der Leiter der ZK-Abteilung Parteiorgane, Heinz Mirtschin, sowie der Leiter des Sekretariats des Ministerrates, Harry Möbis. Aufgabe der »operativen Führungsgruppe« sollte es sein, »Informationen über die Gesamtlage (...) zu sammeln und zu analysieren, ununterbrochen die Lage des Gegners einzuschätzen sowie Schlußfolgerungen bzw. Vorschläge für gesamtstaatliche Führungsentscheidungen vorzubereiten«. [3] Als Führungsstelle wurde der kriegssichere Bunker im Keller des MdI bestimmt.

Ab 8.00 Uhr wurde in der Führungsgruppe zunächst analysiert. Der im MfS, im Arbeitsbereich Neibers, erstellte Überblick über die sicherheitspolitische Lage mit Stand von 4.00 Uhr früh fasste zusammen, dass bis zu diesem Zeitpunkt insgesamt rund 68 000 DDR-Bürger mit 9700 PKW nach West-Berlin ausgereist wären, von denen etwa 45 000 mit 5200 PKW zurückgekehrt wären. An den Übergangsstellen im Bezirk Potsdam nach West-Berlin (»Westring«) und zur Bundesrepublik (»Staatsgrenze West«) hätte die Ausreise »ohne entsprechende Grenzübertrittsdokumente« in der Regel »erst gegen 0.00 Uhr« begonnen. 2638 DDR-Bürger wären in die Bundesrepublik gefahren, 278 wieder zurückgekommen; aus dem Berliner Umland hätten 2766 Menschen die Grenzübergänge des »Westringes« nach West-Berlin [4] passiert, von denen bis 4.00 Uhr 543 wieder in die DDR zurückgereist wären. Zusammenfassend hielt die Lageinformation nüchtern und sachlich fest: »Trotz der entstandenen komplizierten Lage kam es nicht zu Zwischenfällen oder Provokationen, vereinzelt sogar zu Sympathiebezeugungen gegenüber uniformierten Kräften.« [5]

Welche Maßnahmen sollte der Krisenstab ergreifen? Die Fernsehbilder der Nacht vermitteln den Eindruck, Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Berlinern hätten auf dem Kurfürstendamm ein Volksfest gefeiert. Die Zahlen des MfS, selbst wenn sie auf groben Schätzungen beruhten und vermutlich eher zu niedrig als zu hoch angesetzt waren, belegten zum einen, dass der Reisestrom verhältnismäßig schwach war: Deutlich weniger als einhunderttausend Berliner hatten die Mauer zu Fall gebracht. Zum anderen zeigten sie, dass die überwiegende Mehrheit der Reisenden zurückgekehrt war. War der Verlust von etwa 25 000 Menschen nicht ohne Weiteres zu verkraften? Sollte die SED-Führung den Versuch wagen, die Grenzübergänge wieder zu schließen, am besten gleich einschließlich der polnischen und tschechoslowakischen Grenze? Schon wegen der Erfahrungen der letzten Wochen schied dieses Unterfangen als unmöglich aus. Und neben den Zehntausenden, die zu diesem Zeitpunkt noch oder bereits wieder zwischen den beiden Stadthälften Berlins und an der innerdeutschen Grenze ohne Visum unterwegs waren, standen seit Mitternacht in fast allen Städten und Ortschaften der DDR Tausende von Menschen in langen Schlangen vor den Pass- und Meldestellen der Volkspolizei, um sich ein Reisevisum abzuholen. [6] Dennoch wäre die Reisebewegung zu diesem Zeitpunkt zweifelsohne mit polizeilichen oder militärischen Mitteln, notfalls auch mit Waffengewalt, zu stoppen gewesen. Aber welche Perspektive blieb der SED nach einer militärischen Intervention gegen das eigene Volk? Nach den Entscheidungen vom 9. und 13. Oktober gegen eine »chinesische Lösung« in Leipzig noch unter Honecker hatte Krenz in seiner Funktion als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates im Vorfeld der Berliner Demonstration vom 4. November die Anwendung von Schusswaffen, selbst bei einem Eindringen von Demonstranten in das Berliner Grenzgebiet, grundsätzlich untersagt [7] – wodurch die Sicherheitskräfte auch in der Nacht vom 9. auf den 10. November wenn nicht entwaffnet, so aber doch bis zur Verkündung eines anderslautenden Befehls auf einen gewaltlosen Einsatz verpflichtet waren. Diese Befehle zurückzunehmen, konnte einen Bürgerkrieg auslösen – eine für die SED-Führung selbstmörderische Perspektive.

Gleich zu Beginn der Beratungen der operativen Führungsgruppe, so Harry Möbis, sei erörtert worden, ob die Grenzübergänge wieder geschlossen und der alte Zustand wiederhergestellt werden sollte. Dabei sei auch die Frage »Setzen wir die Armee ein – ja oder nein?« aufgeworfen worden. Der Chef der Grenztruppen habe die Auffassung vertreten, dass nichts zu machen sei. Wenn er rückgängig machen solle, was geschehen sei, müsse er aufmarschieren und schießen lassen, wozu er nicht bereit sei. Seinen eigenen Angaben zufolge sprach sich der Grenztruppen-Chef auch gegen einen Einsatz der NVA zur Verstärkung der Grenztruppen aus. [8] In der Führungsgruppe, so Harry Möbis und Wolfgang Herger, sei die Anwendung von Gewalt unisono abgelehnt worden. [9]

Welche Richtungen der Diskussionsprozess im Krisenstab am frühen Morgen im Einzelnen auch immer nahm: Das Ergebnis war ein zweigleisiges Verfahren. In den ersten Stunden wurde der Versuch unternommen, die Kontrolle über den Reisestrom in Richtung Westen mit zivilen Maßnahmen zurückzugewinnen. Weil viele Bürger noch immer nicht – wie vorgesehen – zu den Meldestellen gingen, sondern ohne Visum an die Grenze marschierten, wurde eine Hase-und-Igel-Technik angewandt, um das ungesetzliche Überschreiten der Staatsgrenze zu unterbinden. Die Volkspolizei jagte an den Bürgern vorbei und errichtete eilends direkt an der Grenze Außenstellen, um auf diese Weise zu versuchen, das ungesetzliche Vorhaben in buchstäblich letzter Sekunde mit einem Visumstempel in eine legale Grenzüberschreitung zu verwandeln. Auch auf einigen Hauptbahnhöfen wurden »zeitweilige Arbeitsgruppen« der Volkspolizei eingesetzt, die versuchen sollten, Visa als Voraussetzung für den Kauf von Fahrkarten in die Bundesrepublik zu erteilen.

Um die Souveränität über die Staatsgrenze wiederzuerlangen, wurde es daneben als unvermeidlich erachtet, schnellstens neue Durchlässe einzurichten; nur auf diese Weise schien es möglich, die Reiseströme auseinanderziehen und verhindern zu können, dass die Mauer allerorten einfach überklettert oder in Selbsthilfe durchbrochen wurde. Vorüberlegungen für die kurzfristige Einrichtung neuer Übergänge hatten DDR-Außenministerium und MfS mit dem West-Berliner Senat im Hinblick auf die ursprünglich für Dezember vorgesehene Inkraftsetzung des Reisegesetzes bereits am 3. November ausgetauscht. Senatsdirigent Gerhard Kunze überreichte seinem Ost-Berliner Verhandlungspartner Walter Müller an diesem Tag ein informelles Papier, das zwei U-Bahn- und neun Straßenverbindungen zwischen Ost- und West-Berlin nannte, die sich aus West-Berliner Sicht als mögliche zusätzliche Übergänge eigneten. [10] Daran wurde am Morgen des 10. November angeknüpft. Alexander Schalck, in dessen Zuständigkeit die Verhandlungen über die Neueröffnung von Grenzübergängen fielen, wurde eingeschaltet, die Grenztruppen, die für den pioniertechnischen Ausbau der Straßen durch den Todesstreifen zuständig waren, hinzugezogen, eine Politbüro- und Ministerrats-Beschlussvorlage erarbeitet und die Öffnung neuer Grenzübergänge noch am späten Nachmittag mit dem West-Berliner Senat abgestimmt und schließlich bekannt gegeben. [11] Mit der Öffnung der Berlin und Potsdam verbindenden und bis dahin den Alliierten und ihrem Agentenaustausch vorbehaltenen Glienicker Brücke für den Reiseverkehr um 18.00 Uhr wurde Entlastung für die an der Autobahn gelegene Kontrollstelle Drewitz-Dreilinden geschaffen; Zehntausende von Bürgern aus Potsdam und dem Umland konnten nunmehr die kürzeste Verbindung zwischen den beiden Städten für einen Besuch in West-Berlin nutzen.

Eine beruhigende Wirkung versprach sich die operative Führungsgruppe von einem Aufruf an die Bevölkerung, an dessen Ausarbeitung sich auch Wolfgang Herger beteiligte. [12] Darin sollte sich der Ministerrat erstmals zu der neuen Reiseregelung als seinem Beschluss bekennen: »Die Regierung der DDR steht zu ihrem Wort.« Es handele sich nicht um eine zeitlich befristete Maßnahme; die Bürger könnten sich vielmehr auf ihre Dauerhaftigkeit verlassen und brauchten »keine übereilten Entschlüsse zu treffen«. Die Erklärung hob die Visumpflicht hervor und versprach, dass die Dienststellen des Pass- und Meldewesens auch am bevorstehenden Wochenende geöffnet blieben. Es sei mit der kurzfristigen Öffnung zusätzlicher Grenzübergangsstellen zu rechnen; daneben würden Schritte zur Vereinfachung des Grenzregimes an der Grenze zur Bundesrepublik vorbereitet, die noch im Dezember (sic!) wirksam werden könnten. An die »lieben Bürgerinnen und Bürger« wurde appelliert, durch »besonnenes und verantwortungsbewußtes Verhalten« dazu beizutragen, »daß der grenzüberschreitende Reiseverkehr auf der Grundlage der neuen Regelungen geordnet verläuft, der derzeitige große Andrang bewältigt wird und normale Verhältnisse an den Grenzübergangsstellen eintreten«. [13] Doch der erstmaligen Verlesung dieser Erklärung im DDR-Fernsehen durch Innenminister Dickel um 16.30 Uhr gingen noch dramatische Stunden voraus. [14]

Alle zivilen Maßnahmen kamen zu spät und griffen zu langsam, um zu unmittelbar sichtbaren Ergebnissen zu führen und der SED-Führung die Lage beherrschbar erscheinen zu lassen. Am Brandenburger Tor hatten sich auf westlicher Seite bereits seit dem Morgen wieder Tausende versammelt. Die Panzermauer war erneut besetzt, 200 Menschen waren einfach auf Ost-Berliner Gebiet heruntergesprungen, wo sie einer unbewaffneten Postenkette der Grenztruppen gegenüberstanden, die ihnen den Weg durch das Tor nach Ost-Berlin versperrte. Die Erteilung und Kontrolle der Visa an den Übergängen mussten, nur kurz nachdem sie begonnen hatten, wieder eingestellt werden, um den Reiseverkehr flüssig zu halten und den Druck nicht durch lange Wartezeiten und große Menschenzusammenballungen zur Explosion zu bringen. Gegen Mittag drückten Hunderttausende von Menschen auf die Grenzübergänge nach West-Berlin.

Darauf, dass sich der jahrelang angestaute Reisedrang friedlich entladen und die Stimmung so fröhlich bleiben würde, dass das MfS am Ende dieses Tages nur einen einzigen Zwischenfall zu verzeichnen haben würde – am Bahnhof Friedrichstraße verletzte ein West-Berliner unter Alkoholeinfluss einen Passkontrolleur mit Faustschlägen [15] –, konnte die SED-Spitze nicht vertrauen. Zudem hatten die schroffen, fast schon feindseligen Anrufe des sowjetischen Botschafters tiefe Unsicherheit über die zu erwartende Reaktion Moskaus hinterlassen. Ein Fernschreiben von Krenz an Gorbatschow, das gegen 11.00 Uhr nach Moskau gesandt worden sein soll [16], entsprach in keiner Weise der realen Lage an der Grenze, deren Bilder von zahllosen Fernsehsendern direkt in alle Welt übertragen wurden. Die Verunsicherung der SED-Spitze fand ihren Ausdruck darin, dass sich bis zum Abend des 10. November kein Mitglied der neuen SED-Führung durch einen öffentlichen Auftritt im Glanze jenes welthistorischen Ereignisses zu sonnen wagte, mit dessen angeblich beabsichtigter Herbeiführung sich manche im Nachhinein zu schmücken suchen.

Als Reaktion auf die »Zuspitzung der Lage« verständigten sich Krenz und Verteidigungsminister Keßler gegen 12.45 Uhr, Truppenteile der Nationalen Volksarmee in »Erhöhte Gefechtsbereitschaft« zu versetzen, womit sie auf ein militärisches Eingreifen vorbereitet waren.

Verteidigungsminister Keßler ließ den Chef des Hauptstabes in den Nebenraum des ZK-Plenarsaales rufen. Dort gab er Streletz den Befehl, die Erhöhte Gefechtsbereitschaft für die in Potsdam stationierte 1. Motorisierte Schützendivision (1. MSD) und das in Lehnin untergebrachte Luftsturmregiment-40 (LStR-40) auszulösen. Den militärischen Gepflogenheiten hätte es entsprochen, wenn Streletz den Befehl über das eingespielte System der Operativ Diensthabenden (OpD) und des Operativen Führungszentrums (OFüZ) der NVA in Strausberg an den OpD des Kommandos der Landstreitkräfte in Potsdam hätte übermitteln lassen. Der OpD wäre jedoch verpflichtet gewesen, den Befehl als meldepflichtiges Vorkommnis in die Tagesinformationen des Ministeriums aufzunehmen, die allen Stellvertretern des Ministers vorgelegt wurden. Der Weg, den Streletz wählte, sicherte dagegen größtmögliche Geheimhaltung: Er bat Generaloberst Stechbarth, den Chef der Landstreitkräfte, in den Vorraum des ZK-Plenarsaales, um ihm die erforderlichen Instruktionen persönlich zu erteilen. Stechbarth wiederum gab die entsprechende Weisung telefonisch dem Stabschef der Landstreitkräfte durch. Beide Truppenteile wurden um 13.00 Uhr über das Diensthabenden-System der Landstreitkräfte alarmiert. [17] Streletz übernahm die Aufgabe, Armeegeneral Boris Snetkow, den Oberkommandierenden der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, über die Maßnahmen der NVA in Kenntnis zu setzen.

Die 1. Motorisierte Schützendivision und das Luftsturmregiment-40, die beide dem Kommando der Landstreitkräfte in Geltow bei Potsdam unterstanden, gehörten zu einer als »Berliner Gruppierung« bezeichneten Formation, die im Kriegsfall gemeinsam mit einer Motorisierten Schützenbrigade der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in Karlshorst, der Artilleriebrigade-40 der NVA, acht Kampfgruppenbataillonen aus Ost-Berlin und Potsdam, zwei Volkspolizeibereitschaften und dem Grenzkommando Mitte der Grenztruppen im Zusammenwirken mit den Luftstreitkräften der NVA den Auftrag hatten, West-Berlin einzunehmen und vom Imperialismus zu befreien. [18] Die operative Planung der NVA war auf das Ziel ausgerichtet, innerhalb von 24 Stunden
  • die Mauer zu überwinden,
  • im schnellsten Vorstoß panzerstark anzugreifen mit dem Ziel Kaiserdammbrücke-Stadtzentrum,
  • die Vereinigung der britischen, französischen und amerikanischen Brigaden zu verhindern,
  • den Feind getrennt nach Teilen zu zerschlagen und die Stadt vollständig zu besetzen,
  • die Flugplätze Tegel und Tempelhof durch taktische LL-Op. (Luftlande- Operationen – d. Vf.) zu nehmen,
  • Vorrangobjekte nach besonderer Liste im Handstreich zu besetzen,
  • zu schützende Objekte nach besonderer Weisung zu besetzen«. [19]
Auch in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre bildete die Eroberung West-Berlins einen Schwerpunkt gemeinsamer Kriegsspiele und Übungen in der Stabsdienstausbildung der genannten Einheiten. [20] Für Übungszwecke stand der 1. MSD und dem LStR-40 auf dem Truppenübungsplatz bei Lehnin die Stadtkampfanlage »Scholzenlust« zur Verfügung, auf dem »alle Merkmale einer Großstadt, vom Kino bis zur Post, vom Bahnhof bis zur Bank, ja, sogar Fußgängerunterführungen und U-Bahn-Eingänge maßstabsgetreu« nachgebaut worden waren. [21] Hier und auf Übungsplätzen wie denen der Grenztruppen in Streganz, auf denen Mauer und Staatsgrenze nachgebildet waren, wurden Verteidigungsgefechte an der Staatsgrenze und Angriffshandlungen zu Beginn eines Krieges bis weit in das Jahr 1989 hinein trainiert.

Zur 1. MSD mit ihren rund 10 000 Mann, von denen 1989 2500 in der Volkswirtschaft eingesetzt waren, zählten unter anderem drei mit Panzern ausgerüstete, hochbewegliche Mot.-Schützenregimenter, ein Artillerieregiment und ein Fla-Raketenregiment. Zum mit Transportflugzeugen ausgestatteten Luftsturmregiment-40 mit einem Kampfbestand von 600 Mann gehörten vier Fallschirmjäger-Kompanien, zwei Luftsturm-Kompanien und eine Schwere Kompanie. [22]

Ihre Ausbildung im Stadtkampf prädestinierte Truppenteile beider Verbände dazu, seit Anfang Oktober von der militärischen Führung in ständiger Verfügbarkeit für Einsätze bei Demonstrationen gehalten zu werden. In der Zeit der Staatsfeierlichkeiten vom 6. bis 9. Oktober wurden ein Motorisiertes Schützenbataillon der 1. MSD mit 350 Mann in Stahnsdorf und eine Fallschirmjägerkompanie des LStR-40 in Lehnin in Erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzt. Während dieser Zeit musste das Lazarett in Potsdam vorsorglich zusätzliche Bettenkapazitäten bereithalten. Grundlage war der Befehl 105/89 des Verteidigungsministers, dessen Zielstellung mit der Verfassung kollidierte, weil er der NVA innere Aufgaben stellte: »Die Bereitstellung der Reserven hat mit dem Ziel zu erfolgen«, hieß es in diesem Befehl, »im Zusammenwirken mit den Kräften des Ministeriums für Staatssicherheit und des Ministeriums des Innern jederzeit zuverlässig Aufgaben zur Gewährleistung der gesamtstaatlichen Sicherheit, der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sowie einer stabilen politischen Lage in der Hauptstadt der DDR, Berlin, erfüllen zu können.« [23] Soweit es die Erhöhte Gefechtsbereitschaft der Truppenteile betraf, wurde der Befehl 105/89 am 11. Oktober außer Kraft gesetzt, die verstärkte Grenzüberwachung und -sicherung zur ČSSR und Polen und an der Berliner Mauer jedoch fortgesetzt und insbesondere die Maßnahmen für Einsätze im Innern ausgeweitet. »Der mögliche Einsatz von Hundertschaften (der NVA – d. Vf.) in Schwerpunktgebieten«, teilte Streletz dem MfS mit, sei »entsprechend der in den letzten Tagen geübten Praxis stabsmäßig vorzubereiten«. [24] Die Zahl der in allen Teilstreitkräften der Armee, aber mit Schwerpunkt in den Landstreitkräften, gebildeten Hundertschaften für derartige innere Einsätze wurde von 86 am 10. Oktober über 120 am 20. Oktober auf 183 am 6. November erhöht. [25]

Der Kommandeur der 1. MSD hatte am 13. Oktober den Befehl erhalten, zur Sicherung der Staatsgrenze nach innen und außen und zum Schutz wichtiger Objekte Hundertschaften zu formieren und auf Einsätze vorzubereiten. Am nächsten Tag wurden 20 Hundertschaften aufgestellt, am übernächsten Tag die zuständigen Offiziere der 1. MSD in ihre Aufgaben, insbesondere in die »Einsatzvariante 1« – die Handhabung von Schlagstöcken und die Bildung von Räumketten – eingewiesen. [26] Bei der Einweisung von Einsatzkräften der Hundertschaften im Motorisierten Schützenregiment-1 in Oranienburg unterlief einem Offizier der Fauxpas, auch die der Geheimhaltung unterliegende »Einsatzvariante 2« vorzutragen, die die Anwendung der Schusswaffe vorsah. [27]

Mit dem Einsatzbefehl, gegen »die konterrevolutionären Machenschaf- ten« vorzugehen und die Montagsdemonstration verhindern zu helfen, verlegte das LStR-40 vom 14. bis 17. Oktober drei mit MP und 30 Schuss scharfer Munition ausgerüstete Hundertschaften nach Leipzig. [28] Waffen und Munition wurden nach der Ankunft eingesammelt und stattdessen Schlagstöcke, Schilder und Helme ausgegeben. Ohne zum Einsatz gekommen zu sein, zogen die Fallschirmjäger wieder ab. [29]

14 Hundertschaften der 1. MSD waren am 4. November, frühmorgens und im Schutz der Dunkelheit, nach Berlin geführt worden. Während der Großdemonstration hielten sie sich im Hintergrund in Bereitschaft, um unter anderem die Mauer am Brandenburger Tor und den Übergang Heinrich-Heine-Straße im Ernstfall gegen Grenzdurchbrüche abzusichern. Maschinenpistolen und Munition waren zwar nicht am Mann, aber für den Fall der »Einsatzvariante 2« auf LKW verladen und mitgeführt worden. [30]

Am 9. und 10. November hielt die NVA noch immer insgesamt 179 Hun- dertschaften – auch in der 1. MSD und dem LStR-40 – zur »Unterstützung der Schutz- und Sicherheitsorgane«, wie es hieß, in einer Zwei- bis Drei-Stunden-Bereitschaft bereit, davon allein 25 für einen Einsatz in Berlin. [31] Dass die politische Führung nicht auf diese polizeilich getarnten Formationen, sondern auf die militärischen Strukturen zurückgriff, ist nur so zu verstehen, dass am 10. November andere, nämlich militärische Einsatzziele verfolgt wurden.

Als konkrete Aufgabe, so Fritz Streletz, habe er dem Chef der Landstreitkräfte, Generaloberst Horst Stechbarth, gegen 12.00 Uhr [32] mündlich folgende Weisung erteilt: »Die 1. MSD hat bei Notwendigkeit bereit zu sein, mit Teilen des Personalbestandes ohne Panzer, Artillerie und schwere Technik als Mot.-Schützenkräfte die Grenztruppen bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit an der Staatsgrenze der DDR zu West-Berlin zu unterstützen. Für den möglichen Transport der Kräfte sind Lastkraftwagen und Schützenpanzerwagen (SPW) vorzubereiten.« [33]

Sowohl Stechbarth als auch Generalleutnant Horst Skerra, als Stabschef der Landstreitkräfte das vierte Glied in der Befehlskette, bestätigen sinngemäß die Entgegennahme dieses Befehls. [34] Seine konkrete Zielstellung sei ihnen in der damaligen Situation so unklar geblieben, wie sie Streletz heute aus der Erinnerung formuliert. Was stellte sich die Führung in der konkreten Situation unter »Ruhe«, »Ordnung« und »Sicherheit« an der Berliner Mauer vor? Die Wiederherstellung des Grenzregimes der zurückliegenden 28 Jahre? Und welche militärischen Mittel sollten zur Lösung dieser Aufgabe gegebenenfalls eingesetzt werden? Wenn es die von Streletz genannten Einschränkungen – ohne Panzer, Artillerie und schwere Technik – gegeben haben sollte, [35] versandeten sie auf dem Befehlsweg. Die 1. MSD jedenfalls, das steht fest, erreichten sie nicht.

Nach militärischem Verständnis wäre der Befehl des Chefs des Hauptstabes in dem von ihm genannten Wortlaut extrem unpräzise gewesen, denn neben der nebulösen Zielstellung war ihm auch keine konkrete Einsatzaufgabe zu entnehmen. Damit hätte er es der Phantasie des Befehlsempfängers überlassen, sich vor der Entschlussfassung seine »Aufgabe selbst klarzumachen«, wie es im militärischen Sprachgebrauch hieß. Für die Generäle und Offiziere im Kommando der LaSK und der 1. MSD war der Befehl nur so zu verstehen, dass es sich nun um eine Vorbereitungsmaßnahme mit militärischer Zielsetzung handelte, denn anderenfalls wäre, wie in den Wochen zuvor, auf die Hundertschaften ihrer Verbände und Truppenteile zurückgegriffen worden. Wie aber stellten sich die Führung und Streletz vor, eine Motorisierte Schützendivision »ohne Panzer, Artillerie und schwere Technik« für einen militärischen Einsatz, der ihrer Ausbildung entsprach, gefechtsbereit zu machen? Die genannten Einschränkungen widersprachen den Aufgaben und den Gepflogenheiten der Befehlsgebung für eine Division so sehr, dass sie nicht einmal in der bei »EG«-Übungen benutzten Einschränkungstabelle vorgesehen waren. Die Einsatzfähigkeit einer Motorisierten Schützendivision als militärischer Formation ließ sich nur aus der Lösung militärischer Aufgaben im Verband, das heißt insbesondere im Zusammenwirken der Schützenregimenter und der Artillerie, entfalten. Ohne die Artillerie im Hintergrund war die Division amputiert und von vornherein in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt und in ihrer Kampfkraft geschwächt. Die Gefechtsfahrzeuge eines Motorisierten Schützenregimentes waren zudem nun einmal Schützenpanzer und nicht Lastkraftwagen. Die in der Division vorhandenen LKW waren mit materiellen Gütern – mit Munition, Ersatzteilen, Betriebsstoffen, Bekleidung, Verpflegung und Zeltmaterial – beladen, die die Regimenter für einen Einsatz benötigten. Ohne Panzer hätten die Soldaten mit der S-Bahn nach Berlin fahren müssen – oder aber der Kommandeur musste die Entladung der LKW anordnen. Statt in Gefechtsbereitschaft wäre die Truppe in diesem Fall in eine Auszeit getreten, in der sie sich irgendwo auf dem Kasernengelände der Ausrüstung hätte entledigen müssen, die sie im Falle eines Einsatzes brauchte. Der Befehl von Streletz wäre somit in doppelter Hinsicht widersinnig gewesen: Um »auf alle Eventualitäten vorbereitet« zu sein [36], griff er einerseits bewusst nicht auf die in Bereitschaft liegenden Hundertschaften zurück, die auch nach Ansicht des Chefs der Grenztruppen zur Unterstützung der Grenztruppen in der Tiefe ausgereicht hätten [37], sondern alarmierte die 1. MSD in ihrer militärischen Struktur und suggerierte damit eine Verschärfung der Lage. Dieser Lageverschärfung jedoch hätte sein Befehl insofern nicht Rechnung getragen, als die Befolgung der mit ihm verbundenen Einschränkungen nicht mit der Aufgabe, die Gefechtsbereitschaft der 1. MSD herzustellen, kompatibel war, sondern diese geradezu zerstört hätte.

Als deshalb der Kommandeur der 1. MSD, Oberst Peter Priemer, aus dem Kommando der Landstreitkräfte den Befehl erhielt, die Erhöhte Gefechtsbereitschaft ohne die genannten Einschränkungen für seinen ganzen Verband nach Plan herzustellen [38], war das der einzige Weg, um den Sinn des Befehls, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, zu erfüllen. Dabei mag die Überlegung eine Rolle gespielt haben, zunächst die Klärung der Lage und damit einhergehend eine Konkretisierung des Einsatzbefehls abzuwarten. Ob danach immer noch ausreichend Zeit für eine Umsetzung von Einschränkungen geblieben wäre, kann dahingestellt bleiben.

In der 1. MSD jedenfalls leitete Oberst Priemer umgehend und planmäßig alle Maßnahmen ein, um für die gesamte Division – die Führungsorgane und die Truppenteile – die Marschbereitschaft herzustellen, um in kürzester Zeit die Kasernen verlassen zu können. In den Stäben der Division und ihrer Truppenteile wurde die Erhöhte Führungsbereitschaft hergestellt; die leitenden Offiziere traten in einen 24-Stunden-Dienst ein, mindestens ein Drittel des Personalbestandes musste ständig anwesend sein. Alle Armeeangehörigen hatten in den Kasernen zu verbleiben. Mit Ausnahme der für die Ausbildung benutzten Lehrgefechtstechnik, die etwa ein Viertel bis ein Drittel der gesamten Kampftechnik umfasste, befand sich die Munition ständig an den Geschützen und in den Panzern; wo erforderlich, wurde sie entkonserviert und gleichzeitig die Lehrgefechtstechnik aufmunitioniert. Die gesamte Technik wurde überprüft, die Fahrzeuge wurden durchgestartet. Das Führungsorgan der Division bezog seinen Führungspunkt im Keller des Divisionsstabs-Gebäudes, in dem alle Nachrichtenverbindungen zusammenliefen. Dort wartete der Kommandeur gleichermaßen auf die Rückmeldung der Erfüllung der Aufgaben durch seine Regiments-Kommandeure wie auf weitere Befehle aus dem Kommando der Landstreitkräfte. [39]

In der Ausbildungsbasis 4 der Division in Beelitz bei Berlin wurden nach der Auslösung der Erhöhten Gefechtsbereitschaft die Waffen auf LKW verladen und die gesamte Kriegstechnik einsatzbereit gemacht. Die zum 1. November einberufenen Wehrpflichtigen waren zu diesem Zeitpunkt weder vereidigt noch an Waffen ausgebildet. Man werde ihnen »notfalls noch auf dem LKW den Umgang mit der Waffe beibringen«, wurde den jungen Rekruten mitgeteilt. [40] Am Abend des 10. November wurde die Einheit auf den Einsatzbefehl zur »Sicherung der Grenzanlagen« vorbereitet und am darauffolgenden Morgen in einem Schnelldurchgang mit dem Gebrauch von Maschinenpistolen vertraut gemacht und in die Bedienung von Geschützen eingewiesen. [41]

Der Kommandeur des Artillerieregiments I der 1. MSD in Lehnitz bei Oranienburg, Oberstleutnant Dietmar Landmann, befand sich noch im Speisesaal, als ihm kurz nach 13.00 Uhr über den Diensthabenden Offizier gemeldet wurde, er möge sich zur Entgegennahme eines Anrufs des Divisionskommandeurs ans Telefon begeben. [42] Als Teilnehmer einer Konferenzschaltung erhielt er mit den übrigen Kommandeuren der Division von Priemer den Befehl, sein Artillerieregiment in Erhöhte Gefechtsbereitschaft zu versetzen. Für Landmann bedeutete dies, in seinem Regiment das für diesen Fall vorbereitete Zyklogramm [43] abzuarbeiten, das die durchzuführenden Maßnahmen einschließlich des Zeitablaufs exakt vorgab. Das Artillerieregiment hatte eine Gesamtstärke von 750 Mann und bestand im Kern aus drei Artillerie-Abteilungen und weiteren Einheiten wie einer Nachrichten- und Transportkompanie. Jede Abteilung verfügte über die Feuerkraft von 18 schweren Geschützen wie 122-mm-Haubitzen und 152-mm-Selbstfahrlafetten [44], mit denen West-Berlin von Lehnitz aus auch direkt beschossen werden konnte. Nach sechs Stunden konnte Landmann die Gesamterfüllung des Zyklogramms nach oben abmelden: Der Personalbestand war alarmiert, die Geschütze einschließlich der Lehrgefechtstechnik aufmunitioniert, alle Einheiten einsatzbereit und das Führungssystem organisiert und aktiviert. Um 22.00 Uhr setzte im Regiment Nachtruhe ein. Gegen halb eins verließ Landmann seine Dienststelle und fuhr nach Hause. Unruhig und besorgt kehrte er jedoch kurze Zeit darauf zurück. Die Diensthabenden Offiziere saßen in der Führungsstelle und warteten auf den Einsatzbefehl, über dessen möglichen Inhalt sie nur rätseln konnten.

Eine höhere Stufe der Gefechtsbereitschaft herrschte zu dieser Zeit ebenfalls im 11 500 Mann starken Grenzkommando Mitte. [45] Entsprechend der Direktive des Ministers über die Gefechtsbereitschaft der Grenztruppen waren nach der Auslösung der erhöhten Gefechtsbereitschaft im GKM am 10. November, 0.20 Uhr, »Maßnahmen zur Verstärkung der Grenzsicherung und zur Erhöhung ihrer Bereitschaft zum Übergang zur gefechtsmäßigen Grenzsicherung sowie zur Erfüllung von Gefechts- und Mobilmachungsaufgaben« durchzuführen. [46] Maßnahmen mit unmittelbarem Einfluss auf die Gefechtsfähigkeit der Truppen waren innerhalb von vier bis sechs Stunden umzusetzen. Wie in der NVA gehörte dazu die Aufnahme des 24-Stunden-Dienstes leitender Offiziere und die Besetzung der Führungsorgane aller Ebenen mit einem Drittel des Personalbestandes. Die zeitweilige Schließung und Sperrung der Grenzübergangsstellen einschließlich der die Grenze durchschneidenden unterirdischen Anlagen war stabsmäßig vorzubereiten. »In Abhängigkeit von der Lage« sollte eine verstärkte Grenzsicherung organisiert und durchgeführt werden. Was Bewaffnung und Kampftechnik betraf, so schrieb die Direktive vor, an alle Grenztruppen-Angehörigen die persönliche Bewaffnung und Dosimeter, für den Dienst außerhalb der Objekte die festgelegte Munition auszugeben; die noch nicht aufmunitionierte Technik der Lehrgefechtsgruppe war scharf zu machen und mit der Entkonservierung der Technik und Bewaffnung zu beginnen, die in der nächsthöheren Stufe der Gefechtsbereitschaft, der Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr, zur Auffüllung der Kriegsstruktur vorgesehen war. [47]

Im Ministerium für Staatssicherheit galt seit dem 25. Oktober die Weisung Mielkes, entsprechend den aktuellen operativen Erfordernissen schnell mobilisierbare Einsatzreserven zu bilden und die volle Arbeitsfähigkeit der Stäbe zu gewährleisten. Eine Hälfte der Mitarbeiter hatte sich in ihrer Freizeit ständig zu Hause aufzuhalten, die andere durfte sich maximal bis zu vier Stunden von der Wohnung entfernen. Unter Beachtung dieser Vorgaben blieb es den Leitern überlassen, »selbständig differenzierte Festlegungen zum weiteren Einsatz der Angehörigen sowie zum Tragen der Dienstwaffe zu treffen«. [48] In welcher Bereitschaftsstufe sich die einzelnen Diensteinheiten am 9. November auch immer befanden: Am 10. November alarmierte Mielke alle Mitarbeiter des MfS und erteilte den Befehl: »Aufgrund der Lage haben ab sofort alle Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit bis auf Widerruf in den Diensteinheiten bzw. Einsatzobjekten zu verbleiben.« [49]

Mit der Herstellung der Erhöhten Gefechtsbereitschaft in der 1. Motorisierten Schützendivision, im Luftsturmregiment-40 und im Grenzkommando Mitte standen zusammen mit dem alarmierten MfS-Wachregiment »Feliks Dzierzynski« [50] drei Divisionen mit über 30 000 Soldaten bereit, die binnen kürzester Zeit in Gefechtshandlungen eintreten konnten. Aber mit welcher konkreten Aufgabe und gegen welchen Feind?

Aus militärischer Sicht waren die in West-Berlin stationierten Truppen der West-Alliierten mit ihren insgesamt 12 400 Mann, 89 Panzern, 260 Panzerabwehrmitteln und 26 Geschützen den ihnen gegenüberstehenden Einheiten der NVA kräftemäßig hoffnungslos unterlegen. [51] Ihr Verhalten bis in die Mittagsstunden des 10. November und danach bot der SED-Spitze keinerlei Anhaltspunkte, die militärische Gegenmaßnahmen gerechtfertigt erscheinen ließen. [52] Aus der Überwachung des Telefon- und Funkverkehrs der amerikanischen, britischen und französischen Streitkräfte, der West-Berliner Senatskanzlei, des Innensenators und der Polizei sowie den Informationen der dort tätigen Agenten des DDR-Geheimdienstes ging eindeutig hervor, dass seit dem Morgen des 10. November eine zwar rege, aber unaufgeregte Informationstätigkeit zwischen den Stäben des US-Stadtkommandanten, Generalmajor Raymond E. Haddock, dem Stab der US-Landstreitkräfte in Europa und dem für die Krisenplanung von West-Berlin zuständigen Stab Live Oak im NATO-Oberkommando Europa (SHAPE) eingesetzt hatte. Maßnahmen zur Vorbereitung oder Durchführung militärischer Operationen seitens der NATO-Kräfte waren daraus nicht einmal ansatzweise zu erkennen. Der Stabschef der US-Streitkräfte in West-Berlin habe im Gegenteil die Auffassung vertreten, meldeten die Lauscher des MfS am 10. November, »daß die US-Streitkräfte in Berlin (West) zu den normalen Tagesaufgaben übergehen und dabei unnötige Spannungen vermeiden sollten«. [53] Auch die »Alarmbereitschaft« bzw. »höhere Bereitschaftsstufe« der West-Berliner Polizei am 10. November um 12.00 Uhr, klärten die Ost-Berliner Geheimdienstler auf, galt weniger der Lage an der Grenze als vielmehr dem Schutz des Bundeskanzlers und zahlreicher Minister und hochrangiger Politiker, die am Nachmittag in West-Berlin erwartet wurden. [54]

Inwieweit und mit welchen Zielen in der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte (WGSS), die sich in Erwartung möglicher Unruhen in »höchster Alarmbereitschaft« befunden haben soll [55], und im Ministerium für Nationale Verteidigung derweil an Plänen für militärische Maßnahmen und Operationen gearbeitet wurde, ist nicht bekannt. Zwischen beiden Armeen gab es gut funktionierende Informationsbeziehungen. An der Spitze standen Streletz und Snetkow in ständigem Kontakt; ranghohe sowjetische Militärspezialisten saßen Wand an Wand mit den Chefs der Landstreitkräfte und des Militärsbezirks bzw. dem Kommandeur der 1. Motorisierten Schützendivision, sodass ihnen nichts entgehen konnte und der Informationsfluss gewährleistet war. Die Frage, ob der Oberkommandierende der Westgruppe, Armeegeneral Boris Snetkow, Einfluss auf die Alarmierung der NVA oder lediglich Kenntnis davon nahm, ist offen. Auch deshalb wäre es eine hypothetische Spekulation, der SED- und NVA-Spitze die Absicht einer militärischen Aktion der »Berliner Gruppierung« bis hin zu einem Angriff auf West-Berlin zu unterstellen, nur weil dieses Ziel zum Übungsrepertoire der alarmierten Truppenverbände gehörte. Eine solche Absicht hätte zudem durch die Auslösung höherer Bereitschaftsstufen für weitere Verbände der NVA flankiert werden müssen. Dafür jedoch gibt es keinerlei Anhaltspunkte.

Mit welchen konkreten militärischen Absichten sie auch immer verbunden sein mochte, so eröffnete die Mobilisierung des Kernbestandes der »Berliner Gruppierung« ein Spektrum von Handlungsmöglichkeiten. Es reichte von der generellen Option, in einer als offen und unklar empfundenen Situation militärische Aktionen zum Schutz der Grenze in und um Berlin einschließlich der Schließung der Übergänge unternehmen zu können, [56] bis hin zu der begrenzten Option, mit einem bewaffneten Einschüchterungseinsatz die Lage am Brandenburger Tor zu klären.

Ein Generaloberst der NVA und Kollegiumsmitglied des Verteidigungsministeriums berichtete 1992: »... die Mauer sollte nämlich anschließend, nachdem sie kurz geöffnet wurde, durch die erste Motschützendivision wieder dicht gemacht werden. Und das haben wir hier verhindert. Generaloberst ... wollte das schon in Gang setzen, dieses Zeug. Der muß doch wohl einen Hieb haben, haben wir gedacht. Will er einen Krieg provozieren? So ein Unfug.« [57] Pläne und Gedankenspiele für die Vorbereitung eines gewaltsamen militärischen Einschreitens gleich welcher Art hat bis heute niemand offenbart; entsprechende schriftliche Hinweise sind rar. Einem Rapport der MfS-Bezirksverwaltung in Potsdam zufolge nahmen Mitarbeiter der ZK-Abteilung für Sicherheitsfragen und des MdI am 10. November an einer Versammlung der Grundorganisation der SED in der Zentralschule für Kampfgruppen in Schmerwitz bei Potsdam (Kreis Belzig) teil und deuteten in der Aussprache die Möglichkeit eines Einsatzes von Waffen zur Lagebereinigung an. In den Plänen der »Berlin-Operation« fiel besonders den gut bewaffneten Kampfgruppenbataillonen der in Grenznähe gelegenen Betriebe in Potsdam und Berlin eine herausragende Rolle zu. Doch die Mehrheit der anwesenden Kommandeure lehnte den Einsatz der Kampfgruppen ab und wies die Argumentation der ZK-Mitarbeiter zurück. Statt eine militärische Aktion zu befürworten, beschloss die Versammlung, den Ausbildungsbetrieb der Schule einzustellen. [58]

Selbst im Grenzkommando Mitte war der Befehl zur Herstellung der Erhöhten Gefechtsbereitschaft auf eine eigenwillige Umsetzung einzelner Kommandeure gestoßen. Der Kommandeur des in Kleinmachnow im Süden Berlins stationierten Grenzregimentes-42 entschied, »lediglich der Situation angemessen« in die höhere Stufe der Gefechtsbereitschaft einzutreten und sie auf eine Aktivierung der Führung und der Reserven sowie die »Präzisierung« des Einsatzes der Kräfte und Mittel zu beschränken. Die Anwendung von Gewalt wurde ausdrücklich verboten. [59]

Im Potsdamer Raum hatte die Auslösung der Stufe »Erhöhte Gefechtsbereitschaft« das in Babelsberg stationierte Grenzregiment-44 um 0.28 Uhr erreicht. Als die Passkontrolleinheit des Autobahn-Grenzübergangs Drewitz um 0.30 Uhr von der MfS-Zentrale angewiesen wurde, die Durchreise von DDR-Bürgern freizugeben, nutzten der Kommandeur und der Stabschef dieses Grenzregiments den Spielraum der Direktive, »in Abhängigkeit von der Lage« angemessen zu entscheiden, und stellten die weiteren Maßnahmen zur Durchführung dieses Befehls nach der Alarmierung und Heranziehung des Personalbestandes ihres Regiments auf eigenen Entschluss ein. [60]

Im Übrigen musste ein militärischer Alleingang der DDR ohne Unterstützung der sowjetischen Truppen und ohne politischen Flankenschutz aus Moskau von vornherein zum Scheitern verurteilt sein. Auch für die »polnische Lösung« des Jahres 1981 – die Verhängung des Ausnahmezustandes durch das Militär – bestand in der DDR keinerlei Erfolgschance. Die NVA war eine reine Parteiarmee; im Unterschied zur Widerstandsgeschichte der polnischen Armee im Zweiten Weltkrieg konnte die NVA auf keine historischen Traditionslinien verweisen, die ihr die erforderliche Legitimation und Autorität für eine eigenständige Rolle im SED-Staat verliehen hätten. So wurde die Variante, den Ausnahmezustand zu verhängen, zwar in der NVA erörtert, ihre praktische Ausführung aber etwa von Führungskadern der Volksmarine als unverantwortlich verworfen, »weil es das Ende der DDR bedeuten würde«. [61] Im Falle eines Bürgerkriegs, so die nachträgliche Einschätzung des bereits zitierten NVA-Generaloberst, hätte die Volksarmee »nicht geschlossen auf einer Seite gestanden, sondern die Truppenteile hätten sich gegenseitig totgeschossen«. [62] Die letzte Entscheidung über eine angemessene Reaktion auf den Fall der Mauer – ob politisch oder militärisch – musste aus Moskau kommen. Welche Haltung aber nahmen die politische Führung in Moskau und ihre Streitkräfte in der DDR ein?

Hans-Hermann Hertle, Sofort, unverzüglich. Die Chronik des Mauerfalls, Ch. Links Verlag, Berlin 2019
[1] Gespräch d. Vf. mit Peter Miethe, 10. 1. 1995. [2] Befehl Nr. 12/89 des Vorsitzenden des NVR der DDR über die Bildung einer operativen Führungsgruppe des Nationalen Verteidigungsrates der Deut- schen Demokratischen Republik vom 10. 11. 1989, S. 1. [3] Ebd., S. 2. [4] Es handelte sich um die drei Übergänge Drewitz / Dreilinden, Staaken / Heer- straße und Stolpe/Heiligensee. Ein »annäherndes Zählen« der West-Berliner Polizei ergab am Übergang Heiligensee von der ersten Einfahrt um 0.45 Uhr bis um 6.00 Uhr früh 272 Kfz mit 756 Personen. Vgl. Direktion 1/LD 1 (D), Betr.: Dokumentation »Offene Grenze«, 9. /10. 11. 1989 (ARCHIV POLPRÄS BLN/DEZ VB 132). [5] Information über die Entwicklung der Lage an den Grenzübergangsstellen der Hauptstadt zu West-Berlin sowie an den Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD, Berlin, 10. 11. 1989, S. 1 (BStU, ZA, MfS-Arbeitsbereich Neiber Nr. 553, Bl. 30). [6] Der Ansturm auf die Pass- und Meldeämter der Volkspolizei noch in der Nacht war so heftig, dass beispielsweise die BDVP in Potsdam bereits um 1.00 Uhr mit der Ausgabe von Visa begann, das VPKA Leipzig um 2.00 Uhr nachts und das VP-Revier Mitte in Erfurt um 6.00 Uhr öffnete (Leipziger Volkszeitung, 11. /12. 11. 1989; Neues Deutschland, 11. /12. 11. 1989). [7] Vgl. die Befehle Nr. 10 und 11/89 des Vorsitzenden des NVR der DDR über Maß- nahmen zur Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung in der Hauptstadt der DDR, Berlin, vom 1. und 3. 11. 1989 (BA/P, MZA, VA 01/39592, Bl. 269 – 276). [8] Siehe Baumgarten 2009, S. 198. [9] Gespräche d. Vf. mit Harry Möbis, 18. 8. 1992 und 11. 7. 1994. – Auch Wolfgang Herger berichtet, dass der Gedanke, ob militärisch etwas zu machen sei, zur Diskussion gestellt, aber umgehend verworfen worden sei (Gespräch d. Vf. mit Wolfgang Herger, 24. 11. 1994). [10] Als neu einzurichtende Straßenübergänge schlug der Senat am 3. November vor: Brunnenstraße, Schlesische Straße, Dammweg, Potsdamer Platz, Brandenburger Tor, Kirchhainer Damm, Ostpreußendamm, Glienicker Brücke und Falkenseer Chaussee. Vgl. (MfAA-)/Abteilung Westberlin, Bericht über die Unterredung des Genossen Walter Müller mit dem Beauftragten des Senats von Berlin (West), Senatsdirigent Gerhard Kunze, am 3. 11. 1989, Berlin, 3. 11. 1989 (BStU, ZA, MfS-SdM Nr. 255, Bl. 106 – 114). [11] Vgl. Fernschreiben Nr. 512 des Ministers des Innern an die Chefs der BdVP, 10. 11. 1989, Unterschrifts-Uhrzeit: 18.25 Uhr, Eingangsquittierung: 19.47 Uhr (BA/P, MdI 54462). Bis zum 14. November wurden in Berlin sechs GÜST neu eröffnet: Jannowitzbrücke (11. 11., 8.00 Uhr), Eberswalder Str. (11. 11., 8.00 Uhr), Puschkinallee (11. 11., 13.00 Uhr), Potsdamer Platz (12. 11., 8.00 Uhr), Wol- lankstraße (13. 11., 8.00 Uhr), Stubenrauchstr. (14. 11., 8.00 Uhr). Hinzu kamen vier GÜSt in Potsdam: Glienicker Brücke (10. 11., 18.00 Uhr), Mahlow (10. 11., 8.00 Uhr, erweitert für Kfz), Falkenseer Chaussee (13. 11., 18.00 Uhr), Teltow (14. 11., 8.00 Uhr, Philipp-Müller-Allee, heute Lichterfelder Allee). – Sowohl die Öffnung der GÜSt als auch die Einrichtung der Außenstellen der Volks- polizei an den Grenzübergängen wurde nachmittags auf einer Sondersitzung des amtierenden Ministerrates von 15.00 Uhr bis 15.55 Uhr nachbeschlossen (vgl. Protokoll der 115. Sitzung des Ministerrates am 10. 11. 1989, in: BArch/P C-20 I/3-2867, Bl. 2 und 4 f.). [12] Vgl. Gespräch d. Vf. mit Wolfgang Herger, 5. 3. 1992. [13] Erklärung des Ministers vor der »Aktuellen Kamera« am 10. 11. 1989, 16.30 Uhr (BA/P, MdI 54462). Die Erklärung wurde am 11. 11. 1989 im »Neuen Deutsch- land« abgedruckt (vgl. Innenminister Friedrich Dickel zu den neuen Reise- regelungen, in: Neues Deutschland, 11. 11. 1989, S. 1). [14] Als Innenminister Dickel um 16.30 Uhr im DDR-Fernsehen auftrat und ver- kündete: »Die Regierung der DDR steht zu ihrem Wort«, tat dies mit ihm ein Vertreter der SED-Führung, dessen politisches Wort als Minister und Mit- glied des Zentralkomitees zu diesem Zeitpunkt keinerlei Gewicht hatte und praktisch nichts mehr galt: Dickel war nicht nur bereits am 7. November mit der Regierung Stoph zurückgetreten, sondern hatte Krenz noch während der ZK-Tagung sein Rücktrittsschreiben sowohl aus dem Zentralkomitee als auch als amtierender Minister des Innern und Chef der Deutschen Volkspolizei ausgehändigt. Vgl. das Rücktrittsschreiben von Dickel an Krenz, 10. 11. 1989 (SAPMO-BArch, ZPA-SED, IV 2/1/713, Bl. 20). [15] Information über die Entwicklung der Lage an den Grenzübergangsstellen der Hauptstadt zu West-Berlin sowie an den Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD, Berlin, 11. 11. 1989, S. 2 (BStU, ZA, MfS-Arbeitsbereich Neiber 553, Bl. 42). [16] Siehe dazu weiter unten. [17] Das Dienstbuch des Operativ-Diensthabenden im Kommando der Land- streitkräfte (LaSK) enthält am 10.11.1989 folgenden Eintrag: »13.00 / pers.: O. (= Oberst) Hienzsch: durch CHS (= Chef des Hauptstabes, Streletz) wurde f. d. 1. MSD u. das LStR-40 ›EG‹ ausgelöst. 13.35 / tlf.: OpD KMB-V (= Kommando des Militärbezirks V): 13.00 Ausl. ›EG‹ 1. MSD a. (= auf) Wsg. (= Weisung) CSLASK (= Chef des Stabes der Landstreitkräfte, Generalleutnant Skerra).« (Erläuterun- gen in Klammern durch d. Vf.) Siehe: Kommando LaSK/Operativ, Dienstbuch des OpD vom 21. 10. 89 bis 1. 12. 89 (BArch/P, MZA VA-10-25899, Bl. 32). [18] Zur »Berlin-Operation« vgl. Wenzel 1993, Wenzel 1995 und Göpel 1993b. [19] Oberst i. G. Hoffmann, Korps- und Territorialkommando Ost/IV. Korps, Die Besetzung West-Berlins, o. J. (1993), S. 2 (Ms.). – Zu besetzende Vorrangob- jekte waren die Fernseh- und Rundfunksender, die Flughäfen, Satellitenfunk- anlagen sowie der Hahn-Meitner-Atomreaktor. [20] Vgl. dazu Roland Altmann, in: Koop 1993, S. 102 ff.; Wenzel 1993; Göpel 1993b. Die entsprechenden Kriegsspiele und Kommandostabsübungen wurden in den Jahren 1985 bis 1988 unter der Tarnbezeichnung »Bord- kante« durchgeführt (archiviert in: BArch/P, MZA, VA-10-22942, VA-10- 22939, VA-10-23894). [21] Oberst i. G. Hoffmann, Korps- und Territorialkommando Ost/IV. Korps, Die Besetzung West-Berlins, o. J. (1993), S. 5 (Ms.). [22] Vgl. Chronik des Luftsturmregiments-40 »Willi Sänger« vom 1. 12. 1986 bis 30. 11. 1987 (BArch/P, MZA, VA-10-26304, Bl. 30). Zur Bewaffnung und Aus- rüstung des LStR-40 siehe auch Dissberger 1992, S. 162 ff. Zu den Strukturen und Einsatzgrundsätzen des LStR-40 vgl. Seiffert 1992, S. 57 ff. [23] Befehl Nr. 105/89 des Ministers für Nationale Verteidigung über Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung anläßlich des 40. Jahresta- ges der DDR vom 27.9.1989, S. 3 (BArch/P, MZA, AZN 31908, Bl. 215). – Der Befehl 105/89 wurde von den Landstreitkräften untersetzt durch: Befehl Nr. 51/89 des Stellvertreters des Ministers und Chefs der Landstreitkräfte über Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung anläßlich des 40. Jahrestages der DDR vom 29. 9. 1989 (BArch/P, MZA, VA-10-26234, Bl. 168 – 173). Die Zielstellung des Befehls 105/89 wurde darin gleichlautend wiederholt (vgl. ebd., S. 3/Bl. 171). [24] Schreiben von Generaloberst Streletz an Generalmajor Rümmler (MfS, Leiter der AG des Ministers), 11. 10. 1989, S. 2 (BStU, ZA, MfS-Arbeitsbereich Neiber 181, Bl. 249). [25] Davon entfielen am 10. Oktober 64, am 6. November 136 Hundertschaften auf die Landstreitkräfte. Vgl. Generaloberst Streletz, Aktennotiz für den Minister für Nationale Verteidigung, Berlin, den 10. 10. 1989, S. 2, sowie die entspre- chenden Aktennotizen vom 20. 10. 1989, S. 1, und vom 6. 11. 1989, S. 2. [26] Vgl. dazu die Protokolle des Untersuchungsausschusses des MfNV vom 23. 1. 1990. Befragt wurden der Kommandeur der 1. MSD sowie neun Ange- hörige des MSR-2 in Stahnsdorf (Ordner Nr. 6/Akte Nr. 10/UA Mader). [27] Vgl. HA I/AKG, Information über das Stimmungs- und Meinungsbild der Angehörigen und Zivilbeschäftigten der NVA und der GT/DDR, Berlin, 23. Oktober 1989, S. 3 (BStU, ZA, MfS-Arbeitsbereich Neiber 181, Bl. 96). [28] Vgl. Chronik des Luftsturmregiments-40 »Willi Sänger« vom 1. 12. 1988 bis 30. 11. 1989, S. 5 (BA-MZAP, VA-10-26304, Bl. 124); Seiffert 1992, S. 50. [29] Zum Verlauf des Einsatzes vgl. Seiffert 1992, S. 49 ff. Seiffert, der letzte Kommandeur des LStR-40, irrt sich allerdings bei seinen Zeitangaben. – Die Enttäuschung über den Befehl, nicht auszurücken, sei bei vielen Fallschirmspringern groß gewesen, berichtet ein Soldat im Grundwehrdienst des LStR-40 (vgl. J. A., Mit Gummiknüppeln für das Wohl des Volkes. Über Fallschirmjäger bei der entscheidenden Montagsdemo in Leipzig, in: DDR – die Wende zum Ende, o. J. (1990), S. 34 f.). [30] Zur Mitnahme der Waffen siehe die Aussagen von Soldaten des MSR-2 in Stahnsdorf, darunter die des Kommandeurs. Das MSR-2 verlegte am 4. 11. 1989 drei Hundertschaften nach Berlin (vgl. Ordner Nr. 6/Akte Nr. 10/ UA Mader). [31] Vgl. Schreiben von Heinz Keßler an Egon Krenz, 10. 11. 1989: Information zur Lage im Verantwortungsbereich des Ministeriums für Nationale Verteidigung mit Stand 10. 11. 1989, 04.00 Uhr. [32] Die von Streletz angegebene Uhrzeit ist auf etwa 12.45 Uhr zu korrigieren, da Stechbarth den Befehl sofort in sein Kommando durchstellte und die 1. MSD von dort unverzüglich alarmiert wurde. [33] Streletz 1995, S. 902. – Horst Stechbarth hat die Details der Befehlsübergabe in folgender Erinnerung: Streletz habe ihn aus der laufenden ZK-Sitzung herausgeholt und ihm mitgeteilt, er müsse »EG« in der 1. MSD und im LStR-40 herstellen. Die Zielstellung habe allgemein gelautet, die Grenztruppen zu unterstützen. Als er Streletz gerade die Frage gestellt habe: »Mit schweren Waffen?«, sei Willi Stoph hinzugekommen und habe sich in ihr Gespräch eingemischt: »Aber auf keinen Fall Panzer, Artillerie und schwere Waffen. Und nur LKW für den Transport benutzen.« Auf den Einwand Stechbarths, dass er dann die LKW entmunitionieren müsse, habe Stoph geantwortet: »Gut, dann nimm’ SPW dazu.« Weil Stoph im Bilde schien, so Stechbarth, habe er damals geglaubt, die Erhöhte Gefechtsbereitschaft sei im Politbüro beschlossen worden (Gespräche d. Vf. mit Horst Stechbarth, 12. 12. 1994 und 18. 7. 1995). Vgl. auch Stechbarth 2006, S. 219. [34] Gespräch d. Vf. mit Horst Stechbarth, 12. 12. 1994, und mit Horst Skerra, 9. 9. 1995. [35] Schriftliche Dokumente mit dem Wortlaut des Befehls in der von Fritz Streletz bezeichneten Fassung liegen nicht vor und wurden nach dessen Auskunft im Hauptstab auch nicht angefertigt. Die Mitteilungen von Stechbarth und Skerra bestätigen die von Streletz genannten Einschränkungen; der Eintrag des Operativ-Diensthabenden im Kommando der LaSK zeigt jedoch, dass sie nicht wirksam wurden, denn Einschränkungen hätten im Dienstbuch festgehalten werden müssen. [36] So die Absicht laut Streletz (vgl. Fritz Streletz, in: Hertle 1995c, S. 908). [37] Vgl. Klaus-Dieter Baumgarten, in: Hertle 1995c, S. 907. [38] Die Modalitäten der Erhöhten Gefechtsbereitschaft waren geregelt in der Direktive Nr. 3/85 des Ministers für Nationale Verteidigung über die Gefechtsbereitschaft der NVA vom 28. 8. 1985 (BArch/P, MZA, Strausberg AZN 32113, Bl. 9). Zu den drei Stufen der Gefechtsbereitschaft – »Erhöhte Gefechtsbereitschaft«, »Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr« und »Volle Gefechtsbereitschaft« – siehe auch: Göpel 1993a, Göpel 1993b sowie Löffler 1992, S. 101 ff. [39] Vgl. dazu die vollständige Abschrift des Interviews von Thomas Heise (Spie- gel-TV) mit Peter Priemer im Juli 1995 (Archiv Spiegel-TV). [40] Hanns-Christian Catenhusen, Leserbrief zum Mauerfall, in: Die Zeit 49, 1. 12. 1995. [41] Ebd. sowie Gespräch d. Vf. mit Hanns-Christian Catenhusen, 3. 1. 1996. [42] Die folgenden Ausführungen beruhen auf Gesprächen d. Vf. mit Dietmar Landmann am 21. 4. 1994 und mit Dr. Rolf Schönfeld am 16. 4. 1994. [43] Im militärischen Sprachgebrauch ist ein Zyklogramm ein zeitlich gegliedertes Ablaufschema vorschriftsmäßig durchzuführender Maßnahmen. [44] Selbstfahrlafetten sind hochbewegliche, gepanzerte Fahrzeuge mit Kettenantrieb, auf denen Kanonen, Haubitzen oder andere Geschütze aufgebaut sind. Sie dienen im Gefecht zur Feuerunterstützung der Panzer und motorisierten Schützen, zur Panzerbekämpfung sowie zur Luftabwehr (vgl. Militärlexikon 1973, S. 337 f.). [45] Neben der persönlichen Bewaffnung mit Maschinenpistolen verfügte jedes der sieben Regimenter des GKM über eine Granatwerfer- und eine Kanonen- batterie mit jeweils sechs Geschützen und einen Flammenwerferzug mit 15 tragbaren Flammenwerfern. Das GKM rechnete insgesamt 579 Schützenpanzerwagen, 48 Granatwerfer (120 mm), 48 Kanonen (85 mm), 114 Flammenwerfer, 682 Panzerbüchsen, 2753 Pistolen, 10 726 Maschinenpistolen sowie 600 leichte und schwere Maschinengewehre zu seiner Kampfausrüstung. Vgl. Chronik des Grenzkommandos Mitte für das Ausbildungsjahr 1988/89, GVS-Nr. G 213286 (BArch/P, MZA, GTÜ 1991 AZN 17959); Grenztruppen der DDR/Grenzkommando Mitte, Auskunftsbericht zu den Aufgaben, den Bestand, die Ausrüstung, zum Grenzabschnitt und den Ergebnissen der Grenzsicherung des Grenzkommandos Mitte, O. U., den 8. 12. 1988, VVS-Nr. G 819559 (BArch/P, MZA, GTÜ 1991 AZN 17945). [46] Vgl. Ministerrat der DDR / Ministerium für Nationale Verteidigung, Direk- tive Nr. 4/85 des Ministers für Nationale Verteidigung über die Gefechts- bereitschaft der Grenztruppen der DDR vom 28. 8. 1985, GVS-Nr. A 456004 (BArch/P, MZA, Strausberg AZN 31916, Bl. 19ff.). [47] Vgl. ebd., Bl. 24 – 28. [48] Vgl.MRderDDR/MfS/DerMinister,Diensteinheiten/Leiter,VVS-o008,MfS Nr. 80 / 89, Berlin, 25. 10. 1989 (BStU, ZA, MfS-RS 678, Bl. 76 f.). [49] MR der DDR / MfS / Der Minister, Stellvertreter des Ministers / Diensteinhei- ten/Leiter, Berlin, 10. 11. 1989, BdL 312/89 (BStU, ZA, Dok.-Nr. 103637). [50] Mit einem Ist-Personalbestand von 11 426 Mann (per 31. 10. 1989) hatte das MfS-Wachregiment »Feliks E. Dzierzynski« die Stärke einer NVA-Division (vgl. BStU, ZA, MfS-SdM 636, Bl. 17). [51] Bewaffnete Kräfte der USA, Frankreichs und Großbritanniens in West-Berlin nach Angaben des Grenzkommandos Mitte (Grenztruppen der DDR/Grenzkommando Mitte, Auskunftsbericht zu den Aufgaben, den Bestand, die Ausrüstung, zum Grenzabschnitt und den Ergebnissen der Grenzsicherung des Grenzkommandos Mitte, O. U., den 8. 12. 1988, VVS-Nr. G 819559 (BArch/P, MZA, GTÜ 1991 AZN 17945, Bl. 10). [52] Zur Reaktion der NATO und der Streitkräfte der westlichen Alliierten in Berlin vgl. die im Aktenbestand des stellvertretenden Stasi-Ministers Mittig überlieferten Informationen der Hauptabteilung III des MfS (BStU, ZA, MfS-Arbeitsbereich Mittig Nr. 38) sowie die Lageübersichten der HA III (BStU, ZA, MfS-HA III 858). [53] Information G/045135/11/11/89/01 (»Aktivitäten der westlichen Alliierten«), S. 7 (BStU, ZA, MfS, Arbeitsbereich Mittig Nr. 38, Bl. 34). [54] Information G/045135/11/11/89 / 01 (»Gegnerische Sicherheitsorgane«), S. 9 (BStU, ZA, MfS, Arbeitsbereich Mittig Nr. 38, Bl. 36). [55] Iwan N. Kusmin, Da wußten auch die fähigsten Tschekisten nicht weiter, in: Frankfurter Allgemeine, 30. 9. 1994, S. 14. Ein Überblick über Äußerungen zur (möglichen) Befehlslage der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte im Herbst 1989 findet sich bei Uhl 2014, S. 154 ff. [56] Die »offene« Auslösung der Erhöhten Gefechtsbereitschaft am Tage spricht nicht gegen diese These, da eine »gedeckte und überraschende Handlung«, die Streletz zufolge allein den Erfolg einer militärischen Maßnahme zur Schließung der Grenze garantiert hätte (vgl. Streletz 1995, S. 904), selbst am Abend des 10. November angesichts des enormen Verkehrsaufkommens nicht möglich gewesen wäre. [57] Auszug aus einem transkribierten Expertengespräch (Generaloberst der NVA, August 1992), in: Knabe 1994, S. 239 (Auslassung im Original). [58] Vgl. den Bericht der MfS-Bezirksverwaltung Potsdam über die SED-GO-Versammlung der Zentralschule für Kampfgruppen Schmerwitz, in: Bezirks- verwaltung Potsdam, Rapport 314/89 vom 10.11.89, 6.00 Uhr, bis 11.11.89, 6.00 Uhr (BStU, ASt. Potsdam, AKG 1750, Bl. 54). – Der letzte Leiter der Zentralschule der Kampfgruppen »Ernst Thälmann«, Horst Grade, hat diesen Vorgang im Jahr 2009 bestätigt und darüber hinaus angemerkt: »Es gab bei einigen Parteifunktionären die Überlegung, die Situation in der DDR durch einen Ausnahmezustand zu bereinigen.« (»Dann haben wir Bürgerkrieg«. Wie Horst Grade, Leiter der Kampfgruppenschule in Schmerwitz, im Wendejahr 1989 auf die Situation in der DDR reagierte, in: Märkische Allgemeine Zei- tung, 21. 11. 2009). Siehe dazu auch Bröckermann 2012, S. 149. [59] Vgl. Grenztruppen der DDR/GR-42, Chronik des Grenzregiments-42 ab 10.11.1989 (BArch/P, MZA, GTÜ AZN 6894, Bl. 132). [60] Vgl. Chronik des Grenzregiments-44 »Walter Junker«, 31. 10. 1989 bis 31. 8. 1990 (BArch/P, MZA, GTÜ AZN 6897, Bl. 7 f.). [61] HA I/AKG, Information über das Stimmungs- und Meinungsbild der Angehörigen und Zivilbeschäftigten der NVA und GT/DDR, Berlin, 8.11.1989, S. 2 (BStU, ZA, MfS-Arbeitsbereich Neiber Nr. 181, Bl. 51). [62] Auszug aus einem transkribierten Expertengespräch (Generaloberst der NVA, August 1992), in: Knabe 1994, S. 240.
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