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Das älteste Stück der Berliner Mauer

Die Hohlblocksteinmauer an der East Side Gallery

Der Bau der Berliner Mauer verlief 1961 zunächst provisorisch. Ein altes Stück Hohlblocksteinmauer an der East Side Gallery zeugt von diesen Anfängen.von Vincent Bruckmann und Hannah Schulz


Mit Graffiti bemalte Hohlblocksteinmauer. Am hinteren Ende wird die Mauer überragt von einem neu errichten Gebäude.
Am 14. Februar 1972 erschossen DDR-Grenzsoldaten Manfred Weylandt bei seinem Fluchtversuch durch die Spree. Der mehrfach vorbestrafte Hilfsheizer wollte eine erneute Haftstrafe nicht antreten. Als Mitarbeiter des grenznahen Filter- und Vergaserwerks zwischen Ostbahnhof und Spree gelang es ihm, auf Ost-Berliner Seite ins Wasser zu springen. Doch DDR-Grenzer schossen auf Weylandt, bis er sich nicht mehr rührte.

Am Friedrichshainer Ufer findet sich kein Hinweis auf die Flucht von Manfred Weylandt, eine Gedenktafel für ihn und andere Maueropfer steht auf der Kreuzberger Seite am May-Ayim-Ufer. Das Filter- und Vergaserwerk ist einem Apartment- und Hotelkomplex gewichen. Doch wenn man nahe der Kreuzung Stralauer Platz/Mühlenstraße ganz genau hinschaut, erkennt man die Überreste der Mauer des ehemaligen Betriebsgeländes. Die bestehende Grundstücksmauer wurde 1961, also elf Jahre vor dem Fluchtversuch Manfred Weylandts, erhöht und mit Glasscheiben versehen. Mit ihr sollte das Gelände des Filter- und Vergaserwerks zum offenen Ufergelände der Spree abgeriegelt werden. Sie ist einer der wenigen noch erhaltenen Abschnitte der ersten Bauphase der Berliner Mauer.

Grenzpolizei und Hilfsarbeiter errichteten ab August 1961 die innerstädtische Grenze. Von dieser ersten Ausbauphase der Berliner Mauer sind heute kaum noch Spuren vorhanden. Stattdessen denken die meisten beim Stichwort „Berliner Mauer“ als erstes an die 3,60 Meter hohen Stahlbetonelemente mit den Rohrblockaufsätzen, wie sie auch an der East Side Gallery zu sehen sind. Diese stammen allerdings erst aus der dritten Ausbauphase ab 1975. Versteckt am nordwestlichen Ende der East Side Gallery findet sich aber das kleine Stück aus der Anfangszeit des Mauerbaus.

Der Start der Abriegelung West-Berlins lief zunächst sehr behelfsmäßig ab. Grenzpolizisten rollten Stacheldraht in den Straßen aus oder bildeten Menschenketten an Orten wie dem Brandenburger Tor. Erst nachdem die DDR-Führung internationale Reaktionen aus dem Westen abgewartet hatte, wurde die Grenzanlage nach und nach verfestigt. Seit dem 22. August 1961 waren insgesamt ca. 18.000 Personen am Bau der Grenzanlagen beteiligt, darunter auch Angestellte der „Volkseigenen Betriebe” (VEB). Sie mauerten Fenster und Hauseingänge zu, durch die Ost-Berliner:innen in den Westen gelangen konnten.

Auch auf dem Betriebsgelände des Filter- und Vergaserwerks am Stralauer Platz erschwerten die Grenzpolizisten die Flucht, indem sie zunächst die existierende Grundstücksmauer mit Hohlblocksteinen erhöhten. Zusätzlich sollten Fluchtversuche durch einbetonierte Glasscherben auf der Mauer erschwert werden. Einige dieser Glasscherben sieht man immer noch oben auf der Mauerkrone. Damit erinnert die Hohlblocksteinmauer heute noch an das Grenzregime der DDR und seine Opfer, darunter auch Manfred Weylandt. Die Mauer selbst ist heute mit Graffiti bemalt. Sie war allerdings nicht Teil der berühmten Kunstaktion an der unmittelbar benachbarten East Side Gallery.

Ähnliche Hohlblocksteine befinden sich in der Sammlung der Stiftung Berliner Mauer. Auch im Haus der Geschichte in Bonn oder in der Berlin-Ausstellung des Humboldt Forums können sich Besucher:innen Überbleibsel anschauen. Wer die erste Form der Berliner Mauer jedoch an einem ursprünglichen Ort sehen möchte, findet sie an der East Side Gallery.

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