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Hans-Hermann Hertle, 9. November 1989, 18.00 Uhr: Schabowskis Auftritt

Hans-Hermann Hertle
Sofort, unverzüglich
Die Chronik des Mauerfalls

Ch. Links Verlag, Berlin 2019

Die Pressekonferenzen, die Schabowski an den Sitzungstagen des Zentralkomitees zwischen 18.00 und 19.00 Uhr im Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße abhielt, wurden vom DDR-Fernsehen live übertragen. Sie waren zeitlich so angesetzt, dass die Neuigkeiten in den Abendnachrichten der Fernsehanstalten, an erster Stelle natürlich der »Aktuellen Kamera« des DDR-Fernsehens, gesendet werden konnten. Allein ihr Stattfinden war eine kleine Sensation: Ein Mitglied des Politbüros ließ ungefiltert Fragen an sich herankommen und stand Journalisten aus aller Welt Rede und Antwort. Das hatte es in der DDR noch nicht gegeben.

Als Schabowski am Vortag über den Rücktritt des Politbüros und dessen Neuwahl berichtet hatte, knisterte es im Saal vor Spannung. Doch am 9. November lief alles anders. [1] Schabowski, in Begleitung der ZK-Mitglieder Helga Labs, Vorsitzende der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung, Außenhandelsminister Gerhard Beil sowie Manfred Banaschak, spulte seinen Fahrplan ab. Langatmig und inhaltsarm referierte er über die Diskussion auf dem ZK-Plenum sowie über den Wahlmodus und die Zielsetzung einer für Dezember anstatt eines Parteitages einberufenen Parteikonferenz, bevor er Allgemeines über das SED-Aktionsprogramm und den möglichen Inhalt eines neuen Wahlgesetzes und dessen Folgen verbreitete. Als wollte er die Langeweile, die die Journalisten erfasste, mit einer Dosis Betäubungsmittel vertreiben, ließ Schabowski im Beiprogramm auch noch den Chefredakteur des SED-Theorieorgans »Einheit«, Manfred Banaschak, der kurz zuvor schon im Zentralkomitee durch einen Tiefschlaf aufgefallen war, langweilende Worthülsen verstreuen.

Tom Brokaw, Anchorman der NBC:

»Signal aus dem Weltall«

»Die Pressekonferenz lief, und irgendwann waren wir alle gelangweilt von dem typischen Monolog eines kommunistischen Politikers, dessen Antworten nach unserer Meinung keiner Überprüfung standgehalten hätten. Und dann begann er diesen Zettel vorzulesen. Ich hatte eine deutsche Kamera-Crew, die ihr Leben lang mit der DDR gelebt hatte, und die waren plötzlich alle hellwach. Auch der AP-Korrespondent neben mir, der die ganze Zeit gedöst hatte, war plötzlich hellwach. Ich habe das später in der ›New York Times‹ beschrieben: Es war, als hätte ein Signal aus dem Weltall den Raum elektrisiert. Die Reporter sahen sich alle an und fragten sich: ›Habe ich das richtig gehört? Stimmt die Übersetzung?‹« Gespräch mit Tom Brokaw, 4. 11. 1998


Doch um sieben Minuten vor sieben bekam Riccardo Ehrman, der Chefkorrespondent der italienischen Nachrichtenagentur ANSA, das Mikrophon. Schon seit einiger Zeit hatte er sich vergeblich zu Wort gemeldet. Seine Frage nach dem Reisegesetz erfolgte nicht zufällig, wie er 20 Jahre danach entgegen früherer Äußerungen selbst offenbarte. Günter Pötschke, ADN-Generaldirektor und zugleich ZK-Mitglied, habe ihn kurz vor der Pressekonferenz »gebrieft«, sie zu stellen, und hinzugefügt, das »sei sehr, sehr wichtig«. [2] Wie die meisten im Zentralkomitee war Pötschke überzeugt, dass die Reiseregelung der SED Luft verschaffen und durch die Visaerteilung zugleich alles unter Kontrolle verlaufen würde. [3]

Günter Schabowski wies entschieden zurück, an dieser Absprache beteiligt gewesen zu sein. Doch um Ehrman das Wort zu erteilen, würgte er die Frage eines anderen Journalisten ab. Und so erhielt Schabowski »kurz vor Schluss« der Pressekonferenz, wie auf seinem handschriftlichen Fahrplan vorgesehen, von Ehrman das passende Stichwort zur rechten Zeit. Die Antwort Schabowskis verfolgte Pötschke mit zunehmendem Entsetzen:

(18:52:40 Uhr)
»Daniel Johnson, Journalist, Daily Telegraph: Herr Schabowski, Johnson, ...

Günter Schabowski: ... entschuldigen Sie! Jetzt Sie, jetzt erst mal der italienische Kollege!

Ein anderer Journalist: (leise) Ich war eigentlich viel früher dran!

Riccardo Ehrman, Journalist, ANSA: Ich heiße Riccardo Ehrman, ich vertrete die italienische Nachrichtenagentur ANSA. Herr Schabowski, Sie haben von Fehler gesprochen. Glauben Sie nicht, daß es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetzentwurf, das Sie haben jetzt vorgestellt vor wenigen Tagen?

Günter Schabowski: Nein, das glaube ich nicht (äh). Wir wissen um diese Tendenz in der Bevölkerung, um dieses Bedürfnis der Bevölkerung, zu reisen oder die DDR zu verlassen. Und (äh) wir haben die Überlegung, daß wir alle die Dinge, die ich hier vorhin beantwortet habe oder zu beantworten versucht habe auf die Frage des TASS-Korrespondenten, nämlich eine komplexe Erneuerung der Gesellschaft (äh) zu bewirken und dadurch letztlich durch viele dieser Elemente (äh) zu erreichen, daß Menschen sich nicht genötigt sehen, in dieser Weise ihre persönlichen Probleme zu bewältigen.

Das sind aber, wie gesagt, viele Schritte, und (äh) man kann sie nicht alle zur gleichen Zeit einleiten. Es gibt eine Abfolge von Schritten, und die Chance, also durch Erweiterung von Reisemöglichkeiten, die Chance also, durch die Legalisierung und Vereinfachung der Ausreise, die Menschen aus einer (äh), sagen wir mal, psychologischen Drucksituation zu befreien, – viele dieser Schritte sind ja im Grunde unüberlegt erfolgt. Das wissen wir, ja, durch Gespräche, durch Bedürfnisse, jetzt wieder zurückzukommen (äh), durch Gespräche mit Menschen, die sich in der BRD jetzt in einer ungemein komplizierten Lage befinden, weil die BRD große Schwierigkeiten hat, diese Flüchtlinge unterzubringen. Also, die Aufnahmekapazität der BRD ist im Grunde erschöpft. Es sind schon mehr als, oder weniger als Provisorien (äh), mit denen diese Menschen zu rechnen haben, wenn sie dort untergebracht werden. (Äh) Die Unterbringung ist aber das Geringste für den Aufbau einer Existenz. Entscheidend, wesentlich ist das Finden von Arbeit ...

Gerhard Beil: (leise) ... die Integration ...

Günter Schabowski: ... ja, und die notwendige Integration in diese Gesellschaft, die weder dann gegeben ist, wenn man in einem Zelt haust oder in einer Notunterkunft oder als Arbeitsloser dort rumhängt.

Also, wir wollen durch eine Reihe von Umständen, dazu gehört auch das Reisegesetz, die Chance also der souveränen Entscheidung des Bürgers zu reisen, wohin er will. (Äh) Wir sind natürlich (äh) besorgt, daß also die Möglichkeit dieses Reisegesetzes, – es ist ja immer noch nicht in Kraft, es ist ja ein Entwurf.

Allerdings ist heute, soviel ich weiß (blickt bei diesen Worten zustimmungsheischend in Richtung Labs und Banaschak), eine Entscheidung getroffen worden. Es ist eine Empfehlung des Politbüros aufgegriffen worden, daß man aus dem Entwurf des Reisegesetzes den Passus herausnimmt und in Kraft treten lässt, der stän... – wie man so schön sagt oder so unschön sagt – die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik. Weil wir es (äh) für einen unmöglichen Zustand halten, daß sich diese Bewegung vollzieht (äh) über einen befreundeten Staat (äh), was ja auch für diesen Staat nicht ganz einfach ist. Und deshalb (äh) haben wir uns dazu entschlossen, heute (äh) eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht (äh), über Grenzübergangspunkte der DDR (äh) auszureisen.

Frage: (Stimmengewirr) Das gilt ...?

Riccardo Ehrman, Journalist, ANSA: Ohne Paß? Ohne Paß? – (Nein, nein!)

Krzysztof Janowski, Journalist, Voice of America: Ab wann tritt das ...? (...Stimmengewirr...)Ab wann tritt das in Kraft?

Günter Schabowski: Bitte?

Peter Brinkmann, Journalist, Bild-Zeitung: Ab sofort? Ab ...?

Günter Schabowski: ... (kratzt sich am Kopf) Also, Genossen, mir ist das hier also mitgeteilt worden (setzt sich, während er weiterspricht, seine Brille auf), daß eine solche Mitteilung heute schon (äh) verbreitet worden ist. Sie müßte eigentlich in Ihrem Besitz sein. Also (liest sehr schnell vom Blatt): »Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse – beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der VP – der Volkspolizeikreisämter – in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen.

Riccardo Ehrman, Journalist, ANSA: Mit Paß?

Günter Schabowski: (Äh) (liest) »Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen. [4] Damit entfällt die vorübergehend ermöglichte Erteilung von entsprechenden Genehmigungen in Auslandsvertretungen der DDR bzw. die ständige Ausreise mit dem Personalausweis der DDR über Drittstaaten.« (Blickt nach rechts in Richtung Fragesteller) (Äh) Die Paßfrage kann ich jetzt nicht beantworten (blickt fragend in Richtung Labs und Banaschak). Das ist auch eine technische Frage. Ich weiß ja nicht, die Pässe müssen ja, ... also damit jeder im Besitz eines Passes ist, überhaupt erst mal ausgegeben werden. Wir wollten aber ...

Manfred Banaschak: Entscheidend ist ja die inhaltliche Aussage ...

Günter Schabowski: ... ist die ...

Ralph T. Niemeyer, Journalist, DAPA [5]: Wann tritt das in Kraft?

Günter Schabowski: (blickt nach links in Richtung Fragesteller, blättert in seinen Papieren) Das tritt, nach meiner Kenntnis ist das sofort, (leiser Zuruf: unverzüglich), unverzüglich (blättert weiter in seinen Unterlagen) ...

Helga Labs: (leise) ... unverzüglich.

Gerhard Beil: (leise) Das muß der Ministerrat beschließen.

Krzysztof Janowski, Journalist, Voice of America: Auch in Berlin? (... Stimmengewirr ...)

Peter Brinkmann, Journalist, Bild-Zeitung: Sie haben nur BRD gesagt, gilt das auch für West-Berlin?

Günter Schabowski:(liest schnell vor) »Wie die Presseabteilung des Ministeriums ..., hat der Ministerrat beschlossen, daß bis zum Inkrafttreten einer entsprechenden gesetzlichen Regelung durch die Volkskammer diese Übergangsregelung in Kraft gesetzt wird.«

Peter Brinkmann, Journalist, Bild-Zeitung: Gilt das auch für Berlin-West? Sie hatten nur BRD gesagt.

Günter Schabowski: (blickt nach rechts Richtung Fragesteller, zuckt mit den Schultern, verzieht dazu die Mundwinkel nach unten, schaut in seine Papiere.) Also (Pause) , doch, doch (liest vor) : »Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu Berlin-West erfolgen.«

Krzysztof Janowski, Journalist, Voice of America: (Stimmengewirr) Und eine Frage, auch: Heißt das, daß, daß ab sofort die DDR-Bürger ... (stellt sich vor:) Krzysztof Janowski, Voice of America – heißt das, daß ab sofort die DDR-Bürger durch die Tschechoslowakei oder Polen nicht ausreisen dürfen?

Günter Schabowski: Nein, das ist darin überhaupt nicht formuliert. Sondern wir hoffen, daß sich auf diese Weise (äh) diese Bewegung selbst reguliert in dem Sinne, wie wir das erstreben.

Frage: (Stimmengewirr, unverständliche Frage).

Günter Schabowski: Ich habe nichts Gegenteiliges gehört.

Frage: (Stimmengewirr, unverständlich).

Günter Schabowski: Ich habe nichts Gegenteiliges gehört.

Frage: (Stimmengewirr, unverständlich).

Günter Schabowski: Ja, ich habe nichts Gegenteiliges gehört. Ich drücke mich nur so vorsichtig aus, weil ich nun in dieser Frage nicht, also, ständig auf dem Laufenden bin, sondern kurz, bevor ich rüberkam, diese Information in die Hand gedrückt bekam.

(Einige Journalisten verlassen eilig den Raum.)

Daniel Johnson, Journalist, Daily Telegraph: Herr Schabowski, was wird mit der Berliner Mauer jetzt geschehen?

Günter Schabowski: Ich werde darauf aufmerksam gemacht, daß es 19.00 Uhr ist. Es ist die letzte Frage, ja! Haben Sie Verständnis dafür.

(Äh) Was wird mit der Berliner Mauer? Es sind dazu schon Auskünfte gegeben worden im Zusammenhang mit der Reisetätigkeit. (Äh) Die Frage des Reisens, (äh) die Durchlässigkeit also der Mauer von unserer Seite, beantwortet noch nicht und ausschließlich die Frage nach dem Sinn, also dieser, ich sag’s mal so, befestigten Staatsgrenze der DDR. (Äh) Wir haben immer gesagt, daß dafür noch einige andere Faktoren (äh) mit in Betracht gezogen werden müssen. Und die betreffen den Komplex von Fragen, den Genosse Krenz in seinem Referat in der – in Hinsicht auf die Beziehungen zwischen der DDR und der BRD geäußert hat, in Hinsicht auf (äh) die Notwendigkeit, den Friedenssicherungsprozeß mit neuen Initiativen fortzusetzen. Und (äh) sicherlich wird die Debatte über diese Frage (äh) positiv beeinflußt werden können, wenn sich auch die BRD und wenn sich die NATO zu Abrüstungsschritten entschließt und sie durchsetzt, so oder ähnlich, wie die DDR das und andere sozialistische Staaten schon mit bestimmten Vorleistungen getan haben. Herzlichen Dank!«

(Ende der Pressekonferenz: 19:00:54 Uhr) [6]

Schabowski erhob sich. Ein Reporterteam von RIAS-TV stürzte hinter ihm her, als er den Saal verließ. »Herr Schabowski, ein kurzes Statement zur Ausreiseregelung für RIAS-TV«, bat der Journalist auf dem Flur. Schabowski antwortete im Gehen: »Aber ich habe alles, was dazu zu sagen ist, bereits geäußert. Ich kann nur den Inhalt dieser Regelung mitteilen und kann hoffen, daß das einen besänftigenden Einfluß auf die ganze Situation hat.« RIAS-TV hakte nach: »Erwarten Sie jetzt eine größere Fluchtwelle?« – Schabowski erwiderte: »Ich hoffe nicht, daß es dazu kommt.« [7]

Ohne eine Vorahnung dieser Ereignisse war es dem Chefreporter des amerikanischen Fernsehsenders NBC, Tom Brokaw, gelungen, ein Exklusiv-Interview mit Schabowski direkt im Anschluss an die Pressekonferenz zu vereinbaren. [8] Brokaw glaubte, dass die abgehackten Satzstücke, die der Dolmetscher der Pressekonferenz ins Englische übermittelt hatte, so zu verstehen waren, dass die Grenze geöffnet würde. [9] Im zweiten Stock des Pressezentrums hoffte er nun, Schabowski auf eine klare, unmissverständliche Auskunft festlegen zu können. Umso mehr wunderten sich Brokaw und sein Reporter-Team über dessen improvisierten und unsicheren Antworten, die dem Interview nach ihrem Eindruck einen surrealistischen Einschlag gaben. [10] Brokaw und seinem Kollegen Marc Kusnetz zufolge ließ sich Schabowski während des in englischer Sprache geführten Gesprächs von seinen Mitarbeitern noch einmal den Zettel reichen, um den Text erneut zu studieren. [11]


»Tom Brokaw: Herr Schabowski, verstehe ich es richtig: Bürger der DDR können an irgendeinem Grenzübergang ihrer Wahl die DDR verlassen, aus persönlichen Gründen? Sie müssen nicht mehr durch ein drittes Land gehen?

Günter Schabowski: Sie sind nicht mehr gezwungen, die DDR per Transit durch ein anderes Land zu verlassen.

Tom Brokaw: Sie können an irgendeinem beliebigen Punkt die Mauer durchqueren ...

Günter Schabowski: Sie können über die Grenze gehen.

Tom Brokaw: Reisefreiheit?

Günter Schabowski: Ja, natürlich. Es geht nicht um Tourismus. Es ist eine Erlaubnis, die DDR zu verlassen.« [12]

Trotz der nochmaligen Lektüre seines »Zettels« hätte die Konfusion Schabowskis größer nicht sein können. Einerseits bejahte er, dass die neue Regelung Reisefreiheit bedeute; andererseits betonte er im nächsten Satz, es gehe nicht um Tourismus, sondern lediglich um die Erlaubnis, die DDR zu verlassen, also um die ständige Ausreise. »Als ich ihn interviewte«, schickte Brokaw deshalb der Ausstrahlung des Gesprächs voraus, »war er noch damit beschäftigt, die neue Politik zu begreifen.« [13]

Tom Brokaw, Anchorman der NBC:

»Ich dachte aber, daß es noch 24 Stunden dauern würde«

»Nach dem Interview mit Schabowski rannte ich die Treppe runter und traf unten alle meine amerikanischen Kollegen wieder, die zum hundertsten Mal die Ankündigung durchgingen. Ich sagte zu ihnen: ›Es ist wahr, so haben sie entschieden. Ich weiß nicht, ob ihnen die Konsequenzen klar sind, aber die Grenzübergänge werden geöffnet werden.‹ Ich dachte aber, daß es noch 24 Stunden dauern würde, bevor das passiert.« Gespräch mit Tom Brokaw, 4. 11. 1998


Dass seine Mitteilungen keinesfalls besänftigend wirkten, sondern den Stein zur Auflösung der DDR ins Rollen brachten, lag außerhalb von Schabowskis Vorstellungskraft. »Daß es in Berlin zu diesem euphorischen Ansturm kommen würde«, so Schabowski wenige Monate später, »habe ich nicht geahnt.« [14] Wie die meisten anderen Mitglieder der SED-Führung seit Tagen fast ohne Schlaf, kehrte er nach seinem Gespräch mit NBC nicht mehr ins Zentralkomitee zurück, sondern begab sich völlig übermüdet auf den Heimweg nach Wandlitz. Die unmittelbare Resonanz der Medien erreichte ihn nicht mehr.

Nur kurze Zeit nach seinem Exklusiv-Interview stand Brokaw vor der Mauer am Brandenburger Tor. Dort hatte NBC bereits am Vortag eine Direktleitung nach New York aufgebaut. Von der fast menschenleeren historischen Kulisse berichtete Brokaw live nach Amerika: »Tom Brokaw an der Berliner Mauer. Dies ist eine historische Nacht. Die ostdeutsche Regierung hat soeben erklärt, daß die ostdeutschen Bürger von morgen früh an die Mauer durchqueren können – ohne Einschränkungen.« [15] Brokaw hatte die widersprüchlichen Ausführungen Schabowskis auf die kürzest mögliche – und zudem korrekte – Aussage verdichtet. Er hatte den Zeitpunkt des Inkrafttretens (»von morgen früh an«) richtig erfasst und ließ die Frage offen, ob das Durchqueren der Mauer auch die Möglichkeit der Rückreise einschloss.

Quelle: Hans-Hermann Hertle, Sofort, unverzüglich. Die Chronik des Mauerfalls, Ch. Links Verlag, Berlin 2019
[1] Für Hintergrundinformationen über den Ablauf der Pressekonferenz Schabowskis vom 9. 11. 1989 danke ich Riccardo Ehrman (ANSA), Christian Glass (damals RIAS-TV), Eberhard Grasshoff (damals Pressesprecher der Ständigen Vertretung), Karl-Heinz Baum (Frankfurter Rundschau), Albrecht Hinze (Süddeutsche Zeitung) und Volker Warkentin (Reuters). [2] Vgl. zum Folgenden das ARD-Kamera-Interview mit Riccardo Ehrman, 14. 4. 2009 (Abschrift); Der Tagesspiegel, 17. 4. 2009. [3] Gespräch d. Vf. mit Günter Pötschke, 9. 12. 1994. [4] Schabowski übersprang an dieser Stelle zunächst die vier Worte: »bzw. zu Berlin (West)«, doch diesem Punkt galt – siehe unten – bereits die zweite Frage. [5] Angabe basierend auf Recherchen der »Saarbrücker Zeitung« (Werner Kol- hoff) und »The Wall Street Journal« (Marcus Walker) sowie den Aussagen von Ralph T. Niemeyer. Der »Saarbrücker Zeitung« zufolge stand Niemeyer hintenrechts im Saal des Pressezentrums, von Schabowski aus gesehen also links. »Es gab ein großes Durcheinander. Schabowski kannte mich und blickte wohl deshalb zu mir, als ich rief: ›Ab wann gilt das?‹«, zitiert die »Saarbrücker Zeitung« Ralph T. Niemeyer (siehe: Werner Kolhoff, Auch Wagenknechts Ex-Mann ließ die Mauer fallen, in: Saarbrücker Zeitung, 30. 10. 2014). – Gegenüber dem »Wall Street Journal« (WSJ) hat sich der Journalist und Dokumentarfilmer Ralph T. Niemeyer ebenfalls im Oktober 2014 per E-Mail neben den namentlich bereits bekannten Riccardo Ehrman, Krzysztof Janowski und Peter Brinkmann als vierter Fragesteller bekannt. Er habe sich bisher nicht zu Wort gemeldet, teilte er dem WSJ mit, »weil er bis 2013 mit Sahra Wagenknecht verheiratet gewesen sei (...).« Wagenknecht sei nicht glücklich gewesen über die Rolle, die er bei der Demontage der DDR gespielt habe, gibt Marcus Walker Äußerungen Ralph T. Niemeyers wieder, und zitiert ihn mit den Worten: »Da Sahra und ich nun geschieden sind, mache ich mir darum keine Gedanken mehr« (siehe: Marcus Walker, The Fourth Man: Who Prompted the Fall of the Berlin Wall? In: The Wall Street Journal, 5. 11. 2014). Die Identität von Ralph T. Niemeyer als »vierter Mann« lasse sich jedoch nicht abschließend klären, heißt es in dem Artikel. Eine Bestätigung von unabhängiger Seite etwa aus dem Kreis der Teilnehmer der Pressekonferenz liegt auch dem Vf. bislang nicht vor. [6] Vom Verfasser angefertigte Niederschrift einer Bildaufzeichnung der Pressekonferenz von Günter Schabowski am 9. 11. 1989 über den zweiten Tag der Beratungen der 10. ZK-Tagung der SED im Internationalen Pressezentrum der DDR in Berlin, Stand: 1. 6. 2019 (Aktuelle Kamera – Pressekonferenz des ZK vom 9. 11. 1989, in: DRA, BC 26203). Die Niederschrift erfolgte nach Gehör, Übertragungsfehler und Fehler der Zuordnung insbesondere der Zwischen- rufe sind nicht auszuschließen. Siehe auch die – leicht unterschiedliche – Niederschrift bei Marcus Walker, Did Brinkmannship Fell Berlin’s Wall? Brinkmann Says It Did, The Wall Street Journal, 21. 10. 2009, sowie Marcus Walker, The Fourth Man: Who Prompted the Fall of the Berlin Wall? In: The Wall Street Journal, 5. 11. 2014. [7] RIAS-TV, Sondersendung »Die Nacht der offenen Grenzen«, 10. 11. 1989, 6.00 – 9.00 Uhr (Archiv Deutsche Welle). [8] Vgl. Geisler 1992, S. 260 f. [9] Ebd. [10] Gespräch d. Vf. mit NBC-Reporterin Michelle Neubert, 11. 7. 1995. [11] Vgl. die Schilderung von Marc Kusnetz in: Goldberg/Goldberg 1990, S. 262, und von Tom Brokaw in: Ross Range 1991, S. 7, zit. nach Bortfeldt 1993, S. 62. [12] NBC Nightly News, Thursday, November 9, 1989, Title: »Berlin Wall is opened for unrestricted travel for the first time since its construction 28 years ago«. Hit time: 7:01:47 (NBC News Archives, New York, deutsche Übersetzung; vgl. dazu auch Geisler 1992, S. 261). [13] NBC Nightly News, Thursday, November 9, 1989, Title: »Berlin Wall is opened for unrestricted travel for the first time since its construction 28 years ago«. Hit time: 7:01:47 (NBC News Archives, New York). [14] Günter Schabowski, in: Hertle/Pirker/Weinert 1990, S. 40. [15] Diese Szene mit Tom Brokaw wurde von einem Kamerateam des SFB eingefangen. – Das Interview mit Schabowski wurde in den NBC-Abendnachrichten kurz nach 19.00 Uhr US-Zeit (10. 11., 1.00 MEZ) ausgestrahlt.
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