Hans-Hermann Hertle, 9. November 1989: Grenzübergang Checkpoint Charlie: »Laßt uns rein!« – »Laßt uns raus!«
Hans-Hermann HertleSofort, unverzüglich
Die Chronik des Mauerfalls
Ch. Links Verlag, Berlin 2019
Der Öffnung aller innerstädtischen Übergänge war eine dramatische Entwicklung an dem für die Blockkonfrontation weltweit berühmtesten Schauplatz der geteilten Stadt vorausgegangen, der im Ostteil »GÜSt Friedrich-/ Zimmerstraße«, im Westteil »Checkpoint Charlie« hieß. Hier hatten sich nach dem Mauerbau im Oktober 1961 amerikanische und sowjetische Panzer drohend und scheinbar kampfbereit gegenübergestanden, und die Todesschüsse auf Peter Fechter unweit des Übergangs stießen weltweit auf Empörung.
Im Januar 1974 hatte der Volkspolizist Burkhard Niering, mit einer Maschinenpistole bewaffnet, den ersten Posten der Passkontrolle an der GÜSt Friedrich-/Zimmerstraße als Geisel genommen. Sein Versuch, mit dem Posten den Kontrollpunkt zu überrennen, wurde mit tödlichen Schüssen gestoppt. [1] Nur zwei Monate später hätte um ein Haar ein amerikanischer Soldat einen Weltkonflikt ausgelöst. Am 2. März 1974 walzte er mit einem Panzer alles nieder, was ihm auf West-Berliner Seite die Zufahrt zur Kontrollstelle versperrte, drang bis zur Mauer vor – und fuhr wieder nach West-Berlin zurück. [2] Wenn es auch in den 1980er Jahren ruhiger geworden war, so besaß der Kontrollpunkt in der Friedrichstraße für alle Seiten nach wie vor die höchste Symbolkraft für die Machtverhältnisse in der geteilten Stadt. Und nicht zuletzt war er immer noch der zentrale Übergang für die Alliierten.
Am Abend des 9. November 1989 erlebten die Passkontrolleure schon kurz nach 19.00 Uhr ihre erste Überraschung. Unmittelbar nach Schabowskis Pressekonferenz versuchte der Pressesprecher der Ständigen Vertretung, Eberhard Grasshoff, die Befehlslage am Übergang zu erkunden, und fragte bei seiner Überfahrt einen ihm seit Jahren bekannten Posten, ob er bereits neue Anweisungen für den Reiseverkehr habe. Als Antwort erhielt er ein irritiertes Nein. [3]
Chefdienst für die Passkontrolle hatte an diesem Tag als Stellvertreter des Leiters Oberstleutnant Manfred Gruß, der seit 1966 seinen Dienst in der »Paßkontrolleinheit Friedrich-/Zimmerstraße«, wie sie offiziell hieß, versah. [4] Einer seiner Untergebenen hatte die Pressekonferenz verfolgt und informierte Gruß umgehend, Schabowski habe gesagt, dass die Grenzen offen seien und die DDR-Bürger reisen könnten. »Da mußt du was Falsches gehört haben, denn das müßte ich ja wissen«, belehrte Gruß ihn. Doch der Leiter vom Zoll und der diensthabende Kommandant der Grenztruppen hatten es auch gehört. Manfred Gruß: »Dann ging die Rückruferei los. Keiner unserer Vorgesetzten konnte es uns bestätigen.« Kurze Zeit danach sei die Rückmeldung gekommen, die DDR-Bürger zur Volkspolizei-Meldestelle zu schicken, wo sie sich eine Genehmigung holen sollten.
Um 20.10 Uhr steuerte der Pächter Albrecht Rau aus dem nur hundert Schritt entfernten Café Adler in Begleitung mehrerer Kaffeehaus-Gäste, darunter mit Georgia Tornow, Bascha Mika und Arno Widmann, bekannte Journalisten der alternativen »Die Tageszeitung«, mit einem Tablett voller Sektgläsern und frisch gebrühtem Kaffee auf die erste Linie der DDR-Kontrolleure zu, um mit den Posten auf die Öffnung der Grenze anzustoßen. Die Posten, an dieser Frontlinie des Kalten Krieges von West-Berliner Seite eher an feindselige Handlungen und Beschimpfungen gewöhnt, wussten nicht, was ihnen warum widerfuhr. Sie verweigerten freundlich, aber bestimmt die Annahme jedweden Getränkes (»im Dienst wird nicht getrunken«), schickten die »Provokateure« über den weißen Strich nach West-Berlin zurück und gaben ihnen noch den Hinweis: Sie hätten keine Weisung oder Aufgabe, irgendetwas durchzuführen.
Während in der Bornholmer Straße und in der Sonnenallee Ost-Berliner auf den Übergang drückten und auf der Westseite weitgehend Ruhe herrschte, schien am Checkpoint Charlie wie in der Invalidenstraße zumindest vordergründig das Feindbild zu stimmen: Die östliche Seite blieb anfangs menschenleer; stattdessen versammelten sich auf der Westseite, mithin feindwärts, rund um die amerikanische Kontrollstelle immer mehr Menschen, darunter mehrere Fernseh-Teams. Entsprechende Meldungen gab der Diensthabende der PKE an das Operative Leit-Zentrum der HA VI weiter. Um 21.33 Uhr kam von dort die Weisung, alle PKE-Mitarbeiter zu alarmieren und an der GÜSt zusammenzuziehen. [5] Zwischen 110 und 120 Passkontrolleure seien sie dann gewesen, schätzt Manfred Gruß.
Der Kommandant der GÜSt hatte um 17.00 Uhr Dienstschluss und war nach Hause gefahren. Die »Sekt-und-Kaffee-Meldung«, die ihn dort erreichte, hatte ihn schon beunruhigt. Gegen 21.30 Uhr unterrichtete ihn sein Diensthabender Offizier, dass sich auf der Westseite mittlerweile schon mehrere Hundert Personen versammelt hätten, aber nun auch auf der DDR-Seite vor dem Schlagbaum die ersten Bürger stünden, die sich nach den neuen Ausreisemöglichkeiten erkundigten. Als der Kommandant gegen 22.00 Uhr am Grenzübergang eintraf und sich selbst einen Überblick über die Lage verschaffte, schlug ihm zu seiner Überraschung von West-Berliner Seite keine aggressive, sondern eine ausgesprochen freundliche und friedliche Stimmung entgegen. Auch er beorderte zunächst alle verfügbaren Kräfte seiner Sicherungskompanie heran. Zusätzlich bekam er auf Anforderung zwei Züge der als Reserve in Berlin gehaltenen Offiziershochschüler zur Verstärkung. Von seiner übergeordneten Dienststelle, dem Grenzregiment-36 in Rummelsburg, erhielt er auf Anfrage lediglich die allgemeine Orientierung, Ruhe zu bewahren. Auf einen Befehl – gleich welcher Art – wartete er vergebens. [6] Gut 200 bewaffnete Kräfte waren auf dem Übergang jetzt im Einsatz,
Zwischen 22.00 und 23.00 Uhr spitzte sich die Lage am Grenzübergang dramatisch zu. Um 22.05 Uhr spazierten 60 bis 70 West-Berliner über die weiße Grenzlinie auf das Territorium der DDR, kamen aber dann der Aufforderung nach, sich auf das West-Berliner Gebiet zurückzubegeben. Eine halbe Stunde später waren es bereits 120 Personen, die von den Sicherungskräften der Grenztruppen auf die West-Berliner Seite zurückgedrängt wurden. [7]
Manfred Gruß, Oberstleutnant, Stellvertreter Operativ der Passkontrolleinheit am Grenzübergang Friedrich-/Zimmerstraße (»Checkpoint Charlie«)
»... daß nicht einer versucht, über die Mauer zu springen«
»Wir hatten nur Bedenken – weil es dann Massen waren und so viele wurden –, daß sie die Mauer überspringen. Und wenn das passiert wäre: Es gab ja keinen Schießbefehl, aber nach der damaligen Ordnung, die herrschte, hieß es, wenn jemand die Grenzübergangsstelle, also das Militärgebiet, betritt, wird von der Schußwaffe Gebrauch gemacht. Und das war von uns Leitern das größte Bedenken: daß nicht einer versucht, über die Mauer zu springen, oder daß dann jemand die Schußwaffe anwendet.« Gespräch von Hans-Hermann Hertle und Kathrin Elsner mit Manfred Gruß, 1. 4. 1998
»... daß nicht einer versucht, über die Mauer zu springen«
»Wir hatten nur Bedenken – weil es dann Massen waren und so viele wurden –, daß sie die Mauer überspringen. Und wenn das passiert wäre: Es gab ja keinen Schießbefehl, aber nach der damaligen Ordnung, die herrschte, hieß es, wenn jemand die Grenzübergangsstelle, also das Militärgebiet, betritt, wird von der Schußwaffe Gebrauch gemacht. Und das war von uns Leitern das größte Bedenken: daß nicht einer versucht, über die Mauer zu springen, oder daß dann jemand die Schußwaffe anwendet.« Gespräch von Hans-Hermann Hertle und Kathrin Elsner mit Manfred Gruß, 1. 4. 1998
Danach ließ der Kommandant seine Grenzer eine Sperrkette bilden, die fünf bis sechs Meter hinter der Grenzmarkierung, aber noch vor der Mauer stand. Ihre Maschinenpistolen hatten die Soldaten zuvor in der Waffenkammer deponiert. Noch immer wurde der grenzüberschreitende Verkehr regulär abgewickelt, doch die Spannung wuchs: »Die Situation an der Grenzübergangsstelle spitzt sich zu«, notierte der Diensthabende Offizier der PKE um 22.45 Uhr in seinem Rapport. »Im Vorfeld der Grenzübergangsstelle, bis unmittelbar zur Postensteinmauer, circa 3000 Bürger aus Westberlin. Im Hinterland der Grenzübergangsstelle mehrere 100 DDR-Bürger zu Fuß und Kfz.« [8] Verzweifelte Anrufe des GÜSt-Kommandanten bei seinen Vorgesetzten folgten. Seine Meldungen wurden ordnungsgemäß bis hinauf ins Kommando der Grenztruppen weitergegeben und »als Verletzung der Staatsgrenze der DDR vom Hoheitsgebiet Berlin (West)« registriert. [9] Als Maßnahme erfolgte von dort die Unterrichtung der für die Grenztruppen zuständigen Hauptabteilung I des MfS. Befehle oder Weisungen nach unten aber blieben weiterhin aus.
Gegen 23.00 Uhr traf der Leiter der Passkontrolleinheit, Oberstleutnant Horst Scholz, am Grenzübergang ein. Er war wie sein Kollege in der Invalidenstraße am frühen Abend zu einer Beratung der PKE-Chefs aller Berliner Grenzübergänge in die Zentrale zu Generalmajor Fiedler und seinem ersten Stellvertreter, Oberstleutnant Ziegenhorn, einbestellt worden. [10] 40 bis 50 Chefs und Leiter schätzungsweise hätten dort zwei Stunden zusammengesessen und im Prinzip gewartet, ohne dass Wesentliches beraten worden wäre. Fiedler und Ziegenhorn seien die meiste Zeit am Telefon gewesen. Normal sei, dass ein Soldat Gesetze und Befehle habe – und eine »Lage«. Je nach Lagebeurteilung handele er dann. An diesem Abend aber habe es keine »Lage« gegeben, sondern nur Fragezeichen: Was wolle man denn machen, wenn ein Politbüro-Mitglied die Grenze aufmache? Was solle ein Passkontrolleur da noch tun? Die Teilnehmer der Beratung hätten gewissermaßen unter Schock gestanden. Der eingetretene Zustand sei dem vergleichbar, wenn eine Kaufhalle geöffnet und allen Verkäuferinnen vorher die Kasse weggenommen werde. Bei ihrer Abfahrt hätten sie gewusst, dass es in der Bornholmer Straße schon eine »Ost-West-Bewegung« gegeben habe. Generalmajor Fiedler habe ihnen die Weisung mit auf den Weg gegeben, sie sollten zusehen, dass sie die Lage an ihren jeweiligen Grenzübergängen wieder in Ordnung brächten.
Nach seiner Rückkehr an den Checkpoint Charlie – um 23.00 Uhr herum – habe Ziegenhorn ihn telefonisch angewiesen, die Ausreiseabfertigung der DDR-Bürger mit einem Stempel im Personalausweis zu beginnen. Schubweise seien danach DDR-Bürger in das Kontrollterritorium hineingelassen und wiederum schubweise durch ein kleines Tor in den Westen förmlich herausgedrückt worden: der Beginn der »Ventillösung« auch am Checkpoint Charlie. »Das war ein Unsinn«, sagt Manfred Gruß, die Führung habe offenbar kein realistisches Bild von der Lage gehabt. Die Bürger hätten ihnen doch mitgeteilt, sie kämen wieder zurück: »Das ist auch so nach oben mitgeteilt worden.« Die Devise bei ihnen sei deshalb gewesen: »Die zurückwollen, kommen auch wieder in die DDR rein. Und danach ist auch gehandelt worden.«
Als dann der Druck von West-Berliner Seite auf die Sperrkette der Grenzsoldaten weiter zunahm, ließ der Kommandant die GÜSt schließen und alle Tore hinten und vorn, freundwärts wie feindwärts, verriegeln. Der Grenzverkehr kam zum Erliegen. In dem Bereitschaftsraum, in den sich die Grenzsoldaten zurückgezogen hatten, hörten sie vorn die West-Berliner rufen: »Laßt uns rein!« Und hinten forderten die Ost-Berliner unüberhörbar: »Laßt uns raus!« [11]
Im Operativen Leit-Zentrum der HA VI riefen die laufenden Meldungen der PKE Friedrich-/Zimmerstraße offenbar allergrößte Besorgnis hervor. Störungen und Zwischenfälle an diesem Übergang konnten sich unversehens zu einem ernsten, internationalen Konflikt ausweiten. Neben Diplomaten, ausländischen Dienstreisenden und Touristen wurden dort vor allem die Militärinspektionen der drei West-Alliierten abgefertigt. Deren Militärfahrzeuge galten für die DDR-Sicherheitsorgane im gesamten Ost-Berliner Stadtgebiet als exterritoriale, unantastbare Zonen – und mehrere Fahrzeuge waren an diesem Abend noch auf Inspektionsreise in Ost-Berlin unterwegs. Nicht auszudenken war, was passieren konnte, wenn ihre Rückfahrt nach West-Berlin blockiert war und sowjetische Militärs herangeholt werden mussten.
Ein »leitender Genosse«, so der für die staatliche Sicherheit in Ost-Berlin zuständige Chef der Berliner Bezirksverwaltung des MfS, Generalmajor Siegfried Hähnel, habe ihm um 22.30/23.00 Uhr herum den Auftrag erteilt, die Lage am Übergang Friedrich-/Zimmerstraße zu prüfen und gegebenenfalls zusammen mit der Volkspolizei Maßnahmen »zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit« einzuleiten. [12] Hähnel fuhr gegen Mitternacht ins Präsidium der Volkspolizei und tauschte sich mit dem Stabschef, Oberst Dr. Dieter Dietze, über die Lage aus. Die von ihm für die GÜSt Friedrich-/ Zimmerstraße zu treffenden Maßnahmen hatten sich bis dahin, so Hähnel, »allein schon zeitlich durch die Reihenfolge und den Ablauf der Ereignisse« erledigt.
Mit der Schließung der Rollgittertore hatte der Kommandant der GÜSt sein defensives Handlungsrepertoire ausgereizt. Befehle von seinen Vorgesetzten bis hinauf ins Kommando der Grenztruppen blieben aus. Die Sprechchöre der Ost- und West-Berliner wurden lauter und fordernder. Handelte er nicht, lief er Gefahr, dass der Übergang von beiden Seiten gestürmt würde. Was dann passieren würde, war nicht vorauszusehen. Gegen Mitternacht gab der Kommandant nach seinen Aussagen ohne weitere Absprache mit den Passkontrolleuren dem Druck nach und ließ alle Tore öffnen. Die Chefs der Passkontrolle – Horst Scholz und sein Stellvertreter Manfred Gruß – hätten dagegen opponieren können, denn letzten Endes waren sie für die Abfertigung zuständig. Doch sie waren mit der Entscheidung einverstanden. [13] Und angesichts der Unpassierbarkeit des menschenüberfluteten Übergangs fügten sich die West-Alliierten für einige Stunden und benutzten auf entsprechende Bitten für ihre Grenzpassage den Übergang Rudower Chaussee.
Manfred Gruß, Oberstleutnant, Stellvertreter Operativ der Passkontrolleinheit am Grenzübergang Friedrich-/Zimmerstraße (»Checkpoint Charlie«)
»Keiner wußte mehr, wer woher kam«
»Wir waren uns dann einig, daß auch wir aufmachen mußten, sonst hätten wir dem Druck nicht mehr standhalten können. Dann haben wir zuerst nur eine Schleuse geöffnet, aber die Schleuse war auch nicht lange zu halten, und wir mußten eben doch die Tore aufmachen und dann ging das nüber und rüber. Wir haben versucht, noch Kontrollen durchzuführen, also zumindest die Identitätskontrolle, die Sichtkontrolle, zu machen. Ja, aber dann kamen schon die ersten, die am Brandenburger Tor über die Mauer gestiegen waren, und andere, die von der Westseite durch die Invalidenstraße reingekommen waren – also West-Berliner, die bei uns wieder raus wollten. Es war dann keine Kontrolle mehr möglich; keiner wußte mehr, wer woher kam und wo er hingelaufen ist. Und so ist das dann die ganze Nacht gegangen.« Gespräch von Hans-Hermann Hertle und Kathrin Elsner mit Manfred Gruß, 1. 4. 1998
»Keiner wußte mehr, wer woher kam«
»Wir waren uns dann einig, daß auch wir aufmachen mußten, sonst hätten wir dem Druck nicht mehr standhalten können. Dann haben wir zuerst nur eine Schleuse geöffnet, aber die Schleuse war auch nicht lange zu halten, und wir mußten eben doch die Tore aufmachen und dann ging das nüber und rüber. Wir haben versucht, noch Kontrollen durchzuführen, also zumindest die Identitätskontrolle, die Sichtkontrolle, zu machen. Ja, aber dann kamen schon die ersten, die am Brandenburger Tor über die Mauer gestiegen waren, und andere, die von der Westseite durch die Invalidenstraße reingekommen waren – also West-Berliner, die bei uns wieder raus wollten. Es war dann keine Kontrolle mehr möglich; keiner wußte mehr, wer woher kam und wo er hingelaufen ist. Und so ist das dann die ganze Nacht gegangen.« Gespräch von Hans-Hermann Hertle und Kathrin Elsner mit Manfred Gruß, 1. 4. 1998
Zwei Minuten nach Mitternacht, verzeichnet der Lagebericht der Ost-Berliner Volkspolizei, waren alle Grenzübergänge zwischen den beiden Stadthälften geöffnet; [14] um 23.15 Uhr standen die Schlagbäume in der Rudower Chaussee [15], um 23.35 Uhr in der Heinrich-Heine-Straße [16] und um 23.40 Uhr in der Chausseestraße [17] offen – für eine Abfertigung mit Passkontrollstempel in den Personalausweis. Mit dem Abstempeln der Personalausweise bei der Ausreise hatte man am Grenzübergang Oberbaumbrücke schon um 22.25 Uhr auf Weisung von Oberst Ziegenhorn begonnen, um 23.40/24.00 Uhr wurde das Stempeln dort wegen »der enorm anwachsenden Personenzahl« eingestellt. [18] In der Invalidenstraße wurde der erste Trabi-Fahrer in der SFB-Sondersendung »DDR öffnet Grenzen« wenige Minuten vor 24.00 Uhr live von Robin Lautenbach auf West-Berliner Seite begrüßt.
Auch die Grenzkontrollpunkte in das Berliner Umland und zwischen der DDR und der Bundesrepublik waren noch in der Nacht passierbar. Über Dreilinden (Drewitz) kamen die ersten DDR-Bürger um 0.35 Uhr, über die Heerstraße (Staaken) um 0.41 Uhr und über Heiligensee (Stolpe) um 0.44 Uhr nach West-Berlin. [19] Bereits um 19.50 Uhr war ein Ehepaar am Alliierten- und Diplomatenübergang an der Glienicker Brücke, die Potsdam mit dem West-Berliner Bezirk Zehlendorf verbindet, erschienen und hatte sich nach der Möglichkeit des Passierens erkundigt. [20] Weil der Stellvertreter des Chefs im Grenzkommando Mitte den Diensthabenden der Grenzregimenter die Fernseh-Erklärung Schabowskis durchgegeben und zugleich befohlen hatte, »Maßnahmen zur Sicherung der Flanken an den Grenzübergangsstellen durchzusetzen«, war auch das für Potsdam zuständige Grenzregiment-44 zumindest vorgewarnt. Doch der Mitteleinsatz blieb äußerst bescheiden: Zur Durchsetzung dieses Befehls wurden lediglich zwei Offiziere »zbV«, zur besonderen Verwendung, eingesetzt. Zudem ließ die Potsdamer Volkspolizei das Grenzregiment im Stich: »Ohne Begründung« lehnte sie dessen »Bitten um Unterstützung zur Zurückweisung von Bürgern der DDR an der Glienicker Brücke und an der Autobahnauffahrt Babelsberg« ab. [21] Nachdem die Volkspolizei, die dem ständig steigenden Druck nicht standhalten konnte, insbesondere ihre gesamten Kontrollen im Vorfeld der Autobahn-Grenzübergangsstelle Drewitz eingestellt hatte, spitzte sich die Lage auch dort zu. [22] Seit etwa 21.00 Uhr konnten reisewillige DDR-Bürger mit ihren Kraftfahrzeugen ungehindert den Grenzübergang ansteuern. Wie in der Bornholmer Straße hatten die Passkontrolleinheiten des MfS auch hier zunächst die Absicht, Ausreisewilligen einen Passkontrollstempel auf das Lichtbild ihres Personalausweises zu verpassen und sie auf diese Weise auszubürgern. [23] Gegen 23.30 Uhr jedoch war der Grenzübergang völlig verstopft, und der Transitverkehr kam zum Erliegen. [24] Innerhalb kurzer Zeit bildete sich auf der Autobahn zwischen der Grenzübergangsstelle Drewitz und Babelsberg ein mehrere Kilometer langer Rückstau. »Über diesen zunehmenden Druck«, heißt es in einer Chronik des zuständigen Grenzregimentes-44, »erfolgte laufend Meldung an das Grenzkommando Mitte.« [25] Auch das Operative Leit-Zentrum des MfS wurde offensichtlich von seinen Passkontrolleuren vor Ort über die zunehmend explosiver werdende Lage unterrichtet. Um 0.30 Uhr trafen MfS-Oberst Ziegenhorn [26] und der Arbeitsbereich Passkontrolle Potsdam des MfS [27] die Festlegung, mit der Abfertigung der DDR-Bürger in Drewitz, aber auch an den Übergängen in Staaken und Stolpe zu beginnen. [28] Nur die Glienicker Brücke war in dieser Nacht noch nicht passierbar.
In Zarrentin war der Autobahn-Grenzübergang für Ausreisende in Richtung Hamburg ebenso wie in Marienborn in Richtung Helmstedt, Braunschweig und Hannover bereits um 21.30 Uhr durchlässig geworden; in Herleshausen traf der erste Besucher aus der DDR ohne Visum kurz nach 1.00 Uhr ein.
Hans-Hermann Hertle: Sofort, unverzüglich. Die Chronik des Mauerfalls, Ch. Links Verlag, Berlin 2019
[1]
Zur Flucht und Geiselnahme von Burkhard Niering vgl. Hertle/Nooke 2019, S. 367.
[2]
Vgl.dieFoto-DokumentationdieserAktionimBerlinerMauer-Archiv(Hagen Koch).
[3]
Gespräch d. Vf. mit Eberhard Grasshoff, 13. 4. 1994.
[4]
Vgl. hierzu und zum Folgenden: Gespräch von Hans-Hermann Hertle und Kathrin Elsner mit Manfred Gruß, 1. 4. 1998.
[5]
Die PKE Friedrich-/Zimmerstraße hatte insgesamt 87 Planstellen. Vgl. BStU 1995, S. 239.
[6]
Vgl. das Gespräch von Volker Koop mit dem Grenztruppen-Kommandanten der GÜSt Friedrich-/Zimmerstraße (PArch Koop).
[7]
Im »Rapport Grenzsicherung« des Stabes der BVfS Berlin kam die Lage zu dieser Zeit folgendermaßen an: »Um 22.38 Uhr wurde bekannt, daß ca. 200 Personen im Vorfeld der GÜSt Friedrichstraße / Zimmerstraße die Fahrbahnen zur GÜSt blockieren. Die Personen stehen am Grenzstrich.« Der ODH der BVfS veranlasste die Verständigung des Chefdienstes (BStU, ASt. Berlin, A 2323/2324, Bl. 39).
[8]
HauptabteilungVI/PKEFri.-Zi.-Str.,RapportfürdieZeitvom9.11.89,07.00Uhr, bis 10. 11. 89, 07.00 Uhr, Berlin, 9. 11. 1989.
[9]
Grenztruppen der DDR/Kommando der Grenztruppen/Operativ Dienst- habender, Tagesmeldung Nr. 313/89 für die Zeit vom 08. 11. 1989, 18.00 Uhr, bis 09. 11. 1989, 18.00 Uhr, und Sofortmeldungen bis 10. 11. 1989, 04.00 Uhr, GVS-Nr. G/739839, S. 4 (BArch/P, MZA, AZN 17193, Bl. 167).
[10]
Vgl. hierzu und zum Folgenden: Gespräch d. Vf. mit Horst Scholz, 16. 4. 1997.
[11]
Vgl. das Gespräch von Volker Koop mit dem Grenztruppen-Kommandanten der GÜSt Friedrich-/Zimmerstraße (PArch Koop).
[12]
Gespräch des Vf. mit Siegfried Hähnel, 13. 9. 1995. – Die Zeitangabe Hähnels stimmt mit dem Eintrag im »Rapport Grenzsicherung« des Stabes der BVfS Berlin (22.38 Uhr) überein. Darin ist festgehalten: »Um 22.38 Uhr wurde bekannt, daß ca. 200 Personen im Vorfeld der GÜSt Friedrichstraße/Zimmerstraße die Fahrbahnen zur GÜSt blockieren. Die Personen stehen am Grenzstrich.« Der ODH der BVfS veranlasste daraufhin die Verständigung des Chefdienstes (BStU, ASt. Berlin, A 2323/2324, Bl. 39).
[13]
Die genaue Uhrzeit der Einstellung der Kontrollen ist aufgrund sich widersprechender schriftlicher und mündlicher Quellen schwer zu bestimmen. Der Rapport der PKE Friedrich-/Zimmerstraße enthält um 23.05 Uhr den Eintrag: »Beginn der Ausreiseabfertigung der DDR-Bürger nach Rücksprache mit Oberst Ziegenhorn« (Hauptabteilung VI/PKE Fri.-Zi.-Str., Rapport für die Zeit vom 9. 11. 89, 07.00 Uhr, bis 10. 11. 89, 07.00 Uhr, Berlin, 9. 11. 1989). Gemeint ist damit allerdings der Beginn der sogenannten »Ventillösung« am Checkpoint Charlie. Ein Augenzeugenbericht deutete die Ankunft von DDR-Bürgern auf der Westseite um 23.14 Uhr in Unkenntnis der Hintergründe als Beginn des freien Reiseverkehrs (vgl. Berliner Morgenpost, 11. 11. 1989). – Die zentrale Information des MfS datiert die Öffnung und Einstellung aller Kontrollen auf 0.05 Uhr (vgl. BStU, ZA, MfS-Arbeitsbereich Neiber 553, Bl. 36). Der Kommandant der GÜSt erinnert sich, gegen 24.00 Uhr die Weisung erteilt zu haben, die Sperrung der GÜSt aufzuheben und ein Tor aufzumachen (vgl. das Gespräch von Volker Koop mit dem Grenztruppen-Kommandanten der GÜSt Friedrich-/Zimmerstraße (PArch Koop; vgl. auch die Recherche von Ulf Malleck in: Sächsische Zeitung, 9. 11. 1990, S. 5). Der Leiter der PKE bestätigt, dass diese Entscheidung um 24 Uhr herum getroffen wurde (Gespräch d. Vf. mit Horst Scholz, 16. 4. 1997).
[14]
PdVP-Rapport Nr. 230, lfd. Nr. 19 (ARCHIV POLPRÄS BLN/DEZ VB 132).
[15]
(MfS-)Information über die Entwicklung der Lage an den Grenzübergangsstellen der Hauptstadt zu Westberlin sowie an den Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD, Berlin, 10. November 1989 (BStU, ZA, MfS-Arbeitsbereich Neiber 553, Bl. 39).
[16]
Ebd., Bl. 37.
[17]
Ebd., Bl. 34.
[18]
Der Lagefilm der VPI Berlin-Friedrichshain meldete um 23.20 vor der GÜSt Oberbaumbrücke ca. 60 Personen. Um 23.40 Uhr wurde festgehalten: »Ca. 150 Personen in Richtung West GÜSt Oberbaumbrücke passiert.« Vgl. VPI Berlin-Friedrichshain, Rapport 268/89 für den 9. 11. 1989, 4.00 Uhr, bis 10. 11. 1989, 4.00 Uhr, Lagefilm, lfde. Nrn. 31 und 32 (ARCHIV POLPRÄS BLN/ DEZ VB 132).
[19]
QuellefürdieseAngabensinddieLagemeldungenderWest-BerlinerPolizei, dok. in: Berliner Zeitung, 9. /10. 11. 1991, S. 3. Zur Öffnung des Grenzübergangs Staaken vgl. den Abschnitt »Ein Diensthabender Offizier erinnert sich«, in: Behrendt u. a. 1994, S. 22 ff.
[20]
Vgl.hierzuundzumFolgenden:ChronikdesGrenzregiments-44»WalterJun- ker«, 31. 10. 1989 bis 31. 08. 1990, S. 7 (BArch/P, MZA, GTÜ 1991, AZN 6897).
[21]
Ebd., S. 8.
[22]
Vgl. Behrendt u. a. 1994, S. 17.
[23]
Ebd., S. 18.
[24]
Ebd.
[25]
Chronik des Grenzregiments-44 »Walter Junker«, 31. 10. 1989 bis 31. 08. 1990, S. 8 (BArch/P, MZA, GTÜ 1991, AZN 6897).
[26]
Die Anweisung Ziegenhorns ist dokumentiert in: (MfS-)Bezirksverwaltung Potsdam, Rapport Nr. 313/89, Zeitraum vom 9. 11. 1989, 6.00 Uhr, bis 10. 11. 1989, 6.00 Uhr, Information Nr. 2132 (BStU, ASt. Potsdam, AKG 1750, Bl. 43).
[27]
Vgl.Behrendtu.a.1994,S.18.AndieserPublikationhatderehemaligeLeiter des Arbeitsbereiches Passkontrolle Potsdam, Oberst Hans-Dieter Behrendt, mitgewirkt. Die Weisung wird hier allein dem Arbeitsbereich Passkontrolle Potsdam zugeschrieben; »telefonische Konsultationen mit Berlin« seien »ergebnislos« geblieben. Diese Information muss insofern aus zweiter Hand stammen, da Behrendt sich in dieser Nacht nicht in der DDR aufhielt (Gespräch d. Vf. mit Hans-Dieter Behrendt, 9. 11. 1994).
[28]
In der Chronik des Grenzregimentes-44 heißt es dazu: »Um 0.30 Uhr meldete der Diensthabende Offizier der Grenzübergangsstelle Drewitz (Autobahn), Oberstleutnant Schrewe, an den Diensthabenden Stellvertreter des Grenzregimentes, daß, auf der Grundlage eines an den Zugführer der Paß- und Kontrolleinheit (des MfS – d. Vf.), Major Meike, telefonisch von dessen Vorgesetzten übermittelten Befehls, die Grenzübergangsstelle für die Passage von Bürgern der DDR nach Berlin (West) freigegeben wurde.« Vgl. Chronik des Grenzregiments-44 »Walter Junker«, 31. 10. 1989 bis 31. 08. 1990, S. 8 f. (BArch/P, MZA, GTÜ 1991, AZN 6897).