Hans-Hermann Hertle, 9. November 1989, 17.30 Uhr: Vorbereitung der Pressekonferenz von Günter Schabowski
Hans-Hermann HertleSofort, unverzüglich
Die Chronik des Mauerfalls
Ch. Links Verlag, Berlin 2019
Als Krenz den Entwurf des Reiseverordnungstextes im Zentralkomitee vortrug, hielt sich Günter Schabowski nicht im Tagungssaal auf. Am Vortag war er im Politbüro in die Nachfolge Joachim Herrmanns eingetreten und amtierte nun als für die Medien zuständiger Sekretär des ZK; deshalb war er »bei den Beratungen abwechselnd drin und draußen, weil ich viel mit den Journalisten zu regeln hatte«. [1] Drei Diskussionsredner waren nach Krenz im Plenum zu Wort gekommen, gut sechzig Minuten vergangen, als sich Schabowski zwischen 17.00 und 17.30 Uhr bei Krenz zu seiner Pressekonferenz über Verlauf und Ergebnisse des ZK-Plenums abmeldete, die für 18.00 Uhr im Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße angesetzt war. Dem Zeitpunkt der Pressekonferenz lag noch die Planung zugrunde, dass die ZK-Tagung zu dieser Uhrzeit beendet sein würde. Schabowski erkundigte sich vor seinem Abgang nach mitteilenswerten Neuigkeiten für seinen Pressetermin und erhielt von Krenz dessen Exemplar der Ministerrats-Vorlage über die Reiseregelung [2], deren Bekanntgabe er eigentlich kurz zuvor dem Regierungssprecher angetragen hatte.
Welchen Rat gab Krenz Schabowski bezüglich der Präsentation dieser Neuigkeit mit auf den Weg? »Was wir auch machen, wir machen einen falschen Schritt« und »Wie wir’s machen, machen wir’s verkehrt«, hatte er den Verordnungstext eine gute Stunde zuvor im Plenum kommentiert. Lag es nicht in der Logik dieser Einschätzung, Schabowski zu instruieren, die Nachricht möglichst unauffällig abzusetzen? Sollte man etwa die Weltpresse noch selbst darauf stoßen, dass die SED-Führung wieder einmal gezwungen worden war, äußerem Druck – in diesem Fall seitens der ČSSR-Regierung – nachzugeben und den Zeitplan für die Beratung des erst drei Tage zuvor veröffentlichten Reisegesetz-Entwurfs stillschweigend zu makulieren?
Krenz und Schabowski wollen im Nachhinein eine andere Version glauben machen. Die Übergabe des Papiers an Schabowski, erinnerte sich Krenz später, habe er mit dem Hinweis verbunden, das sei »die Weltnachricht«. [3]
Egon Krenz, SED-Generalsekretär:
»... kleiner Fehler mit großen Folgen«
»Das Entscheidende war, daß in der Pressemitteilung stand, ab morgen, also ab 10. November, tritt das in Kraft. Und man hätte, und das wäre nun schon die Aufgabe derer gewesen, die sich damit konkret beschäftigt hatten, man hätte einfach in dieser Pressemitteilung sagen können, die Verordnung tritt ab morgen in Kraft. Das ist der einzige, was heißt der einzige, das ist ein kleiner Fehler oder ein kleines Mißverständnis mit schwerwiegenden und großen Folgen gewesen. (...) Ich habe ja auch dann, als Schabowski sich bei mir abmeldete, daß er zur Pressekonferenz gehen wolle, ihm mein Exemplar der Verordnung, das ich vorgelesen hatte, gegeben und gesagt, du, das wird doch die Weltnachricht! Also ich gehe natürlich davon aus, daß einer, der zu einer solchen Pressekonferenz geht, sich dann auch das, was wir beschlossen haben, durchliest.« Gespräch von Gunther Scholz mit Egon Krenz, 4. 12. 1998, zit. nach Hertle/Elsner 2009, S. 39
»... kleiner Fehler mit großen Folgen«
»Das Entscheidende war, daß in der Pressemitteilung stand, ab morgen, also ab 10. November, tritt das in Kraft. Und man hätte, und das wäre nun schon die Aufgabe derer gewesen, die sich damit konkret beschäftigt hatten, man hätte einfach in dieser Pressemitteilung sagen können, die Verordnung tritt ab morgen in Kraft. Das ist der einzige, was heißt der einzige, das ist ein kleiner Fehler oder ein kleines Mißverständnis mit schwerwiegenden und großen Folgen gewesen. (...) Ich habe ja auch dann, als Schabowski sich bei mir abmeldete, daß er zur Pressekonferenz gehen wolle, ihm mein Exemplar der Verordnung, das ich vorgelesen hatte, gegeben und gesagt, du, das wird doch die Weltnachricht! Also ich gehe natürlich davon aus, daß einer, der zu einer solchen Pressekonferenz geht, sich dann auch das, was wir beschlossen haben, durchliest.« Gespräch von Gunther Scholz mit Egon Krenz, 4. 12. 1998, zit. nach Hertle/Elsner 2009, S. 39
Und Schabowskis Gedächtnis zeigte sich in dieser Hinsicht exakt auf die Erinnerungsarbeit des Generalsekretärs justiert. Er meinte, von Krenz im Ohr behalten zu haben: »Gib das bekannt. Das wird ein Knüller für uns!« [4]
Was Krenz dazu bewogen haben könnte, Schabowski einen »falschen Schritt« als Weltnachricht anzubieten, gab er bislang nicht preis. Und Schabowski hielt das innerhalb einer Stunde zu einem angeblichen »Knüller« mutierte Papier für so bedeutend, dass er es zunächst unbesehen in seine Unterlagen mischte. Nahm er sich vor Beginn der Pressekonferenz überhaupt noch die Zeit, einen Blick auf »die Weltnachricht« zu werfen? [5] »Ich bin ins Pressezentrum gefahren und habe mir das Papier nicht mehr durchgelesen«, sagte Schabowski im April 1990. [6] Und acht Monate später bestätigte er: »Tatsächlich las ich den Text erstmals, als die TV-Kameras schon liefen.« [7]
Arm an sonstigen Erfolgsmeldungen und gewieft im Umgang mit den Medien, hätte es sich der langjährige Chefredakteur des »Neuen Deutschland« wohl kaum nehmen lassen, eine »Weltnachricht« – so er sie tatsächlich als »Knüller« empfunden hätte – akzentuiert und gut platziert zu präsentieren. Doch alles spricht dafür, dass Schabowski in völliger Unkenntnis über den genauen Inhalt der Zeitbombe war, die in seinen Unterlagen tickte. [8] Als Strategie für den Ablauf seines Presseauftrittes legte er in seinem handschriftlichen Fahrplan fest, den Text der Reiseregelung erst »kurz vor Schluß am Ende der Debatte« zu verlesen und dabei zu betonen, dass es sich um kein Politbüro-Papier, sondern eine echte Ministerratsentscheidung handle. [9] Und warum gab er die Regelung nicht gleich zu Beginn bekannt? Sein taktisches Empfinden und seine Bewertung damals seien gewesen: Er werde doch nicht die Korrektur des Reisegesetz-Entwurfs von vor drei Tagen an den Anfang stellen und damit der versammelten Weltpresse zeigen, die neue SED-Führung sei so verworren und so wenig überlegt und sicher in ihren Entscheidungen, dass sie sich schon wieder korrigieren müsse. Deshalb habe er das Wichtige zuerst ansprechen wollen, also zum Beispiel, wie sie ihre Kaderentscheidungen getroffen hätten. Und dann zum Schluss die Reiseregelung verlesen – und zwar ohne große Debatte deshalb, um nicht erklären zu müssen, es habe so viel negative Resonanz auf den Reisegesetz-Entwurf gegeben, dass sie sich zu einer Korrektur genötigt gesehen hätten. Stattdessen habe er mit dieser Präsentation am Ende der Pressekonferenz deutlich machen wollen, so Schabowski, sie hätten noch ein Ding in petto. [10]
Quelle: Hans-Hermann Hertle, Sofort, unverzüglich. Die Chronik des Mauerfalls, Ch. Links Verlag, Berlin 2019
[1]
Günter Schabowski, in: Hertle u. a. 1990, S. 39. Sinngemäß hat sich Schabowski auch in seinen Memoiren geäußert (vgl. Schabowski 1991, S. 306).
[2]
Wolfgang Herger und Siegfried Lorenz, die während der ZK-Tagung im Präsidium die Sitzplätze neben Krenz einnahmen, bestätigen die Übergabe des Papiers an Schabowski im Plenarsaal. Die gelegentlich kolportierte Behauptung, Schabowski sei der verlesene Zettel erst während der Pressekonferenz zugesteckt worden (so etwa Guido Knopp, in: Aanderud 1991, S. 7 und S. 116), möglicherweise gar vom KGB, ist eindeutig falsch.
[3]
Krenz 1990, S. 182.
[4]
Schabowski 1991, S. 306; Schabowski, in: Hertle u. a. 1990, S. 39.
[5]
Meine früheren Darstellungen gingen von dieser Annahme aus. (Vgl. Hertle 1995 b). Sie wird im Folgenden auf der Grundlage neu hinzugezogener Quellen verworfen.
[6]
Günter Schabowski, in: Hertle u. a. 1990, S. 39. – Auch der »Spiegel«-Reporter Cordt Schnibben, der Schabowski im Frühjahr 1990 ausführlich befragte, veröffentlichte als Ergebnis in seiner Reportage: »Schabowski liest den Zettel weder im ZK noch im Auto.« (Der Spiegel Nr. 18, 30. 4. 1990, S. 208).
[7]
Günter Schabowski, »Egon, das Ding ist gelaufen, mach dir mal keen Kopp«, in: Der Morgen, 7. 12. 1990, S. 21. – Zwei Jahre später vollzog Schabowski jedoch einen Erinnerungswechsel und gab nun an, den Text im Dunklen während der maximal fünfminütigen Fahrt vom ZK-Gebäude zum Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße durchgesehen zu haben: »Auf dem Wege zur Pressekonferenz habe ich im Auto das Papier überflogen und fand, wenn auch verklausuliert, es ist sozusagen ›das Ding‹« (Günter Scha- bowski, in: Protokoll der 25. Sitzung der Enquete-Kommission, 26. 1. 1993). Außenhandelsminister Gerhard Beil, der Günter Schabowski auf der Fahrt ins Pressezentrum begleitete und als Podiumsteilnehmer an der Pressekonferenz teilnahm, hat demgegenüber erklärt, dass Günter Schabowski im Auto nichts gelesen habe (Mitteilung von Peter Brinkmann an den Vf.).
[8]
Davon zeugen die konfusen Informationen und die Hilflosigkeit, mit der Schabowski während der Pressekonferenz auf Nachfragen reagierte. Schon die Ausführungen von Schabowski vor den ersten Zwischenrufen zeigen, dass er den Verordnungstext tatsächlich nicht kannte und irrtümlich der Ansicht war, dass aus dem Entwurf des Reisegesetzes nur der Passus herausgenommen worden war und in Kraft treten sollte, der »die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik«. Darüber hinaus teilte er als seine Ansicht mit – und sprach dabei in der Aufregung die Journalisten als »Genossen« an (»also, Genossen, mir ist das hier also mitgeteilt worden«) –, dass die ihm neben der Verordnung ebenfalls von Krenz mitgegebene Pressemitteilung »heute schon (äh) verbreitet worden ist. Sie müßte eigentlich in Ihrem Besitz sein« – was nicht der Fall war. Und schließlich tat er auf Nachfragen während der Pressekonferenz noch kund, dass »ich nun in dieser Frage nicht, also, ständig auf dem Laufenden bin, sondern kurz, bevor ich rüberkam (ins Pressezentrum in der Mohrenstraße, d. Vf.), diese Information in die Hand gedrückt bekam« – um nur die offensichtlichsten Belege für Schabowskis völlige Unkenntnis des Verordnungstextes aufzulisten (siehe die Belege für die Zitate weiter unten).
[9]
Günter Schabowski, Für PK, o. D., handschriftliche Aufzeichnung.
[10]
Gespräch d. Vf. mit Günter Schabowski, 24. 1. 1993. – Günter Schabowski hat diese Begründung für die Platzierung der Reiseverordnung am Schluss (»Eingeständnis einer hastigen Pannenkorrektur«) und auch für sein schnelles Lesetempo später wieder aufgegriffen: »Ich habe diese Formulierung in schnellem Tempo vorgelesen, weil ich vor der Öffentlichkeit nicht auch noch betonen wollte, dass das ein Schritt aus der Bedrängnis war« (Schabowski 2009, S. 31).