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Hans-Hermann Hertle, 9. November 1989: Grenzübergang Sonnenallee: »Alles aufmachen!«

Hans-Hermann Hertle
Sofort, unverzüglich
Die Chronik des Mauerfalls

Ch. Links Verlag, Berlin 2019

»Gegen 19.45 Uhr, nach der Mitteilung in den Massenmedien, erschien(en) im Bereich 7 (unmittelbar vor dem Grenzübergang, d. Vf.) die ersten Bürger der DDR zur Ausreise.« Der Zustrom, so hält es der Lagebericht der Passkontrolleinheit am Grenzübergang Sonnenallee fest, »verstärkte sich ständig«. [1]Die Diensthabenden am Grenzübergang informierten darüber ihre Vorgesetzten im Operativen Leitzentrum der HA VI in der Schnellerstraße in Treptow – und den Leiter ihrer Diensteinheit.

Bis 20.30 Uhr hatten sich am Grenzübergang etwa 15 Jugendliche eingefunden, die ihre sofortige Ausreise verlangten und sich davon auch nicht durch den Einsatz eines »Ansprechoffiziers« des zuständigen Volkspolizei-Reviers abbringen ließen. [2] Zu diesem Zeitpunkt – um 20.30 Uhr – erhielten die Passkontrolleure vom stellvertretenden Leiter Oberst Rudi Zie-genhorn die Weisung, die ausreisenden DDR-Bürger zu registrieren und ihre Personalien festzuhalten. Es sollte bei den Ausreisen unterschieden werden, ob sie a) mit oder b) ohne Genehmigung erfolgten, und jeweils die Zahl der Männer, Frauen und Kinder notiert werden. Die Weisung sah weiter vor, den Ausreisenden bei der Abfertigung einen Passkontrollstempel neben das Passbild (rechte Seite) zu drücken. Der Beginn dieser Ausreiseaktivitäten ist im Lagebericht auf 21.35 Uhr datiert.

Zehn Minuten später wurden die Vorgesetzten in der Schnellerstraße darüber informiert. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Leiter der Diensteinheit an der Sonnenallee zu einer Beratung ins Operative Leitzentrum befohlen. Im Grenzübergang Sonnenallee teilten die Passkontrolleure Ausreiseformulare an die Wartenden aus und begannen kurz darauf mit der Abfertigung. Der Bildjournalist Frank Durré gehörte zu jenen, die passieren durften, und erlebte die Verwirrung mit, die beim Zoll über das Verfahren herrschte. Durré: »Zu den ersten, die von einer Passkontrolle zum Zoll vorgelassen wurden, zählten eine Mutter mit einer 18-jährigen Tochter. Ein Zollbeamter teilte den beiden mit: ›Sie können rüber, müssen dann aber drüben bleiben.‹ Die Mutter wollte unter dieser Bedingung wieder zurück, die Tochter trotzdem nach West-Berlin ausreisen. Es kam zu einem heftigen Familienstreit. Schließlich korrigierte ein zweiter Zollbeamter die Auskunft seines Kollegen und teilte den beiden Frauen mit, sie dürften wieder zurückkommen.« [3]

Auch am Grenzübergang Sonnenallee war ein »stiller Alarm« für die Passkontrolleinheit ausgelöst und waren um 21.30 Uhr alle männlichen Mitarbeiter zum Grenzübergang befohlen worden. [4] Der Druck der Reisewilligen hielt sich hier zunächst jedoch noch in Grenzen. Auf der West-Berliner Seite ist um 22.02 Uhr von 15 bis 20 Personen die Rede, die bis dahin dort angekommen waren. Sie hätten berichtet, hält eine Lagemeldung der West-Berliner Polizei fest, dass circa 100 Menschen auf der östlichen Seite auf ihre Abfertigung warteten. [5] Gegen 23.00 Uhr war der Übergang allerdings von Trabis verstopft – und von der Westseite kamen Fernsehreporter und Fotografen herein, die eine halbe Stunde später auf die Mauer kletterten und erst durch Megaphonansprachen verwiesen werden konnten. Um Mitternacht reichte der Pkw-Stau über einen Kilometer durch die Baumschulenstraße bis zur Köpenicker Landstraße zurück [6], und eine unüberschaubare Menschenmenge schob sich durch den Übergang.

Mittendrin trugen zwei Männer ein Transparent: »Egon, der Beton muß weg!« [7] Irgendwann habe jemand aus dem Fenster eines benachbarten Wohnhauses gerufen: »Kommt mal hoch, fernsehen! Die Bornholmer Straße ist schon offen«, erinnert sich Steffi Badel, die auf die Öffnung des Übergangs wartete. [8] Die Grenzer hätten wie wild in ihren Häuschen telefoniert. Ab 0.00 Uhr wurde dem PKE-Lagebericht zufolge auf die Ausgabe von Ausreisekarten verzichtet – wahrscheinlich, weil sie ausgegangen waren. »Kurz danach«, so Steffi Badel, »ging der Schlagbaum hoch.« Ihre Schilderung deckt sich mit dem Lagebericht, der festhält, dass um 0.17 Uhr vom Leiter der Passkontrolleinheit die Anweisung erteilt worden sei: »Alles aufmachen!« [9] Die Passkontrolleure zogen sich zurück – und selbst eine Auslösung des elektrischen Signalzaunes, nach der früher Menschen an der Grenze im Extremfall erschossen worden waren, hatte in dieser Nacht keine Handlung mehr zur Folge. [10]

Knapp 10 000 DDR-Bürger seien über den Grenzübergang Sonnenallee nach West-Berlin (aus-)gereist, heißt es in dem zusammenfassenden Stasi-Bericht über die Ereignisse der Nacht. 3000 von ihnen seien mit Stand vom 10. 11., 4.00 Uhr, wieder zurückgekommen: »Der Schwerpunkt der Ausreisen lag in der Zeit von 23.30 Uhr bis 1.30 Uhr. Das Anbringen von Passkontrollstempeln war nur zeitweilig möglich. Es kam zu keinen provokativen Handlungen.« [11]

Quelle: Hans-Hermann Hertle, Sofort, unverzüglich. Die Chronik des Mauerfalls, Ch. Links Verlag, Berlin 2019
[1] HA VI/PKE Sonnenallee, Lagebericht für die Zeit vom 9. 11. 89, 7.00 Uhr, bis 10. 11. 89, 7.00 Uhr, Berlin, den 9. 11. 1989, in: BStU, ZA, MfS-HA VI 15689, Bl. 252. [2] So die Einträge in den ODH-Filmen des PdVP Berln sowie insbes. der Stasi-Kreisdienststelle Treptow. Vgl. MfS-Kreisdienststelle Treptow, ODH- Film vom 9.11.1989/7.00 bis 10.11.1989/7.00 Uhr, Nr. 11 (BStU, ASt. Berlin, A 204, Bl. 16). [3] Gespräch d. Vf. mit Frank Durré, 29. 7. 1996. [4] HA VI/PKE Sonnenallee, Lagebericht für die Zeit vom 9. 11. 89, 7.00 Uhr, bis 10. 11. 89, 7.00 Uhr, Berlin, den 9. 11. 1989, in: BStU, ZA, MfS-HA VI 15689, Bl. 252. [5] Vgl. die Meldungen des Lagedienstes der West-Berliner Polizei, in: Berliner Zeitung, 9./10. 11. 1991, S. 3. [6] Vgl. PdVP-Rapport Nr. 230, lfd. Nr. 19 (Archiv Polpräs BLN/DEZ VB 132). [7] HA VI/PKE Sonnenallee, Lagebericht für die Zeit vom 9.11.89, 7.00 Uhr, bis 10. 11. 89, 7.00 Uhr, Berlin, den 9. 11. 1989, in: BStU, ZA, MfS-HA VI 15689, Bl. 253. [8] Siehe den Bericht von Steffi Badel, in: Hertle/Elsner 2009, S. 144/45. [9] HA VI/PKE Sonnenallee, Lagebericht für die Zeit vom 9. 11. 89, 7.00 Uhr, bis 10. 11. 89, 7.00 Uhr, Berlin, den 9. 11. 1989, in: BStU, ZA, MfS-HA VI 15689, Bl. 253. [10] Ebd., Bl. 253. [11] (MfS-)Information über die Entwicklung der Lage an den Grenzübergangsstellen der Hauptstadt zu Westberlin sowie an den Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD, Berlin, 10. November 1989 (BStU, ZA, MfS-Arbeitsbereich Neiber 553, Bl. 40.
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